„Wir haben es in Stuttgart mit dem derzeit schlimmsten der abschreckenden Infrastruktur-Projekte in Deutschland zu tun“
Die Rede von Dr. Norbert Bongartz, Oberkonservator i.R., Co-Sprecher vom AktionsbĂŒndnis gegen S21, bei der heutigen GroĂdemo der Stuttgarter BĂŒrgerbewegung gegen das urbane Umbauprogramm „Stuttgart 21“ (S21). Die Demonstration steht unter dem Motto „Stuttgart 21 ist ĂŒberall“ und beginnt im 17.00 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Die Rede von Dr. Bongartz wird vorab veröffentlicht. Den Ratgeber der BĂŒrgerbewegung „Was die Politik diesen Sommer erledigen muss“ finden Sie hier als PDF.
Liebe unerschĂŒtterliche, nicht resignierende S21-Widerspenstige, liebe âIhr-werdet-uns-nicht-losâ-Partner und Partnerinnen, liebe Freundinnen und Freunde! Ich begrĂŒĂe Sie im Namen des AktionsbĂŒndnisses gegen S21. Seien Sie uns herzlich willkommen zu unserer auĂerfahrplanmĂ€Ăigen Samstags-Demo hier auf dem Schlossplatz.
Unsere GroĂdemos hatten bisher dann ein groĂes Echo, wenn am Bahnhof einmal wieder irgendetwas Skandalöses geschehen war. Ein solches Aufreger-Ereignis gibt es derzeit bei S21 nicht. Ganz im Gegenteil: Alle Verantwortlichen sind derzeit konzertiert darum bemĂŒht, das Konflikt-Thema unter der Tischplatte zu halten. Woran wir das erkennen können?
– Unsere Leitmedien sind einerseits voll von all den Skandalen, die das gleiche Strickmuster haben wie Stuttgart 21, von Euro-Hawk bis zum GroĂflughafen BER, ja bis zum Gezi-Park in Istanbul, der uns heute auch noch beschĂ€ftigt, wegen der vielen Vergleichbarkeiten.
– Aber hier, wo man die Konsequenzen aus alledem ziehen könnte, ja mĂŒsste, hĂ€lt sich die Presse auffallend zurĂŒck. Es gibt nur dĂŒrre Worte ĂŒber unsere Demos mit Tausenden BĂŒrgern und BĂŒrgerinnen, kaum abwĂ€gende eigene Auseinandersetzung mit all den weiter völlig ungeklĂ€rten Problemen des Projekts. Fast alle der Pressemitteilungen oder Stellungnahmen des AktionsbĂŒndnisses oder der ParkschĂŒtzer fanden keine Beachtung.
– An dem unseligen âWeiter soâ – als ob alles ,was bei S21 passiert, rechtens wĂ€re – beteiligt sich auch unsere Justiz: Schweres GeschĂŒtz fĂ€hrt sie auf gegen mutige BĂŒrger, die sich friedlich wehren und traut sich nicht an die GroĂen ran: Ihre Verfahren werden auf die lange Bank geschoben, den berechtigten BetrugsvorwĂŒrfen weicht sie mit WinkelzĂŒgen aus. Mit hahnebĂŒchenen Argumenten werden Verfahren eingestellt, so wie kĂŒrzlich die Strafanzeige des Ex-Richters Christoph Strecker gegen die 115 Millionen Euro von Berlin erschlichenen EU-Subventionen fĂŒr S 21. Die abenteuerliche BegrĂŒndung: Bei der Subvention sei es gar nicht auf eine höhere LeistungsfĂ€higkeit des Tunnelbahnhofs angekommen!
– Auch die Landes-Politik tut alles, um S21 unter der Decke zu halten. Funkstille herrscht von den Tunnelparteien bis hin zu Kretschmann und Kuhn in der Kostenfrage, obwohl weiter völlig ungeklĂ€rt ist, wer die jetzigen und kĂŒnftigen Mehrkosten letztlich zahlt. Es ist auch mehr als verdĂ€chtig, dass der Lenkungskreis kaum mehr tagt; er besteht wohl nur noch dem Namen nach. Obwohl lĂ€ngst hieb- und stichfest erwiesen ist, dass die angebliche KapazitĂ€tssteigerung beim Tiefbahnhof eine einzige Betrugsgeschichte ist, wird hartnĂ€ckig dazu geschwiegen. Vor der Bundestagswahl sind fast alle Kandidaten bereit, Kreide zu fressen, um es sich mit keinem möglichen Koalitionspartner zu verderben.
