9/11 in einem wirtschaftlichen Rahmen betrachtet

Hintergrund, Analyse

Was haben Pipelines in Zentralasien, die Peak Oil-Problematik, Enron, der US-Dollar und Drogen mit dem 11. September 2001 zu tun? Solchen Fragen geht das Dossier „NEPDG Reloaded“ nach, das die Website „chaostheorien.de“ veröffentlicht.

Das entscheidende geopolitische Ereignis der „Generation Internet“ ist und bleibt der 11. September 2001. Ohne die Terroranschläge von New York City, Washington D.C. und Shankesville sähe die Welt, auch die der (digitalen) Medien, gewiss anders aus. Grund genug, in dem Dossier „NEPDG Reloaded“ einmal mehr zurückzuschauen, um zu erörtern, welche Entwicklungen auf den „Weg nach 9/11“ führten:

NEPDG Reloaded

- Kurz nachdem die Bush-Administration 2001 unter skandalösen Umständen in Amt und Würden gelangte, berief Vize-Präsident Dick Cheney beispielsweise die National Energy Policy Development Group, NEPDG, ein. Angesichts der Energie-Krise, in der sich die U.S.A. gefangen sahen, sollte diese Energy Task Force nach Lösungen suchen. Im Mai 2001 kam ihr Report heraus, wenige Monate, bevor die Terroranschläge des 11. September weltweit für Schrecken und Entsetzen sorgten.

- Während die Gruppe um Cheney im Geheimen tagte, fand die Mehrzahl von 25 Probebohrungen statt, die 2001 in den Ölfeldern der zentralasiatischen Republiken im Norden von Afghanistan durchgeführt wurden: die Ergebnisse waren extrem ernüchternd.

- Die Centgas-Pipeline, die von Turkmenistan nach Pakistan und Indien führen sollte, war im gleichen Zeitraum vakant, da sich Afghanistan weitestgehend unter der Kontrolle der Taliban befand. Ohne die Realisierung des Pipeline-Projekts stand jedoch der größte Wahlkampfspender von Bush-Cheney vor dem Bankrott: der Energie-(Schein-)Riese Enron.

- Hinter den Kulissen bereiteten die U.S.A. seit Jahr und Tag eine militärische Intervention vor, zu deren Ergebnissen eine Explosion der afghanischen Opiumproduktion gehört. Zufall oder Absicht?

- Seit November 2000 verkaufte Saddam Hussein das irakische Öl nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro. Könnte der Krieg im Irak damit zu tun haben, dass man in Washington gedachte, das von der Federal Reserve kontrollierte „Petrodollar-System“ zu retten?

Das Dossier „NEPDG Reloaded“, das auf der Website „chaostheorien.de“ bereit steht, versucht, ein paar Fakten zusammenzutragen, ohne die eine 9/11-Analyse unvollständig erscheint. Von Nanothermit-Partikeln, Sprengungstheorien und der Frage: „Was flog ins Pentagon?“ wird man nichts lesen; dafür soll 9/11 in einem Rahmen betrachtet werden, in den es viel eher hineingehört: in einen wirtschaftlichen. Hinzu kommt ein Exklusivbeitrag von Egon von Greyerz, dem Gründer der Matterhorn Asset Management AG in Zürich, zum Verhältnis Gold vs. Fiat-Dollar, und ein Interview mit dem Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser von der Universität zu Basel, der für die abschließende wissenschaftliche Einschätzung sorgt.

Dreh- und Angelpunkt des Dossiers ist die hierzulande fast gänzlich unbekannte NEPDG von Richard Cheney, dem ehemaligen CEO von Halliburton. Wie der Investigativ-Journalist Michael C. Ruppert in einem exklusiven Interview für chaostheorien.de erklärte:

„Im Grunde scheint die NEPDG beinahe am ersten Tag der Bush-Regierung ins Leben gerufen worden zu sein, um herauszufinden, wie viel Öl noch vorhanden ist und wie man es sich verschaffen (kaufen oder stehlen) kann, um die U.S.-amerikanische Hegemonie, den Verbrauch und das Geldparadigma zu stützen. ... Die Tatsache, dass die Akten der NEPDG vor dem amerikanischen Volk, das für sie bezahlt hat, geheim gehalten wurden, ist eines der größten Verbrechen aller Zeiten. Einsicht in diese Akten zu erhalten, würde unnötige Mühe ersparen, den Bestand des noch vorhandenen Erdöls zu bestimmen. ... Peak Oil hat Dick Cheneys Task Force angetrieben und sonst nichts.“

