Weine, du geliebtes Land

JEDER, DER die Todesstrafe befĂŒrwortet, ist entweder ein vollkommener Narr, ein unverbesserlicher Zyniker oder er ist geistesgestört – oder alles zusammen. Es gibt fĂŒr keinen dieser Defekte eine wirksame Therapie. Ich wĂŒrde nicht einmal versuchen, sie zu heilen. Ein Narr versteht die ĂŒberzeugende Evidenz der Schlussfolgerung nicht. FĂŒr einen Zyniker ist die BefĂŒrwortung der Todesstrafe ein bewĂ€hrter StimmenfĂ€nger. Ein Geistesgestörter findet schon am bloßen Gedanken an eine Hinrichtung sein VergnĂŒgen. Ich wende mich nicht an derartige Menschen, sondern an normale, vernĂŒnftige BĂŒrger Israels.

ICH WILL damit beginnen, dass ich einmal mehr von meinen eigenen Erfahrungen erzĂ€hle. 1936 unternahm die arabische Bevölkerung von PalĂ€stina einen bewaffneten Aufstand. Die Verfolgung durch die Nazis in Deutschland trieb viele Juden nach PalĂ€stina (darunter auch meine Familie) und die dort wohnenden Araber sahen, wie ihnen der Boden unter den FĂŒĂŸen weggezogen wurde. Sie reagierten mit Gewalt. Sie nannten es den Großen Aufstand, die Briten sprachen von „Unruhen“ und wir nannten es „die Ereignisse“. Gruppen junger Araber griffen auf den Landstraßen jĂŒdische und britische Fahrzeuge an. Wen die Briten fingen, verurteilten ihre Gerichte zum Tod am Galgen. Als die Angriffe der Araber nicht aufhörten, unternahmen einige rechte Zionisten einen „Rachefeldzug“ und schossen ihrerseits auf arabische Fahrzeuge. Einen von ihnen fingen die Briten. Er hieß Schlomo Ben-Josef, war ein 25jĂ€hriger illegaler Einwanderer aus Polen und Mitglied der rechten Jugendorganisation Betar. Er warf eine Bombe auf einen arabischen Bus, die nicht explodierte, und gab ein paar SchĂŒsse ab, durch die niemand verletzt wurde. Aber die Briten sahen eine Gelegenheit, ihre Unparteilichkeit zu beweisen.

Ben-Josef wurde zum Tode verurteilt. Die jĂŒdische Bevölkerung war bestĂŒrzt. Selbst Leute, die vollkommen gegen „Rache“ waren, baten um Nachsicht, Rabbiner beteten. AllmĂ€hlich nĂ€herte sich der fĂŒr die Hinrichtung angesetzte Tag. Viele erwarteten eine Begnadigung im letzten Augenblick. Sie kam nicht. Am 29. Juni 1938 wurde Ben-Josef gehenkt und das bewirkte in der jĂŒdischen Öffentlichkeit eine mĂ€chtige ErschĂŒtterung. In meinem Leben bewirkte es eine tiefgreifende VerĂ€nderung. Ich beschloss, die LĂŒcke, die er hinterlassen hatte, auszufĂŒllen. Ich trat dem Irgun bei, der die extremste bewaffnete Untergrundorganisation war. Ich war 15 Jahre alt.

Ich erzĂ€hle diese Geschichte noch einmal, weil die Lehre daraus sehr wichtig ist. Ein unterdrĂŒckerisches Regime, noch dazu ein auslĂ€ndisches, denkt immer, dass die Hinrichtung von „Terroristen“ andere davon abschrecken wird, sich den Rebellen anzuschließen. Dieser Gedanke entspringt der Arroganz der Herrschenden: Sie halten ihre Untertanten fĂŒr minderwertig. In Wirklichkeit bewirkt dieses Vorgehen immer das Gegenteil: Der hingerichtete Rebell wird zum Nationalhelden und fĂŒr jeden hingerichteten Rebellen nehmen ein Dutzend anderer den Kampf auf. Eine Hinrichtung brĂŒtet Hass aus und der Hass fĂŒhrt zu noch mehr Gewalt. Wenn auch noch die Familie bestraft wird, schlagen die Flammen des Hasses noch höher. Das ist eine einfache Logik. Aber Logik ĂŒbersteigt die geistigen FĂ€higkeiten der Herrschenden. Nur ein Gedanke: Vor ungefĂ€hr 2000 Jahren wurde ein einfacher Zimmermann in PalĂ€stina gekreuzigt – und seht euch an, was daraus geworden ist!

IN JEDER Armee gibt es einige Sadisten, die sich als Patrioten darstellen. In meinen Armee-Tagen schrieb ich einmal: In jedem Trupp sind wenigstens ein Sadist und ein moralischer Soldat. Die anderen sind weder Sadisten noch moralisch. Sie werden von einem der beiden Typen beeinflusst; von welchem, hĂ€ngt davon ab, welcher der stĂ€rkere Charakter ist. In der letzten Woche geschah etwas Schreckliches. Seit der AnkĂŒndigung des amerikanischen Chef-Narren ĂŒber Jerusalem gibt es tĂ€glich Demonstrationen im Westjordanland und im Gazastreifen. Die PalĂ€stinenser im Gazastreifen gehen nahe an den Trennungszaun heran und werfen Steine auf die Soldaten auf der israelischen Seite. Die Soldaten sind angewiesen zu schießen. Tag fĂŒr Tag werden PalĂ€stinenser verwundet, alle paar Tage werden PalĂ€stinenser getötet. Einer der Demonstranten war der 29jĂ€hrige doppelseitig gelĂ€hmte arabische Fischer Ibrahim Abu-Thuraja. Vor neun Jahren war er durch einen israelischen Luftangriff auf Gaza verwundet worden und ihm wurden beide Beine abgenommen. Er wurde in seinem Rollstuhl ĂŒber das unebene GelĂ€nde in Richtung Zaun geschoben, als ein ScharfschĂŒtze der Armee auf ihn zielte und ihn tötete. Er sei zwar unbewaffnet gewesen, habe jedoch andere aufgehetzt

