Operation Merlin
Behörden in der Schweiz und Deutschland vertuschen die Lieferung von AtomwaffenplÀnen in den Iran durch den US-Geheimdienst CIA im Jahre 2000
Stuttgart: Der Angeklagte Gotthard Lerch hatte gestern vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichtes wieder einmal gut lachen. Noch nie wegen einer seiner zahlreichen mutmasslichen Atomschmuggel-AktivitĂ€ten verurteilt, konnte der wegen „VerstöĂen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie das AuĂenhandelsgesetz“ angeklagte Ingenieur und Experte fĂŒr Vakuumtechnik in aller Ruhe zusehen, wie Richter und Verteidigung sich ĂŒber ZustĂ€ndigkeiten stritten. Dabei kann Lerch – bisher – entspannt in die Zukunft schaun: der neue Prozess dauert noch bis mindestens Januar 2009.
Lerch ist eine der mutmasslichen SchlĂŒsselfiguren im Atomschmuggelring des pakistanischen Atomwissenschaftler A.Q.Khan. Er hat, so eine ganze Reihe von Berichten, enge Kontakte zu den in der Schweiz festgenommenen CIA-Informanten Friedrich Tinner, sowie seine beiden Söhne Marco und Urs.
Laut Aussage des Mannheimer Staatsanwaltes Peter Lintz gegenĂŒber der Presse im April 2004 haben Lerch, der Schweizer Urs Tinner, der Brite Peter Griffin, sowie der in Malaysien ansĂ€ssige Finanzchef A.Q.Khans, Buhary Seyed Abu Tahir, bei der Erstellung einer kompletten Atomanlage in Libyen zusammengearbeitet.
Sie hĂ€tten die ProduktionsstĂ€tten nach SĂŒdafrika, Malaysien, die TĂŒrkei und die Schweiz ausgelagert, so Staatsanwalt Lintz.
Dennoch platzte der Prozess in Mannheim, wenige Monate nach der Aussage des Staatsanwaltes Lintz vor der Weltpresse, im Juni 2006. Lerch wurde auf freien Fuss gesetzt: wegen âunerklĂ€rlichenâ Verhaltens der deutschen Bundesanwaltschaft, so Richter Seidling damals wörtlich.
DIE AKTE LERCH UND DIE GEHEIMDIENSTE
Bundesanwaltschaft, der deutsche Auslandsgeheimdienst BND, das deutsche Bundeskriminalamt BKA sowie das dem deutschen Finanzministerium unterstehenden Zollkriminalamt ZKA hatten Akten nicht vorgelegt und Erkenntnisse zurĂŒckgehalten. Insgesamt 13 Mal wurden von der Bundesanwaltschaft widerwillig Akten nachgeliefert und auch nur auf ausdrĂŒckliche Nachfrage des Gerichts. Ein Nachtrags-Rechtshilfe-Ersuchen an die Schweizer Behörden blieb laut Aussage von Richter Seidling im Laufe des Verfahrens gegen Lerch einfach unbeantwortet. Das Gleiche galt fĂŒr eine Anfrage in Liechtenstein.
Dabei war vorher Lerchs mutmasslicher Komplize Urs Tinner im MĂ€rz 2006 in Deutschland festgenommen und inhaftiert worden. Was er aussagte, blieb jedoch geheim. Die Akten kam nie beim Prozess gegen Lerch an.
Auch Khans Finanzexperte Tahir, 2004 in Malaysien festgenommen, sagte gegenĂŒber der deutschen Bundesanwaltschaft aus – doch nur mit dem Hinweis, er wĂŒrde dies nicht vor Gericht wiederholen. Dabei blieb es.
Weder Tahir, Griffin, einer der Tinner-Familie, noch andere Zeugen wie der Deutsche Gerhard Wisser oder der Schweizer Daniel Geiges sagten im Prozess gegen Lerch aus.
Der Hintergrund ist fĂŒr sowohl fĂŒr Regierungsbehörden in den USA, Deutschland wie der Schweiz höchst brisant: bereits im MĂ€rz 2003 war in der Presse offen ĂŒber eine Unterwanderung des Khan-Netzwerkes durch westliche Geheimdienste wie den CIA und den britischen MI6 gesprochen worden.
