Afghanistan: Kriegstagebuch eines Bundeswehr-Offiziers

Afghanistan: Kriegstagebuch eines Bundeswehr-Offiziers
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Vorbemerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde bereits am 28. Februar 2007 von Radio Utopie veröffentlicht. Leider verschwand dieser irgendwann aus unserer Datenbank. Wir veröffentlichen diesen somit erneut im Original, mit dem damaligen Vorwort.

Dies ist das Kriegstagebuch des Bundeswehr-Offiziers Uwe Lampe, der mit seiner persönlichen und ehrlichen Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr weder bei den etablierten “Medien”, noch bei den Behörden Gehör oder Interesse fand. Nur die Linke Zeitung postete dieses Tagebuch eines deutschen Soldaten, geschrieben im Kriegsgebiet Afghanistan, Radio Utopie schließt sich an.

Dokumentation:

Inhalt

Einführung
Kosovo – mit guten Erinnerungen an den Amselfelder
Mostar – fast schon wie Urlaub? 

Afghanistan – die Herausforderung

Vorbereitung – mit vielen Stolpersteinen
Kunduz – die Realität beginnt
Kabul – Das Herzstück Afghanistans

Fazit

Einführung

Ich will den Versuch machen die Sichtweise des mündigen Bürgers wiederzu-spiegeln der sich noch im reiferen Alter für „ Auslandseinsätze” verpflichtete. Mit über 50  Lebensjahren ist man für die Bundeswehr normalerweise schon altes Eisen!

Ferner will ich Fragen aufwerfen, für Insider und Außenstehende wie z.B. : Sind Reservisten der Notnagel des Auslandskontingentes?   Meine Ansichten hinsichtlich der Sinnfragen: Warum bin ich hier und was soll das Ganze, sollen genauso behandelt werden wie die Ängste und Nöte der Soldaten schlechthin.

Damit sich der Leser ein Bild vom Verfasser  machen kann stelle ich mich wie folgt vor: Nachdem ich von einer Bank ausgebildet wurde, ging ich  für zwei Jahre zur Bundeswehr, weil ich am Ort bleiben wollte. Ich hatte das Glück, beginnend im Oktober 1973, die Reserveoffizierslaufbahn einzuschlagen und wurde nach 21 Monaten Leutnant, damals in der Panzergrenadiertruppe, beim damaligen PzGrenBtl 11, in Wesendorf. Damals war die Zeit noch unbeschwerter, weil auch der Arbeitsmarkt noch viele Varianten zuließ. Viele Jahre übte ich später als Chef, in Urlaubsvertretung, beim GrenBtl32, Nienburg-Langendamm, bis ich dieses Bataillon als Kommandeur übernehmen durfte, nachdem es in die Stamm-Aufwuchs-Beziehung gestellt wurde. Ab 1997-2001 war ich dann Kommandeur dieses Bataillons, wieder in Wesendorf, und musste für den Ernstfall die Aufwuchsfähigkeit dieses 1000 Mann starken Bataillons mit sicherstellen. Auch Vertretungen des aktiven Bataillonskommandeurs gehörten dazu. Regelmäßig war ich in dieser Zeit an den Kommandeur-Tagungen der 1. Panzer-Division und an denen der  nichtaktiven Verbände beteiligt.

In meiner zivilen Verwendung konnte ich als Leiter einer Treuhandgesellschaft, die Kapital für fremde Rechnung verwaltet, die Geschäfte in über 20-jähriger Mitarbeit deutlich ausbauen. Trotzdem blieb mir noch Zeit für Kommunalpolitik, Vereinsleben und Sport.

Aber der wesentliche Fixpunkt war und ist die Familie.

Das Glück eine gescheite und sportliche Frau an seiner Seite zu wissen und eine Tochter die sich ebenfalls prima entwickelt, sind ein festes Fundament, worauf ich in langen Trennungsphasen setzen konnte. Gerade dieser Rückhalt ist von einer enormen Wichtigkeit im Einsatz, zumindest wenn man tieferen Halt haben möchte.

Die Reservisten die einen immer größeren Personalumfang der Auslandseinsätze stellen, haben es nicht immer leicht. Natürlich werden sie nach ihrer Qualifikation ausgesucht, nur oft ist der Wissensstand veraltet. Sich bei den Aktiven zu behaupten, erfordert immer wieder Klimmzüge, zumal in solchen Verwendungen, in denen die Diensterfahrung des Aktiven um ein Vielfaches über dem des Reservisten (Res.) liegt.

Kosovo – mit guten Erinnerungen an den Amselfelder

Nehmen wir mein Beispiel im Kosovo, als G1 und InFü ( Innere Führung ) hatte ich nicht nur die Geschicke der sogenannten Personalabteilung zu koordinieren, sondern war auch noch für die Disziplinarangelegenheiten verantwortlich die der Deutsche Kommandeur der Multinationalen Brigade in Prizren abzuarbeiten hatte. Normalerweise eine Arbeit für einen langgedienten Personalstabsoffizier der schon Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in diesem Geschäft tätig ist.

Unsereins hatte bis dahin zwar mehr als zehn Kompanie – und Kommandeur – Vertretungen  durchführen dürfen, aber dies waren doch in der Summe nur wenige Monate. Dadurch fehlen den Reservisten immer wieder Fachwissen und Erfahrung. Dieses soll und kann durch die zivile Funktion  nur z.T. ausgeglichen werden.  Ich hatte den Vorzug, ab meinem 29 Lebensjahr, eine eigene Sekretärin zu beschäftigen, aber das war´s dann auch. In einer solchen Spezialtätigkeit kommt es auf standardisierte Formulierungen an und natürlich sind die Kenntnisse der gängigen Rechtsvorschriften im Hinterkopf zu speichern. Auch heute ist es noch  Praxis das auch Res. in herausgehobenen Funktionen nicht an den vorbereitenden Einweisungsfahrten, geschweige denn an fachspezifischen Vorbereitungslehrgängen teilnehmen, nein sie werden allemal ins kalte Wasser gestoßen und müssen dann schwimmen können, egal wie tief sie tauchen!

Ein Blick auf die vorbereitenden Ausbildungsgänge ist hier durchaus hilfreich. Alle Kontingentsoldaten müssen diese Prozedur durchlaufen, die eine Mischung aus Unterricht und praktischer Ausbildung ist. Übrigens, körperliche Fitness ist kein Kriterium. Höhepunkt eines Ausbildungsabschnittes ist die sogenannte Geiselnahme. Hier werden alle Soldaten in eine angenommene Lage versetzt, die die tatsächliche Geiselnahme wiederspiegeln könnte. Derjenige der sich vorstellen kann, dass das ein durchaus denkbares Szenario sein kann, wird wahrscheinlich wie mir auch, recht mulmig zumute sein. Es wird eine Situation äußerster physischer und psychischer Anspannung geschaffen, die es einem erlaubt, sich realistisch in eine solche Grenzsituation hineinzuversetzen. Die Kameradengespräche im Nachgang waren von einer großen Betroffenheit gekennzeichnet, zumindest bei denjenigen Soldaten die sich in eine solche Situation hineindenken konnten. Auf diese Art und Weise kann man natürlich einen Ausleseprozess durchführen, der allerdings hier nicht wirklich gemacht wird. Nur diejenigen die danach, von sich aus, auf den Einsatz verzichten sind dann außen vor. Es stellt sich allerdings die Frage, ob nach den bisherigen Erfahrungen der Auslandseinsätze diese tatsächliche Anwendung, in dieser Form noch zeitgemäß ist, wenn man bedenkt, dass die meisten Soldaten ohnehin während ihres Einsatzes das schützende Lager nicht verlassen. Die Bundeswehrführung ist auch zu fragen, ob es unter unserer deutschen Beteiligung, überhaupt schon solche Szenarien gegeben hat? Diesen Ausbildungsabschnitt durchzuführen, unter dem Motto, es mal miterlebt zu haben, ist zumindest überdenkenswert. Auch habe ich in der späteren Praxis, mehrere Male an entscheidender Stelle feststellen müssen, dass viele Soldaten, gerade durch die Vorausbildung hervorgehoben, für die Gefahren des Gastgeberlandes übersensibilisiert waren. Im Einsatz taten sich dann viele Kameraden schwer, überhaupt einen Fuß vor die Tür zu setzen.  Im Verlauf meiner Ausführungen komme ich noch im Detail auf solche Begebenheiten zu sprechen.

Aber beginnen wir mit der Fahrt vom Flughafen Skopje/Mazedonien zum Feldlager Prizren/Kosovo, eine mehrstündige Fahrt über anschauliche Berge und Täler.

Der erste Eindruck des Kosovo löste bei vielen Soldaten einen kleinen Kulturschock aus. Wir fuhren von Mazedonien kommend, durch einen großen Teil des Landes, im Buskonvoi. Allerdings wurde hier alles außer acht gelassen was wir vorher gelernt hatten. Wir wurden so ähnlich wie eine Neckermannreisegruppe auf die fünf Busse verteilt, über Marschstrecke und Verhalten in außergewöhnlicher Situation gab es keine Aufklärung.

Der Unrat an den Straßenrändern und die unfertigen Häuser waren so beherrschend, dass sie bei vielen Soldaten negative Vorurteile, gegenüber der heimischen Bevölkerung, auslösten. In vielen Gesprächen im Nachgang sah ich mich von dieser einmal gewonnenen Geisteshaltung konfrontiert. In der ungünstigen Schlussfolgerung führte es dazu, die Kosovaren nicht als ebenbürtige Menschen zu sehen, eine fatale Schieflage. Leider wurde hierauf nicht in ausreichendem Maß reagiert und als ich einmal mit einem Kleinfahrzeug von A nach B fuhr und mein Fahrer eine wartende Autoschlage verkehrswidrig überholte, und ich ihn auf sein Fehlverhalten ansprach, war sein Kommentar von fremdenfeindlicher Einstellung geprägt ( Besatzermentalität ). Dies ist allerdings eine Begebenheit dessen Ursachen nicht offensiv genug besprochen werden und sich durch den Kontingentalltag wie ein roter Faden zieht.

Wir waren ganz überwiegend in festen Unterkünften untergebracht, meistens dreistöckige Wohnblocks, konventionell gebaut. Am Stadtrand von Prizren waren wir hier am Berghang bestens untergebracht und hatten eine tolle Fernsicht auf die malerische Kulisse der umliegenden Gebirgsketten.

Von dieser alten serbischen Kasernenanlage war nur noch das zerbombte Hauptgebäude übriggeblieben, was wegen der erhöhten Unfallgefahr, natürlich gesperrt war, so wurde dieses deutsch geführte Lager relativ neu aufgebaut.

Sonntags begann der Dienst erst gegen Mittag und so konnte man zumindest einmal in der Woche ausschlafen. Dies aber nur dann wenn sich alle auf der Unterkunft darüber einig waren, bei Schichtdienstlern gab´s da Probleme.

In der anfangs ruhigeren Zeit, war zumindest theoretisch ein Ausgang in die Stadt grüppchenweise denkbar, da dies aber regelmäßig von der schriftlichen Zustimmung des Kommandeurs abhing war diese Ausgangsregelung praktisch für die meisten Soldaten nicht anwendbar.  Schade hierbei war nur, dass unsere ausländischen Kameraden großzügigere Ausgangsregelungen hatten.

Es war schon bemerkenswert in welcher Art und Weise die Kameraden über die Strenge schlagen konnten, die richtige Anwendung der Alkoholregelung war ein ständiges Thema, auch immer mit der besonderen Note, dass man  immer und überall seine Waffe nebst Munition am Mann/Frau trug. Interessant ist, dass die Trageweise der Waffe jedem Soldaten freigestellt ist, sie muß nur offen getragen werden, ansonsten sind aber alle Arten von Holstern erlaubt und das gibt immer wieder interessante Bilder, der Wilde Westen lässt grüßen!

Auch wurde über die Notwenigkeit debattiert, ob man die Waffe denn nun wirklich immer dabei haben müsse. Aber spätestens als es nicht mehr um die Bedrohungslage, sondern um die Frage,  der Höhe des Auslandsverwendungszu-schlages ( AVZ ) sich handelte, war das Votum für die Beibehaltung der bestehenden Regel. Hier war immer wieder interessant, dass die AVZ-Sätze nach der angenommenen Gefährdungslage gezahlt werden, also auf dem Balkan geringer sind als in Afghanistan wo derzeit. 92,03 Euro täglich der deutsche Soldat bekommt.

Jeder weiß, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen darf, aber hinschauenswert ist es schon wie die anderen Nationen dieses Thema behandeln. Diese zahlen i.d.R. einen einheitlichen hohen Auslandsverwendungszuschlag, egal in welchem Land der Soldat eingesetzt wird.

Dieser liegt mindestens bei Franzosen, Italienern und Spaniern um einiges höher als bei der Bundeswehr. Natürlich muß man steuerliche und rentenspezifische Aspekte mit einbeziehen, auch die Höhe des Grundgehaltes, aber wenn man dies alles berücksichtigt, stehen eben viele andere Nationen, entlohnungsmäßig besser da.

Aber auch ein weiterer Aspekt von Alkoholkonsum und Waffentragen ist immer wieder interessant, nämlich das Nichtbefolgen von Regeln zur Eindämmung des Alkoholkonsums. Hier gibt es ganz unterschiedliche Ansätze, z.B. eine Zweidosen-regelung, die besagt, dass eben nur zwei Dosen Bier, am Abend, getrunken werden dürfen, oder die Regel, eben noch einen halbwegs nüchternen Eindruck zu machen. Allen Regeln, die aber allesamt den Alkoholkonsum nicht gänzlich untersagen, ist gemein, dass die Kontrollierbarkeit nur sehr eingeschränkt möglich ist. Auch ist die Verbindung von Waffen tragen und Alkoholzunahme per se problematisch. Überwiegend müssen auch die Mannschaftsdienstgrade ihr Sturmgewehr in allen Lebenslagen, ob in der Betreuungseinrichtung, Kantine oder beim Toilettengang dabei haben Hier lassen wir uns wohl stark vom amerikanischen Vorbild beeinflussen, was die Trageweise von Waffen anbelangt. Im Gegensatz zur Bundeswehrpraxis haben die Amerikaner ein striktes Alkoholverbot.

Schaut man sich die Vorkommnisse der Beschwerden und Eingaben einmal genauer an, kann man den Eindruck gewinnen, dass so Mancher noch nicht im Einsatz an-gekommen ist. Es wird sich meist über Dinge beschwert, die so kleinlich sind, dass sie bei einem Vergleich mit einem privaten Unternehmen nicht mal vom Betriebsrat aufgegriffen werden würden.

