Libyen: Europas Verblendung kommt einem Verbrechen gleich

Die Haltung der europĂ€ischen Staaten gegenĂŒber Gaddafi, der gerne seine MĂ€rkte öffnete und dabei seine Grenzen dicht hielt, erwies sich als schwach und korrupt.

Der Westen, Europa an der Spitze, scheint erst jetzt zu entdecken, wie barbarisch das Regime von Gaddafi war. Zeichen der „Empörung“ angesichts einer „vollkommen unakzeptablen“ Repression folgen in den Ministerien dicht aufeinander, Aufforderungen zum „sofortigen Stopp“ der Gewaltakte mehren sich.

Nur der euphemistische Aufruf der Katherine Ashton zur „ZurĂŒckhaltung“ aller Libyer erinnert uns an die verbrecherische Verblendung der Politik Europas seinem libyschen Nachbar gegenĂŒber seit 2003. In jenem Jahr haben Italien und Libyen zwecks BekĂ€mpfung der illegalen Einwanderung einen Vertrag geschlossen, den ersten einer langen Reihe. Im darauffolgenden Jahr, wĂ€hrend ein palĂ€stinensischer Arzt und fĂŒnf bulgarische Krankenschwestern nach einem vier Jahre langen Scheinprozess zum Tod verurteilt wurden, verzichtete die EU darauf, deren Befreiung zur Bedingung der Aufhebung des Waffenembargos zu machen, so dass Italien das zur Kontrolle der libyschen Grenze notwendige Material liefern konnte.

Seitdem prangern NRO, insbesondere Human Rights Watch und Amnesty International, die unmenschliche Behandlung der Migranten in Libyen an. Monate-, ja sogar jahrelang eingesperrt, misshandelt, gefoltert oder mitten in der WĂŒste zurĂŒckgelassen haben Tausende Menschen die Hölle erlebt, ohne dass Europa etwas anderes als sein eigenes Interesse sah, nĂ€mlich von diesen Menschen nichts mehr zu hören.

FRONTEX bringt Eure Grenzen zum GlÀnzen! Nicht schlucken, darf nicht in die HÀnde von Undokumentierten gelangen

Da haben sich die europĂ€ischen Staaten Gaddafi gegenĂŒber, der gerne seine MĂ€rkte öffnete und seine Grenzen abschotterte, als ebenso schwach und korrupt erwiesen wie die LĂ€nder, aus denen jene Migranten stammen. Italien an der Spitze, das seit 2003 Tausende Migranten nach Libyen mit solcher Leichtigkeit zurĂŒckgeschickt hat, dass man seit 2009 sogar in Betracht zog, auf Frontex (EuropĂ€ische Agentur fĂŒr die Grenzkontrolle) verzichten zu können – bis es sich es anders ĂŒberlegte, als Tunesier massenweise in Lampedusa landeten.

Undurchsichtige Verhandlungen

Jene heute so ostentativ entrĂŒsteten europĂ€ischen Regierungen fĂŒhren seit 2008 total undurchsichtige Verhandlungen mit Gaddafi zum Abschluss eines globalen Vertrages, wodurch sich Libyen u.a. dazu verpflichten wĂŒrde, jene Migranten systematischer zurĂŒckzunehmen. Dort sollte nĂ€mlich eine „regionale Schutzzone“ eingerichtet werden, wo die AsylantrĂ€ge vor Ort behandelt werden könnten, damit Europa nicht mehr leiden muss. Die EU, sowie die IOM (Internationale Organisation fĂŒr Migrationen) und der UNHCR erhofften sich vom libyschen FĂŒhrer eine Ratifizierung der Genfer FlĂŒchtlingskonvention (Abkommen ĂŒber die Rechtsstellung der FlĂŒchtlinge) von 1951, wohl wissend, dass Gaddafi in Afrika schon als „ Mann der Abkommen“ bezeichnet wird, weil er alle Abkommen ratifiziert, aber keines einhĂ€lt.

