Ideokratie

ENDLICH HAT sich unser MinisterprĂ€sident fĂŒr die „Einsatzfehler“, die zum Tode von neun TĂŒrken wĂ€hrend des Angriffs auf die Mavi Marmara gefĂŒhrt haben, bei den TĂŒrken entschuldigt. Es war das Schiff, das die israelische Blockade des Gazastreifens zu brechen versuchte.

Er hat zwei Jahre und zehn Monate gebraucht, um dies zu tun.

Halleluja!

Aber die wirkliche Entschuldigung hĂ€tte nicht an die TĂŒrken gehen sollen, sondern an die Israelis. Und nicht nur wegen der Fehler, die die Soldaten begangen haben.

DIE GANZE AffÀre war von Anfang bis Ende ein Akt puren Schwachsinns. Von Anbeginn an.

Dies ist im Nachhinein leicht zu sagen. Aber meine Freunde und ich wiesen öffentlich auf die Dummheit dieser Aktion hin, bevor sie anfing.

Wie wir damals sagten, war der Schaden mit dem Stoppen des tĂŒrkischen Schiffes viel grĂ¶ĂŸer als der Schaden, der – wenn ĂŒberhaupt – verursacht worden wĂ€re, wenn das Schiff sein Ziel hĂ€tte erreichen dĂŒrfen.

Was hĂ€tte denn im schlimmsten Fall passieren können? Das Schiff hĂ€tte vor der KĂŒste des Gazastreifens geankert, die internationalen Aktivisten an Bord hĂ€tten einen begeisterten Empfang erlebt, Hamas hĂ€tte einen kleinen Sieg gefeiert und das wĂ€r‘s gewesen. Eine Woche spĂ€ter hĂ€tte sich keiner mehr darum gekĂŒmmert oder daran erinnert.

Offiziell war die Blockade von der israelischen Marine aus einem einzigen Grund auferlegt worden, um zu verhindern, dass Waffen den von der Hamas beherrschten Gazastreifen erreichen können. Wenn dies eine ernsthafte Sorge gewesen wÀre, hÀtte die Blaue Marmara auf hoher See gestoppt und nach Waffen durchsucht werden können, um sie dann weiter fahren zu lassen. Das wurde nicht einmal in ErwÀgung gezogen.

Von da an ging es nur um Prestige, politisches oder persönliches Ego. Kurz gesagt um Schwachsinn.

Bei einer militĂ€rischen Aktion weiß niemand im Voraus, was geschehen wird. Die Dinge entwickeln sich nie wie geplant. Mit Verlusten muss gerechnet werden. Und wie gesagt wird: das erste Opfer in einem Krieg ist der Kriegsplan.

Der Plan ging schief. Statt geduldig den Angriff in internationalen GewĂ€ssern ĂŒber sich ergehen zu lassen, hatten die TĂŒrken die unglaubliche UnverschĂ€mtheit, die Soldaten mit Stöcken und Ähnlichem „anzugreifen“. Die armen Soldaten hatten keine andere Wahl, als sie zu erschießen.

VernĂŒnftig wĂ€re nun gewesen, sich sofort zu entschuldigen, den Familien der Opfer großzĂŒgige Kompensationen zu zahlen und die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen.

Aber nicht so bei uns Israelis. Weil wir im Recht sind. Wie immer. Es liegt in unserm Wesen, im Recht zu sein. Wir können nicht anders.

(Ich erinnere mich an eine Fahrschule der britischen Armee in PalĂ€stina: In der Mitte standen die Reste eines zerstörten Autos mit der Aufschrift: „Aber Er hatte Recht!“)

Wir misshandelten die Passagiere, stahlen ihre Fotoapparate und anderen persönlichen Besitz und ließen sie nur nach grĂŒndlicher DemĂŒtigung gehen. Wir klagten sie an, gefĂ€hrliche Terroristen zu sein. Beinahe hĂ€tten wir noch EntschĂ€digungen fĂŒr unsere Soldaten verlangt, die schließlich die wirklichen Opfer waren.

DIE REINSTE Dummheit von allem wurde durch die Tatsache illustriert, dass die TĂŒrkei unser engster VerbĂŒndeter in der Region war.