Aber wieder zurück in die besonderen Abläufe in Prizren. Wir waren eingebettet in eine multinationle Brigade, zu unserer Zeit führte ein italienischer General die Brigade und ein deutscher Oberst war sein Stellvertreter. Der Letztgenannte war natürlich auch Vorgesetzter aller deutschen Soldaten im Kontingentanteil. Es gab einen multinationalen Stab und einen Nationalen. Im Letztgenannten hatte wiederum ein deutscher Stabsoffizier die Befehlsgewalt. Somit gab es deutsche Soldaten, die einem internationalen Kommando unterstanden und solche, die nur auf dem rein nationalen Strang angesiedelt waren. Dies ist für viele Zusammenhänge eine ganz wichtige Unterscheidung die allerdings nur in sehr unzureichendem Maß den Soldaten vor und während des Einsatzes erklärt wurde, denn die Masse der Soldaten ist national eingesetzt. Somit haben die meisten Soldaten im Dienst keinen internationalen Kameraden zu kontaktieren und das Verstehen der spezifischen Aufgabenstellung ist nicht immer einfach. Damit kommt das Zusammengehen der verschiedenen Nationalitäten auf das persönliche Sendungsbewusstsein eines jeden Einzelnen an.

Im Umgang mit unseren anderen internationalen Kontingentpartnern ist ohnehin ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl angesagt, es ist schon ein Gutes wenn sich die jeweils höchsten Militärs gut verstehen.

Es ist auch immer wieder bemerkenswert, gesehen zu haben, mit welcher besonderen Höflichkeit die verschiedenen Nationalitäten miteinander umgegangen sind. Spätestens wenn allerdings internationale Verwicklungen, ausgelöst durch Dummheit, Überheblichkeit oder falscher Einschätzung der anderen Geflogenheiten auftraten, reagierte die deutsche Seite meist mit starker Hand. Dann wurden Schuldige auch schnell aussortiert und nach Hause geschickt.

Gleiches galt für fehlenden Respekt vor der einheimischen Bevölkerung. Allerdings sollte man wohl noch stärker in der Vorauswahl darauf achten, welche Geisteshaltung militärische Vorgesetzte in Schlüsselfunktionen mitbringen. Fremdenfeindliche Äußerungen, im Vorfeld von Auslandseinsätzen, muss diese Soldaten von vornherein disqualifizieren. Die Rückführung von Vorgesetzten ist dann schon mehr ein Akt der Verzweifelung, der angerichtete Flurschaden fast nicht mehr eindämmbar, weil der Bazillus schon auf andere Kameraden übergesprungen sein kann. Wer z.B. die Kosovaren als Untermenschen tituliert und auch nicht davor zu-rückschreckt, diese im Spaß zu exekutieren, gehört nicht in die Armee.

Es gibt aber auch noch einige relevante übergeordnete Aspekt die den Auslandseinsatz negativ beeinträchtigen.

Nicht von ungefähr versuchen viele Berufs und Zeitsoldaten sich von der Verwendung im Ausland fernzuhalten. Auch die jetzigen vier Monate sind immer noch stressig und familienfeindlich. Denn in den vier Monaten gibt es keine Familienheimfahrten, der angesparte Urlaub muss im Nachhinein genommen werden. Es gibt Anzeichen, das der Soldat, übrigens egal welchen Dienstgrades, nur noch als Dienstleister gebraucht wird, dass Stichwort „ Innere Führung” verkommt zu einer bloßen Worthülse. Diejenigen die mehr gelernt haben, in welcher Verwendung auch immer, haben dadurch keinerlei Bevorzugung  zu erwarten. Ob Mannschaften, Unteroffiziere oder Offiziere alle werden gleich behandelt. Bei der Unterbringung, Essen oder allen anderen Dingen des täglichen Lebens, findet dies, mindestens im Einsatz, seinen Niederschlag. Briten und Franzosen machen hier durchaus Unterscheidungen, sodass die einzelnen Dienstgradgruppen auch eigene Betreuungseinrichtungen vorhalten oder das es sich bei der Unterbringung begünstigend auswirkt. Wenn nur noch die Entlohnung Maßstab des Handelns ist, sollte man dieses Tun hinterfragen.

Aber nun zur Entwicklung im Kosovo zurückkehrend, erinnern wir uns, dass es im Frühjahr 2004 zu den massivsten Unruhen der jüngeren Geschichte kam. Denn mit den vielen zerstörten Kirchen und mehr als 650 abgefackelten Häusern ging der Traum von einem muli-ethnischen Kosovo zuende und das Vertrauen in die ca. 20000 Mann starke internationale Friedenstruppe.

Aus meiner Sicht war das absehbar, weil es einige Faktoren für diese Entwicklung gab. Die latente Unzufriedenheit der Kosovaren über das Nichtvorankommen der internationalen Statusklärung, dieses Teilgebietes des ehemaligen Jugoslawiens, gehört dazu.

Die Serben haben immer noch die Eigentumsrechte an den meisten größeren Liegenschaften und blockieren damit eine wie auch immer geartete Weiter-entwicklung. Der wirtschaftliche Aufschwung lässt auf sich warten und die Arbeitslosigkeit ist erdrückend. Nur weil die Familienstrukturen sehr intakt sind, ein Familienmitglied eventuell in Deutschland oder Skandinavien arbeitet und dadurch Transfereinkommen beisteuern kann, können die Kosovaren in ihrer Heimat einiger-maßen überleben.

Hinzu kommt, das wir Deutschen und andere Nationen für 2004 eine deutliche Reduzierung der Kräfte angestrebt hatten. Ich sollte selbst, mit diesen Plänen, im Dezember 2003, zur Truppenstellerkonferenz reisen, wo diese Maßnahmen abgestimmt werden sollte.

Ebenso löste eine Verhaftungswelle von TMK-Generälen,  ( Nachfolgeorganisation der Armee, als Technisches Hilfswerk tituliert ) die im Volk eine hohe Popularität genießt, durch die NATO, eine Verstimmung der Altforderen aus. In der Gesamtbetrachtung kann man folgendes festhalten:  Die Unruhen waren eine strategisch angelegte Operation, die zum Ziel hatte, wieder den Fokus auf den Brennpunkt des Balkangeschehens zu richten, was den Unruhestiftern auch vollends gelang.

In Deutschland gab es einen großen Aufschrei. Ein Untersuchungsausschuss konnte nur knapp verhindert werden. Unrühmlich ist für mich die Konsequenz, indem haupt-sächlich an der Ausrüstung nachgebessert worden ist, indem nun Tränengas, Gummigeschosse und andere nicht tödliche Wirkmittel eingesetzt werden können. Von den Führungsfehlern hat man, zumindest aus den Zeitungen, keinen Hinweis erhalten. So wie ich nur einige Wochen vorher das Erzengelkloster, mit seinem Bundeswehrschutz, der an eine mittelalterliche Festung erinnerte, kennen gelernt hatte, kann es sich in erster Linie nicht um das Fehlen von Schutzmaßnahmen  handeln, sondern um unklare Befehlsausübung. Das Kloster war hermetisch abgeriegelt, sodass man grundsätzlich den Demonstranten nicht direkt gegenüber stand. Bei richtiger  Kommunikation wäre rein praktisch auch luftverladene Verstärkung in wenigen  Minuten aus dem Lager Prizren herübertransportiert worden. Hier muss man nach den tatsächlichen Entscheidungssträngen fragen. Ist der deutsche stellvertretende Kommandeur oder der italienische Brigadekommandeur verantwortlich? Welche Rolle hatte die KFOR-Führung, die damals von einem deutschen General besetzt war? Welche Entscheidungskompetenz wird dem NATO-Hauptquartier zugestanden und hat auch noch das Einsatzführungskommando seine Hand mit im Spiel, weil es die Auslandseinsätze der Bundeswehr koordiniert?

Auf meine Frage, an den Kommandeur der KFOR, anlässlich eines Besuches,  im Dezember 2003, ob denn diese Phase des Umbruchs nicht zu einer erhöhten Gefahr gereichen würde, wurde mir mit einer beruhigenden Seelenmassageantwort ent-gegnet.

Im Ergebnis ist jedenfalls festzustellen:

Wir Deutsche und die anderen Truppenstellerstaaten behielten die volle Präsenz bei und die Kosovaren konnten den Eindruck gewinnen man habe sie noch nicht vergessen. Daran mögen übrigens diejenigen denken, die die nächste größere Reduzierung unseres Truppenkontingents einleiten und durchführen wollen!

Auch die große Masse der Hilfsorganisationen hatte sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon aus dem Land verabschiedet, somit flossen auch nur noch spärliche Spendengelder.

Natürlich kann ich auch über ganz positive Begebenheiten berichten. Unsere CIMIC-Kräfte, also die Zivil-militärische Zusammenarbeit, mit ausgesuchten Projekten, funktionierte an einigen Stellen, so auch im Aufbau einer effizienteren Landwirtschaft. Das Kosovo war die damalige Kornkammer Jugoslawiens.

Auch die Eigeninitiative in einer der ehemals größten Weinfabriken des Amselfeldes ist lobenswert. Kosovaren waren wieder dabei, Rotwein nach Deutschland zu exportieren, allerdings nur zur Veredelung, denn die Ausfuhr von Wein, ist wegen der EG-Bestimmungen, dem Kosovo nicht gestattet. Am Rand sei darauf hingewiesen, es lagern noch einige Millionen Liter Wein in den Fässern und sind immer noch genießenswert!

Aber wieder zurück zum Alltag im Feldlager um auch hier die Besonderheiten des Einsatzes zu beleuchten.

Das Zusammenleben in der Soldatengemeinschaft hat seine Eigengesetzmerkmale. Gerade hier wo besonders viele Deutsche Soldaten aus allen Teilstreitkräften und allen Waffenfarben zusammenkamen gibt es Betreuungseinrichtungen für fast jede Gattung: Pioniere, Grenadiere, Feldjäger oder auch die Sanitäter. Jede  Waffengattung richtet sich individuell ein, kommen können dann alle, natürlich auch die ausländischen Kameraden, umgekehrt gilt gleiches. Richtig voll war es an Wochenenden, in der sogenannten Sun-Shine-Bar, weil hier der größte Anteil von weiblichen Sanitätspersonal vertreten war und dies hatte seine besondere Anziehung. Somit ist der abendliche Ausgang, so denn man Zeit hat, in eine der diversen Betreuungseinrichtungen des öfteren angesagt. Für die Sportbegeisterten gab es natürlich auch gut sortierte Fitnesszelte und eine Turnhalle stand ebenfalls zur Verfügung. Die die Sport auch zu Hause betreiben kamen hier voll auf ihre Kosten. Das Lesen oder Fernsehen in den Unterkünften war weniger beliebt, weil die wenig einladende Möbellierung und die empfundene Enge nicht gerade einladend sind.  Auffallend war, dass sich die Meisten einen oder mehrere Ansprechpartner suchten. Somit konnte sich ein Vertrauensverhältnis bilden und viele nutzten gern die Möglichkeit die eigenen Wahrnehmungen mit einem Anderen  auszutauschen. Auch ich habe für mich schnell erkannt wie wichtig verlässliche Gesprächspartner sind.  Denn für die Meisten galt, dass sie nicht täglich mit ihren Vertrauten zu Hause kommunizieren konnten und das das auch immer Verlust an Nähe beinhaltete. Die Alltagssorgen, der Lieben zu Hause zu lösen, ist ohnehin im Einsatz nicht möglich. Somit ist der Abstand auch hilfreich.

Es gab sogar Kontakt zu Einheimischen im Lager, z.B. dem durchaus ansehens-werten Bedienungspersonal in den diversen Betreuungseinrichtungen. Aber wer nun glaubte, dass dieser Umstand zu wilden zwischenmenschlichen Beziehungskisten ausgenutzt wurde, irrte, denn die ortsansässigen Arbeitskräfte ( die unschöner Weise oft „Locals” genannt wurden ) wussten um den hohen Stellenwert ihres Arbeitsverhältnisses. Bei uns Deutschen im Lager verdiente eine Reinigungskraft mehr als ein kosovarischer Schullehrer.

Ansonsten machten die Einheimischen auf mich einen sehr positiven Eindruck, trotz bekannten, schwierigen Lebensumständen, sah ich überall freundliche Gesichtszüge und dies nicht nur uns gegenüber. Auch und gerade die jungen Menschen waren auf den ersten Blick nicht von unserer Jugend zu unterscheiden. Jeans und T-Shirts gehören auch im Kosovo zum üblichen Sortiment.

Auffallend war für mich auch, dass der Anteil der gut gewachsenen jungen Menschen höher ist als bei uns zu Hause. Natürlich ist daran auch die nicht so üppig vorhandene tägliche Speisefolge mitverantwortlich, aber dies soll nicht miß- verstanden werden.

Ein paar Wochen später fegten die erwähnten Unruhen durch das kleine Land und drehten die Uhr wieder zurück. Abgesehen von den Fehlern die wir auch wohl im Führungsverhalten gezeigt haben, kann zumindest bei den Kosovaren der Eindruck hängen geblieben sein, dass es ein Zurückweichen der deutschen militärischen Kräfte gegeben hat. Für die Psyche dieses Menschenschlages ist das eine besondere Größe denn sie kennen die Kriegsführung noch unter dem biblischen Spruch „ Auge um Auge, Zahn um Zahn „! Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unser guter Ruf als Soldat, der noch in vielen Köpfen der älteren Bevölkerung existent ist, gelitten hat.

Wir wundern uns heute über den zunehmenden Terrorismus. Gerade für das Kosovo des Jahres 1999 galt, dass die NATO massive Luftschläge ausgeführt hatte und letztlich erreichte, dass die Serben sich zurückzogen. Die NATO verlor keinen Soldaten. Wissen wir wie viel zivile Opfer es gegeben hat? Auch die zerbombte Infrastruktur schafft  uns in der Bevölkerung nicht nur Freunde. Auch hier ist zu hinter-fragen wie ohnmächtig sich die Menschen fühlen müssen, die mit ansehen wie militärische Kräfte Zerstörung anrichten und es keine unmittelbare Gegenwehr gibt, weil man die Flugzeuge nicht vom Himmel holen kann.

Genau diese Art der Kriegsführung, überwiegend von den Amerikanern forciert, bringt uns in vielen Auseinandersetzungen in eine schwierige Gemengelage. Der Waffengang wird gewonnen aber in der danach einsetzenden Befriedung des Landes wird durch Terror, bzw. Partisanenkrieg, der Stabilisierungsprozess untergraben.

Allerdings muss sich die Weltgemeinschaft noch heute sagen lassen, dass der Status des Kosovo  noch nicht gelöst ist, trotz mehrfacher Ankündigungen, gerade der westlichen Länder.