In Anbetracht der Tatsache, dass die offiziellen Ölreservezahlen, milde gesagt, immer unzuverlässiger erscheinen, (2) kann auch deshalb ein genauerer Blick auf die NEPDG nicht schaden:

An dieser Stelle für die Radio Utopie-Leser das Interview, das Lars Schall mit dem Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser von der Universität Basel führte. Zu den Forschungsgebieten von Daniele Ganser, Jahrgang 1972, zählen die Terroranschläge vom 11. September 2001 und deren Verbindung zur Peak Oil-Problematik. Ferner ist er der Autor des Buches „Nato-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“, das im Orell Füssli Verlag in Zürich erschienen ist.

Die Sprache der Pipelines

Herr Dr. Ganser, im Frühjahr 2001 tagte die “National Energy Policy Development Group“, NEPDG, im Weißen Haus. Die Dokumente und Arbeitspapiere dieser “Energy Task Force“ von Dick Cheney befinden sich unter Verschluss. Wenn wir annehmen, dass dies von vornherein so geplant war (immerhin handelte es sich hierbei um Geheimberatungen), gibt es dann berechtigten Anlass zur Vermutung, dass diese Dokumente die genauesten Zahlen bezüglich der weltweiten Öl- und Gasreserven beinhalten dürften? Und wenn ja, wäre eine Veröffentlichung dieser Dokumente nicht dringlich angeraten angesichts der Tatsache, dass die offiziellen Schätzungen und Szenarios, mit denen z. B. die Internationale Energie Agentur operiert, nicht besonders verlässlich scheinen?

Daniele Ganser: Es wäre in der Tat sehr spannend, die NEPDG-Dokumente für die Forschung zugänglich zu machen. Ich gehe davon aus, dass in der NEPDG das Peak Oil-Problem, also die Frage nach dem Maximum der globalen Förderung, intensiv diskutiert wurde. Vizepräsident Dick Cheney hat als früherer CEO von Halliburton ein sehr klares Verständnis von der Peak Oil-Problematik, er weiß, dass weltweit in vielen Regionen und Ländern die Produktion einbricht. Zudem wissen wir ja, dass in der NEPDG auch die Felder des Iraks sehr genau untersucht und besprochen wurden, was wiederum den Ausbruch des Irakkriegs im März 2003 meiner Meinung nach direkt beeinflusste.

Die IEA-Zahlen im World Energy Outlook (WEO), das sagen Sie richtig, haben unter Experten zu großer Verunsicherung geführt. Zuerst erklärte die IEA, man könne die Erdölförderung bis ins Jahre 2030 auf 120 Millionen Fass pro Tag steigern, von heute 85 Millionen Fass pro Tag. Ein Peak sei weit und breit nicht in Sicht. Doch kurz darauf wurde diese Zahl herunterkorrigiert, im WEO 2009 auf 105 mbd. Doch auch diese Zahl stimme nicht, behauptete ein IEA-Insider, man werde kaum je mehr als 90 oder 95 mbd fördern. Der Peak ist also wohl näher als viele glauben, und die NEPDG hat diese Entwicklung wohl antizipiert.

Von der leidigen Diskussion, ob Peak Oil real ist oder nicht, einmal völlig abgesehen: können wir annehmen, dass Leute wie Dick Cheney und Matthew Simmons davon ausgingen, dass Peak Oil real ist, als die NEPDG tagte? Und dürfte dies, obwohl nie offiziell zugegeben, der eigentliche Hintergrund dieser Beratungen gewesen sein, um zu erörtern, wie mit diesem Problem fürderhin umzugehen sei?

Daniele Ganser: Ja, das glaube ich. Der Peak Oil ist real, Erdöl ist endlich, zumindest für unser Zeitverhältnis. Wenn wir Millionen von Jahren Zeit hätten, wäre Erdöl erneuerbar, diese Zeit haben wir aber nicht. Es ist jetzt alles eine Frage des Timings, wie wir die Wende schaffen. Im Moment scheint es so, dass die erneuerbaren Energien nicht schnell genug in die Lücke reinspringen können, die das Erdöl da und dort hinterlassen wird. Natürlich habe ich auch schon von der abiotischen Theorie gelesen, die mich nicht überzeugt.

