Paramilitärs morden wieder in ganz Kolumbien

Gewalt durch rechte Banden steigt in strategischen Zonen rasch an. Räumung der Bergbaugebiete soll Ziel sein. Staatliche Kräfte bleiben untätig

Basisorganisationen aus sechs Departamentos und aus der Hauptstadt von Kolumbien, Bogotá, haben in den letzten Wochen über 80 mutmaßlich politische Morde gemeldet. In die meisten betroffenen Gebiete waren im Laufe der letzten sechs Monate Paramilitärs massiver als zuvor eingedrungen, gemeinhin uniformiert und bewaffnet. Den Ermordungen waren Ankündigung in Form von Flugblättern, meistens von der Gruppe Los Urabeños, vorangegangen. Darin hieß es, dass sie Diebe, Drogensüchtige, Prostituierte aber auch Guerilla-Helfer töten würden. In einigen Fällen ordneten die Pamphlete am Abend eine Ausgangssperre an.

Viele Opfer waren Angehörige sozialer Bewegungen. So sind im Departamento Arauca Gil de Jesús Salgado von der regionalen Kleinbauernorganisation ACA und das Mitglied der linken Partei Unión Patriótica, Milton Yesid Escobar, am Donnerstag ermordet worden. In dem gleichen Gebiet sind im letzten Monat über 20 Menschen getötet worden. Vier Tage davor ist der Kleinbauer William Castillo, Mitglied des linken Bündnisses Marcha Patriótica, in der Region Bajo Cauca erschossen worden. Er war Gegner der Bergbau-Megaprojekte im Departamento Antioquia. Einen Tag davor haben Killer Klaus Zapata, Mitglied der Kommunistischen Jugend (Juco) und Friedensaktivist, in Bogotás armem Stadtviertel Soacha umgebracht.

Im westlichen Departamento Cauca sind allein in diesem Jahr 45 Menschen in einem Gebiet umgebracht worden, in dem Indigene und Bauern gegen die Enteignung von Ländereien durch große Bergbauunternehmen kämpfen. Einige der Opfer im letzten Monat waren Alexander Oíme, Maricela Tombé, Yardani Burbano und Hanner Sebastián Corpus Ramos, allesamt Angehörige der regionalen sozialen Bewegungen. Im nördlichen Departamento Córdoba beklage die lokale Bauernorganisation Ascsucor Ende Februar innerhalb einer Woche neun durch Paramilitärs Getötete. Diese sollen sich in der Öffentlichkeit mit scheinbar nagelneuen Gewehren gezeigt haben.

Ebenso gehen Paramilitärs in der Region Alto Ariari im mittleren Departamento Meta in Dörfern auf Streife, in denen auch bewaffnete staatliche Kräfte präsent sind. Im Gemeindekreis Granada ist von einer "Gewaltwelle" die Rede. Weiter südlich, im Departamento Putumayo, sind Anfang März acht Menschen innerhalb von 40 Stunden umgebracht worden. Insgesamt sollen Paramilitärs dort in diesem Jahr 20 Personen hingerichtet haben, die vorher durch Flugblätter bedroht worden waren.

Die Morde und die Verteilung von Pamphleten, die eine "soziale Säuberung" ankündigen und Menschen mit "schlechten moralischen Prinzipien" zu militärischen Zielen erklären, die die freie Bewegung der Einwohner begrenzen und die Hinrichtung von "Unschuldigen" als möglich darstellen, seien eine Vertreibungsstrategie, sagt die grüne Abgeordnete von Putumayo, Yury Quintero. Dieses Verfahren werde angewandt, "damit die Leute ihre Territorien verlassen" und so Platz für Megaprojekte zur Erdölförderung machen, führte Quintero aus.

So bedroht ein Flugblatt der Gruppe "Bloque Capital" die Gemeinden der "bäuerlichen Schutzzone" (Zona de Reserva Campesina) von Putumayo, deren Ländereien Kollektiveigentum und vom Gesetz geschützt sind. Gleiche Erklärungen gibt die Umweltschutzorganisation CIMA für die Morde und Drohungen im Departamento Cauca. Die "Verteidigung der Territorien" berühre "sehr mächtige Interessen, die mit dem legalen und illegalen Bergbau verbunden sind", versichert ein Mitglied von CIMA. Das gleiche gilt für die Region des Bajo Cauca in Antioquia, wo Willian Castillo ermordet wurde und seit Februar über 600 Familien vertrieben wurden.

Ein weiterer Grund der raschen Reaktivierung der Paramilitärs soll angesichts der zukünftigen Entwaffnung der FARC-Guerilla die Aneignung ihrer Zonen sein, wie der linke Senator Iván Cepeda vermutet.

Darüber hinaus kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Untätigkeit der lokalen Sicherheitskräfte. Nachdem Einwohner von Alto Ariari auf die Präsenz der Paramilitärs hingewiesen haben, versicherte der Kommandant des örtlichen Infanteriebataillons, es handele sich nicht um eine bewaffnete Gruppe, sondern nur um normale Verbrecher, berichtet die ökumenische Kommission Justicia y Paz. Ebenso seien laut Sicherheitskräften die in Putumayo erschienenen Flugblätter nur eine Idee, auf die "irgendjemand einfach so kam", so Quintero.

Erstveröffentlichung auf Portal amerika21.de