In dem Bewusstsein dabei gewesen zu sein flog ich, mit einer Bell U1D, an dem Tag von Prizren nach Skopje, an dem der kroatische Ministerpräsident im Gebirge abgestürzt war und unsere Pilotencrew sich noch an der Suche beteiligen sollte.

 

Mostar – fast schon wie Urlaub?

Szenenwechsel, wir sind in Bosnien im Oktober 2004 und ich saß in Mostar, an der Stari Most und genoß das Leben. Ich hatte mich entgegen der Empfehlung allein in ein Restaurant gesetzt und blicke von unten, dem Scheinwerferlicht folgend, auf die weltbekannte Brücke. Das Eintauchen in diese malerische Prächtigkeit der Altstadt beiderseits der Neretva war überwältigend.

Hier hatten sich die Kroaten und Bosniaken gegen die Serben bekriegt. Später, in einer zweiten Auseinandersetzung haben sich die Kroaten und die Bosniaken gegeneinander in dieser Stadt aufgerieben. Ein russischer T 62 hat wohl genüsslich, von einem uneinnehmbaren Berg aus, auf den Altstadtkern von Mostar geschossen und das vornehmlich auf die bekannte Rundbrücke. Die Weltgeschichte hat hier mitgeschrieben.

Jetzt könnte man sagen, verkehrte Welt, aber immerhin hat das zum Verlust eines Viertels der Bevölkerung Bosniens und Herzegowina geführt und  Leid und Schmerz in fast jede Familie getragen, weil fast jeder Verluste zu beklagen hatte. Auch muss man bedenken, dass die Familienstrukturen ähnlich waren wie bei uns, im Hinblick auf die ethnische Zusammensetzung. Genau diese Spaltung hat sich in Bosnien vor gerade mal einem Jahrzehnt abgespielt und die Wunden sind noch nicht verheilt, was ich auch gut nachvollziehen kann. Die Forderung, Kroaten, Bosniaken und Serben, müssten sich doch nun schnellstens vertragen, sollte man mit viel Geduld begleiten.  Wenn nämlich Getöte und Verwundete in fast jeder Familie zu beklagen sind dann kann das nicht so einfach weggesteckt werden.

Unabhängig davon fühlte ich mich in Bosnien durchaus sicher. Natürlich kannte ich die aktuelle Sicherheitslage in der Stadt die durch den kroatischen Teil, nördlich der Neretva und den südlichen Teil, wo die Bosniaken mehrheitlich wohnen, gekennzeichnet wird. In vielen Städten der Bundesrepublik war die Kriminalitäts-statistik besorgniserregender. Immer wieder nutzte ich auch das Wochenende um einfach mal durch die Straßen zu bummeln, obwohl ich Uniform tragen musste, die anderen Nationen hatten sich von diesem Zwang ohnehin  entledigt, sodass  im Straßenbild nur uniformierte deutsche Soldaten auftraten. Die Franzosen, Spanier und Italiener konnten sich in Zivil in Mostar frei bewegen und am Wochenende auch Mietwagen nutzen, somit also alle Freiheiten genießen die in einem Auslandseinsatz denkbar sind. Nur die deutschen Soldaten waren dazu nicht  befugt. Da halfen auch meine Gespräche mit den weiteren Vorgesetzten nicht viel, am Ende wurde immer wieder argumentiert, dass es vom Einsatzführungskommando ( kurz: EinsFhrKdo ) so gewollt sei. Leider habe ich immer wieder Beispiele dafür gefunden, dass wir Deutschen einen Sonderweg einschlugen und unsere internationalen Partner ihre abgestimmten Wege gingen. Ist das schon wieder ein besonderer Grad von deutscher Gründlichkeit oder auch Besserwisserei?

Nur wir deutschen  Soldaten, die wir in Mostar in der französischen  Task Force South East eingebettet waren unterstanden  internationalem Befehl. Das Lagerleben in Mostar war auch französisch geprägt, was durchaus Vorteile in sich barg.

So genossen wir eine zweistündige Mittagspause und hatten den gesamten Sonntag frei. Überhaupt ist mir immer wieder aufgefallen wie gut es ist, auch von den anderen Nationen zu lernen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob die Mehrheit meiner Kameraden, auch so dachte. Als Chef der Stabskompanie waren mir zwar nur wenige Soldaten anvertraut, aber was erst durch näheres Hinschauen deutlich wurde, ich  war  auch Disziplinarvorgesetzter aller Deutschen in den multinationalen Einheiten, ausgenommen der Stabsoffiziere im internationalen Stab. Hier war auch bezeichnend, dass diese Stelle kein aktiver Oberstleutnant haben wollte, weil diese  schon über die Kp-Chef-Verwendung hinausgewachsen waren, aber bei Auslandseinsätzen, gelten eben andere Faktoren. So hatte zwar bei der Personalauswahl das Heeresführungskommando, sich damals gegen mich entschieden, weil sie Reservisten wohl ungern als Disziplinarvorgesetzte einsetzen, aber hier hatte dann das Einsatzführungskommando übersteuert und letztendlich durchgesetzt, dass ich dort Chef werden konnte.

Im Innenverhältnis der Armee sind Disziplinarvorgesetzte diejenigen die die Beurteilungen von ihnen unterstellten Soldaten zu erstellen haben und für gute wie aber auch für schlechte Leistungen ein ausgesuchtes Sortiment an Maßnahmen zur Verfügung haben. In Mostar gab es nur den Deutschen Dienstältesten Offizier, einen Oberst und eben den Chef. Da der Erstgenannte aber voll im multinationalen Stab dienen durfte,  beschränkte sich seine Beurteilungskompetenz , auf die Stabsoffiziere des deutschen Stabsanteiles.

Nebenbei bemerkt, hatten sie mir von der Division, im Sommer 2004, sogar den Posten des stellvertretenen Kontingentführers angeboten. Allerdings wurde dieses Angebot nach zwei Wochen wieder zurückgezogen, weil sie erkannten, das der Stellvertreter, der faktische Führer des Deutschen Kontingentes, immerhin damals um die 1150 Soldaten stark, darstellte. Der Kontingentführer war in Erstfunktion Chef des Stabes im Natostab und hatte für die Kontingentführung nur wenig Zeit, musste also diese Arbeit delegieren. Ich habe mich damals allerdings gebauchpinselt gefühlt, das man mir, als Reservisten, diese hohe Verwendung überhaupt andiente. Im Nachhinein konnte ich  ganz gut damit leben, nicht berufen worden zu sein, denn für eine wie auch immer geartete Bundeswehrkarriere hätte ich es ohnehin nicht gebrauchen können. Aber auch diese Begebenheit wirft ein Licht auf die Personalsituation der Bundeswehr, wenn sie für eine herausgehobene Führungsfunktion nicht umgehend einen Aktiven bekommen konnten.

Unsere Unterbringung in Mostar war verglichen mit anderen Einsätzen fürstlich. Jeder hatte seinen Einzelcontainer und konnte sich somit auch immer wieder zurückziehen, was eine nicht zu unterschätzende Regenerationsmöglichkeit inne hatte. Denn, wenn sich in einem sechsmonatigen Einsatz, immer und ständig, mit anderen Menschen auf Tuchfühlung  ist, empfindet man letztendlich, den Toilettengang, schon als Freiheitsgewinnung.

Egal wie man es betrachtet, die ständige Präsenz für den Dienstherrn schafft immer einen hohen  Grad der Anspannung. Hier war es gut, mit Pfarrern und Psychologen  immer wieder einen engen Austausch zu pflegen, denn bei den zwischenmensch-lichen Problemen wie z.B. Trennungsschmerz , ist das abgestimmte und ausge-wogene Urteil wichtig.

Allerdings waren diese Vertreter von uns  drei Autofahrstunden entfernt. Immer dann, wenn die Trennungsbelastung einzelner Soldaten zu groß wurde, hatten wir schnell reagiert und denjenigen dann möglichst schnell auf den nächsten Flieger gesetzt, damit  er seine, meist hausgemachten, Probleme lösen konnte. Aber dieses richtige Einschätzen ist ungemein schwierig, weil auch immer wieder festzustellen war, dass Probleme die zu Hause auftraten, sich durch die eingeschränkte Kommunikation mit der Heimat, hochschaukelten. Da hatte ich dann einen Kameraden vor mir sitzen, der mir, unter Tränen, berichtete, dass seine Frau und die Kinder sich von ihm trennen wollten, weil sie die Abwesenheit des Vaters nicht mehr ertragen konnten. Als hier nach einigen Tagen sich die lebenserfahrenere ältere Ehefrau gefangen hatte und ihrem Ehemann signalisierte, nun auch noch die letzte Zeit durchzustehen, konnten wir das Rückflugticket wieder zurücknehmen. Aber im Grundsatz ist festzuhalten, wer zu Hause Probleme hat, kann diese naturgemäß im Einsatz nicht beheben und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dann dem Einzelnen über den Kopf wachsen. Hier war immer wieder das persönliche Gespräch gefragt und im Einsatz hat man die nötige Zeit dafür, aber nicht jeder nimmt sie sich!

Ich musste am Anfang mächtig  kämpfen um Linie in die Abläufe zu bringen. Wenn also diejenigen, die über ein Fahrzeug und somit über Bewegungsfreiheit verfügten, meinten, sie könnten unter dem Deckmantel der Erkundung selbstgeschnitzte Eigenbetreuungsmaßnahmen, außerhalb des Lagers umsetzen, hatten sie sich bei mir allerdings verrechnet. Denn denjenigen die nicht über diese Vergünstigungen verfügten stieß solches Verhalten  mehr als unangenehm auf.

Hier galt es gerade den altgedienten Portepeeunteroffizieren klar zu machen, dass man nicht nur an sich denken sollte, sondern mehr an seine unterstellten Soldaten, denn im Einsatz ist alles transparent. Wer hier als Führer Defizite hat, ist schnell entlarvt und büßt sein wichtigstes Instrument, nämlich die natürliche Autorität ein, denn nur mit Befehl und Gehorsam zu arbeiten, ist für beide Seiten, auf Dauer, überaus belastend. Somit dauerte es seine Zeit, bis die Kameraden merkten, dass der „Alte” eine klare Position verfolgt. Leider hatten aber hier gerade viele Altgediente, immer wieder ihre Schwierigkeit, einem tätigen Reservisten unterge-ordnet zu sein.

Denn sie konnten und wollten nicht begreifen, dass ihnen jemand vorgesetzt wurde, der nur einen Bruchteil, ihres schon geleisteten Zeitpensums, bei der Armee gedient hatte. Leider musste dann immer wieder mal ein deutliches Wort gesprochen werden, denn mit dem Appell an die  Einsichtsfähigkeit, kommt man leider nicht immer zum gewünschten Ziel. Auch in Gesprächen mit Kameraden, die gar nicht von meinem Reservestatus wussten, hörte ich immer wieder Vorbehalte gegenüber Reservisten heraus, auch Oberste waren von diesen Vorurteilen beseelt und Sticheleien gab´s dann gratis. In anderen gewachsenen Armeen sind diese Kinder-krankheiten schon längst überwunden.

Es gab allerdings auch von Fall zu Fall berechtigte Kritik, gegenüber dem Reservisten, weil er falsch beordert/eingesetzt wurde. Spezialisten wie einem Truppenversorgungsfeldwebel, der noch ohne Personalcomputer sein Geschäft gelernt hatte, haben einen schweren Stand im Einsatz.

Ein ganz wichtiger Punkt der Betrachtung ist die Erwartungshaltung des Soldaten. Durch die Vorausbildungen wird schon ein gewisses Bild geprägt, über das Für und Wider masse ich mir kein Urteil an, beleuchte aber hier eine tatsächliche Begeben-heit, an der man die Problematik ablesen kann.

Für die sogenannte einsatzbegleitende Ausbildung der Soldaten war ich u.a. zuständig, als da sind, Schießen, Sanitätsausbildung und sportliche Ertüchtigung, einschließlich der Durchführung von Märschen.

Trotz größtmöglicher Anstrengungen, hatte  in meinem Zeitfenster, von Nov 04 – April 05,  das Schießen mit den eigenen Handfeuerwaffen nicht geklappt. Die diversen Schießbahnen im Land, waren unserer Führung nicht passend genug und die Schießbahn die eine Fahrstunde von Sarajevo entfernt, im Gebirge freigegeben war, lag so hoch, dass man sie im Winter nicht nutzen konnte. Unsere internationalen Kameraden waren da weitaus flexibler, sie nutzten Schießbahnen, die über den ganzen Winter hin betrieben wurden.

Aber marschieren konnten wir natürlich. Gesagt getan, ich organisierte einen 20 km-Marsch, allerdings außerhalb des Lagers, im bestehenden Wegenetz, unmittelbar angrenzend an das Feldlager in Mostar. Eine überaus bezaubernde Landschaft, eingerahmt von einer beeindruckenden 2000 m hohen Bergkette und nur 40 km Luftlinie vom Mittelmeer entfernt. Fährt man an der Neretva entlang flussaufwärts kommt man durch die überaus sehenswürdigen Schluchten des Balkan. Einem Alpinisten wie mir, schlug da das Herz immer höher. Aber leider kommt in diesem Land keiner mehr auf die Idee, diese prächtigen Berge, zum Wandern zu nutzen, die einschlägigen Minenkarten verleiden einem diesen Spaß. Dies gilt allerdings nicht für die befahrenen und begangenen Straßen und Wege, die ja auch von der heimischen Bevölkerung genutzt werden.

Die Marschstrecke war natürlich bestens erkundet und auch unsere Spezialisten der Mienenkunde schauten genau hin.  Nachdem dieses Vorhaben angekündigt war, hagelte es Proteste, indem argumentiert wurde, dass das ein zu gefährliches Unter-fangen sei. In vielstündigen Gruppen- und Einzelgesprächen wies ich auf die Durchführbarkeit dieses Vorhabens  hin.

Kurzum ich marschierte dann selbst in der Spitzengruppe mit, wir hatten mehr Streckenposten als Marschierer eingesetzt und die sanitätsdienstliche Versorgung war optimal geregelt, weil innerhalb von Minuten, jeder von uns,   auf dem OP-Tisch in unserem Feldkrankenhaus gelegen hätte.  Der Marsch verlief reibungslos und ohne Beeinträchdtigungen, den meisten Teilnehmern gefiel das Vorhaben, weil sie auch endlich einmal aus dem Lager heraus kamen. Junge Einheimische winkten uns sogar freundlich zu. Gleichwohl musste ich ein paar Wochen später hinnehmen, dass sich gleich mehrere Soldaten über mich beim Wehrbeauftragten beschwert hatten. Wir konnten dann zwar die Vorwürfe entkräften aber es senkt allemal die Stimmung, wenn zu einem solchen Schwert gegriffen wird, obwohl im Vorfeld die Sachverhalte alle angesprochen wurden. Die vielen Vernehmungen und das Beibringen von stichhaltigen Beweisen führt naturgemäß im Nachdgang zu einer besonderen Anspannung.

