„Wir“ und „Sie“

NEIN. Nicht „wir“ sind es, sondern „sie“.

Nicht „wir“: die Guten, die Moralischen, die Gerechten. Oder, um es deutlich auszudrĂŒcken: die AuserwĂ€hlten. Die Juden.

Und nicht „sie“: die Schlechten, die Bösen. Um auch dies deutlich auszudrĂŒcken: die Verachtenswerten. Ja, die Araber.

Wir, die von Gott auserwÀhlt wurden, weil wir so besonders sind.

Sie, alle die Heiden, die alle möglichen Idole anbeten, sei es Allah oder Jesus.

Wir, die heldenhaften Wenigen, die wir in jeder Generation denen gegenĂŒberstehen, die uns vernichten wollen, wir jedoch retten uns aus ihren HĂ€nden.

Sie, die vielen Feiglinge, die uns und unseren Staat töten wollen, und die unser Mut besiegt.

Sie, alle die Gojim, besonders die Muslime, die Araber, die PalÀstinenser.

Nein, so ist es nicht. Durchaus nicht.

VOR EIN PAAR Tagen hat Jitzchak Herzog etwas besonders WiderwÀrtiges gesagt.

Herzog, der FĂŒhrer der Arbeitspartei, der Vorsitzende des Verbundes „Zionistisches Lager“, Chef der Opposition (ein Titel, der automatisch dem FĂŒhrer der grĂ¶ĂŸten Oppositionspartei verliehen wird) erklĂ€rte, dass seine Partei deshalb bei Wahlen keinen Erfolg habe, weil die Leute glaubten, ihre Mitglieder wĂ€ren „Araberliebhaber“.

Wenn man das auf Deutschland ĂŒbertrĂ€gt, kann man es vielleicht besser verstehen. Zum Beispiel besteht Angela Merkels Partei aus „Judenliebhabern“.

Niemand sagt das. TatsÀchlich darf das niemand sagen. Nicht im heutigen Deutschland.

Man mag annehmen, dass Herzog es nicht so gemeint hat, wie es klingt. Gewiss nicht in der Öffentlichkeit. Es ist ihm nur so herausgefahren. Das hat er nicht gemeint.

Vielleicht. Aber ein Politiker, der zulĂ€sst, dass ihm dergleichen herausfĂ€hrt, kann nicht der FĂŒhrer eines großen politischen Lagers sein. Eine Partei mit einem solchen FĂŒhrer, die ihn nicht gleich noch am selben Tag hinauswirft, ist nicht wert, ein Land zu fĂŒhren.

Nicht weil er Unrecht hĂ€tte. Es gibt sicherlich viele Leute, die glauben, dass die Mitglieder der Arbeitspartei „Araberliebhaber“ seien (allerdings gibt es keine Anzeichen dafĂŒr, dass sie das wirklich sind. Es muss eine verheimlichte Leidenschaft sein). Und viele Leute glauben, dass die Arbeitspartei darum so tief gesunken sei, weil viele etwas so Schreckliches glauben. Es sind ihrer viele. Das Problem ist nur, dass diese Art von Leuten nicht die Arbeitspartei und schon gar nicht Herzog wĂ€hlen wĂŒrde, nicht einmal, wenn diese auf und ab sprĂ€ngen und schrien: „Tod den Arabern!“

Und nicht einmal das ist die wichtigste Tatsache. Die wichtigste Tatsache ist, dass jenseits aller moralischen und politischen ErwĂ€gungen diese Worte einen abgrundtiefen Mangel an VerstĂ€ndnis fĂŒr die israelische RealitĂ€t zeigen.

ISRAELS HEUTIGE RealitĂ€t ist folgende: Es gibt nicht die geringste Chance, der Rechten die Macht zu entziehen, wenn ihr nicht eine vereinte und entschlossene Linken, die sich auf eine Partnerschaft zwischen Juden und Arabern grĂŒndet, entgegentritt.

Da haben wir die demografische RealitĂ€t: Arabische BĂŒrger machen etwa 20% der Israelis aus. Wenn die jĂŒdische Linke ohne die Araber eine Mehrheit erreichen möchte, dann brauchte sie dafĂŒr 60% der jĂŒdischen Öffentlichkeit. Ein Hirngespinst.

