Parlament wieder im Amt: Gericht in Venezuela revidiert umstrittene Entscheidung

Beitrag von Marta Andujo und Harald Neuber

GeneralstaatsanwĂ€ltin sah Verfassungsbruch durch Obersten Gerichtshof. Verteidigungsrat fĂŒr PrĂŒfung von Urteil gegen Opposition im Parlament

Nach heftigen Kontroversen im Land und internationalen Protesten hat die Verfassungskammer des Obersten Gerichts von Venezuela die Entscheidung ĂŒber die Entmachtung des Parlaments wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Zuvor war die Kammer vom Verteidigungsrat des Landes zu einer ÜberprĂŒfung aufgefordert worden.

Die Revision des umstrittenen Urteils war vor allem durch die öffentliche Äußerung der GeneralstaatsanwĂ€ltin Luisa Ortega DĂ­az ins Rollen gekommen. Sie sehe in dem höchstrichterlichen Urteil vom Mittwoch „verschiedene Verletzungen der verfassungsmĂ€ĂŸigen Ordnung und eine Missachtung des Staatsmodells, das unsere Verfassung verankert“. Dies könne einen Verfassungsbruch darstellen, so die fĂŒhrende Juristin.

Nach der RĂŒcknahme ihres Richterspruchs erklĂ€rte die Verfassungskammer nun, dass die Kompetenzen des Parlaments direkt durch diese Staatsgewalt oder durch vom Parlament bestimmte Organe ausgeĂŒbt wĂŒrden. Die Aufhebung der ImmunitĂ€t aller Abgeordneten, denen das Oberste Gericht wiederholt verfassungswidriges Vorgehen bescheinigt hatte, wurde ebenfalls zurĂŒckgenommen.

Hintergrund des Streits: Nach der Parlamentswahl im Dezember 2015, bei der die rechtsgerichtete Opposition die absolute Mehrheit erreichte, hatte das Oberste Gericht drei Abgeordneten aus dem Lager der Regierungsgegner ihre Mandate wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs aberkannt. Zwar schieden die drei Parlamentarier nach lĂ€ngerem Widerstand der oppositionellen Mehrheit tatsĂ€chlich aus, wĂ€hlten zuvor aber noch den ParlamentsprĂ€sidenten Julio Borges von der rechtspopulistischen Partei Primero Justicia (Zuerst Gerechtigkeit). Die Richter erklĂ€rten daher jede Entscheidung der Nationalversammlung fĂŒr nichtig und begrĂŒndeten damit auch ihr umstrittenes Urteil Mitte dieser Woche.

Aufgrund der zunehmenden Kontroverse um das höchstrichterliche Urteil hatte PrĂ€sident NicolĂĄs Maduro den Verteidigungsrat des Landes einberufen. In diesem Organ sind der PrĂ€sident und VizeprĂ€sident, die Chefs der wichtigsten Ministerien, der nationale Ombudsmann, der PrĂ€sident des Obersten Gerichts und der ReprĂ€sentant der Legislative, also der aktuell oppositionelle ParlamentsprĂ€sident Borges versammelt. Letzterer erschien nicht zur Sitzung und rief stattdessen zu Protesten auf. Borges‘ OppositionsbĂŒndnis Tisch der Demokratischen Einheit (MUD) hat wiederholt das Ziel formuliert, den sozialistischen PrĂ€sidenten zu stĂŒrzen.

Dieser schweren Differenzen zum Trotz Ă€ußerte sich der Verteidigungsrat differenziert und betonte im Anschluss an das Treffen in einem KommuniquĂ© die hervorgehobene Rolle der Verfassungskammer des Obersten Gerichts bei der Kontrolle der öffentlichen Gewalten und innerstaatlichen Konflikten. In diesem Sinne habe der Rat das Gericht zur ÜberprĂŒfung der vorangegangenen Entscheidung aufgefordert. Das Kommunique schließt mit einer „kategorischen ZurĂŒckweisung jeglicher Einmischung, die sich gegen die UnabhĂ€ngigkeit und SouverĂ€nitĂ€t, gegen die territoriale IntegritĂ€t und Selbstbestimmung richtet“.

Das MUD-BĂŒndnis verfolgt offenkundig die Strategie, Judikative und Exekutive durch wiederholtes Hinwegsetzen ĂŒber die Regeln der Parlamentsarbeit herauszufordern, höchstrichterliche Entscheidungen zu provozieren und diese zu ignorieren. Die Regierung sucht derweil angesichts der ernsten Wirtschaftskrise, die maßgeblich durch den Verfall des Erdölpreises hervorgerufen wurde, nach wirksamen Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungslage. Bislang haben Kabinett und PrĂ€sident ihre HandlungsfĂ€higkeit gegenĂŒber der oppositionellen Mehrheit im Parlament mittels zeitlich befristeter Sondervollmachten durchsetzen können.

Nach der EntschĂ€rfung der Situation sagte PrĂ€sident Maduro, den die Opposition als Urheber des nun revidierten Urteils sieht, in dem Disput zwischen Generalstaatsanwaltschaft und Oberstem Gericht habe sich „erwiesen, was der Dialog vermag“. In Venezuela ĂŒbten die öffentlichen Gewalten ihre Aufgaben unabhĂ€ngig aus. Jedoch wĂŒrden „die Opposition und der Imperialismus“ lateinamerikanische Regierungen zu Aktionen gegen Venezuela drĂ€ngen. „Ich habe von verschiedenen Staatschefs in unserer Regionen Botschaften erhalten, und der Druck ist brutal“, sagte Maduro.

Indes haben die von der Opposition nach dem Gerichtsurteil angesetzten Straßenproteste bisher wenig Widerhall in der Bevölkerung gefunden. Einen grĂ¶ĂŸeren Effekt scheinen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des chavistischen Lagers bezĂŒglich der Entmachtung des Parlaments und die internationalen Reaktionen ausgeĂŒbt zu haben. So erinnerte die US-venezolanische Juristin Eva Golinger, die dem Chavismus nahesteht, ĂŒber den Kurznachrichtendienst Twitter daran, dass die „Trennung und UnabhĂ€ngigkeit der Staatsgewalten eine unabdingbare Voraussetzung fĂŒr die Demokratie“ ist. Der Tweet, den Golinger als „private Meinung“ bezeichnete, war spĂ€ter Gegenstand heftiger Debatten unter Sympathisanten des Regierungslagers in Venezuela.

Die Opposition will trotz der aufgehobenen Entscheidung des Obersten Gerichtshofes an den Protesten festhalten. Das MUD-BĂŒndnis spricht weiterhin von einem Putsch, ruft zu Demonstrationen auf und organisiert Pressekonferenzen. UnterstĂŒtzt wird die Parteienallianz aus den USA und der EU. US-Außenamtssprecher Marc Toner sprach von einem „Bruch der demokratischen Normen“, die EU forderte einen „klaren Fahrplan zu Wahlen“ ein. Aus den Mitgliedsstaaten des sĂŒdamerikanischen Verbandes Unasur kam Kritik von den rechten Regierungen, wĂ€hrend das Sekretariat des Verbandes sich zunĂ€chst nicht Ă€ußerte.

Erstveröffentlichung auf Portal amerika21.de am 2.4.2017

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