Die Frauen der Klagemauer
ES GAB einmal einen israelischen Mann,†‬der von Zeit zu Zeit ein Blatt Papier nahm und dieses in die Spalten zwischen die Steine an der Klagemauer†(‬Westmauerâ€)‬ legte und Gott so um VergĂĽnstigungen bat†–‬ wie es Juden seit Jahrhunderten taten.†‬Sie glauben,†‬dass die Himmelstore direkt ĂĽber der Mauer sind und so die Nachricht bzw.†‬Bitte schnell ihr Ziel erreicht.â€
Der Mann fragte sich immer,†‬was all die anderen Bittsteller sich wohl vom Allmächtigen erbaten.†‬Eines Tages†‬machte ihm seine Neugierde so zu schaffen,†‬dass er sich in den frĂĽhen Morgenstunden an die Klagemauer schlich,†‬alle PapierstĂĽcke herausholte und†‬sie sich näher ansah.†‬Alle waren†‬abgestempelt mit:†„‬Bitte abgelehntâ€â€śâ€¬.
Dieser Witz ist typisch fĂĽr die Haltung sehr vieler Israelis gegenĂĽber dem Bauwerk,†‬das alle paar Monate†‬ einen politischen und religiösen†‬Krawall verursacht.â€
NUN GESCHIEHT es wieder.†‬Eine Gruppe feministischer jĂĽdischer Frauen†(‬natĂĽrlich meist amerikanischen Ursprungsâ€) ‬bestehen darauf,†‬an der Klagemauer zu beten und zwar mit Gebetsschal†(‬Talithâ€) ‬und†‬den Gebetsriemen†(‬Tefellinâ€)‬.†‬Sie werden physisch von den Orthodoxen angegriffen,†‬die Polizei musste sie in Schranken halten,†‬die Knesset†‬und der Gerichtshof intervenieren.â€
Warumâ€? ‬Nach dem jĂĽdisch religiösen Gesetz ist es Frauen nicht erlaubt,†‬einen Gebetsschal zu tragen und sicher keine Gebetsriemen,†‬die orthodoxe Männer an ihrer Stirn und am Vorderarm tragen.†‬Es ist ihnen auch nicht erlaubt,†‬am heiligsten Platz des Judentums sich unter Männer zu mischen.â€
Der Teil der†‬Klagemauer,†‬der fürs Beten bestimmt ist,†‬ist†‬60†‬Meter lang.†‬12†‬Meter sind†‬-†‬durch einen niedrigen Zaun getrennt†– ‬für Frauen reserviert.
Es scheint,†‬dass die meisten Religionen von Sex besessen sind.†‬Sie setzen voraus,†‬dass wenn ein†‬religiöser Mann eine Frau sieht†‬-†‬egal wie alt sie ist und wie sie aussieht†‬-†‬er abgelenkt wird und sich nicht auf anderes konzentrieren kann.†‬Logischer Weise müssen Frauen also versteckt werden
Die†„‬Frauen der Klagemauerâ€â€śâ€¬,†‬von denen viele gar nicht religiös sind,†‬wollen dieses Tabu durch eine Provokation brechen.†‬Dabei sind wir jetzt.
ZWEI JAHRE vor der GrĂĽndung des Staates Israel†‬ging ich zum ersten Mal an die Klagemauer,†‬um sie mir anzusehen.†‬Es war ein bewegendes Erlebnis.â€
Um an den Platz zu kommen,†‬musste man durch ein Gewirr enger arabischer Gassen.†‬SchlieĂźlich befindet man sich selbst in einer engen Enklave,†‬die etwa drei Meter breit ist.†‬Zu deiner Linken ist die Mauer†– ‬ein Ehrfurcht gebietendes monumentales Bauwerk,†‬dass aus riesigen†‬Steinen besteht.†‬Um den oberen Rand zu sehen,†‬muss man sich zurĂĽcklehnen und gen Himmel schauen.â€
Auf der andern Seite war eine viel kleinere Mauer,†‬hinter der das alte arme Mugrabi†(‬marokkanischeâ€)‬-†‬Viertel lag.
Sehr wenig Leute wissen†‬-†‬oder wollen wissen†– ‬dass diese Enklave nicht durch Zufall entstanden ist.†‬1516†‬wurde Jerusalem vom zur Weltmacht aufsteigenden†‬ottomanischen Empire erobert,†‬das in jener Zeit eines der modernsten und fortschrittlichsten Staaten war.†‬Bald danach baute der Sultan Suleiman der Prächtige die groĂźartige Stadtmauer Jerusalems,†‬wie sie heute noch steht,†‬ein riesiges,†‬teures Werk,†‬das die immense Verehrung der ottomanischen TĂĽrken zu dieser entfernten Stadt in ihrem Reich bezeugt.†‬Suleimans Hauptarchitekt war Sinan,†‬der auch das Damaskustor entwarf,†‬das viele Leute†(‬einschlieĂźlich mirâ€) ‬als den schönsten Bau im ganzen Land ansahen.†(‬ arabisch†‬:†‬Bab el-Amud,†‬Säulentorâ€)‬.
Der wohlwollende Sultan erteilte Sinan noch die Anweisung,†‬einen speziellen Gebetsplatz fĂĽr die Juden der Stadt zu schaffen.†‬Also schuf der Architekt diese eingefriedete Stelle an der Klagemauer.†(‬nicht zu verwechseln mit der Stadtmauerâ€)‬.†‬Um die Mauer noch höher zu machen,†‬setzte er den Boden der Gasse noch tiefer und setzte parallel die niedrige Mauer,†‬die sie von der Umgebung absetzte.†(‬Jeder,†‬der an der Geschichte interessiert ist,†‬ist gut beraten,†‬das Buch†„‬Jerusalemâ€â€ś ‬von Karen Armstrong zu lesen,†‬eine britische†‬Historikerin und Ex-Nonneâ€)‬.â€
Die Legende sagt,†‬dass,†‬als die Stadtmauer mit all ihren†‬34†‬Türmen und sieben Toren†‬1541†‬fertig war,†‬der Sultan so von ihrer Schönheit überwältigt war,†‬dass er den Architekten töten ließ.†‬Er wollte nicht,†‬dass er noch so etwas baut,†‬das mit ihm im Wettbewerb stehen könnte.
BIS DAHIN war der Gebetsort fĂĽr die Juden nicht die Klagemauer.
Jüdische†‬Pilger aus aller Welt kamen nach Jerusalem und beteten oben auf dem Ölberg,†‬von wo man den Tempelberg überschauen kann.†‬Aber diese Heilige Stätte war unsicher geworden,†‬weil,†‬während das vorausgegangene†‬ Mameluken-Empire sich auflöste,†‬umherziehende Beduinen die Pilger ausraubten.†‬Auch für die lokalen Juden,†‬die friedlich mit den Muslimen in der Stadt lebten,†‬war die Klagemauer näher an ihren Wohnungen.†‬So wurde der heilige Ort auf dem Ölberg verlassen.†‬Heute steht ein Luxushotel dort oben.
