„Das Problem ist das System, auch bei den Gremien“
Die Rede von Andreas KegreiĂ, Fahrgastverband Pro Bahn e. V., auf der gestrigen 251. Montagsdemo der BĂŒrgerbewegung gegen „Stuttgart 21“ (S21). Die Rede trĂ€gt den Titel „S-Bahn zwischen Anspruch, Ignoranz und Wirklichkeit â und was das mit S21 zu tun hat“
Liebe Freunde, liebe Rechthaber, weil ihr das Projekt zu kritisch begleitet, liebe S-Bahn-Fahrer,
âJa, mach nur einen Plan! Sei nur ein groĂes Licht! Und mach dann noch ânen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.â
Dieses Brecht-Zitat beschreibt zutreffend die Situation, in der sich die S-Bahn hier in der Region befindet. Es beschreibt den Versuch, die VerspÀtungen in den Griff zu bekommen, das Geschachere um den Filderbahnhof Plus und vieles mehr.
TĂ€glich wird uns schonungslos aufgezeigt, dass der Anspruch, nach Fahrplan zu fahren, nicht zur Wirklichkeit passt. Die S-Bahn ist so unpĂŒnktlich wie nie zuvor. Die GrĂŒnde sind unterschiedlich,
und ganz lassen sich Störungen nicht vermeiden. Interessant ist aber, dass die Deutsche Bahn auf der Homepage im Textteil bei den ErklĂ€rungen zur PĂŒnktlichkeit die mutwilligen âEingriffe in den
Bahnverkehrâ und âPersonen im Gleisâ noch vor den âInfrastrukturproblemenâ nennt, die nun mal ganz offensichtlich fĂŒr immer mehr GroĂstörungen verantwortlich sind. Dazu kommt der neue
Triebwagen ET430 mit den verlĂ€ngerten TĂŒröffnungszeiten, ĂŒbersensiblem SchlieĂvorgang und 6 cm mehr an Einstiegshöhe, was fĂŒr Rollstuhlfahrer auch bei ausfahrbarem Schiebetritt zu hoch ist, und
dennoch die Rampe angelegt werden muss. In der Hauptverkehrszeit ist das System bereits instabil.
S21 ist dabei direkt das Fehlen von Redundanzen im System und EinschrĂ€nkungen durch BaumaĂnahmen zuzuschreiben. So hatten beispielsweise VerĂ€nderungen der Gleisbelegung im Kopfbahnhof
Auswirkungen auf die FahrstraĂen nach Bad Cannstatt, was sich aber durch Verlagerungen auf die Fernbahngleise beheben lĂ€sst. Der kurze Mischverkehr von unter zwei km ist eben nicht so problematisch wie von der Pro Seite propagiert.
Wegen falscher Priorisierung auf S21 wurde in der Region Stuttgart die Instandhaltung hintangestellt. Das Kleinreden, das Ignorieren von Problemen erinnert an S21, es sind ja auch dieselben Macher. In einem Argumentationspapier fĂŒr S21 schreibt der Verband Region Stuttgart (VRS): âWeil die S-Bahnen, die aus Richtung Feuerbach und Bad Cannstatt kommen, auf âeigenenâ Gleisen zum Hauptbahnhof fahren, wird die FahrplanstabilitĂ€t der S-Bahn besser.â Das Gegenteil ist der Fall, aber so konnte man das Problem auch etwas aussitzen.
Anstatt endlich wirksame MaĂnahmen einzuleiten â das 15-Punkte-Papier des VCD (Verkehrsclub Deutschland) ist noch nicht mal hinreichend bewertet â veranstaltet der VRS bald wieder einen wei-
teren âS-Bahn Gipfelâ, bei dem wieder AbsichtserklĂ€rungen begrĂŒĂt werden wollen. Im Juni 2014 wurde dort noch berichtet:
âVerbesserungen bei PĂŒnktlichkeit und VerspĂ€tungsminuten im 1. Halbjahr 2014 zeigen erste positive Wirkungen der MaĂnahmen.â
Dabei zeigt der Blick von den bisherigen Gipfelhöhen hinab in die Niederungen des tĂ€glichen Betriebes, dass trotz schlagzeilentrĂ€chtiger Versprechen und Beteuerungen der Bahn die tatsĂ€chliche BetriebsqualitĂ€t nur noch schlechter wurde. Als Fahrgastverband wurden wir bisher dazu nicht eingeladen, auch wenn Frau Dr. Schelling den VVS-(Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart)-Fahrgastbeirat bei der letzen Sitzung als âganz wichtiges Gremium fĂŒr die Handhabung des ĂPNVâ bezeichnete, unser Interesse an einer Teilnahme aber doch nicht kannte. Auch jetzt sind wir noch nicht eingeladen.
Zur S-Bahn-PĂŒnktlichkeit: Seit dem Jahr 2005 stieg die 3-Minuten-UnpĂŒnktlichkeit in der Hauptverkehrszeit von 11,3 auf heute ĂŒber 25 Prozent an. Die S1 hatte im November laut der Internet Plattform âS-Bahn-Chaos.deâ gar einen UnpĂŒnktlichkeitswert von 45 Prozent â mit der Folge, dass viele AnschlĂŒsse verloren gehen. So funktioniert in Herrenberg in der Hauptverkehrszeit mindestens jeder zweite Anschluss nicht mehr, offizielle Zahlen gibt es nicht. An vielen Umsteigepunkten macht sich Resignation breit, auch bei den Mitarbeitern im DB-Reisezentrum.
Trotzdem schĂ€men sich verantwortliche Mitarbeiter des S-Bahn-Betreibers DB Regio nicht, noch Mitte 2014 beim S-Bahn-Gipfel und im VVS-Fahrgastbeirat davon zu berichten, dass man mit der bestehenden 6-Minuten-GesamtpĂŒnktlichkeit von immer noch ĂŒber 95 Prozent bei der ZĂŒricher S-Bahn sogar einen Bonus erhalten wĂŒrde. Dass die ZĂŒricher nach Personen gewichtet messen, verschweigt man lieber. Mit der PĂŒnktlichkeit ging es seither weiter bergab, im Oktober und November war dann auch diese unter 95 Prozent. Ein grundsĂ€tzlich positiver Ansatz des Ausbaus von P&R-ParkplĂ€tzen geht dem Problem im Ăbrigen auch nicht auf den Grund. Obwohl der S-Bahn-Karren bereits im Dreck steckt, wird durch S21 zwangsbedingt weiter daran
festgehalten, die StabilitĂ€t in Zukunft zu belasten. Ein zusĂ€tzlicher Halt MittnachtstraĂe kann ohne Linientausch nicht im Fahrplan untergebracht werden, ein Notfallkonzept ohne GĂ€ubahn-Panoramatrasse ist nicht brauchbar. Und dann gibt es noch das Problem auf den Fildern, das sich auch nicht ohne erhebliche Umplanungen lösen lĂ€sst.
Derzeit ĂŒberprĂŒft Herr Steinborn von der TU Dresden etwas, was eigentlich gar nicht untersucht werden darf. Ob bei einer Verschiebung der S-Bahn um zwei Minuten ab Rohr ein Trassenkonflikt mit dem vom Flughafen entgegenkommenden RE behoben werden kann. Das ist so kompliziert, dass das Ergebnis erst Ende Februar 2015 vorliegen soll. Dass jetzt möglicherweise der S-Bahn Takt wegen Engstellen bei S21 verschoben werden muss, ist ungeheuerlich. Im Stresstest war uns eine Minute untergeschoben worden, das noch mit dem Hinweis, dass das nur ein Beispiel fĂŒr einen Fahrplan sei. Weil diese Minute den Berechnungen durch Herrn Steinborn nicht standgehalten hatte und auch deshalb die DB in der Erörterung ihr Debakel erlebte, wurde auf
den finalen Nachsimulationslauf verwiesen, wo eine Minute mehr an Zeitabstand vorgesehen sei.
FĂŒr einen Kilometer von Vaihingen nach Rohr sollen also dann vier Minuten statt jetzt zwei gebraucht werden. So kann man das System auch an die Wand fahren, denn in Böblingen und Herrenberg können Nebenbahnen nicht zwei Minuten lĂ€nger warten. Was macht da nur die DB? Die Ammertalbahn wird von einer Tochtergesellschaft der DB Regio betrieben, S-Bahn von DB Regio und DB Netze plant den Murks. Sucht sie etwa die Flucht aus dem Markt? Der VRS verteidigte als AufgabentrĂ€ger der S-Bahn den Mischbetrieb der Strecke zwischen Rohr und Flughafen immer vehement. Verbandsdirektor Wurmthaler verwies mehrfach auf das Ergebnis des Stresstests, bei dem die StabilitĂ€t der S-Bahn aber nicht einmal formell ausgewertet worden war. Ein solches Programm entspreche dem S-Bahn-Standard nicht nur in Stuttgart, sondern in allen anderen deutschen S-Bahn-Netzen. Oder DB Netze, Herr Kaspar, als Bereichsleiter zustĂ€ndig fĂŒr den Fahrplan auf den Fildern im letzten Jahr in Leinfelden:
âIch weiĂ nicht, was da auf der Filderstrecke anders sein soll, als im Remstal. Dort sind die RE-ZĂŒge zu 97% pĂŒnktlich, dort fĂ€hrt ein Ă€hnliches Angebot, wie es fĂŒr die Fildern geplant ist.â
Herr Kaspar war es auch, der Herrn Steinborn die angefragten aktuellen Fahrplandaten nicht zukommen und die erste Untersuchung so formell ins Leere laufen lieĂ. Oder Herr Bitzer, er wunderte sich in der vergangenen VVS-Fahrgastbeiratssitzung, warum man denn diesen Mischbetrieb auf den Fildern so genau analysiere und so stark kritisiere, bei anderen S-Bahn-VerlĂ€ngerungen, die teilweise auch im Mischbetrieb erfolgt seien, war das doch auch nicht so.