In Berlin sieht es kaum anders aus: Nicht nur die Vertreter der Regierungskoalition, auch die Berliner Rot-GrĂŒnen halten sich bedeckt. Man will sich wohl allseits den Streit vom Hals halten, der die hiesige Landespolitik so arg strapaziert hat. Das Motto heiĂt wohl auch hier: Einfach weiter so, um Ărger zu vermeiden.
Wir demonstrieren daher heute aus dem Grund, dass die Verantwortlichen alle bisherigen konkreten AnlĂ€sse fĂŒr eine Kurskorrektur unter den Teppich gekehrt haben. Sie versuchen sich durchzumogeln, an uns vorbei. Ich meine: Je zweckloser sie unseren Widerstand erscheinen lassen wollen, umso sinnvoller und notwendiger ist er!
Wir wollen nicht tatenlos bei diesem âEinfach weiter soâ zusehen, das auf unsere Kosten geht und auf Kosten der Zukunft dieser Stadt und einer ökologischen Verkehrswende?
Wir haben es in Stuttgart mit dem derzeit schlimmsten der abschreckenden Infrastruktur-Projekte in Deutschland zu tun. Drum gilt fĂŒr uns im Bundestags-Wahlkampf: Keine UnterstĂŒtzung der S21-Drahtzieher, denn das verantwortungslose S-21-Prinzip findet sich bei vielen anderen GroĂprojekten in unserer Republik!
Das Strickmuster der jeweiligen Drahtzieher ist offenbar immer das Gleiche: Sie setzen Investoren- und Spekulanteninteressen ĂŒber die Interessen des Gemeinwohls, sie manipulieren die Fakten, erschleichen sich den Baubeschluss mit niedrigen Kosten. Danach erreichen sie aufgrund teurer Fakten die angebliche oder tatsĂ€chliche Unumkehrbarkeit; es gibt ja genug Steuergelder, auch wenn diese anderswo fehlen werden, dreimal dĂŒrfen Sie raten, wo wohl?…
Wenn schon die mangelhafte Brandschutzsicherheit des geplanten Bahnhofs zu einer wenn nicht geplanten so doch nicht verhinderten LebensgefĂ€hrlichkeit dieses Neubauprojektes fĂŒhrt, so ist das allein schon aus diesem Grund nicht zu verantworten. Was die Stadt beim Fernsehturm anpacken musste, muss beim Bahnhof mit gleicher IntensitĂ€t geschehen!
Wir mĂŒssen also weiter beharrlich gegen das Blendwerk in unserer Stadt angehen. Das anfĂ€nglich vielleicht blendende Gedankenspiel, die Bahn in der Versenkung verschwinden zu lassen, wurde in derart blendend helle Visionen gekleidet, dass sich zu viele von diesem Projekt dauerhaft haben blenden lassen. Nachdem aber alle die inzwischen erkannten Schattenseiten des Murks-Projekts zutage getreten sind: Wie haben sie es nur geschafft, alles was gegen S21 spricht aus ihrem Bewusstsein auszublenden?? Wenn bei diesen Menschen die SelbstheilungskrĂ€fte offenbar verloren gegangen sind, so können und wollen wir denen zeigen, wie man unser krankes, lĂ€ngst nicht mehr legitimes Projekt und das ebenso kranke System kurieren könnte.
Wie genau wir das heute mit dieser Kundgebung, mit unseren GĂ€sten, der Musik und der anschlieĂenden Demo tun werden, erlĂ€utert uns gleich Nadja StĂŒbiger, die schon bereit steht, Sie als Moderatorin durch unser Programm zu fĂŒhren.
Vorher möchte ich mich im Namen des AktionsbĂŒndnisses noch beim Demoteam bedanken. Es sind ja immer wieder andere Konstellationen und Personen, die planend voran gehen, die sich all die Arbeit machen, und dabei auch Frustrationen und Konflikte durchstehen mĂŒssen.
Danke diesmal auch an unseren Prominenten-Beirat, so nenne ich mal die Bekannteren unter uns, die verstĂ€rkt wurden von FreundInnen aus dem Montagsdemoteam und den aktiven ParkschĂŒtzern und ParkschĂŒtzerinnen.
