Der Tag der Rhinos
ICH HABE kĂŒrzlich das deutsche Wort âGleichschaltungâ erwĂ€hnt – eines der typischsten Wörter des Nazi-Vokabulars.
âGleichâ bedeutet â dasselbeâ, Schaltung bedeutet âVerbindung zum elektrischen Stromâ. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.
Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi-Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-FunktionÀren besetzt.
Wir sind jetzt Zeugen, wie so etwas in Israel geschieht. Wir sind schon mitten im Prozess.
Position um Position wird von der extremen Rechten, die jetzt Israel beherrscht, ĂŒbernommen. Langsam. Sehr, sehr langsam.
ES FING direkt nach der Wahl im letzten Jahr an. Benjamin Netanjahu war in der Lage, eine Koalition der sehr Rechten zu bilden, wenn auch mit einer dĂŒnnen Mehrheit. Wie es so oft in den Annalen des Faschismus geschah, benötigte er dafĂŒr eine âZentrumâ-Partei. Er fand sie in der Form der Moshe-Kahalon-Fraktion. Kahalon, ein Ex-Likud-Mann war populĂ€r, weil er billige Wohnungspreise versprach. Stattdessen gingen die Wohnungpreise in die Höhe.
(Kahalon ist der LĂ€chelnde. Er ist sehr liebenswert. Ein Kolumnist verglich ihn mit der Cheshire-Katze, die Katze, die verschwand und nur ein LĂ€cheln hinterlieĂ. âNicht eine Katze mit einem LĂ€chelnâ sagte Alice im Wunderland, sondern ein LĂ€cheln mit einer Katzeâ. Aber er ist die Katze, die die Rechte an der Macht hĂ€lt, sogar jetzt.
Die neue Regierung schloss eine Mischung von unglaublichen Ernennungen ein. Die empörendste neue Ministerin ist Miri Regev, eine primitive Frau, die wegen ihrer stolzen VulgaritÀt bekannt ist und die nun Kultusministerin ist. Ich vermute selbst VulgaritÀt hat ein Recht, vertreten zu sein.
Frau Regev hat jetzt den Auftrag, den Regierungsetat an das Theater, an die Literatur, an das Ballett, die Oper und Àhnliches zu verteilen. Sie hat es schon klar gemacht, dass sie besser den Regierungsverpflichtungen nachkommt, wenn sie bezahlt werden wollen.
Ihr nĂ€chster Konkurrent ist die neue Justizministerin, Ayelet Shaked (buchstĂ€blich die Mandelgazelle). Ihr proklamiertes Ziel ist die Unterwerfung des Obersten Gerichtes, der Stolz Israels. Obwohl jetzt noch ganz schĂŒchtern, ist das Gericht gegen neue unterdrĂŒckende Gesetze. Deshalb wĂŒnscht Frau Mandel, dieses mit neuen âkonservativenâ Richtern zu besetzen.
Der gefĂ€hrlichste des Pulks ist der Minister fĂŒr Bildung und Erziehung â Naftali Bennett, einer der extremsten nationalistischsten-religiösen Politiker. Israel hat drei religiöse Bildungssysteme. Das einzige âsĂ€kulareâ System ist schon stĂ€ndig wĂ€hrend der Jahre der letzten Minister reduziert worden. Vertraut man Bennett, der von vielen als religiöser Faschist bezeichnet wird, die Bildung an, bedeutet dies den Bock zum GĂ€rtner zu machen.
Alle diese Minister, auch die anderen derselben Sorte, sind jetzt sehr eifrig dabei, die hohen Beamten mit Personen ihrer Ăberzeugung zu ersetzen, ein stĂ€ndiger und Ă€uĂerst gefĂ€hrlicher Prozess.
DANN SIND da noch die TorhĂŒter.
Eine der bedeutendsten Personen in Israel trĂ€gt den Titel âLegaler Berater der Regierungâ. Er ist der höchste legale Beamte, noch ĂŒber dem Staatsanwalt und unabhĂ€ngig vom Justizminister. Sein Rat ist rechtlich bindend und nur dem Obersten Gericht unterworfen.
Netanjahu hat mehrere persönliche rechtliche Probleme. Er und seine Familie sind in aller Welt gereist und zwar auf Kosten anderer Leute, wĂ€hrend er im Amt war. Dies und andere AffĂ€ren sind viele Jahre durch die rechtlichen Prozeduren aufgehalten worden – nach der Entscheidung des âBeratersâ.