Im Resümee kann ich nicht ausschließen das allein die Angst, es könne etwas passieren, die Soldaten zu einem solchen Tun veranlasst hatten. Hier muss die Bundeswehrführung sich ganz deutlich überlegen welche Bilder in den diversen Vorausbildungen gestellt werden.

Natürlich gehörte leider auch das Denunzieren zu den durchzustehenden Anforderungen.

Einmal wurde ich verdächtigt  einer Kulturveranstaltung in Zivil beigewohnt zu haben oder ein andermal war das Fahren ohne Führerschein mir angehängt worden. Alles haltlose Anschuldigungen, die letztendlich einen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Dieses Verhaltensmuster war nicht auf meine Person konzentriert sondern wurde auch bei vergleichbaren Vorgesetzten praktiziert!

Zu den emotionalen Höhepunkten gehört immer wieder der Jahreswechsel. Nun war es für mich schon das zweite Mal, hintereinander, dass ich in der Fremde Weihnachten und Neujahr verbringen sollte. Im Einsatz wird immer darauf geachtet viel Wärme und Behaglichkeit zu schaffen, so gut es eben geht. Nach unserer Tradition müssen es immer „ echte Weihnachtsbäume” sein, ohne diesen besonderen Schmuck ist Weihnachten für die deutschen Soldaten undenkbar. Natürlich kommt dann auch nicht das Essen zu kurz, von dem es allerdings im laufenden Jahr auch mehr als reichlich gibt. Unsere französische Küche hatte nicht gespart an Köstlichkeiten der mediterranen Möglichkeiten. Auch der passende Wein ließ sich bestens verkosten.

Eine kleine Episode am Rande, brachte mich zum innerlichen Schmunzeln, als ich mich entschloss, als Ersatz für den Weihnachtsgottesdienst, da der Militärpfarrer angeblich nicht anwesend sein konnte, eine schöne irische Weihnachtsgeschichte vorzulesen, die ich im Jahr zuvor, von dem dortigen Pfarrer im Kosovo gehört und die  großen Anklang gefunden hatte. Just am Heiligenabend wurde mir gemeldet, dass nun doch noch ein neu hinzuversetzter Pfarrer aus Sarajevo kommen würde um den Weihnachtsgottesdienst durchzuführen. Als dann der Gottesdienst begann, war ich nicht schlecht erstaunt, als gerade der selbe Pfarrer, der im vergangenen Jahr im Kosovo die Weihnachtsgeschichte zelebrierte, nun auch bei uns hereinschneite. Wir beide waren herzlich amüsiert und als ich ihm sagte, seine Weihnachtsgeschichte vorlesen zu wollen, gab er mir sogar den Vortritt und ich durfte diese besondere Geschichte den Gottesdienstteilnehmern nahe bringen.

Aber machen wir uns nichts vor, diejenigen zu Hause, sind meist von der Emotiona-lität von Weihnachten und dem Jahreswechsel, viel mehr eingenommen und wohl auch belastet, als derjenige in der Fremde. Denn dort war permanente Einbindung in die Gemeinschaft ein besonderes Auffangbecken und so mancher lässt auch die  Gefühlsregungen des Augenblicks nicht zu.

Ein Paradebeispiel für gelebte Unverfrorenheit spielte sich im Zusammenhang mit einem sogenannten „ Friedenslauf” ab. Weil auch Sarajevo zu dem Arbeitsbereich der Task Force South East gehörte und dort eine Waffen- und Munitionseinsammelaktion von uns geplant war, sollte ein Stadtlauf durch Sarajevo, im Februar, erfolgen. Dies sollte somit die werbewirksame Auftaktveranstaltung sein um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Denn hier handelte es sich immerhin darum, dass Soldaten unterschiedlicher Nationen von Haus zu Haus gingen und um die Abgabe von Waffen, Munition  oder Teilen davon baten. Da hier, von mir zu beurteilende Soldaten dabei waren, schaute ich mir diese Durchführung in Sarajevo an und war ziemlich überrascht über so viel Einsatzmut.

Denn diese Kräfte hatten keinerlei Schutz. Die Vorstellung, dass hier Einheimische falsch reagierten war zumindest in einem Land nicht von der Hand zu weisen, wo der Besitz von Waffen so selbstverständlich ist, wie bei uns der Besitz von einem Taschenmesser.

Der kursierende Spruch, das es auf dem Balkan, in einem Haus, eine Waffe zum Auffinden, eine zum Abgeben und eine zum gebrauchen gibt, wurde immer wieder durch die Praxis bestätigt. Bei den bisher üblichen  „ Sammelaktionen „ wurden mehrere Plätze in einer Stadt benannt, wo die Männer ihre Waffen abgeben konnten und hier waren dann regelmäßig Sprengstoffspezialisten und kampfstarke Absicherungssoldaten mit anwesend. Bei dieser Aktion nun, wurde es durchgeführt wie bei uns daheim, bei einer Haussammlung der Kriegsgräberfürsorge!

Ein überaus fleißiger deutscher Leutnant organisierte in kurzer Zeit dieses Highlite, den Sarajevo-Lauf und konnte sogar Schulklassen für´s  Mitmachen begeistern. An einem schönen aber bitterkalten Februarsonntag liefen dann ein paar Hundert, überwiegend natürlich Soldaten, durch die Altstadt Sarajevos, ein geschichtsträchtiges Ereignis, zumindest zu dieser Jahreszeit. Von den über hundert Deutschen Soldaten hatten sich allerdings nur gerade Zehn freiwillig gemeldet, auch weil ansonsten wir ja Sonntags frei hatten. Die deutschen Soldaten die ganz nah dran waren, nämlich die die auch in Sarajevo stationiert waren, beteiligen sich in Masse nicht an diesem Event. Vielleicht auch deswegen nicht, weil die Idee in der Task Force Salamander entstanden war und eben nicht bei einem deutschen Offizier. Aber gerade aus dem Ableiten des dienstlichen Anlasses, den wir unseren Soldaten natürlich auch deutlich erklärten, gab es keine Freiwilligkeit, also wurden alle befohlen und so fuhren ein halbes Dutzend gemieteter Reisebusse  160 km nach  Sarajevo über schneebedeckte und äußerst rutschige Straßen und Gebirgspässe. Somit waren wir dann natürlich zahlreich anwesend, zumindest als Zuschauer und einige wenige von uns, ließen es sich nicht nehmen, die 10 km Strecke, rund um den Altstadtring, zu joggen. Ich genoss den Hauch der Geschichte im Laufen, gerade auch, als ich unmittelbar am Auslöseort des Ersten Weltkrieges vorbeilief, wo einst Kronprinz Franz Ferdinand ermordet wurde. Da wir Glück mit dem Wetter hatten und vielleicht 600 Jogger auf der Strecke waren, konnte das Ganze als erfolgreiche PR-Aktion verkauft werden.

Nur einer, der von Haus aus Langstreckenläufer ist, ehemaliger Berufssoldat  und jetzt im Betreuungsbereich bei uns in Mostar arbeitete, meinte im Nachhinein sich beim Kontingentführer, unter Nichteinhaltung des Dienstweges, beschweren zu müssen.

Er schrieb sogar in seiner Begründung, dass er halt an diesem Sonntag nicht ausschlafen hätte können, er vergaß allerdings zu erwähnen, das er in der Woche sehr wohl über freie Zeitanteile verfügte, mehr als jeder andere Soldat in Mostar. Alles in allem eine Begebenheit, wo sich Insider an den Kopf fassten und nicht verstehen konnten das es solches Gebaren überhaupt geben würde. Leider hat der Kontingentführer wie man so schön zu sagen pflegt nicht diesem altgedienten Oberstabsfeldwebel den Marsch geblasen und so kann es sein, das solche Soldatenexemplare noch in weitere Einsätze geschickt werden, weil ihnen keiner den Riegel vorschiebt.

Auch kann es nach meiner Auffassung nicht sein, wenn man wichtige Funktioner, so z.B. einen Spieß, die sogenannte Mutter der Kompanie, in den Einsatz  kommen lässt, obwohl jener aus einem früheren Einsatz abgelöst wurde, wegen Trunkenheit und ungebührlichem Verhalten gegenüber Untergebenen. Dieser Spieß, im richtigen Vokabular muss es heißen Kompaniefeldwebel, ist der erste Ansprechpartner für alle Mannschaftssoldaten und ist Vorsitzender des Unteroffiziercorps.  Wenn dann solches Handeln nicht nachhaltig geahndet wird, ist etwas faul mit dieser Armee, um so mehr, wenn es, so wie von mir auch hier schriftlich erbeten, nicht mal eine Antwort des Kontingentführers gab.

Ein anderes besonderes Vorkommnis beschäftigte mich leider über einen längeren Zeitraum. In unserer kleinen gemütlichen Neretvastube ereignete sich an einem Samstagabend, aus einer Feierstimmung heraus, ein folgenschwerer Zwischenfall. Ein zu Gast weilender Offizier aus Sarajevo, war über den Verlauf des Abends so „angetan”, das er sich erdreistete einen Unteroffizier aus unserer Einheit förmlich festzunehmen. Dies stellt bei der Armee natürlich eine Besonderheit dar, weil  nicht alltäglich und hat auch immer disziplinare Würdigung im Schlepptau. Natürlich war mehr oder weniger Alkohol im Spiel und eine größere Anzahl von Soldaten aller Dienstgrade hatten ein Dienstvergehen begangen, weil mindestens der Zapfenstreich überschritten wurde, was sich im Verlauf der diversen Vernehmungen ergab. Zapfenstreich, ist frei übersetzt, die Zeit des Zurückziehens ins Quartier und liegt meist an den Werktagen bei ca. 22:00 Uhr und an einem Samstag bei 24:00 Uhr.

Ohne den Alkoholkonsum wäre es wahrscheinlich nicht zu dieser Kurzschlusshandlung des Offiziers gekommen. Erschwerend war hier allerdings, dass der Gast von einem anderen Vorgesetzten disziplinar behandelt wurde und ich nur für den Mostar- Anteil verantwortlich zeichnete. In solchen Angelegenheiten holte ich auch gern den Rat des Rechtsberaters ein und wir waren uns gedanklich einig, das das Ganze, im Gesamtzusammenhang gesehen werden musste. Da aber die Angelegenheit in Sarajevo, sich über vier Wochen hinzog, war ich mit meiner Entscheidungsfindung auch gehemmt, was für die Soldaten noch unangenehmer war denn sie wussten nicht welche disziplinare Ahndung diese Angelegen nach sich ziehen würde.  Hierfür wären Verweis, strenger Verweis oder sogar eine Geldbuße denkbar gewesen, die beiden letzteren Varianten erscheinen dann auch in den Personalunterlagen und haben somit Auswirkungen auf den weiteren Werdegang, zumindest der Berufs- und Zeitsoldaten. Gerade in diesen Angelegenheiten ist schnelles und gründliches Handeln angesagt. Es macht dann schon betroffen, wenn man erfahren musste, dass die Verfolgung der Angelegenheit, in Sarajevo, daran hakte, dass der Verantwortliche keine Zeit habe, weil so viele hochrangige Besucher aus Deutschland kommen würden und dafür natürlich wie so oft beim Militär, ordentlich vorgeübt werden müsse.

Aber trotz dieser besonderen Vorkommnisse fand ich immer wieder Gefallen an meiner Aufgabe, weil ich auch täglich sehen konnte wie kontinuierliches Wirken Früchte tragen konnte. Wir pflegten hier im internationalen Einsatz ganz deutlich unsere Rituale, eine tägliche Flaggenparade gehörte ebenso dazu wie ein deutsches Frühstück, was sonntäglich allen Soldaten der Task Force angeboten wurde und an dem auch die anderen Nationen, vornehmlich Franzosen, Spanier und Italiener, sich gern beteiligten.

Denn original bayrische Weißwürste kennen nun mal Nichtbayern weniger und deftige Hauswürste waren auch uns sehr recht. Leider schimpften immer wieder Soldaten über die, aus ihren Augen, mangelhafte französische Küchenverpflegung, aber hier ist es, so wie im zivilen Leben auch: „Was der Bauer nicht kennt das isst er nicht!”

Gleichsam hätte ich es gern gesehen wenn die überwiegende Zahl der Soldaten sich auch für Land und Leute interessierten. Als ich den Kameraden  vorschlug,  sich das Museum in Mostar anzusehen oder eine Kulturveranstaltung zu besuchen,  erntete ich nur Sprachlosigkeit und so zeigte mir allein die engagierte Sprachmittlerin einen Teil der hohen Kultur dieser Region. Im Museum von Mostar gab es von einem Vertrauten Titos einige interessante Hinterlassenschaften, war doch Mostar eine Sommerresidenz dieses Staatsmannes. An einem nahen Berghang bei Mostar war die Verehrung gegenüber Tito, zu seiner Zeit, in Stein gehauen und nicht zu übersehen.

Wer nun nach dem Miteinander von Soldat zu Soldat, hier besser von Soldatin und Soldaten, fragt, dem sei geantwortet, dass es Dank des neuen Sexualerlasses im wahrsten Sinne des Wortes freizügiger geworden war. Waren im Kosovo noch die weiblichen Soldaten in einem separaten Haus untergebracht und nur zwei männliche Kameraden hatten dort dienstlichen Zugang, so war jetzt alles anders. Als sich zwei gestandene Menschen im Einsatz näher kamen und auch positive Gefühle fürein-ander hegten war das Zusammenziehen in einen Container sogar möglich. Als ich darauf angesprochen wurde, doch gefälligst einzu-schreiten, gab mir auch der befragte Jurist Recht und verwies auf die neue Erlasslage. Das die beiden Betroffenen zu Hause in sogenannten festen Beziehungen lebten, tat der Einschätzung keinen Abbruch.