Wenn wir sie hier aber einmal ernst nehmen...

Daniele Ganser: ...dann gilt auch dort: Wenn das Erdöl nicht genügend schnell im Sinne der abiotischen Theorie nachfliessen kann, bricht die Produktion in den Feldern ein. Das ist beobachtbar.

Der Plan des US-Militärs, eine Invasion Afghanistans durchzuführen, stammt aus dem Frühjahr 2001 – d. h. erstens.: als die besagte “Energy Task Force“ tagte, und zweitens: viele Monate vor den Anschlägen des 11. September. Welche Rolle spielte hierbei das Doppel-Pipeline-Projekt, das vom Kaspischen Meer bis runter zur pakistanischen Küste geplant war?

Daniele Ganser: Die Pläne für den Bau der Pipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan bis an den indischen Ozean (TAPI) wurden von der Regierung Karzai im Jahre 2002 unterzeichnet. Man will diese Pipeline bauen, aber weil der Krieg das Land weiterhin destabilisiert, ist dies zur Zeit nicht möglich.

Aus der Sicht der USA und der EU ist die Pipeline wichtig, weil sie erlaubt, Erdöl und Erdgas aus dem Kaspischen Meer abzuführen, ohne dabei entweder im Norden durch Russland oder im Süden durch den Iran zu verlaufen. Den gleichen Zweck erfüllt übrigens auch die Baku-Tiblisi-Cheyhan-Pipeline (BTC), welche vor wenigen Jahren eröffnet wurde und von Aserbaidschan nach Westen bis in die Türkei und das Mittelmeer führt.

Es ist sehr wichtig, dass man genau untersucht, wo welche Pipelines verlegt werden, diese Sprache ist viel deutlicher als die Kriegspropaganda, die oft über alles einen Nebel breitet und absichtlich Verwirrung stiftet.

Spielen dieses Pipeline-Projekt und der Reichtum an Energie und anderen Bodenschätzen, der in der Region zu verorten ist, eine Rolle bei der Tatsache, dass der Krieg in Afghanistan nach wie vor anhält? Anders gewendet: können es sich die U.S.A. und die NATO-Verbündeten überhaupt erlauben, diesen Krieg zu gewinnen, da ein Friedensschluss sie dazu zwänge, ihre dortigen Stellungen aufgeben zu müssen?

Daniele Ganser: Es wird in Deutschland wenig über diese Pipeline gesprochen. Aber meiner Meinung nach ist sie ein ganz wichtiger Grund für den Krieg, den die USA mit der NATO in Afghanistan führen. Ob die NATO in Afghanistan gewinnt, ist meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich, die Afghanen lassen sich nicht besetzen, das haben schon die Briten und die Russen erfahren, zudem pflegen sie die Blutrache und zählen ihre Toten ganz genau. Für jeden Toten aus ihrem Stamm werden sie einen NATO-Soldaten töten.

Ob man trotzdem eine Pipeline verlegen kann und diese über eine Marionettenregierung schützen wird, bleibt abzuwarten. Es könnte auch sein, dass die Pipeline nie gebaut wird und die USA und Deutschland und andere NATO-Länder in Afghanistan verlieren. Es ist auch möglich, dass Turkmenistan sein Gas nach China verkauft und eine andere Pipeline mit den Chinesen baut. Man wird sehen, was das Resultat dieses andauernden Energiestreits sein wird.

Wichtig wäre aber eine Stellungsnahme der neuen Bundesregierung zu den Pipelineplänen und ihren Einfluss auf den Krieg, hierzu habe ich noch nichts gesehen. Es ist schon fast ein Tabu in Deutschland über diese Pipeline zu sprechen, weil dies der offiziellen Kriegsrhetorik widerspricht. Erst wenn sie nicht mehr im Amt sind, engagieren sich auch deutsche Politiker öffentlich für Pipelines, Gerhard Schröder für die North Stream Pipeline der Russen und Joschka Fischer für die Nabucco Pipeline der EU. Pipelinepolitik ist Geostrategie, das ist ganz klar.

www.chaostheorien.de

Quellen:

(1) Lars Schall: „Die sinkende Titanic“, Interview mit Michael C. Ruppert, veröffentlicht auf chaostheorien.de am 29. April 2009
(2) vgl. Lars Schall: „Hat die Welt ,Peak Oil’ erreicht?“, veröffentlicht auf chaostheorien.de am 12. November 2009

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