Kurzer Prozess: NATO ändert ihre Sprache in Afghanistan

ICOS-Bericht offenbart Fiasko in Afghanistan: NATO-Truppen hinterliessen nach der Operation Moshtarak in Marjah verbrannte Erde und eine Bevölkerung, die nach einer Meinungsumfrage des Denkinstitutes zu 71% Prozent die alliierten Verbände aus ihrem Land abziehen sehen wollen - die US-Soldaten im Kampfgebiet wissen nicht, gegen wen sie eigentlich kämpfen

In Afghanistan wird die grosse Kandahar-Offensive der NATO-Streitkräfte unter Führung des US-Militärs vorbereitet und läuft auf vollen Hochtouren. Dazu sind seit Monaten neben anderen Massnahmen auch getarnte Spezialeinheiten rund um die Stadt zusammengezogen worden, um im Vorfeld zur Entschärfung der Situation Aufständische ausfindig zu machen. Wie es hiess, sei in den letzten Tagen und Wochen die Anzahl der politischen Morde und der Anschläge in der Region um die Stadt beträchtlich angestiegen.

Die Denkschmiede International Council on Security and Development (ICOS) veröffentlichte nun Feldforschungen und Meinungsumfragen zu der Militäroperation Moshtarak, die im Februar 2010 in der Provinz Helmand durchgeführt worden, die umfangreichste militärische Operation seit der Invasion im Jahres 2001. Nach eigenen Angaben führte der ICOS die Befragungen unter der lokalen afghanischen Bevölkerung durch.

Wie es hiess, würden die dabei gewonnenen Erfahrungen ausgewertet und sollen bei der kommenden Kandahar-Offensive helfen, Fehler im Vorgehen zu vermeiden. Bei der Planung für die Operation wurde damals betont, dass die Bedürfnisse des afghanischen Volkes herauszustellen sind, ebenso die grosse Bedeutung der Gewinnung der Herzen und Köpfe der lokalen Bevölkerung als Teil einer klassischen Aufstandsbekämpfung.

ICOS kam zu dem Schluss, das die Realität nicht mit dieser Rhetorik überein gestimmt hatte. Trotz massiver Aufstockung der Truppen und des militärischen Gerätes wurde der Erfolg zunichte gemacht durch fehlende politische und humanitäre Aktionen in der Bevölkerung. Vierhundert afghanische Männer aus Marjah, Lashkar Gah und Kandahar wurden von der International Council on Security and Development im März 2010 für diesen Bericht interviewt, hiess es nach ihren eigenen Angaben.

Die Feldforschung von ICOS würde zeigen, dass die Operation Moshtarak ein hohes Mass an Wut unter den lokalen afghanischen Bewohnern erzeugt hätte: 78% der Befragten waren sowieso schon häufig oder immer wütend auf die NATO-Truppen und dass steigerte sich nach der Militäroffensive noch einmal bei 61% der Befragten und 45% erklärten, sie seien wütend auf die NATO-Besatzung wegen der zivilen Opfer und der Nachtangriffe. ICOS empfahl, zur Balanceherstellung etwaige negative Auswirkungen mit einer positiven Auswirkung zu kompensieren um sicherstellen, dass die positiven Auswirkungen grösser als die negativen Auswirkungen sind.

Im Bericht wurde festgestellt, dass es so gut wie keine Hilfe für die Infrastruktur und die Flüchtlingsströme durch die Alliierten nach der Militäroperation gegeben hätte. Tausende von vertriebenen Afghanen wurden gezwungen, sich irgendwie wegen nichtexistenten Lagern andersweitig über Wasser zu halten oder in überfüllten Flüchtlingslagern mit unzureichender Nahrung, medizinischer Versorgung oder Unterkunft dahinzuvegetieren. Lokale Hilfsorganisationen wären überfordert und in einigen Bereichen gar nicht vorhanden gewesen.

67% Prozent lehnten eine starke NATO-ISAF-Präsenz in ihrer Provinz ab und würden diese nicht unterstützen und 71% Prozent erklärten, dass sie die NATO-Streitkräfte verlassen wollen.

Bei der Vernichtung der Felder durch die Landwirte selbst, die von der ISAF als realistische und wirksame Anti-Drogen-Strategie propagiert worden war, zeigte sich, dass anschliessend keine nachhaltige Unterstützung gegeben wurde. (1)

Die Kommandeure würden die Möglichkeit von schweren Kämpfen in der Stadt verharmlosen und auf die politischen Ergebnisse verweisen. Selbst die Sprache, die von Militärs angewendet wird, hat sich verändert, zum Beispiel mit Worten wie "Operation" oder "Offensive" die nicht mehr verwendet werden. Dafür wurden diese Ausdrücke mit "Prozess" ersetzt, da dies nicht so verletzend klingen würde. (2) Brigadegeneral Josef Blötz, Sprecher der NATO-Streitkräfte, sagte auf einer Pressekonferenz in dieser Woche

"Wir möchten es einen Prozess nennen, der umfassende militärische und nichtmilitärische Instrumente vereint."

Die grösste Enttäuschung für viele US-Soldaten wäre es, nicht zu wissen, wer gegen sie kämpft.

"Ich bin auf dem Basar und denke: "Dieser Kerl neben mir könnte mein Feind sein. Ich weiss es einfach nicht. Die Armee ist nicht für diese Art von Kampf bestimmt."

wird ein US-Soldat von Reuters zitiert. Ein Ladenbesitzer namens Kaka Shirin dazu:

"Wir wissen nicht, ob diese Operation Vorteile bringen wird, aber eines, was wir sicher wissen, ist, dass unschuldige Menschen getötet, verwundet und vertrieben werden."

Das US-Militär und seine Verbündeten hinterlassen Schneissen der Zerstörung in Afghanistan wie ein Orkan, der ziellos über das Land tobt, diese Konfusion wird auch in der Power-Point-Folie deutlich, die im vergangenen Sommer dem Oberbefehlshaber General Stanley McChrystal in Kabul von seinen Denkpanzern vorgelegt wurde.

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Quellen:
(1) http://www.icosgroup.net/modules/reports/operation_moshtarak
(2) http://alertnet.org/thenews/newsdesk/SGE6460J9.htm

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