Einige trĂ€umen davon, dass das Zentrum die Aufgabe der Linken ĂŒbernehmen könnte. Auch das ist ein Hirngespinst. Das Zentrum ist keine Kraft, es hat kein RĂŒckgrat, keine ideologische Basis. Es zieht die Schwachen und Zaghaften an, Menschen, die sich zu nichts verpflichten wollen. Die Jair Lapids und Mosche Kachlons sind ebenso wie ihre VorgĂ€nger und wahrscheinlich ihre Nachfolger LĂ€mmerschwĂ€nzchen und keine LöwenhĂ€upter. Seit den Zeiten der Dasch-Partei 1977 hĂ€ngen sie immer der Rechten an. Dorther sind sie gekommen und dorthin werden sie zurĂŒckkehren.

VorĂŒber sind die Tage der alten Arbeitspartei, der Mapai, mit ihren AnhĂ€ngseln, der ehemaligen national-religiösen Partei und der jĂŒdisch-orientalischen Schas-Partei.

Eine neue, große und starke Linke muss sich erheben.

Eine derartige neue, große und starke Linke kann sich nur auf der festen Grundlage einer jĂŒdisch-arabischen Einheit erheben. Das ist weder ein Traum noch eine aussichtslose Hoffnung. Es ist eine einfache politische Tatsache. Einzig und allein auf der Grundlage einer jĂŒdisch-arabischen Partnerschaft kann fĂŒr das Land etwas Gutes herauskommen. Diese Partnerschaft machte die Vereinbarung von Oslo möglich. Ohne die Stimmen der arabischen Abgeordneten in der Knesset wĂ€re sie nicht angenommen worden. Eine solche Partnerschaft ist fĂŒr jeden Schritt in Richtung Frieden notwendig.

Das Argument, dass ein ParteifĂŒhrer „die Araber nicht mag“, ist an sich bedeutungslos. Es besagt lediglich, dass er fĂŒr die FĂŒhrung Israels ungeeignet ist. Ihm wird ĂŒberhaupt nichts gelingen, schon gar nicht, Frieden zu schließen.

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Phrase „Araber mögen“ kindisch ist. Wie kann jemand ein ganzes Volk mögen oder nicht mögen? In jedem Volk, auch in unserem, gibt es Gute und Böse, Gutherzige und Üble, Freundliche und Feindselige. „Araberliebhaber“ ist wie „Judenliebhaber“: beide riechen stark nach Antisemitismus, wie jeder Jude wohl weiß.

ICH WAR – buchstĂ€blich von den ersten Tagen des Staates an – Augenzeuge und Aktionzeuge vieler BemĂŒhungen, eine jĂŒdisch-arabische Partnerschaft in Israel aufzubauen.

Wie ich schon viele (vielleicht zu viele) Male erzĂ€hlt habe, gehörte ich gleich nach dem Krieg von 1948 zu einer winzigen Gruppe, die den ersten Plan fĂŒr eine „Zweistaatenlösung“ erarbeitete. In den 1950er Jahren beteiligte ich mich am Aufbau des „Komitees gegen die MilitĂ€rregierung“. Dies war eine jĂŒdisch-arabische Gruppe, die fĂŒr die Abschaffung des repressiven Regimes kĂ€mpfte, dem die arabischen BĂŒrger unterworfen waren. (Sie wurde 1966 ihrerseits abgeschafft). 1984 beteiligte ich mich an der Schaffung der „Progressiven Liste fĂŒr den Frieden“. Dies war eine arabisch-jĂŒdische Partei, die in der Knesset zwei Sitze bekam: einen fĂŒr einen Araber und einen fĂŒr einen Juden. Und in der Zwischenzeit gab es viele weitere BemĂŒhungen.