Seit damals ist die Klagemauer der heiligste Ort fĂĽr die Juden in aller Welt,†‬ein Ort,†‬wo sich an heiligen Tagen groĂźe Mengen†‬versammeln:†‬Armee-Einheiten gegenĂĽber dem Staat Israel Treue schwören,†‬reiche Juden aus aller Welt ihre Söhne zur Bar Mitzwa bringen und die Frauen der Klagemauer den letzten Krawall auslösten.â€
Aber im Grunde gibt es nichts Heiliges an der Mauer.†‬Sie wurde von König Herodes,†‬einem groĂźen Erbauer und blutrĂĽnstigen Monster,†‬der nicht einmal ein richtiger Jude war,†‬erbaut.†‬Er gehörte dem edomitischen Volk an,†‬ das erst kurz zuvor zwangsweise zum Judentum konvertiert wurde.†‬Ich bezweifle,†‬ob der gegenwärtige Oberrabbiner ihn ĂĽberhaupt†‬ als Juden anerkannt haben wĂĽrde und ihm erlaubt hätte,†‬das Land zu betreten,†‬eine jĂĽdische Frau zu heiraten oder auf einem jĂĽdischen Friedhof beerdigt zu werden.â€
Im Gegensatz zur allgemeinen Ăśberzeugung war die Mauer nie ein Teil des herodianischen Tempels.†‬Um eine groĂźe Plattform zu schaffen,†‬auf dem der Tempel stand†(‬und auf dem heute der prächtige Felsendom und die al-Aqsa-Moschee stehenâ€) ‬musste†‬ eine Menge Erde herangeschafft†‬und die Fläche erhöht werden.†‬Um diese Masse zusammen zu halten,†‬lieĂź er eine StĂĽtzmauer um den Tempelplatz bauen.†‬Die Klagemauer ist nichts anderes†‬als ein Rest dieser StĂĽtzmauer.
ALS DIE israelische Armee im Juni†‬1967†‬OstJerusalem eroberte,†‬war eine der ersten Aktionen des Staates ein Verbrechen.†Zu jener Zeit war Teddy Kollek,†‬ein ĂĽberzeugter Atheist,†‬BĂĽrgermeister von Westjerusalem.†‬Aber es war ihm schnell†‬die politische und touristische Bedeutung des Platzes klar und so befahl er die sofortige Vertreibung der†‬ganzen Bevölkerung des anschlieĂźenden Mugrabi-Viertels,†‬etwa†‬650†‬Muslime.†‬Er lieĂź dann das ganze Viertel dem Erdboden gleich machen.â€
Zufällig war ich an diesem Tag in der Altstadt von Jerusalem,†‬und ich werde nie den Anblick vergessen†– ‬besonders†‬nicht ein in Tränen aufgelöstes etwa†‬13jähriges Mädchens,†‬das einen groĂźen Schrank auf seinem RĂĽcken wegtrug.â€
Anstelle des zerstörten Viertels wurde ein riesiger leerer Platz geschaffen.†‬Es ist der Klagemauerplatz,†‬der einem großen Parkplatz ähnelt und Touristen und Gebetsschal tragende Frauen anzieht.†‬Die Klagemauer hat nun ihren†‬Ehrfurcht erregenden Charakter verloren und sieht nun nur†‬wie jede andere große Mauer aus†– ‬allerdings aus besonders großen Steinen.
Der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz,†‬ein orthodoxer Jude,†‬nannte sie†‬„Diskotelâ€â€śâ€¬ (Kotelâ€= ‬Mauerâ€)‬.†‬Er war voll des Lobs fĂĽr die Wahhabiten,†‬eine fundamentalistische sunnitische Sekte,†‬die†‬,nachdem sie Mekka eroberte,†‬das Grab des Propheten Muhammad sofort zerstörte und behauptete,†‬wenn man†‬Steine zu heiligen Stätten mache,†‬man†‬Götzendienst treibe.†‬Sie hätten sicher die Rabbiner der Klagemauer als elende Heiden verurteilt.
Nach den jĂĽdischen Mythen ist der Begräbnisplatz†‬von Moses unbekannt.†‬Also kann er keine Stätte der Götzenanbetung werden.â€
Um†‬Kolleks Ehre zu retten,†‬muss†‬gesagt werden,†‬dass er ein weiteres Verbrechen verhindert habe.†‬Nach der Zerstörung des Mugrabi-Viertels verlangte†‬David Ben Gurion,†‬dass die ganze Mauer um die Altstadt abgerissen werden soll.†‬In der neu vereinten jüdischen Hauptstadt†–‬so†‬ behauptete er†‬-†‬wäre kein Platz für eine türkische Mauer.†‬Kollek,†‬ein früherer Mitarbeiter von Ben†‬Gurion,†‬beruhigte den alten†‬Herrn.
