Lynchen in Vergangenheit und Gegenwart

Wenn man die Geschichte in ihrer KomplexitÀt betrachtet, dann wirkt sie im gegenwÀrtigen Moment verheerend.

„Das wurde nicht vom Klan gemacht, oder von Leuten, die eine Maske tragen mussten. Das wurde von Lehrern, Geistlichen und Exekutivbeamten gemacht.“

Das ist Bryan Stevenson von der Equal Justice Initiative, im GesprĂ€ch mit Oprah Winfrey ĂŒber „60 Minutes“ letzte Woche ĂŒber das Lynchen von Wes Johnson vor 80 Jahren in einem Baumwollfeld in Alabama. Es war einer von mehreren Tausend Lynchmorden im SĂŒden und im ganzen Land nach dem BĂŒrgerkrieg – Lynchmorde bedeuteten sowohl Terrorakte gegenĂŒber afroamerikanischen Gemeinschaften als auch Akte der öffentlichen Feier und des Patriotismus, mit Kindern in ihrem Sonntagsgewand. Der Lynchmorde wurde oft mit Postkarten als Souvenirs gedacht.

Die grotesken Fotografien baumelnder Leichen sind amerikanische Geschichte, weit mehr als das simplifizierte Erbe, das durch die Statuen der konföderierten GenerĂ€le reprĂ€sentiert wird; und schließlich, endlich, mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach dem Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika, beginnt das Land, den Mut zu finden, sein eigenes dunkles Erbe zu betrachten.

Stevenson und seine Organisation haben ein Denkmal fĂŒr amerikanische Lynchmorde geschaffen – das National Memorial for Peace and Justice – das diesen Monat in Montgomery eröffnet wird.

„Ich glaube nicht, dass wir so tun können, als wĂ€re das nicht passiert. Ich glaube nicht, dass du das einfach ignorieren kannst. Das ist wie eine Krankheit. Du musst sie behandeln“, sagte er. Die GedenkstĂ€tte enthĂ€lt 805 Stahlmarker, einen fĂŒr jeden Bezirk des Landes, in dem gelyncht wurde. Jeder Marker enthĂ€lt die Namen derer, die gelyncht wurden.

„Wir wollen“, sagte Stevenson, „diese Gemeinschaft zur Reue, zur Anerkenntnis, zur Schande aufrufen. Wir wollen die Wahrheit sagen, weil wir an Wahrheit und Versöhnung glauben, aber wir wissen, dass Wahrheit und Versöhnung aufeinander folgen. Wir kommen nicht dahin, wo wir hinwollen, wenn wir nicht zuerst die Wahrheit sagen.“

Oh, sĂŒĂŸes Land der Freiheit! Diese schrecklichen Fotografien – diese Postkarten – der nationalen Vergangenheit zu betrachten, von denen 98 in einem außergewöhnlichen Buch von James Allen mit dem Titel „Without Sanctuary“ (Ohne Zuflucht), das ich das Kaffeetischbuch aus der Hölle nenne, erhĂ€ltlich sind.

Ich kaufte das Buch kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2000 und schrieb darĂŒber:

„19. Juli 1935. Rubin Stacy, gelyncht in Fort Lauderdale, Florida. Stacy, ein obdachloser schwarzer PĂ€chter, hatte eine weiße Frau um Essen gebeten und sie erschreckt. Die Pöbeljustiz hat daraus das Kapitalverbrechen der Vergewaltigung gemacht.

