Zwei Finger

EHUD OLMERT hob seine beiden HĂ€nde, die beiden Zeigefinger berĂŒhrten sich beinahe, und er sagte: „Wir waren so nah!“

Er sprach ĂŒber die Verhandlungen, die er persönlich mit Mahmoud Abbas gefĂŒhrt hatte, kurz bevor er selbst gezwungen wurde, das Amt des MinisterprĂ€sidenten aufzugeben.

Das war der Höhepunkt der Rede, die er letzte Woche bei einem Treffen der „Genfer Initiative“ hielt. Bevor wir diese analysieren, ein paar Worte ĂŒber den Gastgeber und ĂŒber den Redner.

DIE GENFER INITIATIVE stieg auf wie ein Meteor in den frĂŒhen 2000er Jahren und fiel ab wie ein Meteor.

Es war eine ernsthafte BemĂŒhung, ein vollstĂ€ndiges und endgĂŒltiges Friedensabkommen mit dem palĂ€stinensischen Volk zu entwerfen. Sie kam, nachdem von Gush Shalom ein Entwurf vorbereitet worden war, und sie Ă€hnelte ihm in vieler Weise. Aber es gab zwei große Unterschiede: Die Genfer Initiative hatte einen bekannten palĂ€stinensischen Partner, und sie ging weit mehr in Einzelheiten. WĂ€hrend der Gush Shalom-Entwurf nur die Prinzipien festlegte, ging die Genfer Initiative in die Details und umfasste 423 Seiten; außerdem lagen Karten bei.

Als dieser Entwurf bei einer eindrucksvollen Feier in Genf in Gegenwart ranghoher internationaler Persönlichkeiten veröffentlicht wurde (und ohne das „radikale“ israelische Friedenslager, das von den Initiatoren boykottiert worden war, um ihren Mainstream-Charakter zu betonen), war es ein internationales Ereignis.

Einige Monate lang war die Initiative im Zentrum der Weltaufmerksamkeit. Viele Regierungen fanden sie interessant. Auch ich war ihretwegen aktiv – obwohl ich nicht eingeladen war. Ich sprach ĂŒber sie mit einigen StaatsmĂ€nnern, einschließlich des deutschen BundesprĂ€sidenten und des deutschen Außenministers. Überall begegnete ich einer positiven Haltung. Jeder wusste sie zu schĂ€tzen und war sehr bereitwillig, hier zu helfen.

Und dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Der Coup de grace kam von Ariel Sharon, dem MinisterprĂ€sidenten, der aus seinem Hut ein Kaninchen mit Namen „Trennung“ zog. Ihre AusfĂŒhrung wurde von viel Theater und Melodrama begleitet, und die Welt vergaß die Genfer Initiative.

Was bleibt, ist eine Gruppe UnterstĂŒtzer, eine Friedensvereinigung, eine unter vielen, die Inserate veröffentlicht und Treffen einberuft. Olmerts Rede wurde bei solch einem Treffen gehalten.

Inzwischen geschah mit der Initiative etwas Seltsames. Ihr geistiger Vater war Yossi Beilin, eine Person mit einem produktiven – manche sagen zu produktiven – Geist. Beilin begann seine bewegte Karriere in der Labor-Partei als Assistent von Shimon Peres. Als er dort scheiterte, schloss er sich Meretz an, wurde ihr FĂŒhrer und fĂŒhrte sie zu einer katastrophalen Wahlniederlage.

Seit kurzem besteht eine seltsame Situation. Beilin ist noch immer der Vorsitzende der Genfer Initiative, aber jetzt ist er gegen ein volles Friedensabkommen, das dem Konflikt ein Ende setzen wĂŒrde. Er behauptet, solch ein Abkommen sei unmöglich, und deshalb sollte das Ziel ein Interim-Abkommen sein – das genaue Gegenteil der Genfer Initiative.

Das Oslo-Abkommen hat gezeigt, dass ein Interimabkommen nur die Fortsetzung des Konfliktes mit anderen Mitteln ist – nicht eine Vorbereitung fĂŒr ein Endabkommen, sondern eher ein Mechanismus zu seiner Verhinderung. Der Initiator der Initiative ist so ihr Bestatter geworden.

VOM GASTGEBER zum Redner. Ehud Olmert ist heute der unpopulĂ€rste Politiker im Land (ein Titel, den es fĂŒr mehrere Kandidaten gibt).