Im Jahre 2003 hatte der libysche Machthaber Gaddafi offenbar die Seite gewechselt und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA PlĂ€ne eines Atomsprengkopfes ĂŒbergeben, welche ihm vorher mit Hilfe des international agierenden Khan-Netzwerkes geliefert worden waren.
Wesentliche Rolle bei dieser Wende spielte ausgerechnet Pakistans Staatschef Pervez Musharraf, der 2001 drei enge Freunde des damaligen Volkshelden verhaften und das Netzwerk Khans auffliegen liess.
PLĂNE FĂR ATOMWAFFEN BEI TINNER-FAMILIE GEFUNDEN
Am 23.Mai bestÀtigte der Schweizer BundesprÀsident, Pascal Couchepin, vor der Presse, dass die nach einem im Oktober 2004 eröffneten Ermittlungsverfahren festgenommenen CIA-Agenten Friedrich Tinner, sowie seine beiden Söhne Marco und Urs, u.a. detaillierte PlÀne zum Bau von Atomwaffen und Gaszentrifugen zur Anreicherung von waffenfÀhigem Uran in ihrem Besitz hatten. Diese Unterlagen wurden, zusammen mit weiteren 100 Bundesordnern voll Beweisen und Belegen im Zuge dieses Verfahrens gegen die mutmasslichen CIA-Atomschmuggler, auf Antrag des damaligen Justiz- und Polizeiministers Christoph Blocher im November 2007 angeblich durch die Schweizer Regierung vernichtet.
Allerdings: laut der EnthĂŒllungs-Story der Schweizer „Blick“-Zeitung 7.Februar 2008 – die die AffĂ€re ins Rollen brachte – waren die Unterlagen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beseitigt worden.
Diese Atombomben-PlÀne jedenfalls wurden zusammen mit angereichertem, atomwaffentauglichen Uran offenbar nach Libyen geliefert.
DIE LIEFERUNGEN DES KHAN-NETZWERKES IN DEN IRAN
Der 2004 in Malaysien festgenommene Finanzchef Khans, Buhary Syed (Seyed) Abu Tahir, hatte nach seiner Festnahme nicht nur die Lieferung von atomwaffentauglichem Uran an Gaddafi bestÀtigt, sondern auch die Lieferung von Material zur Herstellung von Atomwaffen in den Iran.
Bereits 1994/1995 sei er genau dahingehend beauftragt worden. Ein âungenannterâ Iraner habe 3 Millionen Dollar in bar in zwei BriefumschlĂ€gen fĂŒr 2 Container mit Zentrifugen zur Urananreicherung gebracht, die in einem Appartment in Dubai aufbewahrt worden seien, welches bei konspirativen Treffen regelmĂ€ssig als âGĂ€stehausâ fĂŒr den pakistanischen Atomexperten gedient habe.
(Sehr wahrscheinlich die Residenz des Briten Griffin, der ebenfalls mit diversen Geheimdienstkontakten fĂŒr das Khan-Netzwerk arbeitete).
Die malaysische Polizei gab ĂŒberdies bekannt, dass Khans Finanzexperte Tahir die in den Iran gelieferten Zentrifugen von der Firma Scope erhalten habe, welche u.a. von Kamaluddin Abdullah, dem Sohn des malaysischen MinisterprĂ€sidenten kontrolliert wurde.
Auf dem unter deutscher Flagge fahrenden (!) Containerschiff âBBC Chinaâ, was 2003 schon auf dem Weg nach Libyen gestoppt wurde, hatte man ebenfalls Gaszentrifugen zur Urananreicherung malaysischer Herkunft gefunden. Danach war dann 2004 Tahir in Malaysien verhaftet worden.
Zusammengefasst: laut den erwÀhnten Berichten lieferte das Khan-Netzwerk, mit den mutmasslichen Mitgliedern Friedrich, Marco und Urs Tinner, Gotthard Lerch, dem Briten Peter Griffin und Finanzchef Tahir Gaszentrifugen zur Urananreicherung, atomwaffentaugliches Uran und PlÀne zum Bau einer Atomwaffe nach Libyen.