Alles in Allem war der Mostareinsatz eine vergleichsweise ruhige Verpflichtung aber der permanente Freiheitsentzug war trotzdem bei vielen Soldaten zu spüren. Auch wenn wir immer wieder Betreuungsfahrten anboten, erreichten wir mit solchen Aktionen, immer nur einen Teil der Soldaten, viele die es wirklich gebraucht hätten, versperrten sich gegenüber solch positiven Angeboten. Wir hatten hierfür sogar einen Kleinbus und einen speziell dafür vorgesehenen Betreuungsunteroffizier. Dieser war grundsätzlich für die Organisation aller besonderen Veranstaltungen zu-ständig, die das Leben in der Fremde erträglicher machten. Unsere Betreuungsfahrten wurden überwiegend in Kroatien, eben am Mittelmeer, durchge-führt. Das hatte einen doppelten Anreiz, erstens mussten oder besser durften wir Zivil tragen, das war Bedingung der Kroatischen Regierung und zweitens führte es uns in die malerischen Orte wie Dubrovnik, Split oder Markaska. Als sonntäglicher Tagesausflug konnten die Kameraden praktisch einmal pro Monat dabei sein, natürlich dienstgradübergreifend. Gerade das Dienstgradübergreifende war für mich  Anlass, in Abstimmung mit den Vertrauensleuten, dass Ausgeh-Abende für Jedermann, in ausgesuchten Lokalen der Umgebung, stattfanden. Denn gerade die Vielfalt von verschiedenen sinnvollen Angeboten sorgt mit für ein gedeihliches Miteinander. So auch unser Angebot Ski zu fahren, am Olympiastützpunkt Sarajevo.

Da wegen mangelnder Nachfrage noch Plätze frei waren konnte ich mit wenigen Kameraden die Gunst der Stunde nutzen und am Austragungsort der Winterolympiade von Sarajevo 1984, für einen halben Tag Ski laufen. In unserer Tarnuniform sahen wir zwar etwas merkwürdig aus aber die wenigen schon wieder freigegebenen Abfahrten waren ein Hochgenuss für die Sinne und der Smog von Sarajevo sah wie Herbstnebel aus. Die von Raketenangriffen zerstörten Liftanlagengebäude am Berg Igman ließen nur bedingten Raum abzuschweifen und die vielen Minenhinweisschilder in der weiteren Umgebung machten auch schnell klar, noch nicht im Urlaubsparadies angekommen zu sein.

Gerade auch die Balance, zwischen denen die richtig viel zu tun haben, weil sie z.B. im Schichtdienst eingeplant sind und solchen Soldaten, die nur für eine Stunde täglich Arbeit haben, ist für die Vorgesetzten immer wieder eine Herausforderung. Die Soldaten der Fahrbereitschaft haben naturgemäß immer wieder Lehrlauf, den es auszufüllen gilt. Hier sinnvolle Angebote zu machen ist äußerst schwierig. Diejenigen die am Telefon oder Computer ständig präsent sein müssen, empfinden ihren Dienst auch immer wieder als sehr belastend, zumal wenn sie in der Nachtschicht arbeiten.

Beide Seiten spüren dann den Stress, haben nur eine unterschiedliche Wahrnehmung, denn die Wenigsten der jüngeren Kameraden können ihre  Dienstunterbrechungszeit sinnvoll nutzen und so werden Menschen zu Kneipengängern die zu Hause ansonsten lieber hinter dem sprichwörtlich warmen Ofen sitzen würden.

Leider waren nicht die Kartenspielabende die bestbesuchtesten Gemeinschafts-veranstaltungen, sondern hier waren es die diversen Lanepartys oder auch Computerspielabende. Hier hatte jeder natürlich sein eigenes Notebook nebst Zube-hör dabei und alle waren dann vernetzt, unter drei Stunden Gesamtspielzeit wurde es nicht durchgeführt. Vorherrschendes Thema: „ Häuserkampf „!

Der Rückflug war regelmäßig ein Genuss, flogen doch die Luftwaffen-Airbusse, mit vollem Komfort einer Linienmaschine, einen wieder in die Heimat und es ist ein tolles Gefühl von seinen Lieben wieder in Empfang genommen zu werden.

Der Empfang findet dann immer in einem abgeschirmten Teil eines Militär- oder Zivilflughafens statt, ganz ohne großen Bahnhof. Den gibt es wie wir mündigen Staatsbürger in Uniform gelernt haben, nur dann, wenn Soldaten für eine Showein-lage gebraucht werden oder etwas ganz fürchterlich schief gelaufen ist.

 

Afghanistan – die Herausforderung

Vorbereitung – mit vielen Stolpersteinen

Von  vornherein stand der Einsatz unter einem ungünstigen Stern. Ich hatte mich noch einmal für einen Einsatz zur Verfügung gestellt. Gefühlsmäßig wollte ich nicht mehr auf den Balkan, jetzt sollte es also Afghanistan sein. Im September erhielt ich dann auch den entsprechenden Anruf. Man bot mir den stellv.J3 und die stellv.Leitung Lagezentrum im Regional Area Coordinator (RAC-North) an.

Dieses NATO-Hauptquartier deckt die neun nördlichen Provinzen des Landes ab und

koordiniert alle ISAF-Aktivitäten in diesem Bereich sowie die Unterstützungsleistun-gen der insgesamt fünf dort stationierten Provincial Reconstruction Teams (PRT)

Was steckt dahinter? In der Bundeswehr fühlt sich keiner so richtig bemüßigt einem Reservisten über die Einzelheiten Auskunft zu geben. Also telefonierte ich  mit denen die mehr wissen konnten. So erfuhr ich, dass es sich um  den Dienstposten handelt, bei dem die operative Führung aufgehangen ist. Im Lagezentrum werden alle Abläufe mitverfolgt um die Ereignisse anschaulicher zu machen um danach die richtigen Entschlüsse zu treffen und für die Umsetzung zu sorgen.

Unsereins hatte gerade mal  die Befähigung zum Bataillonskommandeur, was formal ausreichte, aber es hätte auch langjährig mit Erfahrung ausgestattet sein müssen. Auch mein Telefonat mit dem Vorgänger ergab nicht´s stichhaltiges, mein Hinweis nur mäßig „ Englisch” sprechen zu können, wurde in der Weise beantwortet, dass das während des Einsatzes sich schon entwickeln würde. Dann bestand der Leitver-band darauf, dass ich unbedingt eine Woche Vorausbildung  mitzumachen hätte, weil  dort der landeskundliche Teil vermittelt werden würde. Erstens gab es dort keinen landeskundlichen Teil ( zwei Unterrichtsstunden ) und zweitens hatte ich diesen einwöchigen Ausbildungsgang nun schon zum dritten Mal in zwei Jahren mitgemacht. Bei diesen Lehrgangsinhalt wird allgemeines Infanteriewissen, auf Auslandseinsätze bezogen, vermittelt. Den Soldaten  zielgerichtet vorzubereiten ist nicht vorgesehen, aber gerade in Spezialfunktionen von großer Wichtigkeit.

Ich hätte gut zwei Monate Zeit gehabt mich konzentriert vorzubereiten. Für Soldaten in Schlüsselfunktionen und dies war eine solche, werden sogenannte Keyleader-reisen ins Einsatzland angeboten. Somit lernen die Soldaten schon ihren Einsatzraum hautnah kennen, Reservisten wird das in keinem Fall angeboten, dies bestätigte mir im Januar auch der Stellv. Befehlshaber Einsatz Führungskommando im persönlichen Gespräch. Für ihn war ärgerlich, dass nicht das EinsFhrKdo sondern das Heeresführungskommando für die Personalauswahl zuständig ist.

Auch war in meinem Fall offensichtlich, dass sie in der gesamten deutschen Armee keinen Aktiven gefunden hatten der diesen Dienstposten besetzten wollte! Anzumerken ist, das es in der gesamten Armee viele Hundert Oberstleutnante geben soll die keine feste Planstelle haben und mancher davon hat bestimmt die geforderte Qualifikation.

Nun wollte ich aber nicht klagen, denn natürlich freute ich mich auch auf die Heraus-forderung, so wie ich Berge bestiegen hatte, die erst einmal unbezwingbar für mich schienen, zeigte mir dann die tatsächliche Umsetzung, das es doch machbar war.

Ich nahm mir  Privatstunden, um mein Englisch aufzupolieren, wobei ich ahnte, dass die schriftliche Formulierung von Grundlagenpapieren eine besondere Spezi darstellt.

Natürlich war auch wieder die Beschaffung der nötigen formalen und sachlichen Voraussetzungen ein Kraftakt. Das Grippeschutzserum musste ich mir letztendlich  in der Apotheke selbst besorgen. In den sogenannten Lagezentren, der einsatzstellenden Brigaden, gibt es kaum einen Ansprechpartner, der einem alle anstehenden Fragen fundiert beantworten kann und das ist eine Erfahrung aus drei Einsätzen. Die dort eingesetzten Soldaten wechseln z.T. so oft, dass ihnen das umfangreiche Fachwissen einfach fehlt. Natürlich hatte ich mich mit  Lektüre und allem was ich verwerten konnte  auseinandergesetzt, aber vom Dienstherrn gab es nur den Leitfaden für Bundeswehrkontingente, vom Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr, dies aber auch regelmäßig nur auf Nachfrage.

Diese Aufzählungen von Mängeln, schon in der Einsatzvorbereitung, ließen sich noch weiterführen, ich verzichte aber an dieser Stelle auf die weitere Benennung, denn ich erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Die Vermittlung eines Gesamtbildes ist die Zielsetzung meines Handelns.

 

Kunduz – die Realität beginnt

Natürlich war es ein Erlebnis, über 5000 km in eine bisher ungewohnte Welt zu fliegen. In Termez / Usbekistan machten wir erst einmal Zwischenlandung und in einem Großzelt, direkt am Flugplatz, verbrachte ich meine erste asiatische Nacht. Hier ruht man zwar mit vielen Kameraden auf engstem Raum, aber jeder ist glück-lich, wenn es am nächsten Tag weitergeht, denn oft, sind wegen der widrigen Witte-rungsverhältnisse Soldaten gleich mehrere Tage in diesem Sammellager zusammen-gepfercht.

Man freut sich, wenn man wieder seine Gepäckstücke findet um sie am nächsten Tag,  im richtigen Flieger, mit dabei zu haben. Denn von Termez verzweigen sich die Wege. Vom Flug in der Transall hat man wenig, weil man in Afghanistan überall angeschnallt auf seinem Sitz zu hocken hat, so kann man auch nicht aus den wenigen Fenstern einen Blick riskieren, natürlich alles unter dem Diktat der Sicher-heitslage, denn Ausweichmanöver sind immer einzuplanen.

Vom Flughafen wurden wir mit gepanzerten Fahrzeugen abgeholt und ins Lager Kunduz verfrachtet. Diese Liegenschaft war kein gewachsenes Militärlager, sondern eine Ansammlung von mehreren bebauten Grundstücken am Stadtrand. Auffallend war der große Baumbestand und eine unüberschaubare Anzahl von hohen Mauern. Mauern sind in Afghanistan ein Sonderthema, denn jeder der was auf sich hält baut erst einmal eine Mauer um das Seinige und wenn es nur ein Feld ist. Diese Mauern gibt es in allen Variationen und in allen Höhen. Im Lager Kunduz waren sie so hoch wie wir sie aus Gefängnissen kennen und weil das Lager eben über mehrere  Grundstücke sich ausdehnte gab es eben auch einige Mauern mehr im Camp. Weil die meisten Soldaten ohnehin außerhalb des Lagers keine Aufträge wahrzunehmen hatten, gab es nur Kontakt zu den Einheimischen im Lager, vornehmlich der Lagerwache.

Aber auch hieran gewöhnte man sich schnell, wenn man sah wie neugierig manche der afghanischen Wachsoldaten, die im gesamten Lager herumwuselten, mit uns kommunizierten. Der überwiegende Teil dieser jungen Männer machte durchaus eine freundliche Mine und so gab es, zwar auf einem niedrigen Stand,  Einheimischenkontakt. Auf diese Art der Bewachung war man natürlich auch im Vorhinein nicht hingewiesen worden, entstand sie wohl in einem Deal mit den örtlichen Machthabern. Gefühlsmäßig konnte man sich jetzt aussuchen, wer wen wie bewachte, die Afghanen uns vor Anderen oder uns davor -  keine Dummheiten zu machen?

Die Lebensumstände waren natürlich beengt, in einem kleinen Holzhäuschen ruhten wir zu viert, jeweils mit einem Feldbett und einem kleinen Regal zur Ablage. Erschwerend ist ein Anfang dann besonders, wenn man einen weit hörbar schnarchenden Zimmergenossen hat, der, wenn er noch nicht schlief, sein Laptop auf dem rundlichen Bauch tanzen ließ und noch rauchender Weise seine Computerspiele tätigte.. Weil es ein belgischer Kamerad war, ist man natürlich vorsichtig mit der Kritik!

Ansonsten lebte man aus der Kiste, bzw. Seesack. In den Unterkünften und in den Arbeitsräumen waren die Fenster notdürftig abgedunkelt. Das Wegenetz war nostalgisch, denn es waren überall Bretterwege gebaut, allerdings so schmal, das zwei aufeinander Zukommende sich seitlich versetzen mussten. Im Dunkeln wurden diese Stege mit bunt strahlenden kleinen Leuchten erhellt und es entstand eine Licht-Atmosphäre wie in einem Freizeitpark. Die Arbeitszeit war grob umrissen von siebenuhrdreißig bis einundzwanziguhrdreißig und das in der Regel (i.d.R.) sieben Tage in der Woche. Sonntags durften wir zwei Stunden länger schlafen. Zum Sport im Fitnessraum durften wir, nach schriftlicher Abmeldung, wenn es die Zeit zuließ. Später merkte ich, dass die Dienstzeit mehr eine Anwesenheitsverpflichtung war, als denn eine wirkliche Arbeitsbelastung, aber die Alternativen waren ohnehin nicht so prickelnd. Nach zwei Wochen war ich richtig dankbar auf einen unbesetzten Wachturm zu steigen, um auf diese Weise,  einen Blick nach draußen  werfen zu können.

Die Arbeitsaufnahme war genau so wie ich es mir in meinen schlimmsten Befürch-tungen vorgestellt hatte.  Wir hatten gerade mal einen Tag zur Übernahme der Dienstgeschäfte, was für eine anspruchsvolle Aufgabe viel zu wenig ist.

Bei allen Soldaten des RAC wurde ich freundlich und wohl auch etwas neugierig aufgenommen.

Beide Positionen, die ich auszufüllen hatte, verlangten nach der Dienstpostenbeschreibung, einen Generalstäbler, mit mehreren Jahren Natostabsehrfahrung, mindestens auf Brigade-Ebene. Ich zitiere aus der internationalen Job Description für den Chief J3, was auch für den Stellvertreter gilt: „ Successful completion of GenStaffOfficers Course, experience an COS on brigade staff level or as Battalion Commander.” In der Job Description für Chief TOC steht:”Must have NATO staff experience (G3/G2) on Division or Brigade level. Experience in a NATO Mission Abroad and NATO relevant courses.”