Ich erwĂ€hne dies, um eine erschreckende Tatsache zu veranschaulichen: In den letzten 30 Jahren hat die Zusammenarbeit zwischen jĂŒdischen und arabischen FriedenskrĂ€ften nicht zugenommen, sondern sie ist im Gegenteil weniger geworden. Sie ist in stĂ€ndigem Niedergang begriffen. Ebenso ĂŒbrigens die Zusammenarbeit zwischen israelischen und palĂ€stinensischen FriedenskrĂ€ften.

Das ist eine Tatsache. Eine traurige und niederdrĂŒckende Tatsache, die einen zur Verzweiflung bringen kann. Aber nichtsdestoweniger ist es eine Tatsache.

WER IST daran schuld?

Wenn es um historische Prozesse geht, ist eine solche Frage ziemlich sinnlos. Jede historische Tragödie hat viele VÀter. Trotzdem will ich versuchen, die Frage zu beantworten.

Ich lege gegen mich selbst Zeugnis ab: Gleich nach dem Beginn der Besetzung 1967 reduzierte ich meine AktivitĂ€ten fĂŒr die jĂŒdisch-arabische Zusammenarbeit innerhalb Israels, um alle meine KrĂ€fte dem Kampf fĂŒr Frieden zwischen Israelis und PalĂ€stinensern, der Beendigung der Besetzung, der Zweistaatenlösung und den Beziehungen zu Jasser Arafat und seinen Nachfolgern zu widmen. Dies alles erschien mir damals viel wichtiger als der Streit innerhalb Israels. Vielleicht war das ein Fehler.

Die israelische Linke versichert jetzt, die arabischen BĂŒrger hĂ€tten sich „radikalisiert“. Die arabischen BĂŒrger behaupten, die jĂŒdische Linke habe sie betrogen und vernachlĂ€ssigt. Vielleicht haben beide Seiten recht. Die Araber glauben, dass die jĂŒdische Linke sie im Stich gelassen habe, sowohl hinsichtlich des Friedens zwischen den beiden Völkern als auch in der Sache Gleichheit im Staat. Die jĂŒdische Linke glaubt, dass Äußerungen von Leuten wie Scheich Ra’ed Salah, der Knesset-Abgeordneten Chanin Soabi und anderen die Chancen der Linken zunichtemachten, wieder an die Macht zu kommen.

Beide haben recht. Die Schuld mag gleich verteilt sein, 50 – 50. Aber die Schuld der herrschenden Gruppe wiegt sehr viel schwerer als die Schuld der unterdrĂŒckten Gruppe.

TĂ€glich gibt es neue Beweise fĂŒr den Abgrund zwischen den beiden Völkern innerhalb Israels. Das Schweigen der jĂŒdischen Linken zum Fall des verwundeten PalĂ€stinensers, der in Hebron von einem jĂŒdischen Soldaten ermordet wurde, ist schwer zu verstehen. Und es fĂ€llt schwer, die unter Arabern verbreitete Leugnung des Holocaust zu verzeihen.

ICH HABE das GefĂŒhl, diese Kluft wird breiter und tiefer. Seit Jahren habe ich von keinem ernsthaften Versuch auch nur einer der Seiten gehört, eine gemeinsame politische Kraft, eine gemeinsame Narration, gemeinsame persönliche und öffentliche Beziehungen – sowohl auf hoher als auch auf niedriger Ebene – zu schaffen.

Hier und da unternehmen gute Leute kleine Anstrengungen. Aber es gibt keine ernsthafte landesweite umfassende politische Initiative.

Wenn ich einen Telefonanruf bekĂ€me: „Uri, die Zeit ist gekommen. Eine ernsthafte Initiative ist auf dem Weg. Komm und mach mit!“, wĂŒrde ich einen Luftsprung machen und rufen: „Hier bin ich!“ Aber ein solcher Anruf ist bisher nicht gekommen.

Es muss von unten kommen. Es darf keine weitere Initiative alter MĂ€nner, sondern es muss eine BemĂŒhung junger, frischer und entschlossener Leute sein.

(Alte wie ich können ihre Erfahrungen beisteuern. Aber es ist nicht ihre Sache, die Initiative zu ergreifen.)

EINE SOLCHE BemĂŒhung muss bei Null anfangen. Ganz und gar bei Null.