Direkt von Anfang seiner politischen Karriere an schwebte eine Wolke des Verdachtes ĂŒber seinem Kopf, und im Lauf der Zeit wurde sie immer dicker. Im Augenblick stehen ein halbes Dutzend Strafverfahren und polizeiliche Untersuchungen gegen ihn an: Bestechungen, Betrug, FĂ€lschungen u.a. Es ist nicht unmöglich, dass er im GefĂ€ngnis landet, wo er von mehreren seiner Kollegen begrĂŒĂŸt werden wird, einschließlich seines frĂŒheren Finanzminister.

Als ob dies noch nicht genug wĂ€re, fĂŒhrt Olmert gegen seine frĂŒheren Minister, besonders gegen Barak eine bittere Kampagne durch, indem er mehrere Anklagen gegen sie schleudert. Eine der schwerwiegendsten – in seinen Augen – ist: Barak hĂ€tte versucht, die Operation Cast Lead abzukĂŒrzen.

Mitten in all diesem Durcheinander hatte Olmert die Zeit und Energie gefunden, seine Rede fĂŒr das Treffen der Genfer Initiative vorzubereiten. In ihr beschreibt er seine BemĂŒhungen, mit den PalĂ€stinensern Frieden zu schließen. Mit Hilfe seiner beiden Zeigefinger behauptet er, der Frieden sei sehr nahe gewesen, und ein vollstĂ€ndiges und endgĂŒltiges Abkommen hĂ€tte jetzt erreicht werden können. Somit nahm er eine Position ein, die weiter links steht als die des berĂŒhmten Linken Yossi Beilin.

Vom politischen Standpunkt aus gesehen, hatte die Rede praktisch wenig Gewicht. Die Öffentlichkeit ist viel mehr an seinen gefĂ€lschten Konten interessiert und den mit Dollar vollgestopften UmschlĂ€gen, die er empfing. Der Teil seiner Rede, in der er Barak bearbeitete („Ehud gegen Ehud“), ließ den Teil, der dem Frieden gewidmet war, vergessen.

DOCH IST es wert, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was er zu sagen hatte. Besonders da es von einer Person kommt, die in einem rechten Milieu aufwuchs und deren ganze Karriere sich in rechts gerichteten Parteien abspielte.

Eine halbe Stunde lang sprach er fließend, ohne Unterlagen zu benĂŒtzen, und befasste sich mit dem Kernproblem der Verhandlungen mit den PalĂ€stinensern.

Was die Grenzen betrifft, wĂ€re ein Abkommen fast erreicht worden, behauptete Olmert. Die Grenze wĂŒrde sich auf die GrĂŒne Linie ( vor 1967) grĂŒnden mit einem Gebietstausch, damit die großen Siedlungsblöcke bei Israel bleiben könnten.

In dieser Sache, so scheint es wenigstens, komme man allmĂ€hlich zu einem Konsens . Aber nur dem Prinzip nach, weil zwei große Felsblöcke den Weg zu einem Abkommen blockieren.

Die nah an der Grenze liegenden Siedlungen werden keine großen Schwierigkeiten bereiten. Der Etzion-Block, Modi’in-Illit und Alfei Menasche liegen fast auf der Grenze und können mit israelischem Land ausgetauscht werden.

Aber zwei Siedlungen, die tief auf palĂ€stinensischem Gebiet liegen – Ariel und Maaleh Adumin – stellen ganz andere Probleme dar. Ariel liegt 20km von der GrĂŒnen Linie entfernt, nahe am RĂŒckgrat der Westbank (die Nablus-Jerusalem-Straße). Zusammen mit der Straße, die Ariel mit dem eigentlichen Israel verbindet, schneidet es tief in palĂ€stinensisches Gebiet hinein..

Wenn Maale Adumin mit Jerusalem verbunden wird, dass ein zusammenhĂ€ngendes Gebiet entstehen wĂŒrde, schneidet es die Westbank fast in zwei Teile. Der Verkehr zwischen Nablus und Hebron wĂ€re gezwungen, einen sehr großen Umweg zu machen.

Die Evakuierung dieser beiden großen Siedlungen wĂŒrde ein Riesenproblem sein. Ihre stĂ€ndige Existenz wĂŒrde ein noch grĂ¶ĂŸeres Problem darstellen. Vielleicht könnten kreative Lösungen gefunden werden: unter palĂ€stinensischer Herrschaft bleiben oder als kleine Enklaven innerhalb des palĂ€stinensischen Staates. Manche denken an Verbindungen wie Tunnel, BrĂŒcken oder besondere Straßen, wie jene, die einmal Westberlin mit Westdeutschland verband.