Ein mir übergebener DIN A4 Ordner, mit dem Standartbefehl, sollte ich in kürzester Zeit durchlesen. Nach zwei Tagen hatte ich meinen Entschluss gefasst und den höchstrangigen deutschen Offizier gebeten, mich von der Aufgabe zu entbinden. Denn zum Ersten hätte ich ab dem dritten Tag im Einsatz das operative Geschäft führen müssen, denn der eigentliche Abteilungsleiter, einer anderen Nation, war erst für sechs Wochen später angekündigt.

Auch wäre ich wesentlich an der Konzeptbildung der Führungsübernahme gegenüber den PRT´s beteiligt gewesen, dies ist schon eine Herkulesaufgabe für einen Aktiven. Mein Vorgänger hatte mir auch noch mitgegeben, dass er in seinen vier Monaten nicht ein einziges Mal außerhalb des Lagers war, es sei immer genügend Arbeit vorhanden gewesen und zwar für jeden Tag in der Woche.

Die zweite Aufgabe, dass Lagezentrum zu führen, war  gleich der sogenannte scharfe Einsatz, weil von hier die Koordination der Rettungsmaßnahmen erfolgten. In dem konstruktiven Gespräch mit meinem deutschen Kameraden, kamen wir schnell überein, dass ich diesem kleinen Natostab, im Aufwuchs, nun leider nicht so viel Impulse mitgeben könne wie man dies von mir erwartete. Von Anfang an stand die Zusage, mir innerhalb des landesweiten Kontingentes eine andere Verwendung zukommen zu lassen weil ich  persönlich nicht für diese missliche Situation verantwortlich zu machen sei, man müsse natürlich auch einen geeigneten deutschen Nachfolger finden.  Als nach seinem Erholungsurlaub der Kommandeur des RAC mit mir die Angelegenheit besprach, kam er zu dem gleichen Ergebnis und der Zusage, mir behilflich zu sein. Als dann am 23.11.05 der Befehlshaber EinsFhrKdo seinen Dienstaufsichtsbesuch abstattete, spitzte sich die Lage zu, indem mir berichtet wurde, der Befehlshaber habe in der Gesprächsrunde, von meiner Ablösung gesprochen, was die umgehende Rückführung in die Heimat bedeutet hätte.

Am Abend kam dann die überraschende Wende, indem mir mitgeteilt wurde, dass ich nach Kabul versetzt werden würde, nur der Dienstposten sei noch nicht ganz genau fixiert. Hatte hier ein Einsternegeneral einen Dreisternegeneral überzeugen können? Ich musste  noch wieder mehrere Tage warten, bis ich am 29.11, vom Kommandeur RAC-North persönlich, die Mitteilung bekam, dass, nachdem er nochmals mit Potsdam telefoniert hatte und zwar mit dem Chef des Stabes  EinsFhrKdo nun meiner Versetzung nichts mehr im Wege stehen würde. Der Posten des Verbindungsoffiziers zur Deutschen Botschaft sei mir sicher.

 

Kabul – Das Herzstück Afghanistans

Vom Flughafen fuhren wir mit gepanzerten Fahrzeugen wieder im Konvoi ins 15 km entfernte Camp-Warehouse. Dieses von Deutschland betriebene Lager hatte auch die KMNB, die multinationale Brigade Kabul, in ihren Bereich und viele Soldaten aller möglichen Nationen, die aber auch den nationalen Befehlshabern unterstanden. Somit gab es auch deutsche Gründlichkeit und deutsches Essen. Vom letzteren meist so viel, dass es schwer war, sein Gewicht zu halten.

Ich hatte auch hier das Gefühl positiv aufgenommen zu werden. Mein Vorgänger konnte mich sogar noch drei Tage einarbeiten und vorstellen und es war äußerst angenehm im Kreis der Botschaftsangehörigen aufgenommen zu werden. Der militärpolitische Berater und sein Stellvertreter waren meine beiden ersten An-sprechpartner, mit denen ich mich auch auf Anhieb gut verstand.

Die Kernaufgabe des Verbindungsoffiziers kann man so umschreiben: „Der VO unterrichtet die Botschaft über die allgemeine Lage beim Kontingent, besonders die örtliche Sicherheitslage dort und das Kontingent über die Lage bei der Botschaft.”

So saß ich nun viele Tage in der Woche, in der sogenannten „ Botschafterlage” und erhielt einen guten Überblick der Gesamtlage Afghanistans. Unter dem Botschafter war die vertrauensvolle Zusammenarbeit ein Genuss, dass gleiche galt für den Militärattache und seinen Vertreter, die man militärpolitische Berater nennt.

Wir Soldaten, die überwiegend nur vier Monate im Einsatz verweilen, können in vielen Spezialdisziplinen nur schwer das richtige Maß der Analyse treffen und das im Besonderen für die Einschätzung der Sicherheitslage, hier kam  hinzu, dass wir am 14.11.2005 einen schweren Sprengstoffanschlag gegen deutsche Soldaten hinnehmen mussten, bei dem ein Soldat getötet und zwei schwer verletzt wurden. Danach hatten wir unsere Sicherheitsvorkehrungen merklich erhöht.

Im Camp Warehouse wo ich untergebracht war und einer Abteilung des deutschen Stabes eingegliedert wurde, hatte ich einen Arbeitsplatz bei unserem deutschen Landeskundler eingeräumt bekommen. Wir hatten jeder einen Rechner und genügend Raum für uns beide. Das ich bei ihm nicht so willkommen war, erfuhr ich schon von meinem Vorgänger, aber da ich grundsätzlich positiv auf Menschen zugehe, sah ich darin keine größere Herausforderung.

Die Schlafunterkunft mussten wir uns allerdings zu viert teilen. Nachdem wir in einer kalten Dezembernacht von einem Erdbeben, allerdings ohne nennenswerte Schäden anzurichten, geweckt wurden, entschloss ich mich unser Etagenbett auseinander zu bauen, denn ich schlief unten, die Vorstellung, bei einem erneuten Ereignis dieser Art von einem herabstürzenden Bett mit einem Hundertkilomann erdrückt zu werden, behagte mir dann doch nicht so gut. Somit hatten wir in unserem Feldhausquartier vier Blechkleiderschränke, ( auch Spind genannt )und jeweils ein ebenerdiges Bett zur Verfügung. Wir waren jedenfalls alle so rücksichtsvoll, das wir alles vermieden uns auf die Nerven zu gehen, was im Einsatz relativ schnell passiert. Die gegenseitige Rücksichtnahme ist gerade bei so langem Miteinander eine große Herausforderung für viele Soldaten ob altgedient oder jung an Jahren.

Die Auflage nur mit geschützten Fahrzeugen herauszufahren, stellte die Truppe vor hohe Hürden. Ich selbst war mit meiner immer wiederkehrenden und zeitlich gut nachvollziehbaren Tour, ein besonders leicht auszumachendes Ziel, zumal wir immer, in das „ Auge des Hurrikans” fahren mussten. Diesen Begriff wähle ich hier, weil es sich um den Innenstadtbereich, mit Regierungssitz und allen wichtigen aus-ländischen Einrichtungen sich handelt, die in der Vergangenheit, immer wieder Ziel von Anschlägen war.

Die Ausweichrouten sind in Kabul begrenzt und die Verkehrssituation verlangt schon eine hohe Aufmerksamkeit, denn an Verkehrsregeln, hält sich keiner. In der Summe führte dies zu einem rücksichtslosen Fahrstil fast aller Verkehrsteilnehmer.

Dazu kam, dass das Militär fast täglich Warnhinweise jeglicher Art erhielt. Da wurde gewarnt vor Tojotas ( überwiegende Automarke in AFG ), und vor allem möglichen.

Im Ergebnis ist es fast unmöglich eine drohende Gefahr rechtzeitig zu erkennen, wenn man bedenkt, dass die Täter immer öfter bereit sind auch ihr eigenes Leben einzubringen.

So erschien es mir plausibel, den Antrag zu stellen, mit zivilem Auto und in landestypischer Tracht zu fahren, um eben nicht Zielscheibe potentieller Angreifer zu sein. Trotz mehrmaliger Nachfrage wurde dieses sehr ernst gemeinte Anliegen letztendlich verworfen.

Im Sommerurlaub  traf ich unlängst einen ehemaligen Militärpfarrer, der mir berichtete, dass mein Nachfolger, eben diesen Antrag auch gestellt habe und seinem Wunsch in Zivil zu fahren entsprochen wurde. Meinem Fahrer und mir blieb nichts weiter übrig, in einem gepanzerten Kleinstfahrzeug zu fahren, aber wir gaben weiterhin eine Zielscheibe ab für uns und unsere Begleitmannschaft.

Kabul und die Umgebung waren schon eine Reise wert, nur nicht gerade in dieser Zeit. Es gab keine verlässliche Volkszählung, aber es wird von über vier Millionen Menschen in dieser Kesselmetropole ausgegangen, denn die umliegenden Berge begrenzen die Stadtgrenzen. Die Ausdehnung ist entsprechend groß, denn die vorhandenen höheren Häuser rühren noch aus der Besatzungszeit der Russen. Es sind Wohnsilos, mit ca. fünf Geschossen, so wie wir sie von damals, in der alten DDR, noch in Erinnerung haben. Die Kriegsschäden sind noch überall sichtbar aber auch der Gestaltungswille zur Erneuerung.

In der Trockenperiode und die ist auch im Winter vorherrschend, ist die Stadt von einer wabbeligen Dunstglocke überspannt die das Leben darunter nicht gerade einfacher macht, wenn man noch bedenkt, dass es keinerlei öffentliche Kanalisation in dieser Millionenstadt gibt, die doppelt so groß ist wie Hamburg.

Wo früher Stadtgrün wuchs sind nur noch Stein und Sand. In der Zeit der Talibanherrschaft mussten die Stadtbewohner auch die letzten Bäume zur Energiegewinnung fällen. Auch heute noch ist Holz die vorherrschende Energiequelle, die aber teuer eingekauft werden muss. Am Tag ist ein wuseliges Treiben zu beobachten, die vielen Kinder geben dem grauen Alltag ihren positiven Aspekt.

An den Straßenrändern sind viele Menschen, ganz überwiegend Männer, jedweden Alters zu sehen, denn für sie ist es auch eine willkommene Abwechslung, den pulsierenden Verkehr zu beobachten. Arbeit haben sie ohnehin keine. Frauen, wenn man sie denn sieht, sind in eine blaue Burkha gehüllt und machen immer einen bienenfleißigen Eindruck. Sofern sich die Afghanen es sich leisten können, haben sie ihre Kinder farbenfroh angezogen.  Ihre landestypischen Lastkraftwagen sind mit bunten Bildgeschichten über und über bemalt.

Schnell stellte sich heraus, dass für mich die wichtigste Bezugsperson mein Fahrer war und ich bin dem Schicksal dankbar, dass wir ein hervorragendes Verhältnis hatten. Unsere Begleitungen wechselten sehr oft, weil die Vorgesetzten die sie zu stellen hatten, immer dreistere Begründungen für die Nichtabstellung fanden.

Auch musste ich mir am Anfang vorhalten lassen, dass ich nicht schnell genug durch Kabul fahren würde, nämlich nach dem Motto, Augen zu und durch! Normalerweise zwangen schon die Schlaglöcher in den Straßen zum behutsamen Fahren.  Nicht wenige von uns hatten später durch das Fahren mit schwerer Schutzweste und Helm, dann auch Rückenbeschwerden.

Ganz abgesehen davon, das Fahrzeuge in Kolonne eine erhebliche Staubentwicklung auslösen.

Es war bis dato gängige Praxis mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren um ja kein Ziel abzugeben. Nur dabei wurde übersehen, dass man dann gar keine Möglichkeit der Beobachtung und gegebenenfalls der Reaktion hat! Als dann sogar der Kontingentführer mit dieser Sache konfrontiert wurde, sah er sich in der Situation, dazu schriftlich eine differenziertere Vorgehensweise anzuordnen. Übrigens, in einem von den Amerikanern mitzuverantwortenden Unfall, in diesem Sommer, mit mehreren Toten, natürlich auch vielen Zivilisten, sind wegen dieses allgemein bekannten Besatzerverhaltens, größere Unruhen in Kabul ausgebrochen, die nur mit äußerster Härte unterdrückt werden konnten.

Spinnt man die Gedankengänge der Terroristen weiter, erreichen sie strategisch zu-mindest, das wir, gemeint ist die ISAF-Truppe,  ihre Bewegungen einschränken. Allerdings könnte die Gedankenkette dann verhängnisvoll werden, wenn die terroristischen Gruppierungen erkennen, dass bei einer Steigerung ihrer  Taten  sich das Militär, sich in seine Camps zurückzieht, um ja kein Ziel abzugeben. Dann wären  die Truppen gelähmt und zum Däumchendrehen verurteilt. Nun kann man ja argumentativ ins Feld führen, wir tun ja nur Gutes, aber hier sehe ich zumindest bei den Taliban kein Entgegenkommen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie seit 2002 immerhin 114 Schulen zerstört haben. An dieser Stelle sei übrigens mal gesagt, dass die Taliban keine Volksgruppe sind, sondern in der freien Übersetzung  Koranschüler, ein nach Wissen Strebender. Sie sind die traurige Nachgeburt des jahrzehntelangen Kriegszustandes in dieser Region. Es sind entwurzelte und familienlose Kinder gewesen, die in Pakistanischen Flüchlingslagern, in den 80er Jahren, in Pakistanischen Koranschulen ( Madrassas ) von Fundamentalisten erzogen wurden und sich späterhin entsprechend gebärdeten. 1996 nahmen die Taliban Kabul ein und herrschten mit religiösen fanatischen Praktiken über das Land, ohne sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen.

Weiterhin stellt sich ohnehin eine grundsätzliche Problematik, indem gut 12000 US Amerikaner auf Talibanjagd sind und wenn man sich die Fakten ansieht, hier im Land auch richtig Krieg führen. ( 2005 insgesamt 1500 Getötete. Auch ist der Blutzoll der Amerikaner deutlich gestiegen ( 2005 insgesamt 60 Tote ) und alle sogenannten feindlichen Kräfte weichen mit ihrer Gewalt aus und proben zumindest mit  hinterhältigen Anschlägen ihre Wirksamkeit, in anderen Landesteilen.

Neuerlich steht der gesamte afghanische Einsatz unter NATO-Mandat und das Folgende gilt umso nachdrücklicher.

Die Bundeswehr kommt immer stärker ins Fadenkreuz der militanten Kräfte. Auch wenn unsere deutsche Aufgabenstellung mehr die der polizeilicher Ordnungsdienste und bewaffneter Sozialarbeit entspricht, können wir schnell in den Sog einer ausufernden Gewalt geraten, weil wir zumindest im Nordbereich den Hut aufhaben, sprich eigene Verantwortung, in einem geographisch fest umrissenen Gebiet, übernommen haben.