Die beiden MilitĂ€rs hatten sehr enge Beziehungen geknĂŒpft. Die Nachrichtendienste beider LĂ€nder waren wie Siamesische Zwillinge. Wir verkauften ihnen riesige Mengen militĂ€rischer AusrĂŒstung und Waffen. Wir fĂŒhrten gemeinsame MilitĂ€rmanöver durch.

Auch zwischen beiden Völkern bestanden herzliche Beziehungen. Jedes Jahr verbrachte eine halbe Million Israelis ihre Ferien an der tĂŒrkischen KĂŒste. Der tĂŒrkische Ausdruck fĂŒr Touristen „alles eingeschlossen“ wurde in Israel zum Sprichwort.

Die tĂŒrkisch-israelischen Flitterwochen begannen gleich, nachdem David Ben Gurion die „Strategie der Peripherie“ schuf – eine Allianz der nicht-arabischen LĂ€nder, die die arabischen LĂ€nder umgaben. Die TĂŒrkei sollte dabei eine bedeutende Rolle spielen, zusammen mit dem Iran des Shah, mit Äthiopien, Tschad und anderen.

Was lief falsch? Apologeten der Idiokraten behaupten, dass sich die Beziehungen zur TĂŒrkei sogar ohne die blaue Marmara verschlechtert hĂ€tten, da sie von der EU schon abgewiesen und gedemĂŒtigt worden sei und sie sich der arabischen Welt zuwende. Eine religiöse Partei hatte auch die Macht von den sĂ€kularen Erben des großen AtatĂŒrk ĂŒbernommen und besonders die der Armee. WĂ€re es angesichts dieser Entwicklungen nicht klug gewesen, sogar noch sorgfĂ€ltiger als vorher mit unsern Beziehungen zur TĂŒrkei umzugehen?

Stattdessen benahm sich unser stellvertretender Außenminister, ein Danny Ayalon, so ausgesprochen idiotisch, dass es in der Schule fĂŒr Diplomaten als abschreckendes Beispiel gelehrt werden sollte. Er lud den tĂŒrkischen Botschafter ein, um ihm einen Verweis zu verpassen, bot ihm einen Sitz an, der merklich tiefer als sein eigener war und prahlte mit der DemĂŒtigung.

Was sich tatsĂ€chlich ereignete, war, dass Ayalon das Treffen in seinem Arbeitszimmer in der Knesset hielt. In all diesen RĂ€umen – einschließlich dem meinigen vor langer Zeit – stand ein normaler Stuhl und ein niedriges Sofa. Der tĂŒrkische Diplomat fĂŒhlte sich ganz bequem und fĂŒhlte sich nicht beleidigt. Aber als Ayalon die Journalisten hereinbat, machte er sie auf die DemĂŒtigung aufmerksam. Sie veröffentlichten dies und veranlassten so, dass die tĂŒrkische Öffentlichkeit vor Zorn explodierte.

Der Text der Entschuldigung war schon vor mehr als zwei Jahren formuliert. Die israelische Armee bat die Regierung, dies zu akzeptieren. Aber unser damaliger Außenminister Avigdor Lieberman legte sein betrĂ€chtliches Gewicht auf die Waage und setzte sein Veto ein. Wir sind eine stolze Nation mit einer stolzen Armee, die aus stolzen Soldaten besteht. Israelis entschuldigen sich nicht. Niemals.

DA NETANJAHU Lieberman fĂŒrchtet, muss er sich sehr umsichtig verhalten.

Lieberman ist jetzt ein Minister im Wartestand. Er kann sein Ministeramt nur wiedergewinnen, falls er – wenn ĂŒberhaupt – von der Bestechung frei gesprochen wird, wegen der er angeklagt wurde. Aber er ist noch immer der Chef einer Partei, von der Netanjahu wegen parlamentarischer UnterstĂŒtzung abhĂ€ngig ist.

So ein kompliziertes Manöver muss natĂŒrlich gut vorbereitet sein. Die Entschuldigung war lĂ€ngst mit den TĂŒrken vereinbart worden. PrĂ€sident Obamas Besuch in Israel sollte die Gelegenheit sein, die auch dem PrĂ€sidenten die Aura eines erfolgreichen Vermittlers gab. Aber der Deal wurde erst wĂ€hrend der allerletzten Minuten seines Besuches angekĂŒndigt.