Diese Lösung wird vor allem von der Art der Grenze zwischen Israel und PalĂ€stina abhĂ€ngen. Wenn sie eine offene Grenze sein wird mit freier Bewegung fĂŒr Personen und Waren, wird alles leichter sein. Soweit sich der Verkehr frei zwischen Gaza und Hebron durch israelisches Gebiet bewegen wird, mĂŒsste er sich auch zwischen Ariel und Kfar Saba durch palĂ€stinensisches Gebiet bewegen können. Doch ist es unsicher, ob die PalĂ€stinenser damit einverstanden sein wĂŒrden.

NACH OLMERT könnte das Jerusalem-Problem entlang den Linien gelöst werden, die PrĂ€sident Clinton fest gelegt hat: was jĂŒdisch ist, kommt zu Israel, was arabisch ist, kommt zu PalĂ€stina.

Dies wird eine weitere große Konzession von Seiten der PalĂ€stinenser notwendig machen, da einige jĂŒdische Stadtteile als Siedlungen jenseits der GrĂŒnen Linie gebaut worden sind. FĂŒr die Bereitschaft, ihnen zu erlauben, sich Israel anzuschließen, mĂŒssten die PalĂ€stinenser eine sehr große Kompensation erhalten.

Aber die Hauptsache ist, dass Olmert schließlich „das vereinigte Jerusalem als ewige Hauptstadt Israels“ begraben hat. Er hat die Teilung Jerusalems direkt auf den Tisch gelegt ohne List wie Barak in Camp David und ohne Beilins kreative Tricks.

ABER DER grĂ¶ĂŸte Durchbruch in Olmerts Rede war an der FlĂŒchtlingsfront.

Olmert war damit einverstanden, dass Israel zugeben sollte, es habe seinen Teil des Problems geschaffen und schlug Abbas einen umfassenden Plan fĂŒr die Wiederansiedlung aller FlĂŒchtlinge vor, einschließlich der RĂŒckkehr einiger Zehntausend nach Israel

Die Bedeutung dieses Punktes kann nicht ĂŒbertrieben werden. Das FlĂŒchtlingsproblem hat tiefe emotionale Auswirkungen. Es berĂŒhrt direkt die Wurzel des israelisch-palĂ€stinensischen Konfliktes. Bis jetzt hat jede israelische Regierung unsere Verantwortung abgeleugnet und sich geweigert, ĂŒber die RĂŒckkehr auch nur eines einzigen FlĂŒchtlings zu reden ( abgesehen von einigen mickrigen „FamilienzusammenfĂŒhrungs“fĂ€llen.)

Meiner Meinung nach ist die von Olmert vorgeschlagene Zahl weniger bedeutsam als sein EinverstĂ€ndnis, ĂŒberhaupt FlĂŒchtlinge aufzunehmen. Nach einem Witz stimmt eine ehrbare Dame zu, fĂŒr eine Million Dollar mit einem Gentleman zu schlafen; „ jetzt wo wir uns ĂŒber das Prinzip einig sind, mĂŒssen wir nur noch ĂŒber den Preis verhandeln“, sagte der 
.

Falls es bei der Verhandlung nicht mehr darum geht, „ob“ FlĂŒchtlinge zurĂŒckkommen, sondern „wie viele“, kann zweifellos ein Abkommen erreicht werden. (Gush Shalom schlug damals vor, jedes Jahr 50 000 zurĂŒckzubringen. Die Genfer Initiative schlug eine komplizierte Formel vor, bei der es um einige zehntausend geht).

WARUM IST dies so wichtig? Wenn sich Olmerts PopularitĂ€t der Null nĂ€hert, warum ist es dann ĂŒberhaupt interessant, was er sagt?

Olmert ist ein Optimist und hat eine Menge Selbstvertrauen. Er ist davon ĂŒberzeugt, dass er aus all seinen Problemen irgendwie herauskommt und in die politische Arena zurĂŒckkehrt. Er glaubt wirklich, dass er wieder MinisterprĂ€sident werden kann.

Keiner leugnet, dass er ausgeprĂ€gte politische Instinkte hat. Wenn eine Person mit solchen Ambitionen ein Abkommen vorschlĂ€gt, heißt das, dass er davon ĂŒberzeugt ist, dass diese Positionen jetzt von der großen Mehrheit akzeptiert werden.

Deshalb schlage ich vor, Olmerts zwei Finger sehr genau zu beobachten.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)