„Auf dem Foto ist der Schmerz des Toten spĂŒrbar. Er hĂ€ngt an einer Föhre in grĂ€sslicher, fast betender Ruhe. Die Schlinge um seinen Hals schneidet eine tiefe Rille und zieht das Fleisch straff bis zum Kiefer. Die Zuschauer sind vor allem Frauen und kleine MĂ€dchen. Die andere zentrale Figur auf dem Bild ist eines der letzteren, vielleicht 9, mit sĂŒĂŸem Gesicht, in einem Ă€rmellosen, weit geschnittenen Kleid, von dem man sich vorstellen kann, dass sie es in der Sonntagsschule trĂ€gt. Sie starrt fast andĂ€chtig auf die baumelnde Leiche.“

Es gibt keine einfache oder schnelle Genesung von einer halben Stunde mit diesem Buch, so wie es auch keine leichte Erholung von der „60 Minuten“-Show gibt, besonders wenn man bedenkt, dass diese vergrabene Geschichte der Macht und Entmenschlichung immer noch lebt, immer noch in unserer Welt prĂ€sent ist und immer noch Afroamerikaner und andere tötet.

Betrachten wir zum Beispiel das zeitgenössische „Lynchen“ von Kalief Browder, der wegen des Diebstahls eines Rucksacks verhaftet wurde, als er 16 Jahre alt war, dann, mein Gott, nach Rikers Island, dem berĂŒchtigten GefĂ€ngniskomplex von New York City gebracht wurde, wo er Jahre verbrachte, ohne jemals vor Gericht zu kommen. Er hatte immer seine Unschuld beteuert und der Prozess gegen ihn wurde schließlich eingestellt, aber bevor das geschah, erlitt er Misshandlungen durch HĂ€ftlinge und Wachen und verbrachte zwei Jahre in Einzelhaft. Er erholte sich emotional nie von der Hölle, die er durchmachen musste, und im Jahr 2015 beging er Selbstmord – indem er sich an der Klimaanlage vor einem Schlafzimmerfenster in der Wohnung seiner Mutter erhĂ€ngte.

Und dann war da noch Sandra Bland, die nach einer Verkehrskontrolle – sie hatte ihren Blinker nicht benutzt – in Waller County, Texas, nahe Houston, im Jahr 2015 verhaftet und drei Tage spĂ€ter in ihrer GefĂ€ngniszelle erhĂ€ngt gefunden wurde. Obgleich ihr Tod als Selbstmord eingestuft wurde, erreichte ihre Familie eine Schadenersatzzahlung ĂŒber 1,9 Millionen Dollar von Texas Department of Public Safety und Waller County.

Zwischen 1877 und 1950 wurden 3.959 Afroamerikaner durch Lynchjustiz ermordet, schrieb Madison J. Gray in Ebony und zitierte die Statistiken der Equal Justice Initiative. Aber allein im Jahr 2015 wurden laut einer im Guardian veröffentlichten Studie 1.134 Menschen von der Polizei getötet.

„Wir reden heute noch immer ĂŒber Lynchmorde. Aber diesmal haben Seile und BĂ€ume nichts damit zu tun. Jetzt werden sie uns durch die aufgeregten Wahrheiten, die uns von sozialen Medien und einer Kultur, die mit Unmittelbarkeit reagiert und das amerikanische Leben in seiner rohesten, hĂ€sslichsten Art und Weise aufzeichnet, vor Augen gefĂŒhrt.

„Aber können wir wirklich sagen, dass die Lynchmorde, die jetzt geschehen, anders sind als zu Zeiten meiner Großmutter? . . . Alton Sterling und Philando Castile haben wirklich nur das Vergehen begangen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Und das reichte, damit sie mit der Standardausgabe Glock 9mm von der Polizei gelyncht wurden, die sagen wird, dass es ihre Absicht war, AutoritĂ€t ĂŒber eine Situation zu erlangen.“

Wir sind nicht die, fĂŒr die wir uns halten. Wir desinfizieren unsere Vergangenheit und nennen das Erbe. Wir desinfizieren die Gegenwart und nennen das RechtmĂ€ĂŸigkeit. Es ist an der Zeit, die Wahrheit von allen Seiten und in alle Richtungen zu betrachten.

Orginalartikel Lynchings Past and Present vom 11.4.2018

Quelle: http://antikrieg.com/aktuell/2018_04_12_lynchen.htm