Der Mörder war kein gewöhnlicher Soldat, der vielleicht im Durcheinander, ohne zu zielen, geschossen hĂ€tte. Er war ein Profi, ein ScharfschĂŒtze, der gewohnt war, sich sein Opfer auszusuchen, sorgfĂ€ltig zu zielen und die anvisierte Stelle genau zu treffen. Ich versuche mir vorzustellen, was im Kopf des SchĂŒtzen vorging, bevor er schoss. Dauf seinen Kopf as Opfer war nahe. Es war vollkommen unmöglich, den Rollstuhl zu ĂŒbersehen. Ibrahim stellte absolut keine Bedrohung fĂŒr den SchĂŒtzen oder irgendeinen anderen dar. (Sofort entstand ein grausamer israelischer Witz: Den ScharfschĂŒtzen wurde befohlen, auf die unteren Körperteile der Demonstranten zu schießen. Da Ibrahim keine unteren Körperteile mehr hatte, blieb dem Soldaten nichts anderes ĂŒbrig, als auf seinen Kopf zu schießen.) Es war schlicht und einfach ein Verbrechen. Ein verabscheuenswertes Verbrechen. Verhaftete die Armee – ja, meine Armee! – ihn also? Durchaus nicht. TĂ€glich wurde eine neue Ausrede erdacht, eine immer lĂ€cherlicher als die andere. Der Name des SchĂŒtzen wurde geheim gehalten. Mein Gott, was geschieht in diesem Land? Was macht die Besetzung aus uns? NatĂŒrlich wurde Ibrahim ĂŒber Nacht zu einem palĂ€stinensischen Nationalhelden. Sein Tod spornt andere PalĂ€stinenser zur Teilnahme am Kampf an.

GIBT ES KEINEN Hoffnungsschimmer? Doch, den gibt es. Wenn er auch schwach ist. Einige Tage nach dem Mord an Ibrahim Abu-Thuraya wurde eine fast komische Szene im Bild festgehalten. Im palĂ€stinensischen Dorf Nabi Saleh im besetzten Westjordanland stehen zwei vollbewaffnete israelische Soldaten. Einer ist ein Offizier, der andere ein Feldwebel. Eine Gruppe von drei oder vier 15 oder 16 Jahre alten arabischen MĂ€dchen nĂ€hert sich ihnen. Sie schreien die Soldaten an und machen beleidigende Gesten. Die Soldaten tun so, als bemerkten sie sie nicht. Das eine MĂ€dchen, es heißt Ached Tamimi, geht an einen der Soldaten heran und schlĂ€gt ihn. Der Soldat, der viel grĂ¶ĂŸer als sie ist, reagiert nicht. Das MĂ€dchen tritt noch nĂ€her und schlĂ€gt den Soldaten ins Gesicht. Er schĂŒtzt sein Gesicht mit den Armen. Ein anderes MĂ€dchen hĂ€lt die Szene mit ihrem Smartphone fest.

Und dann geschieht das Unglaubliche: Beide Soldaten gehen zurĂŒck und verlassen die Szene. (SpĂ€ter stellte sich heraus, dass der Cousin des einen der MĂ€dchen ein paar Tage zuvor in den Kopf geschossen worden war.) Die Armee war von der Tatsache schockiert, dass die beiden Soldaten die MĂ€dchen nicht erschossen hatten. Sie kĂŒndigte eine Untersuchung an. Das MĂ€dchen und ihre Mutter wurden noch in derselben Nacht verhaftet. Die Soldaten haben einen Tadel zu erwarten. FĂŒr mich sind die beiden Soldaten wahre Helden. Leider sind Soldaten wie sie die Ausnahme. Jeder Mensch hat das Recht, stolz auf sein Land zu sein. Meiner Ansicht nach ist das gleichermaßen ein menschliches Grundrecht wie ein menschliches GrundbedĂŒrfnis.

Aber wie kann man auf ein Land stolz sein, das mit menschlichen Leichnamen Handel treibt? Im Islam ist es von großer Bedeutung, Tote so schnell wie möglich zu begraben. Die israelische Regierung weiß das und hĂ€lt die Leichname Dutzender „Terroristen“ zurĂŒck. Sie benutzt sie als HandelsmĂŒnze fĂŒr die RĂŒckgabe jĂŒdischer Leichname, die die andere Seite zurĂŒckhĂ€lt. Logisch? Sicherlich. Entsetzlich? Ja. Das ist nicht das Israel, zu dessen GrĂŒndung ich beigetragen und fĂŒr das ich gekĂ€mpft habe. Mein Israel wĂŒrde den VĂ€tern und MĂŒttern die Leichname ihrer Kinder zurĂŒckgeben. Selbst wenn das bedeutete, dass man einige HandelsmĂŒnzen aus der Hand geben wĂŒrde. Ist der Verlust eines Kindes nicht Strafe genug? Was ist aus unserem allgemein menschlichen Anstand geworden?

23.12.2017

Übersetzung ins Deutsche von Ingrid Heiseler