In dem Maß wie die Amerikaner und jetzt auch weitere NATO-Partner, Druck ausüben wird sich der Gegendruck verstärken und die russischen Lehren sind dabei durchaus zu berücksichtigen.

In einigen Bereichen des Landes haben wir Deutschen durch gezielte humanitäre Hilfe uns Ansehen verschafft, im Norden des Landes gibt es dafür allerdings keine geschichtlichen Anknüpfungspunkte.

Im Norden ist das drittgrößte Mohnanbaugebiet des Landes, wo wir Deutschen immer sagen, uns nicht einmischen zu wollen. Die Amerikaner sind aber, was ich auch gut nachvollziehen kann, sehr daran interessiert, dem größten Drogenexporteur der Welt, zumindest teilweise das Geschäft zu vermiesen. Spätestens dann, wenn hier radikal vorgegangen wird, kommen wir in die erste Schusslinie, weil dann Krieger und Geld eine unheilvolle Allianz bilden können, der wir dann nicht mehr viel entgegenzusetzen haben. Sollten wieder hochmoderne Raketentypen wie die Stinger z.B. zum Einsatz kommen( von einer Person aus möglich ), können die Terroristen jeden Flieger vom Himmel holen auf den sie zielen, auch hier sollte man die jüngere Geschichte beachten. Die Russen verloren hunderte von Flugzeugen jedweden Typs.

Es könnte natürlich sein, dass man mit den Drogenbaronen und den Warlords, die sehr oft identisch sind, eine Übereinkunft erzielt, indem z.B. vereinbart wird, einen gewissen Prozentsatz der Mohnfelder zu vernichten. Dies ließe sich öffentlichkeitswirksam gut verkaufen und muss nicht mal eine Ertragsminimierung bedeuten, wenn man bedenkt das viermal im Jahr Mohn  geerntet werden kann und die Lagerstätten randvoll sind. Die riesigen Mohnanbaugebiete mit Gift zu bespritzen, was ursprünglich die Amerikaner wollten, verbietet sich weil dann eine alternative Bepflanzung zeitweise nicht mehr durchgeführt werden kann. Auch ist in der Praxis die Veredelung, sprich Weiterverarbeitung nicht zu unterbinden, weil sie relativ einfach zu bewerkstelligen und somit nicht wirksam kontrollierbar ist. Bleibt der Transport der Ware, allerdings müssten dann sehr ausgiebige Kontrollen durchgeführt werden, die, wenn nicht das herkömmliche Wegenetz benutzt wird, zahlenmäßig nicht zu leisten sein wird.

Am Ende stünde natürlich die Möglichkeit, in den Empfängerländern wirksamere Mittel zur Rückführung der Drogensucht zu finden, aber dies ist dann kein afghanisches Problem mehr. Hier sollte man sich nochmals den Spruch: „ Die Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt „ auf der Zunge zergehen lassen. Damit ist doch gemeint, dass wir am Entstehungsort der Aggression einschreiten müssen. Bei dem wirtschaftlich alles beherrschenden Thema „ Drogen „ tun wir dieses ganz offensichtlich nicht! Grundsätzlich gilt, wer wie Afghanistan 87 % der Schlafmohnproduktion weltweit beisteuert, beherrscht auch die Mechanismen der Marktwirtschaft. Leider ist unsere Deutsche Ausklammerung der Drogenfrage immer noch aktuell, was mir unlängst, bei einer Sicherheitstagung in Minden, unser beamteter Staatssekretär im Verteidigungsministerium, auf meine Frage hin, bestätigte.

Es scheint mir ohnehin eine ganz wesentliche Frage zu sein wie man sich am besten, ohne Gesichtsverlust,  aus dem Land verabschieden kann. Natürlich werden wir weiterhin die ANA, also die neue Afghanische Armee und die Afghanische Polizei aufbauen, bis dann am Ende insgesamt über hunderttausend ausgebildete Uniformierte dastehen. Übrigens unter Federführung der Amerikaner.

Aber wer glaube daran, dass diese Kräfte sich so verhalten werden wie wir uns das wünschen? Schon heute ist allerorten zu sehen wie die Straßenpolizeikräfte willkürlich abkassieren und die haben eine westliche Ausbildung genossen.

Dies ist einem unserer  Botschaftsangehörigen so ergangen, als er einen privaten LKW-Transport eskortierte und von einem Polizisten angehalten wurde und dieser argumentierte, der LKW-Fahrer habe keinen gültigen Führerschein und deshalb müsse er ein Bußgeld zahlen.

Erst nach stundenlanger Auseinandersetzung, nachdem die obere Polizeiführung eingeschaltet worden war, ließ der Polizist von seinem Vorhaben ab. Nun kann man sich vorstellen wie oft wohl dieser LKW-Transporter, der deutsche Sanitätshilfeleistungen für die neue Afghanische Armee transportierte, immerhin im Wert von einer Mill.Euro, von Pakistan kommend, schon angehalten wurde!

Dieses Beispiel, lange vorher eingeleiteter Hilfe, zeigt auch die Widrigkeiten des Systems. Die zwei Containerladungen enthielten Röntgenapparatur und spezifisches Krankenhausmaterial für das einzige afghanische Militärhospital in Kabul.  Seinerzeit von den Russen gebaut, es hat die Dimensionen einer Universitätsklinik. Einer solchen zentralen Einrichtung ist natürlich immer ein Militär vorgeschaltet und einer gut hundertköpfigen Ärzteschaft. Nur mit sehr massiven Argumenten konnten wir überhaupt erreichen, dass der Hilfstransport entladen wurde. Die Afghanen hatten keinen Plan wie und wo sie die durchaus benötigten Gerätschaften aufstellten, bzw. anschließen sollten. Auch musste ich unsere Sanitätsverantwortlichen in vielen Gesprächen dazu motivieren trotzdem Hilfestellung zu leisten, bei so viel Passivität der Empfänger. Wären wir nicht immer am Ball geblieben, hätten korrupte Kräfte, große Teile der Sendung an ganz andere Stellen weiterverkauft.

In diesem Zusammenhang kann ich auch nicht positiv nachvollziehen, warum die Bundesrepublik Deutschland, den Polizeikräften zehntausend  P1 Pistolen schenkte.  Braucht das Land denn wirklich mehr Waffen?  Kurios ist dabei schon, das im letzten Moment, die Amerikaner uns noch überboten hatten und den Afghanen nun modernere Pistolen andienten, mit Munition und Schießtraining inklusiv. Das Angebot wurde natürlich auch gerne angenommen.

Mitte Dezember war ich dann noch eingebunden in den sogenannten „ Minister-besuch”! Unser neuer Verteidigungsminister nahm sich für ca. vier Stunden die Zeit, das Kontingent in Kabul zu besuchen.

In  der Vorbereitung war es schon äußerst schwierig gewesen, die internationale Führung vom KAIA ( internationaler Militärflughafen Kabul )  davon zu überzeugen, dass dem afghanischen Verteidigungsminister, in seinem eigenen Land, keine  Kontrollen beim Betreten des Flughafens zuteil wurden. Er und sein Gefolge sollten wie jeder andere auch die normale Sicherheitsprozedur über sich ergehen lassen. Nur nach mehreren Anläufen gelang es hierfür eine Sondergenehmigung zu erwirken. Hier muß man auch immer die Mentalität des Gastlandes beachten.

Für meinen Teil des Programmablaufes war alles gut gelaufen. Obwohl ich  zugeben muss, es klappte gerade in der letzten Minute und unser General, als er denn eine Stunde vor Beginn hereinschneite, auch etwas ungehalten reagierte, weil beim deutschen Militär eben alles schon einen Tag vorher perfekt sein soll. Nur hier handelt es sich um einen internationalen Militärflughafen, der im Focus des Weltgeschehens steht und der Briefingroom ist eben für die internationalen Besprechungen vorgesehen. Nicht mal die Amerikaner haben beim Besuch ihrer Außenministerin so viel vom internationalen Teil in Anspruch genommen wie wir  für den Kurzbesuch unseres Ministers.

Am Ende war jedenfalls alles eingedeckt und die Durchgangstüren waren nach stundenlanger Schlüsselsuche für den hohen Besuch geöffnet und unsere Spürhunde hatten, zwei Stunden vor dem Ereignis, keine Witterung aufgenommen. Ende gut – alles gut.

Bei der Kurzunterredung unseres Verteidigungsministers, mit seinem afghanischen Kollegen war ich im Hintergrund anwesend. In diesen knapp 25 Minuten, die die Delegationen, am ovalen Tisch zusammen saßen, sollen ja grundsätzlich zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut werden, denn beide Minister kannten sich noch nicht. Leider war unser Dolmetscher nicht so firm, dass er den fließend Englisch sprechenden Verteidigungsminster, General Wardak, ordentlich übersetzten konnte und so kam kein Dialog zustande. Ebenso hatten die beiden Minister, die nebeneinander saßen, auch keinen Blickkontakt und so hatte ich abschließend den Eindruck, war dieses Eröffnungsgespräch an Steifheit nicht zu überbieten.

Im Camp Warehouse lief dann ein richtiges Feuerwerk der Darbietungen ab, immer nach dem Motto: „ Je mehr – desto besser “! Auch überlässt die Führung natürlich nichts dem Zufall, alle die nur in den näheren Kreis des Besuchenden kommen sind vorher handverlesen, aber so war´s schon immer beim Militär. Das bei dem Ministerbesuch alles vorher mehrmals geübte angeboten wird, ist ja noch nachvollziehbar, aber bei jedem anderen Besuch werden auch Vorführungen verschiedenster Art präsentiert. Die Soldaten fragten sich dann, ob sie mehr soldatische Schauspieler seien, oder einen echten Stabilitätsauftrag in einer Krisenregion zu erfüllen haben?

Ich war meiner Führung durchaus dankbar, dass sie in mich  ein Stück Vertrauen gesetzt hatten. Gaben sie mir doch einige Tage vorher einen Schubs in Richtung Heimat, indem mir eröffnet wurde, dass mein Verbleiben im Kontingent wieder fraglich geworden sei, weil das EinsFhrKdo eine neue Weisung herausgegeben habe, nachdem alle Soldaten die nicht richtig gesetzt seien, nach Hause geschickt werden sollen. Gerade meine „ Personalangelegenheit” habe sich der BefhEinsFhrKdo höchstpersönlich vorbehalten und würde hier bald entscheiden. Diesen Hinweis bekam ich immerhin am 11.12.2005. Erstaunlicher Weise blieb ich inner- und äußerlich relativ ruhig. Dann wurde mir, am 20.12. eröffnet, dass der Stellvertretene Befehlshaber Einsatz Führungskommando sich gegen meinen Verbleib in Kabul ausgesprochen habe und nun ein letzter Versuch unternommen werden würde, indem der Kontingentführer höchstselbst einen passenden Brief an das EinsFhrKdo richtete. Welch eine Zuspitzung für eine unbedeutende Person wie mich!

Aber dann kam der Heilige Abend und just an diesem Tag stand, für alle überraschend, in der Weisung des EinsFhrKdo, dem Antrag auf Verbleib im Einsatzland wird stattgegeben. Einige fragten mich kurz darauf ob ich mich denn nicht freuen würde, aber dieses Gefühl stellte sich nun nicht ein, denn immerhin hatte ich meine Familie schon informiert und ein solches Wechselbad  der Gefühle drückt schon auf die Stimmung.

Trotz alledem hatte ich den Eindruck mit meiner Art bei den meisten Kameraden ganz gut anzukommen, konnte ich doch auf viele meine positive Grundeinstellung übertragen.

Bei vielen Soldaten merkte man eine gewisse Gereiztheit im Umgang miteinander und die Stimmung war dadurch immer wieder belastet, allerdings traf dieses z.B. auf unsere Einsatzkräfte, die aus einer homogenen Einheit kamen, nur bedingt zu.

Also, Aufgabenstellung und Wir-Gefühl sind ein entscheidender Indikator für Arbeits-zufriedenheit. Dies konnte ich auf den verschiedenen Fahrten, die ich mit unseren Einsatzkräften, die sie in ihrem Überwachungsraum durchführten, immer wieder feststellen. Bei einer der durchzuführenden Fußpatrouillen konnte ich mein altes Grenadierverhalten wieder etwas aufpolieren und fühlte mich in diesem Kreis merklich wohl. Auch Gesprächen mit dem jeweiligen Malek ( Dorfvorsteher ) konnte ich beiwohnen und ein ums andere Mal feststellen mit welcher Würde diese Menschen ausgestattet sind.

Auch dieser Einsatz wies seine Besonderheiten auf. Dies manifestierte sich in den lang anhaltenden erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Wir rechneten jeden Tag mit Raketenangriffen und Anschlägen außerhalb und innerhalb des Lagers, entsprechend verhielten wir uns. Terroranschläge mit weißen, roten oder anderfarbigen Tojotas beherrschten die Lagemeldungen und immer wieder gab es dann auch klare Feststellungen über Vorbereitungen allerlei fieser Anschlagsmuster.

Das alles schlug sich auch auf die Moral der Truppe nieder, diejenigen wenigen die draußen waren, konnten mit Recht sagen, durch ihre Präsenz im Felde wahrscheinlich Raketenangriffe verhindert zu haben und das schweißt dann natür-lich zusammen. Der größere Teil, kann für sich verbuchen, dabei zu sein und mit der eigenen Anwesenheit doch auch einen Stabilitätsbeitrag für dieses Land geleistet zu haben. Ich konnte allerdings auch Soldaten hören und zwar vom Obergefreiten angefangen, die sehr wohl Sinnfragen an den Einsatz gestellt haben und  skeptisch waren, was unsere Mission und ihr langfristiges Gelingen anbelangt. Hier waren auch gerade Soldaten beteiligt, die schon Jahre zuvor in Afghanistan waren und bestätigten, das sich augenscheinlich nicht viel zum Besseren bewegt habe. So ein Meinungsmuster macht natürlich nachdenklich. Die Bevölkerung sieht noch keinen Fortschritt, weil sich die Lebensumstände noch nicht wirklich verbessert haben.

Natürlich versuchte ich, viele Details von allem mitzunehmen,  weil ich immer wieder gefragt wurde wie die Verhältnisse da oder dort sich gestalten. In diesem Zuge schaute ich mir auch sehr interessiert die Abläufe bei unseren alliierten Freunden an, hier bei den Amerikanern. Sie leisten sich immer klare Linien, indem sie vorher alles einebnen und nach ihren Vorstellungen ihr Camp errichten. Der überwiegende Teil der Uniformierten macht nicht den Eindruck von kernigen Soldaten, das liegt auch wohl daran, dass immer wieder große Anteile von der Nationalgarde, also Reservisten, gestellt werden. Immer mal wieder traf ich und das bezeichnender Weise beim Gottesdienst, US-Amerikaner die sich gerade eine Pause gönnten, in diesem Fall von der Talibanjagd. In deren Gesichter waren die Zeichen des Krieges  eingemeißelt, ohne das sie äußere Verletzungen aufwiesen! Die Unbeschwertheit war aus ihren Gesichtszügen entglitten.

