Bestandsaufnahme: Stuttgart ohne 21
Die Rede von Matthias von Herrmann, ParkschĂŒtzer, am 3. August 2015 auf der 282. Stuttgarter Montagsdemo der Demokratiebewegung gegen das urbane staatlich-kommerzielle Umbauprogramm „Stuttgart 21“ (S21).
Liebe unverzagte Mitdemonstranten, seit Jahren dominiert der unterirdische Tunnelbahnhof S21 die Politik in Stuttgart und Umgebung; die zum Teil grotesken Planungsfehler und absurden Pannen sowie die immer neuen Zumutungen fĂŒr uns BĂŒrger bestimmen das Geschehen in unserer Stadt. Denken und Handeln wurde nach und nach durch das Dogma âStuttgart 21â ersetzt. Man könnte meinen, wir hĂ€tten sonst keine Probleme.
Dabei gibt es genĂŒgend drĂ€ngende Probleme, mit denen wir BĂŒrger uns tagtĂ€glich konfrontiert sehen:
– Problem Nr. 1 ist das Thema MobilitĂ€t, denn Stuttgart ist von der Avantgarde der MobilitĂ€t zur Stau-Hauptstadt verkommen: Zwar werden in Stuttgart immer noch Weltklasse-Autos und modernste Technik entwickelt, aber die MobilitĂ€t fĂŒr uns BĂŒrger ist bestimmt von S-Bahn-Chaos, Dauerstau und Stadtbahnsperrungen. Statt dessen benötigen wir ein zeitgemĂ€Ăes Verkehrskonzept, das den Herausforderungen der Wirtschaftsregion Stuttgart gewachsen ist. Ein Verkehrskonzept, das den GroĂraum Stuttgart fĂŒr uns BĂŒrger kostengĂŒnstig und leistungsstark erschlieĂt.
– Als nĂ€chstes erinnere ich an das eklatante Feinstaubproblem der Stuttgarter Innenstadt. Dies ist inzwischen sogar bis BrĂŒssel ruchbar geworden â Wir Stuttgarter BĂŒrger sagen seit Jahren, dass die LebensqualitĂ€t in unserer Stadt unter der schlechten LuftqualitĂ€t und unter dem VerkehrslĂ€rm leidet.
– Kommen wir zum dritten drĂ€ngenden Problem, zum âDach ĂŒberm Kopfâ: Wohnungen in Stuttgart sind Mangelware, die Mieten sind hoch, an Hauskauf ist kaum zu denken mangels Angebot und der soziale Wohnungsbau der Stadt ist praktisch nicht existent.
– Dies trĂ€gt erheblich dazu bei, dass Armut und soziale Ungerechtigkeit in unserer eigentlich reichen Stadt immer weiter um sich greifen.
Vier drĂ€ngende Probleme als: MobilitĂ€t, Feinstaub und LĂ€rm, Wohnen und soziale Gerechtigkeit. Als BĂŒrger erwarte ich, dass unsere BĂŒrgermeister und GemeinderĂ€te sich der Lösung dieser Probleme annehmen; der MaĂstab fĂŒr gute oder schlechte Politik, fĂŒr gute oder schlechte Projekte muss doch sein, ob sie unsere tatsĂ€chlichen Probleme mindern: Werden MobilitĂ€t und LebensqualitĂ€t verbessert, wird bezahlbarer Wohnraum und mehr soziale Gerechtigkeit geschaffen?
Leider scheinen sich viele unserer gewĂ€hlten Volksvertreter dem Tunnelprojekt Stuttgart 21 mehr verpflichtet zu fĂŒhlen als dem Allgemeinwohl und der Lösung dieser realen und ganz konkreten Probleme. Implizit oder explizit ist die PrĂ€misse âes muss mit S21 vereinbar seinâ allgegenwĂ€rtig â die Diskussion, oder besser gesagt die Nicht-Diskussion rund um die drohenden Stadtbahnsperrungen fĂŒr S21 hat dies ĂŒberdeutlich gezeigt: Die erste Reaktion auf unsere Stadtbahn-Kampagne war: âDas thematisieren Sie ja nur, weil sie gegen S21 sindâ. Die Frage, ob etwas der Stadt nutzt oder eher schadet, will keiner hören. Die Frage, ob Stadtbahnsperrungen im angekĂŒndigten AusmaĂ abzulehnen sind, stellt OB Kuhn schon gar nicht mehr. Und er ist Aufsichtsratsvorsitzender bei der Stuttgarter StraĂenbahnen AG, er sitzt am dichtesten dran, er kontrolliert die SSB. Und genau das erwarte ich von den verantwortlichen Politikern: im Interesse der BĂŒrger Dinge in dieser Stadt zum besseren wenden, Schaden von den BĂŒrgern abhalten statt alle Entscheidungen nur vom Tunnelprojekt S21 abhĂ€ngig zu machen.