VIELE ISRAELIS sind davon†‬überzeugt,†‬dass die Klagemauer†‬zu einem säkularen†‬Nationaldenkmal erklärt werden sollte,†‬unabhängig von seinen religiösen Assoziationen.†‬Doch der Staat Israel erklärte sie zu†‬einer Heiligen Stätte und setzte sie unter die alleinige Jurisdiktion des Obersten Rabbinats.†‬Für die Frauen der Klagemauer nicht gerade erfreulich.
In letzter Zeit hat Nathan Sharansky einen Kompromiss vorgeschlagen:†‬man schaffe nahe der Mauer einen zusätzlichen Platz und erlaube jedem†– ‬Mann oder Frau,†‬mit oder ohne Gebetsschal und†‬vermutlich hetero oder schwul oder lesbisch†– ‬dort zu beten.†‬Das Ei des Kolumbus.â€
(Sharansky,‎ ‏der frĂĽhere viel bewunderte Rebel gegen den KGB in der Sowjetunion und später ein gescheiterter Politiker in Israel hat sich einen Ruheposten als Chef der JĂĽdischen Agentur gesichert,†‬einer anachronistischen Institution,†‬die sich vor allem mit Spendeneinsammeln fĂĽr die Siedler beschäftigt.â€)
Die Rabbiner mögen den Kompromiss akzeptieren oder auch nicht.†‬Den Frauen mag es erlaubt werden,†‬dort zu beten,†‬ohne eine Verhaftung zu riskieren.†‬Die wirkliche Frage ist,†‬warum gab der Staat die ganze Kontrolle über diesen Platz,†‬der für so viele Menschen so wichtig ist,†‬den orthodoxen Rabbinern.†‬Schließlich stellen sie in Israel†– ‬wie auch unter den Juden in der Welt†‬-†‬nur eine Minderheit dar.
Die Antwort mag politisch sein,†‬aber sie berĂĽhrt einen weit wichtigeren Aspekt:†‬die Nicht-Trennung von Staat und Religion.â€
Diese Situation wird†‬durch das Argument gerechtfertigt†– ‬sogar von atheistischen Israelis†– ‬dass Israel von der UnterstĂĽtzung des Weltjudentums abhängig ist.†‬Und was vereinigt das Weltjudentumâ€? ‬Die Religion.†(‬Leibowitz sagte einmal zu mir,†‬dass die jĂĽdische Religion seit†‬200†‬Jahren tot sei.†‬Und dass†‬das,†‬was das Weltjudentum jetzt vereint,†‬das Gedächtnis an den Holocaust sei.â€)
Nach der Staatsdoktrin ist Israel†‬der Nationalstaat des jĂĽdischen Volkes.†‬Nach der zionistischen Doktrin sind das jĂĽdische Volk und die jĂĽdische Religion ein und dasselbe.†‬Es kann†‬ also†‬keine Trennung geben.â€
Jeder,†‬der Israel in ein normales Land verwandeln†‬will,†‬muss diese beiden Dogmen zurĂĽckweisen.†‬Die Israelis sind eine Nation und der Staat Israel gehört dieser Nation.†‬Jeder BĂĽrger,†‬ob männlich oder weiblich,†‬sollte in der Lage sein†‬dort zu beten,†‬wo immer er oder sie es wĂĽnscht,†‬an jedem öffentlichen Ort,†‬einschlieĂźlich vor der Klagemauer.â€
Der Tempelberg†(‬bei Muslimen als Haram al-Sharif,†‬der ehrwĂĽrdige Schrein bekanntâ€)‬ einschlieĂźlich der Klagemauer und der nicht weit entfernt liegenden Grabeskirche,†‬sind von immenser Bedeutung fĂĽr Milliarden von Menschen:†‬er sollte ein Faktor fĂĽr Frieden sein.
Wir können nur hoffen,†‬dass er irgendwann in der Zukunft diese Mission erfüllen wird.
18.05.2013
‎(‏Aus dem Englischen:†‬Ellen Rohlfs,†‬vom Verfasser autorisiertâ€)