Der letzte legale Berater, ein ehemaliger Richter, der von Netanjahu fĂŒr dieses Amt ernannt wurde, ist gerade von Netanjahu ersetzt worden durch – welch Ăberraschung !! – den RegierungssekretĂ€r Avihay Mandelblit, ein Kipa-tragender Anwalt, der Netanjahu so nah wie nur möglich steht.
Um die Sache sicher zu machen, wurde der Staats-RechnungsprĂŒfer, ein anderer sehr mĂ€chtiger Beamter in Israel, von der Knesset-Mehrheit nach den WĂŒnschen von Netanjahu gewĂ€hlt. Yosef Shapiro ist auch ein frĂŒherer Richter.
Warum diese zwei Positionen fĂŒr Netanjahu so wichtig sind, wird gerade jetzt deutlich. Das ganze Land ist fasziniert von mehreren FĂ€llen, in die Angestellte in der offiziellen Residenz des MinisterprĂ€sidenten bezeugten, dass Sarah Netanjahu unertrĂ€glich sei: sie schreit und ist eine hysterische MegĂ€re, die ihre privaten Ausgaben aus der offiziellen Staatskasse nimmt.
Um diesen Kreis vollstĂ€ndig zu machen gibt es den neuen Polizei-Kommandeur. Seit Jahren ist die hohe FĂŒhrung in einen Morast sexueller Anklagen und zusĂ€tzlich von Bestechungen geraten. Ein hoher Offizier hat Selbstmord begangen, mehrere andere sind rausgeworfen worden.
Welche Lösung wĂ€re besser, als einen AuĂenseiter, einen hohen Shin Bet (Geheimdienst) Angestellten? Eine brillante Idee, aber jetzt stellt sich heraus, dass die Polizei in noch gröĂeren Morast versinkt. In mehreren FĂ€llen haben Polizisten brutal und öffentlich Zivilisten geschlagen, Araber und Juden â aus keinem ersichtlichen Grund und erhielten den vollen RĂŒckhalt von Roni Alsheikh, ihrem neuen Oberkommandeur.
DIE ISRAELISCHEN Medien werden vom rechten FlĂŒgel als âLinkeâ, ein Bollwerk der âalten Eliteâ beschimpft, die die Rechten zu ersetzen geschworen haben.
Leider ist diese Beschreibung ganz falsch. Von den zwei gröĂeren Zeitungen, ist die eine Israel Hajom („Israel heute“) und gehört Netanyahu. Oder â um es genau zu sagen – Sheldom Adelson, einem amerikanischen Casino-Mogul, der freiwillige und groĂzĂŒgige Patron von Bibi ist. Die Zeitung, dessen einziger Zweck es ist, Netanjahu persönlich zu dienen, wird in riesigen Mengen gratis verteilt.
Das andere Massenblatt, Yediot Aharonot (âSpĂ€te Nachrichtenâ) versucht zu konkurrieren, indem sie noch weiter rechts ist.
Die einzige andere bedeutende Tageszeitung, Haaretz (âDas Landâ), die gegenĂŒber Netanjahu kritisch ist, ist bei weitem kleiner und in stĂ€ndiger wirtschaftlichen Not.
Israels drei TV-KanĂ€le sind eine intellektuelle WĂŒste. Abgesehen von den Nachrichten und einer winzigen Anzahl von QualitĂ€tsprogrammen, haben sie keinen Inhalt, sie sind hauptsĂ€chlich den âRealitĂ€tsâProgrammen gewidmet, die nichts mit der RealitĂ€t zu tun haben.
Wer ist verantwortlich? Warum, natĂŒrlich der Minister fĂŒr die Medien. Und wer ist das? Noch einmal – Welche Ăberraschung! – Kein anderer als eine Person, die den Namen Benjamin Netanjahu trĂ€gt.
Nach israelischem Gesetz kann der MinisterprĂ€sident selbst so viele Portfolios haben, wie sein Herz verlangt. Dies bedeutet augenblicklich, dass der Gegen-wĂ€rtige selbst einige hat, einschlieĂlich des AuĂenamtes und die Medien.
Seit Monaten haben die Medienleute Schwierigkeiten, nachts Schlaf zu finden. Alle drei TV-KanĂ€le benötigen RegierungsunterstĂŒtzung. Einige mutige TV- Persönlichkeiten wagen es, die Regierung offen zu kritisieren, ja sogar scharf, aber ihre Anzahl ist im Schwinden.