Das Khan-Netzwerk lieferte, soviel stand bisher fest, auch die erwÀhnten Gas-Zentrifugen in den Iran.
Und gestern nun ĂŒberraschte der fĂŒr gewöhnlich bestens informierte deutsche Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom mit der Aussage gegenĂŒber dem Schweizer Magazin „10vor10“, dass Atombomben-BauplĂ€ne von Lerch und den GebrĂŒder Tinnern nicht nur nach Libyen, sondern auch in den Iran gelangt seien. Doch die PlĂ€ne seien von der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten manipuliert worden, bevor diese an den Iran weitergereicht wurden.
Bei diesem, von Schmidt-Eenboom bestÀtigten Vorgang, kann es sich nur um unmittelbare ZusammenhÀnge mit einer AffÀre aus dem Jahre 2000 handeln: die
Es gab innerhalb des letzten Jahrzehnts immer wieder Vermutungen, die US-Behörden könnten Iran bewusst helfen Atomwaffen zu entwickeln um dann legitimiert zu sein das Land mit genau diesen Waffen anzugreifen.
Dazu passt auch die âOperation Merlinâ, von der 2005 der âNew York Timesâ-Reporter James Risen in der brisanten Veröffentlichung âState Of Warâ (Kriegszustand) schrieb. Der britische Guardian druckte am 5.Januar 2006 AuszĂŒge (wir berichteten am 22.Mai)
Im Jahre 2000 lieferte die CIA ĂŒber einen in ihrem Sold stehenden russischen Wissenschaftler in Wien an dortige Beamte des Iran genaue KonstruktionsplĂ€ne fĂŒr den ZĂŒndmechanismus eines Atomsprengkopfes, weltweit eines der am besten gehĂŒteten Geheimnisse.
Die CIA baute in die PlĂ€ne Fehler ein, um so, wie es spĂ€ter hiess, das Atomwaffenprogramm der Iraner âzurĂŒckzuwerfenâ.
Laut der Recherchen Risens waren die Fehler aber so einfach zu finden, dass sie in Wirklichkeit den Bau einer Atomwaffe erst ermöglichten. Denn zum Vergleich hatten die Ingenieure Irans bereits andere KonstruktionsplÀne: vom Netzwerk Abdul Qadeer Khans.
Schon vor Jahren schrieb Dr. Peter Montague, MitbegrĂŒnder und Direktor der Umwelt-Forschungs-Anstalt (E.R.F.) in Annapolis, Maryland, in seiner umfangreichen Dokumentation „BushÂŽs
Atombomben-Fallen“:
Risen indes bezeichnet âMerlinâ als eine der gewagtesten Operationen in der Geschichte der CIA, da sie möglicherweise doch dazu beigetragen habe, dem Iran die Herstellung von Atomwaffen zu erleichtern. Risen ist der Ăberzeugung, daĂ iranische Wissenschaftler die eingeschmuggelten Fehler aufgrund ihres Wissensstandes auch alleine hĂ€tten entdecken können. Zudem hĂ€tten sie auch unter den Augen der amerikanischen Geheimdienste von dem pakistanischen Wissenschaftler Abul Kahn, dem âVater der muslimischen Atombombeâ, Bauanleitungen erhalten. Im Vergleich damit und mit dem Erkennen der Fehler hĂ€tten sie nun womöglich ĂŒber die CIA-Dokumente wichtige Informationen fĂŒr den Bau von Atomwaffen erhalten.
Diese Erkenntnisse werden zu berĂŒcksichtigen sein, wenn es tatsĂ€chlich zu jenem âislamistischenâ Atom-Anschlag kommen sollte, ĂŒber den die Geheimdienstler des Mossad, des MI6 und des CIA so bestĂ€ndig unken. Wie 2003 im Fall Irak so ist auch heute der Kriegseinsatz gegen den Iran prĂ€zise geplant. Doch diesmal wird es einen AnlaĂ brauchen.
(…)
wir haben immer gesagt:
24.05.08 CIA-Atomschmuggel-AffĂ€re in der Schweiz: Tinner-Familie besass BauplĂ€ne fĂŒr Atomwaffen
22.05.08 Schweiz: CIA-Razzia vertuschte Lieferung von Atomwaffenmaterial nach Libyen und Iran