Da hatte aber der AnfĂŒhrer der libyschen Jamahiriya ausnahmsweise mit offenen Karten gespielt: er ratifizierte die Genfer FlĂŒchtlingskonvention nicht, weil er einfach die Existenz von FlĂŒchtlingen in seinem Land leugnete und auch nicht die geringste Absicht hatte, sich ihrer anzunehmen. Aber egal, seit 1991 wurde der UNHCR geduldet und legitimierte – wenn nötig- die RĂŒcklieferung von FlĂŒchtlingen in das Land, das faktisch fĂŒr die Migranten als sicher galt.

Als Gaddafi im Juni 2010 das BĂŒro des UNHCR schloss und ihn auswiest, haben die europĂ€ischen LĂ€nder nichts an ihrem Vorhaben geĂ€ndert: das Management der Migranten und die Kontrolle der Grenzen jenseits des Mittelmeers sollten weiterhin outgesourct werden. Übrigens war das Fehlen eines libysch-europĂ€ischen Vertrags ĂŒber die RĂŒckfĂŒhung der Migranten nicht auf fehlende Garantien bezĂŒglich der Menschenrechte zurĂŒckzufĂŒhren, wie einige Mitglieder des Europaparlaments es gerne hĂ€tten. Sondern Libyen war einfach zu teuer, denn Gaddafi verlangte ein Heidengeld, um die Arbeit zu verrichten, die man von ihm erwartete. Wie aus den WikiLeaks-Dokumenten zu entnehmen ist, sind die Libyer im Bereich der Verhandlungen „Piraten“ , deren einzige Strategie darin besteht, möglichst viel Profit aus den Regierungen zu ziehen, die bereit sind, ihnen ihre Seele zu verkaufen zur ErfĂŒllung dunkler Zwecke, darunter, ihnen unerwĂŒnschte AuslĂ€nderInnen vom Hals zu schaffen oder in vielversprechende MĂ€rkte einzudringen – wie z.B. die Sicherung der Grenzen.

Aus seiner Rohheit machte Gaddafi nie ein Hehl

Heute kann die Öffentlichkeit dank der plötzlichen Aufmerksamkeit der Medien ermessen – aber um welchen Preis – die maßlose, inhĂ€rente Gewalt des Gaddafi-Regimes. Die plötzliche Einsicht der europĂ€ischen Regierungen ist viel weniger glaubwĂŒrdig. Im Gegensatz zu seinesgleichen, ob Diktatoren oder nicht, hat Gaddafi nie ein Hehl aus seiner Maßlosigkeit bzw. Ă€ußersten BrutalitĂ€t gemacht. Man möge sich bloß an seinen Aufruf zum Dschihad erinnern, als sein Sohn Hannibal 2008 wegen Körperverletzung zweier Hotelangestellte in der Schweiz verhaftet wurde. Ein Zwischenfall unter vielen anderen, der fĂŒr Europa hĂ€tte ausreichen mĂŒssen, mit der Auslieferung gefĂ€hrdeter Menschen Schluss zu machen. Und gleich auch mit der fingierten WĂŒrde gegenĂŒber einem VerbĂŒndeten, auf den es bis heute nicht den geringsten Einfluss nehmen konnte.

Radikal und feiner Stratege sowohl im Inland als auch auf internationaler Ebene hat Gaddafi seine Niederlagen immer zu Siegen zu machen gewusst. Nie hat der Westen diplomatisch ĂŒber ihn triumphiert, auch nicht in den zehn Jahren internationalen Embargos, die mit konjunkturbedingten Konzessionen ausgearbeitet wurden. DafĂŒr ist es dem „König aller Könige“, wie er sich selbst auf dem Kontinent nennen lĂ€sst, nie gelungen, seine grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen PlĂ€ne in Afrika oder in der arabischen Welt zu verwirklichen, aber gerade sein Volk, das libysche Volk, wird seinem „revolutionĂ€ren Projekt“ ein Ende machen.

Diese Revolte des libyschen Volkes und die Mediatisierung der unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸiger Repression bringen nun an den Tag den maßlosen Zynismus der europĂ€ischen Herrschenden. Vielleicht könnten – das wollen wir hoffen – die europĂ€ischen Völker auch sich selber fragen, wie teuer ihre eigene Ruhe andere zu stehen kommt.

Übersetzt von Michùle Mialane

Quelle: http://www.liberation.fr/monde/01012321777-l-aveuglement-de-l-europe-a-ete-criminel
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 24.02.2011

Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=4072