Als ich diese Woche im TV war, sagte ich meinem Interviewer, dass er und seine Kollegen in einem Jahr wahrscheinlich arbeitslos sein werden. Er lachte nervös und fragte: âWas, noch ein ganzes Jahr?â
Viele TV-Journalisten sind schon Rhinos (Das ist der Spitzname fĂŒr Leute, die sich der Regierung unterworfen haben, weil sie eine dicke Haut brauchen) geworden. Der Prozess der Rhinos-Werdung geht stĂ€ndig weiter.
UND JETZT kommt der Gnadenschuss in der Gestalt des Avigdor Ivett Lieberman.
Lieberman ist eine schreckenerregende Person. In ihrer Gegenwart wĂŒrde sogar ein Donald Trump zurĂŒckschrecken.
Ein Immigrant aus Sowiet-Moldawien, ein frĂŒherer Bar-Herauswerfer und spĂ€ter ein naher Helfer von Netanjahu. Er ist jetzt der extrem rechteste Politiker auf der BĂŒhne. Er schlug einmal vor, den Assuan-Damm in Ăgypten zu bombardieren (was viele Millionen Tote verursachen wĂŒrde) Das war eine seiner moderateren Ideen. Er hat die Armee fĂŒr zu schĂŒchtern gehalten und nannte Netanjahu (vor nicht langer Zeit) einen BetrĂŒger, eine Memme und einen Scharlatan.
Liebermann (ein ânetterâ Mann auf Deutsch) ist schlau. Es kann vermutet werden, dass er wenigstens fĂŒr einige Monate sich Ă€uĂerst moderat, friedensliebend und liberal verhĂ€lt. Schon in dieser Woche haben er und Netanjahu erklĂ€rt, dass sie eifrige AnhĂ€nger der âZwei-Staaten-Lösung fĂŒr zwei Volkerâ seien. Das ist als ob Mussolini in 1939 erklĂ€rt hĂ€ttee, er sei ein ergebener Pazifist.
Die bedrohende Konfrontation zwischen dem Verteidigungsminister und dem Generalstab könnte ein folgenschweres Ereignis werden: der Zusammenstoà zwischen einer unaufhaltsamen Macht und einem unbeweglichem Objekt.
Die âIsraelische Verteidigungsarmeeâ (IDF), die auch die Flotte und die Luftwaffe einschlieĂt, ist eine fast autonome Institution. Ihr offizieller Oberkommandeur ist aber die Regierung im Ganzen, die durch den Verteidigungsminister agiert.
Es ist eine gehorsame Armee. Nur selten hat sie sich offen der Regierung widersetzt. Ein solcher Fall war 1967, als der MinisterprĂ€sident Levy Eshkol zögerte, angesichts der wachsenden Ă€gyptischen MilitĂ€rdrohung auf der Sinai-Halbinsel. Eine Gruppe von GenerĂ€len drohten ihm mit kollektiver Resignation, falls er nicht den Befehl zum Angriff geben wĂŒrde. Er unterlag.
Es ist sogar noch schlimmer. Das Armeekorps der niedrigeren Offiziere und einfachen Soldaten, die im nationalen Bildungssystem erzogen wurden, mögen jetzt nÀher bei Lieberman stehen, als beim Stabschef.
Dies wurde zum Test beim kĂŒrzlichen Fall des Elor Azariya, dem Soldaten, der einen ernstlich verletzen PalĂ€stinenser, der auf dem Boden lag, erschoss. Viele Soldaten erklĂ€rten, dass Azariya ein Nationalheld sei.
Azariya hat jetzt vor einem MilitĂ€rgericht wegen Totschlags einen Prozess. Das Obere Armeekommando war unerbittlich angesichts der rechten Opposition. Und siehe da, wer stieĂ die betrĂ€chtliche Masse seines Körpers in den ĂŒberfĂŒllten Gerichtssaal? Avigdor Lieberman. Er kam um seine UnterstĂŒtzung fĂŒr den Angeklagten zu demonstrieren. Sogar Netanjahu beugte sich dem Druck und rief den Vater des Soldaten an, um seine UnterstĂŒtzung auszudrĂŒcken.
(Als wir den Killer im TV vor Gericht sahen, waren wir ĂŒberrascht, einen Jungen zu sehen, der verwirrt und orientierungslos dreinschaute mit seiner Mutter, die hinter ihm saĂ und seinen Kopf streichelte. Weh dem Staat, der eine tödliche Waffe in die HĂ€nde einer primitiven und unreifen Person gibt.)
Hier sind wir jetzt: die Regierung unterminiert die Armee und das Friedenslager setzt ihr Vertrauen in das Oberkommando.
Manche mögen jetzt zu einem Gott beten, an den sie nicht glauben, um einen MilitÀrputsch zu erbitten.
4. Juni 2016
(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)