Warum? Sehr einfach, um Netanjahu die Möglichkeit zu geben, zu behaupten, dass alles spontan geschah: wÀhrend eines TelefongesprÀchs, das von Obama initiiert war. Daher hÀtte er sich unmöglich vorher mit seinem Kabinett und mit Lieberman beraten können.

Kindisch? Infantil? TatsÀchlich.

NUR IN Israel? Ich bezweifle es. Ich fĂŒrchte, dass in den meisten LĂ€ndern, den großen wie auch kleinen, entscheidende Angelegenheiten des Staates so gemanagt werden. Und nicht nur heutzutage.

Es ist ein erschreckender Gedanke, und deshalb wird er von den meisten Leuten nicht akzeptiert. Sie wollen glauben, dass ihr Geschick in den HĂ€nden von verantwortlichen FĂŒhrern mit hervorragender Intelligenz liegt. Genau wie sie sich weigern, zu glauben, dass der Himmel leer ist und kein allmĂ€chtiger Übervater mit unbegrenztem Mitleid dort wartet, um auf ihre Gebete zu antworten.

Das erste historische Beispiel Ă€ußerster Inkompetenz, das mir ins GedĂ€chtnis kommt, ist der Ausbruch des 1. Weltkrieges. Eine Gruppe nationalistischer Serben tötete den österreichischen Thronfolger. Ein beklagenswerter Vorfall, aber sicher kein Grund fĂŒr einen Krieg, in dem mehrere Millionen Menschen elendiglich umkamen.

Aber die Trottel, die den 84jĂ€hrigen Kaiser in Wien umgaben, dachten, dies wĂ€re eine Gelegenheit, einen leichten Sieg zu erringen und ĂŒberbrachten den Serben ein Ultimatum. Der russische Zar, umgeben von Herzögen und Erzherzögen, wollte seinen slawischen BrĂŒdern helfen und mobilisierte seine Armee. Sie wussten wahrscheinlich nicht, dass entsprechend einem lange zuvor vorbereitetem MilitĂ€rplan, – in so einem Fall die deutsche Armee – Frankreich angreifen und zerschlagen sollte, bevor die schwerfĂ€llige russische Armee ihre Mobilisierung fertigstellen und die deutsche Grenze erreichen konnte. Der deutsche Kaiser, ein seelisch gestörter Jugendlicher, der nie erwachsen wurde, handelte entsprechend. Die Briten, die es nie liebten, von zu klugen Leuten beherrscht zu werden, eilten dem armen Frankreich zu Hilfe. Und so ging es weiter.

Konnten all diese FĂŒhrer komplette Dummköpfe gewesen sein? Wurde Europa von einer alles beherrschenden Idiokratie regiert? Vielleicht. Aber vielleicht sind vernĂŒnftige, intelligente Leute unter ihnen. Ist es, dass diese Macht nicht nur korrumpiert, wie Lord Acton in seinem bekannten Ausspruch sagte, sondern auch verblödet.

Auf jeden Fall habe ich in meinem Leben so viele normale Menschen kennen gelernt, die, nachdem sie zur Macht gekommen waren, so viele dumme Dinge taten, dass letzteres der Fall sein muss.

ICH WÜNSCHTE, ich hĂ€tte die Willenskraft, nicht noch einmal den klassischen jĂŒdischen Witz ĂŒber den TĂŒrken zu erzĂ€hlen, den ich unmittelbar nach dem Mavi Marmara-Vorfall zitierte, zu widerstehen.

Es geht um die jĂŒdische Mutter im Russland des 19.Jahrhunderts, deren Sohn aufgerufen war, in der Armee des Zaren zu dienen. und zwar im Krieg gegen die ottomanische TĂŒrkei. „Überanstreng‘ dich nicht“; fleht sie ihn an, „töte einen TĂŒrken, und dann ruh dich aus. Töte noch einen, und ruh dich wieder aus, töte 
“

„Aber was dann, wenn der TĂŒrke mich tötet?“ unterbricht der Junge.

„Dich töten?“ antwortet die Mutter erschreckend und ĂŒberrascht. „Aber warum? Was hast du ihm getan?!“

Lasst uns einen TĂŒrken töten, und uns dann entschuldigen 
..