All diese Relativierungen zeugen von Ignoranz, denn alle mĂŒssten um die besondere Problematik der Kombination von EngpĂ€ssen im Filderbereich wissen, S21 verblendet offensichtlich die Wahr-nehmung. Wer so plant oder Planungen unterstĂŒtzt, provoziert das Chaos und nimmt billigend weitere SchĂ€digungen des S-Bahn-Systems in Kauf.
Und so kommt man auf einen zweiten Plan, den Filderbahnhof Plus. Schnell umsatteln, bevor sich die Antragstrasse offiziell als nicht fahrbar herausstellt. Ăber den Flughafen mĂŒsse man mit der GĂ€ubahn aber unbedingt fahren. Die CDU im Land erklĂ€rte in einer Resolution zum Filderdialog die TrassenfĂŒhrung mit direktem Anschluss der GĂ€ubahn als nicht verhandelbare PrĂ€misse des Projekts Stuttgart 21, âeine zentrale Investition in die ZukunfsfĂ€higkeit unseres Landesâ. Dabei wĂ€re eine Resolution fĂŒr einen stabilen S-Bahn-Betrieb wichtig, eine Resolution gegen zusĂ€tzlichen Mischbetrieb, fĂŒr den Erhalt der GĂ€ubahn auf der Panoramatrasse mit Halt in Vaihingen. Aber auch hier ist die Wahrnehmung verschoben.
Der Nachweis einer LeistungsfĂ€higkeit fĂŒr den Filderbahnhof Plus wird dabei bislang nicht erbracht, weder den VRS, der sich immer noch auf den Stresstest bezĂŒglich der Fahrbarkeit beruft, noch die S21-Parteien interessiert dies wirklich. Im Lenkungskreis im Oktober 2012 war zum Filderbahnhof Plus noch prĂ€sentiert worden:
âBisher wurde der Grundtakt (26 ZĂŒge) eisenbahnbetrieblich untersucht, der Stresstestfahrplan (49 ZĂŒge) wird derzeit konstruiert.â
Ein Ergebnis gibt es hier aber immer noch nicht.
Ich habe dazu Herrn Martin Körner, den SPD-Fraktionsvorsitzenden in Stuttgart gefragt, ob denn die SPD diesen Nachweis habe, wenn sie sich schon so einsetze. Er verwies auf die klare Trennung zwischen der S-Bahn auf der einen und dem Fern- und Regionalverkehr auf der anderen Seite. Es lĂ€ge damit auf der Hand, dass sich die LeistungsfĂ€higkeit im Vergleich zur Antragstrasse nochmals verbessere. Fakt ist aber, dass dann nur noch zwei Gleise fĂŒr den Regional- und Fernverkehr zur VerfĂŒgung stehen und ein im S-Bahn-Terminalbahnhof verwendeter GĂ€ubahn-Puffer â zwei ZĂŒge warten da vier Minuten â nicht mehr genutzt werden kann. So geht vorrausschauende Planung nun wirklich nicht. Ein Mitarbeiter sagte mir am SMA-Stand der InnoTrans (Bahn Fachmesse in Berlin):
âWenn 100% ein normales MaĂ sind, plant die DB so mit 90%, die Schweizer mit extra Puffer, mit 110%.â
S21 ist auf Kante genĂ€ht, und die S-Bahn ist mitten drin. Das Problem ist das System, auch bei den Gremien. Es gibt zwar einen kritischen VVS-Fahrgastbeirat, der aber nicht öffentlich tagt, und dessen Sitzungsleitung einer der VVS-GeschĂ€ftsfĂŒhrer innehat. Nach auĂen treten dĂŒrfen wir nur in Abstimmung mit dem VVS. Heikle Themen wie âWelche SchlĂŒsse zieht der VRS aus der Erörterung zu PF1.3â werden kurz gehalten und im Protokoll ganz weggelassen. Im Protokoll sollen offensichtlich kritische Punkte â ebenso wie beim IHK Verkehrsausschusses â nicht erscheinen. Bei der IHK werden kritische Wortmeldungen nicht mal auf Antrag ins Protokoll aufgenommen, ein entsprechender Antrag dazu war abgelehnt worden. Wer so Probleme ignoriert und es faktisch damit ausschlieĂt, dass diese ihren Adressaten ĂŒber ein Protokoll direkt finden, muss schon sehr von Angst getrieben sein.
Es lÀuft eben nicht rund, es knirscht.
Nutzt in dieser Situation wenigstens eure Fahrgastrechte, die Service bzw. MobilitĂ€tsgarantie, diese Sprache wird sehr gut verstanden. In einem Beitrag des Magazins NEMO (Neue MobilitĂ€t Region Stuttgart), herausgegeben von der Region Stuttgart, wird MobilitĂ€t in Echtzeit gar als neues LebensgefĂŒhl bezeichnet. Ich halte es da lieber mit Herr Prof. Steinborn, der Verbesserungen einfordert, einen pĂŒnktlichen Betrieb zum Beispiel. Wie sagte er so oft so schön?
âWir wollen doch besser werden.â
So ist es. OBEN BLEIBEN.
