Die Rede von Walter Sittler auf der heutigen Stuttgarter Montagsdemonstration
Der Widerstand gegen das urbane und verkehrsindustrielle Umbauprogramm „Stuttgart 21“ (S21) ist ungebrochen. Heute startet in der Landeshauptstadt von Baden-WĂŒrttemberg die 80. Montagsdemonstration.
Aus den ĂŒblichen, verdunkelten Quellen gefĂ€hrlich freier Presse wurde Radio Utopie nun bereits jetzt die Rede zugespielt, die der Schauspieler und regionale Volksheld Walter Sittler heute Abend wĂ€hrend der Auftaktkundgebung ab 18 Uhr auf dem Arnulf-Klett-Platz halten wird.
Sehr geehrte Geschworene am Gerichtshof der Ăffentlichen Meinung, der Zeuge der Verteidigung, Walter Sittler, hat nun das Wort:
Liebe Freunde eines vernĂŒnftigen Nah- und Fernverkehrs, liebe Freunde unseres denkmalgeschĂŒtzten Kopfbahnhofes!
Sehr lange, viel zu lange, war ich nicht mehr in Stuttgart, fast zwei Monate. Ich habe die Ereignisse in dieser Zeit tĂ€glich aus der Ferne verfolgt und ich bin stolz Teil so vieler Menschen sein zu dĂŒrfen, die sich Woche fĂŒr Woche, Monat fĂŒr Monat mit so viel Kraft, Durchhaltevermögen und Phantasie friedlich fĂŒr eine vernĂŒnftige Politik einsetzen.
Im Mai hat die neue grĂŒn-rote Landesregierung ihre Arbeit aufgenommen. Der gröĂere Koalitionspartner will das unsinnige Projekt S21 stoppen und kann es nicht alleine, weil der kleinere Koalitionspartner dabei zwar mitmachen könnte, es aber nicht will. Die Koalitionspolitiker in Berlin, sowie die leitenden Angestellten der Bahn und auch unser OberbĂŒrgermeister haben deutlich gemacht, dass sie alles dransetzen werden dieses Projekt durchzudrĂŒcken, unabhĂ€ngig von ungeklĂ€rten Gefahren, von schlechter Planung oder nicht vorhandener Genehmigungen. Es bleibt also nur die BĂŒrgerschaft von Stuttgart, die BĂŒrgerschaft von Baden-WĂŒrttemberg um das Verschleudern von Steuergeldern, die Zerstörung eines Kulturdenkmals und die Behinderung des Bahnverkehrs auf alle Zeiten in Stuttgart durch S21, den neuen Herzinfarkt Europas, zu verhindern.
Unsere Verfassung, in diesem Punkt noch unvollkommen und verĂ€nderungsbedĂŒrftig, gibt uns betroffenen BĂŒrgern keine ausreichende Möglichkeit in die Hand, im Wege direkter Demokratie ĂŒber ein solch unnötiges Projekt mit zu entscheiden. Ein Mittel allerdings stellt die Verfassung zur VerfĂŒgung, um unseren gewĂ€hlten Vertretern unseren Willen zwischen den Wahlen kundzutun: das ist die Demonstration, die friedliche Demonstration der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger auf der StraĂe. Und deswegen werden wir weiter auf die StraĂe gehen, gehen mĂŒssen, zu Tausenden, zu Zehntausenden, lieber noch zu Hunderttausenden. Dieses Mittel ist aber nur wirksam, wenn wir unter allen UmstĂ€nden friedlich bleiben, wie wir es bisher immer waren, denn das macht unsere Kraft aus.
Ich verstehe sehr gut, wenn jemand aus Zorn, aus Empörung und verstĂ€ndlicher Hilflosigkeit die Faust ballen möchte. Die Verunglimpfungen, die DemĂŒtigungen, das Ausgeliefertsein an arrogante MĂ€chtige geben allen Anlass dazu. Ballt die FĂ€uste, ballt sie so oft ihr wollt, so oft es notwendig ist, aber lasst sie in der Tasche. Wenn wir die HĂ€nde wieder herausnehmen, mĂŒssen sei offen sein. Und wenn es trotzdem mal ein bisschen ruppig zugeht, nun ja, wir sind schlieĂlich keine Heiligen und mĂŒssen es auch nicht sein, ebenso wenig wie unser GegenĂŒber.
Man kann aber Gewalt nicht mit Gewalt beenden, sondern nur mit unbedingter Friedfertigkeit, mit Respekt gegenĂŒber dem Anderen, seiner Meinung und auch gegenĂŒber dem Eigentum Anderer. So und nur so werden wir die wunderbare Unwiderstehlichkeit, die unbĂ€ndige Phantasie, die ĂŒberwĂ€ltigende VielfĂ€ltigkeit unseres Protestes weiter tragen, der unser Markenzeichen war, unser Markenzeichen ist und bleiben wird, durch den wir, man kann das ruhig so sagen, weit ĂŒber Deutschland hinaus bekannt geworden sind und der vielen Menschen Mut gemacht hat. Ziviler Ungehorsam in jeder Form gegen unsinnige, schĂ€dliche Projekte ist legitim, wenn er ohne Gewalt auskommt, weder gegen Personen noch gegen Dinge. Wenn einer von uns die Geduld verliert und zuschlagen will, mĂŒssen wir ihn beruhigen, wie bisher auch. Wenn jemand uns provozieren und zu Gewalt verleiten will, mĂŒssen wir dem widerstehen, egal wie verfĂŒhrerisch es sein mag endlich mal zurĂŒckzuschlagen, endlich auch mal das zu tun, was uns stĂ€ndig angetan wird. Wir wissen, was wir wollen und deswegen benutzen keine Gewalt, brauchen keine Gewalt, sondern Argumente, Ăberzeugungskraft und Wissen.
Wir haben viele Mittel uns deutlich auszudrĂŒcken: wir haben den Schwabenstreich, wir können die Stadt mit grĂŒnen BĂ€ndern schmĂŒcken, wir können DenkmĂ€ler und BĂ€ume verhĂŒllen, um zu zeigen was passiert, wenn sie nicht mehr da sind, wenn eine Stadt gedankenlos verschandelt wird, wir können friedlich PlĂ€tze besetzen und auch ZĂ€une versetzen â ohne irgend etwas zu zerstören. Lasst uns all diese Dinge tun, wenn es sein muss, der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Eines allerdings können wir nicht und wollen wir auch nicht: BĂ€ume versetzen. Die sollen bleiben, wo sie sind.
Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar und wenn unsere Gegner uns dieses Grundrecht absprechen wollen, uns als Radikale abstempeln wollen, einfach nur, weil wir nicht ihrer Meinung sind, so setzen sie sich ins Unrecht, nicht uns.
Wir haben einen langen, schwierigen, vielleicht entscheidenden Sommer vor uns. Lasst uns alle unsere ganze Kraft, unsere Phantasie und unseren Mut zusammennehmen, dann schaffen wir es, dann werden wir:
Oben bleiben!
(…)
Artikel zum Thema:
25.06.2011 Wer finanziert Stuttgart 21?
Offizielle Projektkosten: 4, 2 Mrd Euro. Kosten fĂŒr Stuttgart: 1,79 Mrd Euro. Kosten fĂŒr Baden-WĂŒrttemberg: 1.4 Mrd Euro. Kosten fĂŒr Landkreise: 74 Millionen Euro. Deutsche Bahn AG und Bund: 803 Millionen Euro Gewinn.
