„Kissinger-Professur“ stiftet Unruhe an Uni Bonn

Studierendengremien kritisieren Stiftungsprofessur zu Ehren des ehemaligen US-Außenministers. Kritiker betonen Rolle bei Chile-Putsch 1973

An der UniversitĂ€t Bonn sorgt die geplante Einrichtung eines von der Bundesregierung finanzierten Lehrstuhls zu Ehren des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger fĂŒr zunehmende Kritik. Die Leitung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t hatte Ende Mai bekanntgegeben, eine entsprechende Stiftungsprofessur „fĂŒr Internationale Beziehungen und Völkerrecht“ einzurichten. Dagegen hatten sich bereits lokale Initiativen, Nichtregierungsorganisationen sowie Wissenschaftler ausgesprochen. Nun haben auch studentische Vertretungen Namensgebung und Finanzierung des geplanten Lehrstuhls in deutlichen Worten beanstandet.

Die Entscheidung zur Einrichtung der Stiftungsprofessur sei „völlig unverstĂ€ndlich“, heißt es in einer ErklĂ€rung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Uni Bonn. „Gegen Kissinger werden bis heute schwere Anschuldigungen erhoben, fĂŒr Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich zu sein“, erklĂ€rt das Gremium. Bis zum heutigen Tag seien Gerichtsverfahren in mehreren LĂ€ndern anhĂ€ngig, denen sich der Namensgeber nie gestellt habe. „Diese Verweigerungshaltung gegenĂŒber den Versuchen gerichtlicher AufklĂ€rung, unterstreichen die kontroverse Rolle Kissingers“, sagte die AstA-Vorsitzende Alena Schmitz: „So lange die bestehenden Beschuldigungen nicht restlos ausgerĂ€umt werden, ist die beabsichtigte akademische Ehrung nicht akzeptabel.“

Auch das Studierendenparlament bezeichnet es in einem Mehrheitsbeschluss als „fraglich, ob Henry Kissinger aufgrund der von ihm verantworteten Politik als Vorbild fĂŒr Wissenschaft und Lehre des Völkerrechts geeignet ist“. Aufgrund des Finanzierungsmodells – eine Viertel Million Euro kommen vom Verteidigungsministerium, weitere 50.000 Euro von AuswĂ€rtigen Amt – zeigte sich das Studierendenparlament besorgt um die Freiheit von Wissenschaft und Lehre. Die UniversitĂ€t mĂŒsse „Maßnahmen (…) ergreifen, welche die UnabhĂ€ngigkeit der Forschung und Lehre von Stiftungsprofessuren sicherstellt“. Dazu gehöre ein transparentes Verfahren bei Berufung und Fragen der inhaltlichen Ausrichtung. Hinzu komme die notwendige Offenlegung der VertrĂ€ge zwischen Stiftern und der UniversitĂ€t.

Die Professur war nach Angaben der UniversitĂ€t durch eine unilaterale Entscheidung der Bundesregierung ermöglicht worden. Sie sei von „Verteidigungsminister De MaiziĂšre und Außenminister Westerwelle (…) beschlossen“ worden, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Rektor der UniversitĂ€t Bonn, JĂŒrgen Fohrmann, zeigte sich davon ĂŒberzeugt, dass die „Henry-Kissinger-Professur“ einen neuen Akzent auf dem Gebiet der internationalen Sicherheitspolitik setzt. Die Gegner des Vorhabens bezeichnen das als zynisch und makaber. Sie verweisen auf die UnterstĂŒtzung Kissingers fĂŒr die MilitĂ€rputschisten in Chile 1973. Der US-britische Journalist Christopher Hitchens hatte Verbindungen Kissingers zu schweren Menschenrechtsverbrechen dokumentiert und 2001 in Buchform veröffentlicht, der britische Guardian veröffentlichte damals Vorabdrucke zum Chile-Teil.

Die Studierendenvertretungen der Uni Bonn fĂŒhren ein Zitat Kissingers aus dem Jahr 1975 an. Damals sagte er in Ankara: „Das Illegale machen wir sofort, was gegen die Verfassung verstĂ¶ĂŸt, dauert etwas lĂ€nger.“

Quelle: http://amerika21.de/2013/11/92626/kissinger-protest-bonn