Die Bundeswehr zieht aus Sardinien ab

Lokale Proteste und linker Druck aus Deutschland haben Erfolg

Seit der Wiederbewaffnung Westdeutschlands fĂŒhrt die Bundeswehr Übungsmanöver auf den NATO-StĂŒtzpunkten der italienischen Insel Sardinien durch. Doch damit ist nun offenbar Schluss. Wie die sardische Tageszeitung „Sardiniapost“ am 23. Januar berichtete, wird die Bundeswehr demnĂ€chst von Sardinien abziehen und „in ein anderes Land ziehen, wo die Soldaten dauerhafter ĂŒben und ein ,einladenderes‘ Klima vorfinden können“.

Ignorierte Proteste

Dabei war es die Bundeswehr selbst, die fĂŒr ein raues Klima auf der sonnigen Mittelmeerinsel gesorgt hat. Am 4. September 2014 hat die deutsche Luftwaffe bei einem Übungs-Bombardement nahe Capo Frasca 26 Hektar Buschland verbrannt. Darauf folgten Proteste. Am 13. September haben in Capo Frasca 5000 Menschen fĂŒr den Abzug der NATO-Truppen aus Sardinien demonstriert. Italienweit gab es Kundgebungen.

Auch die deutsche LINKE war auf den Vorfall aufmerksam geworden. Inge Höger, abrĂŒstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, konfrontierte die Bundesregierung mit dem Vorfall. Die wiegelte ab: Man nutze Übungsmunition, um das Brandrisiko zu mindern. Und grundsĂ€tzlich sei das GelĂ€nde ja fĂŒr solche Manöver freigegeben. Ob Standorte geschlossen werden, hĂ€nge von der italienischen Seite ab. EntschĂ€digungen fĂŒr die verursachten Zerstörungen? Fehlanzeige. Schließlich lĂ€gen keine offiziellen Forderungen vor.

Besonders den letzten Punkt haben viele Menschen auf Sardinien als den Gipfel der Ignoranz wahrgenommen: Die Bundeswehr macht das Land kaputt, aber entschĂ€digt wird nur, was auf ordentlichem Dienstwege beantragt wurde. Das Problem ist hierbei vermutlich, dass eine offizielle EntschĂ€digungsforderung aus Rom kommen mĂŒsste. Das könnte aber aus politischen GrĂŒnden schwierig werden. Denn die Beziehungen zwischen der italienischen Zentralregierung und der Autonomen Region Sardinien sind nicht die besten. Außerdem dĂŒrfte das Selbstbewusstsein der italienischen Regierung gegenĂŒber Deutschland im Zuge der Euro-Krise einen Knacks bekommen haben. Man will als braver SchĂŒler gelten und vor Frau Merkel nicht immer negativ auffallen – und schon gar nicht wegen Sardinien.

Der Vorfall von Capo Frasca war nur die Spitze des Eisbergs. Seit Jahren erleben die Menschen auf Sardinien wie die NATO, die israelische Armee und auch private Sicherheitsunternehmen die Insel als Kriegs-Spielplatz benutzen und dabei keine RĂŒcksicht auf Umwelt und KulturgĂŒter nehmen. Die LĂ€rmbelastung ist fĂŒr die Anwohner der ÜbungsplĂ€tze an manchen Tagen kaum zu ertragen. Internet-Videos zeigen sich brĂ€unende Urlauber, die plötzlich von MilitĂ€rjets und Bombenaufprallen ĂŒberrascht werden (http://www.cagliaripad.it/videogallery.php?page_id=1187&p=1). Sardinien lebt vom Tourismus, die stĂ€ndigen MilitĂ€rmanöver gefĂ€hrden diese wirtschaftliche Lebensader. Als in der bereits angesprochenen Anfrage versucht wurde zu erfahren, wie denn die Bundesregierung deutsche Touristen ĂŒber diese Belastungen informiere, wurde dies mit einem lapidaren Verweis auf den BĂŒrgerservice des AuswĂ€rtigen Amtes beantwortet.

Gefahr fĂŒr KulturgĂŒter und Gesundheit

Sardinien verfĂŒgt ĂŒber zahlreiche KulturgĂŒter, die z.T. als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt sind. Etwa 7000 „Nuraghen“, bis zu 4000 Jahre alte KultstĂ€tten, erstrecken sich ĂŒber die gesamte Insel. Auf 10kmÂČ Land befinden sich im Schnitt knapp 3 Nuraghen. Allein die NATO hat auf Sardinien 11 StĂŒtzpunkte, hinzu kommen die PlĂ€tze, die von Israel und von privaten Sicherheitsunternehmen genutzt werden. Es liegt auf der Hand, dass bei so viel MilitĂ€rprĂ€senz auch die KulturgĂŒter nicht ganz ungeschoren davonkommen. Die Bundesregierung behauptet, sie wĂŒsste nichts von etwaigen GefĂ€hrdungen. Die renommierte italienische Tageszeitung La Republicca jedoch veröffentlichte am 11. September 2014 Fotos von Nuraghen, die offensichtlich als Zielscheiben benutzt wurden. Munitionsreste zwischen 4000 Jahre alten Steinen, dazu Camouflage (http://www.repubblica.it/cronaca/2014/09/11/foto/cagliari_distrutti_i_nuraghi_di_teulada_sono_usati_come_poligoni_di_tiro-95501081/1/?ref=HRESS-1%231#1). Am 15. Januar fand hierzu ein Treffen statt zwischen Inge Höger, Roland Bernecker, dem GeneralsekretĂ€r der deutschen UNESCO-Kommission und Pitzente Bianco von der Sardischen Kulturbotschaft Berlin. Gemeinsam wurden die Möglichkeiten eines besseren Schutzes der sardischen KulturgĂŒter ausgelotet. Die interessierte Öffentlichkeit auf Sardinien wusste von dem Treffen – was den Druck auf die Bundeswehr vermutlich noch erhöht hat.

LĂ€rm, Umweltzerstörung, SchĂ€ndung von KulturgĂŒtern, 
 Doch es kommt noch schlimmer: Die Region rund um den NATO-Standort Salto di Quirra ist seit Jahren von einer horrenden Krebsrate betroffen, auch Missbildungen bei Kindern und Tieren sind ĂŒberdurchschnittlich hĂ€ufig. Es verdichten sich Anzeichen dafĂŒr, dass die US-Armee dort Übungsmanöver mit radioaktiver Uranmunition abhĂ€lt. Vielen Experten gilt diese Munition als Ursache fĂŒr Krebs und Missbildungen. Doch selbst die Bundeswehr, die nicht ĂŒber Uranwaffen verfĂŒgt, leugnet deren GefĂ€hrlichkeit.

Erfolgreicher Anfang

Der nun anstehende Abzug der Bundeswehr aus Sardinien ist hoffentlich nur der Anfang einer Entmilitarisierung dieser schönen und geschichtswĂŒrdigen Insel. Der LuftwaffenstĂŒtzpunkt Decimomannu wurde bislang zur HĂ€lfte von der Bundesregierung finanziert. Die italienische Regierung erwĂ€gt nun die Schließung des gesamten StĂŒtzpunktes, da er ihr nach dem deutschen Abzug zu teuer wird.

Der Fall zeigt, was erreicht werden kann, wenn lokale Aktionen und linke, parlamentarische Initiativen Hand in Hand arbeiten. In Deutschland hat nicht einmal die linke Presse ĂŒber den Bundeswehr-Brand von Capo Frasca berichtet – ganz zu schweigen von den Mainstream-Medien. Die Menschen auf Sardinien jedoch haben die Kleine Anfrage der Linksfraktion und die weiteren Initiativen sehr genau wahrgenommen. So hat der Druck vor Ort und von der „Heimatfront“ letztlich Erfolg gehabt.

Erstveröffentlichung am 29.Januar 2015 auf Informationsstelle Militarisierung