Bedenken löst aus, wenn man sich die einzelnen Projekte ansieht, die die über 60 Geberstaaten in Afghanistan geleistet haben. In dem District Khaki Jabar, unmittelbar südlich an Kabul angrenzend, waren an einer Grenzstation einige Hilfsprojekte westlicher Staaten zu bewundern. In 2004 hatten wir Deutschen eine Krankenstation mit Betten und weiterem Material dort aufgebaut, aber ganz offensichtlich war dieses Haus nie benutzt worden. Unser Sprachmittler sagte mir daraufhin, dass die Krankenschwestern fehlen würden!

Toilettenhäuser am Siedlungsrand waren seit langem fertiggestellt aber benutzt waren sie noch nie.

Viele Kinder spielten vergnügt in der Umgebung, aber auf dem nagelneuen Kinderspielplatz, von deutschen Hilfsorganisationen aufgebaut, spielte kein einziges Kind.

Auf Nachfrage bei der Botschaft wurde mir mitgeteilt, dass es keine Koordination der Einzelmaßnahmen geben würde. Jeder der helfen will, hilft, aber eine wirkliche Absprache unter den Gebern findet anscheinend nicht  statt. Auch ist festzustellen, dass wohl nicht immer das wirklich Notwendige gebaut oder übergeben wird.

Nur der einfühlsamen Art von Vorgesetzten, mit dem richtigen Gespür, ist es zu verdanken, dass auch Kleinigkeiten, die einen großen Wert für die Bevölkerung haben, ihren Adressaten fanden. So war ich dabei anwesend als dem Dorfältesten ein gebrauchter Ofen übergeben wurde und wir uns in größerer Runde erst einmal lange über alles und nicht´s unterhielten. Hier sind die besonderen sozialen Strukturen Afghanistans heranzuziehen und zu beachten.

Auch wenn wir es gefühlsmäßig ablehnen, mit dem Thema Gleichberechtigung der Frau, müssen wir in Afghanistan nicht auftrumpfen. E gibt lebendige Hierarchien die zu beachten sind. Von Insidern wurde mir berichtet, dass im geschlossenen Familienkreis, die Frau durchaus eine starke Stellung einnimmt, nach der Lebens-weisheit: „ Wer arbeitet und sich einbringt dominiert auch meist!”

Der ältere Mann ist sehr oft das Familienoberhaupt und füllt dieses auch mit Leben aus. Bei einer Kulturveranstaltung in Kunduz, bei denen uns die Afghanen ihre Speisen anboten und ihren Tanz vorführten, waren es die älteren Männer die den Tanz eröffneten und erst auf ein stilles Zeichen konnten die jungen Männer sich einreihen. Afghaninnen waren regelmäßig nicht anwesend.

Wenn wir es nicht schaffen der Bevölkerung mehr Arbeit zu geben um damit den Lebensstandard anzuheben werden wir mittel- und langfristig scheitern. Es ist wichtiger, dass die Bauern ihren angebauten Weizen im Land verkaufen können, Hilfslieferungen zu Dumpingpreisen machen den heimischen Markt kaputt. Das geflügelte Wort „ Hilfe zur Selbsthilfe” ist hier gefragt. Allerdings bringt der Mohnanbau, für den Bauern einen zehnmal höheren Ertrag als der normale Weizenanbau. Zu Zeiten der Taliban war der Mohnanbau strikt untersagt.

Die Afghanen  sind ein stolzes Volk, immer nur Hilfeleistungen entgegen zu nehmen, schafft noch keine dauerhafte Perspektive!

Als ich ein anderes Mal bei einem höhergestellten afghanischen Unternehmer, mit mehreren Tausend Beschäftigten, zum Essen, geladen war, entwickelte sich sogar ein interessanter Dialog in seinem Sommerhaus, nahe Kabuls. Unsere kleine Gruppe nahm in einem großen rechteckigen Raum, der ohne Möbel auskam, an den Wänden, auf Kissen sitzend, Platz. Über unseren Sprachmittler eröffnete sich eine gute Unterhaltung, in dessen Verlauf ich sehr angetan war, wie kritisch dieser Afghane, mit internationalen Kontakten, dem eigenen Regime gegenüber eingestellt war. Das betraf die Korruption und die nicht vorhandenen demokratischen Werte. Der Unternehmer hatte Landwirtschaft studiert und war stolz auf seine Rosenzüchtungen und den großen Swimmingpool am Haus.

Das Essen zog sich über Stunden hin, und wir aßen von einer ausgebreiteten Kunststoffdecke, die auf dem Teppichboden gelegt war, köstliche Reisgerichte vom Teller, mit vielerlei Fleischsorten und tranken Cola aus Dosen. Seine beiden heranwachsenden Söhne machten zwischenzeitlich ihren Mittagsschlaf. Von den vielen Bediensteten, die sich in Hauspersonal und Bodygards aufteilten, war keine einzige weibliche Person weit und breit zu sehen. An dem einzigen Möbelstück, einem Kleiderständer, hingen die Kalaschnikows, also die Maschinenpistolen, der Leibwächter.

Wir, die wir mit gemieteten Tojotageländewagen gekommen waren, wurden ein Stück des Weges eskortiert. Unabhängig davon spürte man bei den Einheimischen den hohen Stellenwert des Gastrechts. Einmal als Gast willkommen geheißen zu sein, beinhaltet den höchstmöglichen Schutz vor jedweder Gefahr.

Als wir auf dem Rückweg, am einzigen Golfplatz, nahe Kabuls vorbeikamen und kurz aussteigen konnten, weil es natürlich auch ein geschützter, also bewachter, Bereich war, sprach mich ein freundlicher älterer Herr mit meinem Namen an und fragte wie es mir gehen würde. Er kannte mich natürlich nicht wirklich, hatte aber mein Namensschild gelesen und wir unterhielten uns ein paar Minuten. Es war der gerade eingetroffene oberste UN-Sondergesandte, Herr Tom Königs aus Deutschland, der sich gerade einweisen ließ.

Vor gut 40 Jahren konnte sich das Land selbst ernähren und versorgen und zwar mit selbsterzeugten Produkten, einschließlich den Landwirtschaftlichen, es wäre also praktisch möglich, dem Land auf die Füße zu helfen. Allerdings schafft ein frei ge-wähltes Parlament noch keine demokratischen Strukturen, weil die gewählten Ver-treter eben noch keine Demokraten, nach unserem Verständnis, sind. Dabei stellt sich die Frage, ob denn die unserige Lebensart auf Afghanistan überhaupt übertragbar ist?

Hier müssen alle massiv nachdenken, bisher waren von den führenden Köpfen, einschließlich des Präsidenten Afghanistans, nur schöne Sonntagsreden zu hören. Effektives Handeln scheint nicht der vorherrschende Wesenszug der jetzigen politischen Clique zu sein. Wenn der Präsident zur Londonkonferenz, Anfang Februar 2006 flog, für immerhin 10 Tage, wirft das ein zweifelhaftes Licht auf sein Demokratie- und Wirtschaftsverständnis. Denn diese Boing, ist die einzige Maschine die internationale Landerechte hatte und nonstop bis Europa fliegen durfte. Der Einnahmeausfall dürfte in die Millionen gegangen sein und den Unmut der Nichtflieger, die meist geschäftlich dieses Land besuchen, dürfte auch nicht Imagesteigernd sein, aber Nichtdemokraten ist das ziemlich Wurst! Das Land bekommt  von allen Geberländern in den nächsten fünf Jahren  10,5 Mrd. Dollar. Die Bundesrepublik beteiligt sich immerhin mit 400 Mil. Euro an den Gesamthilfsmaßnahmen. Ich bin nicht sicher, ob wir nicht das meiste Geld in den reichlich vorhandenen sprichwörtlichen Sand setzen. Alle Langzeitkenner, die ich in der Zeit meiner Anwesenheit gesprochen hatte, sind überaus skeptisch was die Verlässlichkeit des neu geschaffenen Gesamtapparates anbelangt. Unser oberster Vertreter im Land hat wohl nicht nur rhetorisch die Frage aufgeworfen: „ Was wollen wir eigentlich in diesem Land?”

In vielen Einzelgesprächen mit ausländischen Vertretern, natürlich auch von Hilfsorganisationen oder den diversen UN-Unterabteilungen konnte ich mir ein gutes Bild der Afghanischen Verhältnisse machen.

Erschütternd waren aber Gespräche mit Exilafghanen, die im ministeriellen Apparat arbeiten, die mir im Vieraugengespräch anvertrauten, hier zwar zu arbeiten, aber die Familie noch im westlichen Ausland zu belassen, weil sie der positiven Entwicklung noch nicht trauen würden was die weitere Entwicklung des Landes anbelangt.

Die Zeit der bloßen verbalen afghanischen Absichtserklärungen sollte nun endlich der Vergangenheit angehören und richtungsweisende Taten sollten den Ankündigungen folgen. Eine Schlüsselfrage ist das Thema Schlafmohnwirtschaft. Hier müssen allerdings alle im Land involvierten Staaten auch mit einer Zunge sprechen und dann gemeinsam handeln. Das Drogenthema ist zwar nicht alles, aber alles ist nichts, ohne die Drogenfrage geklärt zu haben.

Wenn dann wie angenommen 2008 die Polizei- und die Armee ausgebildet dastehen, könnte man sich größtenteils aus dem Land wieder verabschieden und es letztendlich sich selbst überlassen. Ich schließe nicht aus, dass es so eintreten wird, weil wir alle nicht den nötigen langen Atem haben werden. Den USA wird die Bürde ohnehin schon zu viel und ihre Präferenz ist beim westlichen Nachbarn, im Iran,  zu sehen. Die Briten, Kanadier und Niederländer die sich mannhaft im Kriegsgebiet Afghanistans eingebunden haben, sind mit ihrem Engagement nicht zu beneiden, aber es ist eine schlüssige und nachvollziehbare militärpolitische Vorgehensweise dieser Nationen.

In dem Bewusstsein einen Wimpernschlag der Geschichte miterlebt zu haben war ich dankbar über die Einbindung in das 9. Deutsche Einsatz Kontingent ISAF, wie es offiziell heißt. Aus den gewonnenen Eindrücken, gerade auch des Innenlebens der Bundeswehr bin ich allerdings sehr skeptisch was die Zukunft ausmacht. Als Dienstleister und Helfer mögen wir uns bewährt haben, ich habe allerdings Bedenken, wenn wir als Krieger gefordert sein werden. Wenn erst vermehrt gefallene Deutsche Soldaten nach Hause kommen,  werden wir wahrscheinlich eine negative Diskussion in Deutschland erleben, der wir nur schwerlich standhalten können. Ich gebe allerdings den Skeptikern Recht, die davor warnen, dass wir hier ein Faß ohne Boden bedienen. Insgesamt bin ich mit Altkanzler Schmidt einig, der sagte, wir haben in den letzten Jahren zu oft unsere Bundeswehr beteiligt ohne genau zu hinterfragen was denn unser originäres Ziel ist.

So wie wir es im Augenblick auslandsweit betreiben ist es nicht Fisch und nicht Fleisch, sondern eine Gemengelage für die der Soldat so nicht richtig vorbereitet ist. So wie in einem gut geführten Betrieb, muss auch immer wieder eine Erfolgskontrolle durchgeführt werden und das zu einem Zeitpunkt wo wir noch nicht mit dem Rücken an der Wand stehen. Die automatische Verlängerung auch dieses Mandates in Afghanistan ist für mich ein Zeichen fragwürdiger Politik. Hier scheint mir nach der Art verfahren worden zu sein, Augen zu und durch. Aber genau dies ist bei der Gesamtthematik Bundeswehreinsätze im Ausland fahrlässig.

Die Art und Weise wie Begründungen gesucht wurden um den Kongo- und jetzt neuerlich den Libanoneinsatz zu rechtfertigen, zeigt ein Höchstmaß an Unprofessionalität. So wie ich die militärischen Strukturen unserer Armee kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass hier der gesammelte Sachverstand von Strategen eingeflossen ist.

Wenn richtig sein soll, dass wir eine gefestigte Demokratie sind, dann gehört auch die sachliche Auseinandersetzung über alle Facetten der Auslandseinsätze in die Gesprächsrunden. Hier hege ich allerdings den Verdacht, dass vielen Militärs ein Maulkorb verpasst worden ist.

Im Einsatz erfährt man, nur hinter vorgehaltener Hand, die ehrlichen Ansichten über dieses Thema. Aber wenn die Bundeswehrangehörigen und ihre Familien nicht einmal offensiv über diese wichtigen Zusammenhänge sprechen, wer soll es denn sachkundig in der Öffentlichkeit vertreten?

Auch wenn es mehr eine politische Dimension ist, ist es für uns als Volk allemal wichtig über das Für und Wider besser aufgeklärt zu werden.

Im Namen der vielen Tausend  Angehörigen und Teilnehmern von Bundeswehreinsätzen im Ausland fordere ich mehr Aufklärung und Auseinandersetzung über diese Gesamtthematik. Denn hier geht es in letzter Konsequenz ganz entschieden um Leib und Leben von deutschen Staatsbürgern!

 

Fazit

Die  Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Einsatzes haben sich bei mir deutlich verstärkt. Ich stelle zu viele kritische Fragen an den Einsatz und ich bekomme zu wenig schlüssige Antworten. Dies gilt ausnahmslos für alle Krisengebiete in denen ich eingesetzt war.

Die Berufung Soldat zu sein ist nicht mit der eines zivilen Berufes zu vergleichen, auch wenn manchmal die Aufgabenstellung identisch aussieht. Gerade das kann jeder ablesen, der sich der vorherigen Prozedur der Vorausbildungen ausgesetzt hat.

Die Hemmschwelle für den Einsatz von deutschen Soldaten ist mir zu niedrig geraten denn der Übergang in schwierigere und damit gefährlichere Konfliktbereiche ist absehbar.

Möge den Verantwortlichen die Einsicht gegeben werden, sich noch tiefgreifender und somit verantwortungsvoller mit dieser neuen Form der Bedrohung auseinander zu setzen.

Diese Schrift ist als Herausforderung zur Kritik zu verstehen aus diesem Grund ist mir die Meinung aller wichtig und es wäre positiv hier ein Forum der Meinungen zu eröffnen.

Uwe Lampe, Springe

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