Stuttgart 21 wird von der Politik und von den Medien gerne als das groĂe Infrastrukturprojekt in Sachen MobilitĂ€t dargestellt. Aber dieses Megaprojekt löst keines der beschriebenen MobilitĂ€tsprobleme in Stuttgart. Im Gegenteil, Stuttgart 21 verschĂ€rft die Lage erheblich:
– Im geplanten Bahnhof S21 fahren weniger ZĂŒge als im bestehenden Kopfbahnhof, das ist RĂŒckschritt statt Fortschritt.
– Das S-Bahn-Chaos, das wir seit den S21-Bauarbeiten im Gleisvorfeld erleiden und das immer schlimmer wird, kennen viele von Ihnen aus der tĂ€glichen Anschauung. der Verband Region Stuttgart als Auftraggeber des S-Bahn-Verkehrs tut ĂŒbrigens nichts dagegen, im Gegenteil: er erlĂ€sst der Bahn bis zur Fertigstellung von S21 die Strafzahlungen fĂŒr verspĂ€tete S-Bahnen. Voll am Interesse der BĂŒrger vorbei, ganz im Sinne des neuen Dogmas âS21â.
– Stuttgart 21 bringt auĂerdem noch mehr Stau auf den StraĂen durch zahllose LKW, durch Fahrbahnverengungen und durch Baustellen gerade hier mitten in der Stadt.
Auch das Feinstaubproblem wird durch S21 weiterhin verschĂ€rft: Im Talkessel haben wir noch schlechtere Luft, seit die Innenstadt-Lunge Schlossgarten zum groĂen Teil abgeholzt ist. AuĂerdem bekommen wir mehr Feinstaub durch Baumaschinen und LKW ab, S21-BaulĂ€rm belĂ€stigt die Anwohner. Und seit die S-Bahn im Chaos untergeht sowie Rad- und FuĂwege abgeschnitten sind, fahren wieder mehr Menschen mit dem Auto, was die Feinstaubwerte weiter nach oben treibt.
Doch auch hier tut die zustĂ€ndige Politik nichts, selbst jetzt, wo Stadt und Land grĂŒn regiert werden. Ăber die dringend notwendige zweite Stammstrecke fĂŒr die S-Bahn spricht niemand. Wo bleibt das grĂŒne Credo fĂŒr eine autofreie und dadurch lebenswerte Innenstadt?
Landesverkehrsminister Hermann kann sich Fahrverbote als MaĂnahme gegen Feinstaub vorstellen. Aber, wie ich erfahren habe, wurde die Diskussion ganz schnell wieder eingestellt, weil das Thema Fahrverbote nicht gut ankam. Ja, wo bleibt denn da der politische Wille und die öffentliche politische Diskussion? Wo bleibt das politische Handeln im Interesse der betroffenen BĂŒrger? Und als letztes frage ich: wer ist wohl schlimmer betroffen: die Anwohner in der Innenstadt, bei denen das Feinstaub-Gift
ĂŒber die Lunge ins Blut gelangt oder die Menschen, deren Autos genau dieses Feinstaub-Gift ausstoĂen? Aber wie wir gesehen haben, sind die Autofahrer ja wiederum ans Auto gefesselt, da die Region Stuttgart kein vernĂŒnftiges Verkehrkonzept hat und die S-Bahn im Chaos versinkt. So schadet die eine Bevölkerungsgruppe der anderen, weil sie selbst geschĂ€digt ist, und die verantwortlichen Politiker tun gegen keines dieser eklatanten Probleme etwas â weil ja Stuttgart 21 protegiert werden muss.
Kommen wir zum dritten drĂ€ngenden Problem in Stuttgart, dem Dach ĂŒberm Kopf. Sie alle wissen es: Wohnraum in Stuttgart ist knapp, egal ob zur Miete oder zum Kauf. 8.000 bis 16.000 Wohneinheiten fehlen in der Stadt. Das wissen auch die GemeinderĂ€te. Doch es geschieht nichts, Sozialwohnungen werden nicht gebaut, AntrĂ€ge von SĂS-Linke zum Thema werden nicht als Anlass genommen, endlich an dieser schlimmen Situation etwas zu Ă€ndern. Statt dessen kauft die Stadt ihm Rahmen von S21 vollkommen ĂŒberteuerte FlĂ€chen von der Bahn, mit denen sie Jahrzehnte lang erst nichts anfangen kann: Im besten aller denkbaren FĂ€lle können auf den FlĂ€chen in 20 Jahren Wohnungen entstehen â aber bestimmt keine Sozialwohnungen fĂŒr unterprivilegierte Stuttgarter BĂŒrger. Doch gerade das ist dringend notwendig â und zwar heute.