Zuerst einmal muss es vom ersten Augenblick an eine gemeinsame Bestrebung von Juden und Arabern, Muslimen, Christen und Drusen in enger Zusammenarbeit sein. Nicht Juden, die Araber einladen. Nicht Araber, die Juden einladen. Gemeinsam, ein vom Augenblick der Zeugung an unzertrennlicher Bund.

Eine der ersten Aufgaben ist die, sich auf eine gemeinsame historische Narration zu einigen. Keine kĂŒnstliche, keine fingierte, sondern eine wirkliche und wahrhaftige, eine, die die Motive der Zionisten und der arabischen Nationalisten, die Begrenztheit der FĂŒhrer auf beiden Seiten, die DemĂŒtigung der Araber durch den westlichen Imperialismus, das jĂŒdische Trauma nach dem Holocaust und, ja, die palĂ€stinensische Nakba in Anschlag bringt.

Die Frage: „Wer hat recht?“ ist ganz und gar unangebracht. Solche Fragen sollten nicht einmal gestellt werden. Beide Völker handelten ihren UmstĂ€nden, ihrem Elend, ihrem Glauben und ihren Möglichkeiten entsprechend. Es gab SĂŒnden. Viele. Es gab Verbrechen. Auf beiden Seiten. Aber auch sie waren die Folgen der UmstĂ€nde und der Zeiten. Man muss ihrer gedenken. Gewiss. Aber sie dĂŒrfen keine Hindernisse auf dem Weg in eine bessere Zukunft sein.

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte Gusch Schalom (die Organisation, der ich angehöre) eine derartige gemeinsame Narration, die den historischen Tatsachen Rechnung trug und die versuchte, das VerstĂ€ndnis der Motive beider Seiten zu fördern.1 Seitdem wurden einige weitere Anstrengungen in dieser Richtung unternommen. Eine solche BemĂŒhung ist notwendig, um eine intellektuelle und emotionale Grundlage fĂŒr eine wirkliche Partnerschaft zu errichten.

Vielleicht muss man keine gemeinsame Partei schaffen. Vielleicht ist ein solcher Gedanke zurzeit nicht realistisch. Vielleicht wĂ€re es besser, ein stĂ€ndiges politisches BĂŒndnis aus KrĂ€ften beider Seiten einzurichten.

Vielleicht sollte ein gemeinsames Schatten-Parlament entstehen, das die Differenzen auf regelgerechte und öffentliche Weise beseitigt.

Wahre Partnerschaft muss persönlich, gesellschaftlich und politisch sein. Das Ziel muss von Anfang an sein, das Gesicht Israels zu verĂ€ndern und die KrĂ€fte zu beseitigen, die es in die historische Tragödie fĂŒhren. In anderen Worten: die MachtĂŒbernahme.

Gleichzeitig sollten zwischen Orten, StĂ€dten, Institutionen, UniversitĂ€ten, Moscheen und Synagogen persönlich und gesellschaftlich BrĂŒcken gebaut werden.

AUF JÜDISCHER Seite kann weder Jitzchak Herzog noch die Arbeitspartei diese Aufgabe erfĂŒllen. Weder Herzog noch seine Rivalen in der Partei, die seinen Platz einnehmen wollen. (Es sieht so aus, als könnte auf die FĂŒhrung der Arbeitspartei nur ein/e Politiker/in Anspruch erheben, der oder die in der Vergangenheit schon auf schlimmste Weise gescheitert ist.)

Wir brauchen unbedingt eine junge, kraftvolle, bahnbrechende neue FĂŒhrung. Nicht noch mehr von diesen jungen Leuten, die auf der Szene erscheinen, eine neue kleine Gruppe schaffen, ein oder zwei Jahre lang etwas Gutes leisten und dann verschwinden, als hĂ€tte es sie nie gegeben. Wir brauchen Leute, die zur Zusammenarbeit bereit sind und die eine Kraft aufbauen, um den Staat in einer neuen Richtung zu lenken.

„Araberliebhaber“? Ja. „Judenliebhaber“? Aber sicher. Vor allem aber Liebhaber des Lebens, des Friedens und dieses Landes.

30. April 2016

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler