Ein Brief an „The New York Times“

Der kĂŒrzliche Leitartikel dieses Blatts ĂŒber die Ukraine und Vladimir Putin war einseitig und ideologisch

Am 20. November veröffentlichte The New York Times in einem Leitartikel eine dringende Aufforderung – oder vielleicht Warnung – an die Ukraine, sich gegen „Moskaus Mobbing“ zu wehren und ein Assoziierungsabkommen mit der EuropĂ€ischen Union zu unterzeichnen. Der Leitartikel lag auf der Linie so gut wie der gesamten Berichterstattung aller Medien in den Vereinigten Staaten von Amerika ĂŒber die „strategische Entscheidung“ und „zivilisatorische Wahl“ der Ukraine – ihre letzte Chance fĂŒr Demokratie und wirtschaftliche ProsperitĂ€t und die Hoffnung des Westens, Putins Versuch aufzuhalten, „die Region zu resowjetisieren“, wie die damalige Außenministerin Hillary Clinton seine Eurasische Zollunion missinterpretierte. Das alles ist ein weiteres Beispiel fĂŒr die im Allgemeinen einseitige und ideologische Berichterstattung der Medien der Vereinigten Staaten von Amerika ĂŒber post-sowjetische Entwicklungen in Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken seit 1992. Es ĂŒberrascht nicht, dass die Kommentatoren in den Medien der Vereinigten Staaten von Amerika, ohne tatsĂ€chliche Analyse und dumm dastehend nur toben konnten ĂŒber Putins „Mobbing“, als die ukrainische FĂŒhrung ihre Entscheidung betreffend die Unterzeichnung des Abkommens mit der EuropĂ€ischen Union bekanntgab.

The New York Times lehnte es ab, meinen Leserbrief zu drucken, der den Mangel an objektiver Analyse in dem Leitartikel erörterte. Er ist hier zu finden:

An die Herausgeber:

Laut einem Leitartikel der New York Times „sollte der Kalte Krieg vorbei sein,” jedoch „scheinbar nicht fĂŒr Herrn Putin,“ der versucht, die ehemaligen sowjetischen Republiken, besonders die Ukraine davon abzuhalten, verpflichtende wirtschaftliche Abkommen mit der EuropĂ€ischen Union abzuschließen. Das ist die einĂ€ugige Sichtweise des Medienestablishments der Vereinigten Staaten von Amerika, das uns als Analyse angedreht wird, wenn es um Putin geht und um die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Russland:

Washington und seine europĂ€ischen Alliierten beendeten den Kalten Krieg vor nahezu 22 Jahren, aber Putin fĂŒhrt ihn noch immer.

Aber haben die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa wirklich nichts getan, um Putins Reaktionen zu provozieren? Wer hat denn zum Beispiel die westliche MilitĂ€rorganisation des Kalten Krieges NATO bis zur russischen Grenze ausgeweitet und begehrt noch immer die Ukraine und Georgien als Mitglieder, hat drei von Russlands internationalen Partnern (Jugoslawien, den Irak und Libyen) bombardiert oder ĂŒberfallen und bedroht jetzt einen vierten (Iran), und umstellt derzeit Russland mit Raketenabwehrsystemen? Und da wĂ€re noch der altehrwĂŒrdige Kalte Krieg-Doppelstandard des Leitartikels: „Europas Einsatz von HandelsĂŒbermacht … ist konstruktiv und vernĂŒnftig“; aber wenn Putin zu Ă€hnlichen Methoden greift – finanzielle Darlehen, gĂŒnstige Energielieferungen, Zugang zu MĂ€rkten – um die Ukraine zu ĂŒberreden, stattdessen seiner neuen eurasischen Zollunion beizutreten, dann sind das „Versuche, sie hineinzuknĂŒppeln.“

Ganz offensichtlich will die New York Times nicht sehen, was der Kreml sieht: den zwei Jahrzehnte langen Marsch des Westens unter der FĂŒhrung der Vereinigten Staaten von Amerika in Richtung Russland – politisch, militĂ€risch, wirtschaftlich – mit der Ukraine als dem allergrĂ¶ĂŸten Preis, wie die amerikanischen und europĂ€ischen Betreiber gerne zugeben. DarĂŒber hinaus wĂŒrde unabhĂ€ngige Analyse die Frage stellen, ob ein Zusammengehen der Ukraine mit Europa wirklich in deren bestem Interesse ist. Die Ukraine ist nicht „wirtschaftlich robust,“ sondern nahezu pleite. Wird das krisengebeutelte Europa sie mit –zig Milliarden Dollars freikaufen? Werden ukrainische GĂŒter auf westlichen MĂ€rkten florieren? Wird Europa seine Arme fĂŒr ukrainische Arbeiter öffnen?

Kein Wort von all dem oder davon, worum es wirklich geht: um die laufende Kampagne des Westens, die Grenzlinie des neuen Kalten Krieges weiter nach Osten zu treiben, in das Herz der slawischen Zivilisation. Nichts könnte destabilisierender oder schĂ€dlicher sein fĂŒr die wirkliche Sicherheit von Europa oder Amerika.

Orginalartikel A Letter to ‘The New York Times’

Quelle: http://antikrieg.com/aktuell/2013_12_13_einbrief.htm