Doch was tut OB Kuhn? Er tritt eine angebliche BĂŒrgerbeteiligung los ĂŒber das sogenannte Rosensteinviertel, dessen Zukunft vollkommen in den Wolken liegt. Wenn die Stuttgarter Netz AG ihre Klage gegen die Bahn gewinnt, wird es das Rosensteinviertel nie geben, denn dann werden die Gleise nicht abgebaut werden dĂŒrfen, dann werden im Stuttgarter Kopfbahnhof oberhalb der S21-Baustelle weiterhin ZĂŒge ebenerdig verkehren. Daher ist diese Diskussion eine reine Phantomdiskussion, eine Kuhnsche Seifenblase aus der grĂŒnen Soap-Opera, die seit bald drei Jahren hier im Rathaus aufgefĂŒhrt wird, ohne Inhalt, ohne Sinn und Verstand.
Was erwarte ich von Fritz Kuhn als Stadtoberhaupt? Ich erwarte, dass er sich um das Wohnraumproblem in Stuttgart engagiert kĂŒmmert anstatt der engagierten BĂŒrgerschaft Rosenstein-Sand in die Augen zu streuen. Es muss endlich Schluss sein mit der MĂ€r vom S21-bedingten Immobiliensegen fĂŒr die Stuttgarter BĂŒrger. Wir brauchen einen Immobiliensegen ohne Stuttgart 21, Herr Kuhn!
Und damit sind wir beim letzten, ĂŒbergreifenden Thema, bei der sozialen Gerechtigkeit, die in Stuttgart immer weiter den Nesenbach hinunter geht. Ein gutes Beispiel dafĂŒr ist die EinfĂŒhrung von sogenannten Pfandringen an MĂŒlleimern im Hospitalviertel: In die Plastikringe um die MĂŒlleimer soll man seine Pfandflaschen oder Coladosen stecken statt sie in den MĂŒlleimer zu werfen, damit die Ărmsten der Stadt, die auf das Sammeln von Pfandflaschen angewiesen sind, es leichter haben, an die Flaschen zu kommen. Das ist doch Zynismus pur! Statt dass es eine Diskussion ĂŒber die Verbesserung der sozialen VerhĂ€ltnisse in der Stadt gibt, werden Pfandringe aufgestellt. Beruhigen so die GemeinderĂ€te ihr schlechtes Gewissen? Und parallel dazu geben die gleichen GemeinderĂ€te jĂ€hrlich 600.000 EUR fĂŒr die S21-Werbung aus. Da wĂ€re es doch ein Leichtes, mit diesem Geld soziale Projekte fĂŒr die Armen der Stadt durchzufĂŒhren, damit diese auf andere Gedanken kommen als nur an leere Pfandflaschen zu denken.
Die genannten vier Probleme erscheinen mir die dringendsten zu sein, es gibt aber viele mehr, die ich noch gar nicht angesprochen habe. Die Liste dessen, was man zur Lösung allein der genannten Probleme tun könnte, lieĂe sich ebenfalls noch lange fortsetzen. Es gibt in unserer Stadt nĂ€mlich viele Schubladen voll mit guten Ideen und VorschlĂ€gen, nur an der Umsetzung hapert es, da tritt das Projekt Stuttgart 21 immer wieder wie ein groĂer Bremsklotz fĂŒr freies Denken auf.
Soll sich die Bahn doch weiterhin an ihrem schiefen Projekt versuchen, wenn Kanzlerin Merkel es will. Aber was gar nicht geht, das sind gewĂ€hlte Volksvertreter, also BĂŒrgermeister, GemeinderĂ€te, Landtagsabgeordnete und Minister hier in Stadt und Land, die sich um die wahren Probleme der Bevölkerung nicht kĂŒmmern, die sogar die tatsĂ€chlichen Probleme regelrecht ignorieren und statt dessen Merkels S21-Projekt pĂ€ppeln.
Doch eigentlich haben wir die besten Voraussetzungen, um die genannten Probleme tatsĂ€chlich zu lösen. In der Region mangelt es weder an Kompetenz in Sachen MobilitĂ€t und Verkehrsplanung noch an hochkarĂ€tigen Stadtplanern und Architekten. Stuttgart ist eine reiche und wirtschaftlich starke Stadt. In der Region haben wir eine unglaubliche Konzentration an Hochtechnologie und an FachkrĂ€ften. Wir haben sogar eine grĂŒne Landesregierung und einen grĂŒnen OB. Herr Kuhn und Herr Kretschmann, befreien Sie sich endlich vom Dogma namens Stuttgart 21 und setzen Sie die Ideale Ihrer WĂ€hler um: eine sozial-ökologische Vorreiterregion mit tollem Verkehrskonzept, mit gelebter sozialer Gerechtigkeit, eine Region, die weiterhin oben bleibt!
