Warum ist die NATO in Jugoslawien?
Sean Gervasi – Institut fĂŒr Internationale Politik und Wirtschaft, Belgrad
Zur Expansion der NATO nach Osteuropa und in den Mittelmeerraum (Prag 13.â14. Januar 1996)
Einleitung
Die NATO hat kĂŒrzlich eine groĂe Einsatztruppe nach Jugoslawien entsandt, unter dem Vorwand, das Dayton-Abkommen von Ende 1995 zur Beendigung des Kriegs in Bosnien durchzusetzen. Es heiĂt, dass diese Einsatztruppe rund 60.000 Mann umfasst, ausgestattet mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Artillerie. UnterstĂŒtzt wird sie von betrĂ€chtlichen Luft- und SeestreitkrĂ€ften. Wenn man alle involvierten StreitkrĂ€fte einschlieĂlich der in angrenzenden LĂ€ndern stationierten mit einbezieht, ergibt sich eine TruppenstĂ€rke von mindestens 200.000 Mann. Diese Zahl wurde von US-MilitĂ€rkreisen bestĂ€tigt. (1)
Die Entsendung einer groĂen westlichen MilitĂ€rmacht nach Mittel- und SĂŒdosteuropa ist ein erstaunliches Unterfangen gerade in der Ăbergangssituation, die durch das angenommene Ende des Kalten Krieges entstanden ist. Der Einsatz dieser Truppen auf dem Balkan bildet nicht nur die erste gröĂere militĂ€rische Operation der NATO, sondern auch die gröĂte militĂ€rische Operation auĂerhalb der Grenzen, die ursprĂŒnglich fĂŒr NATO-MilitĂ€raktionen vorgesehen waren.
Wie auch immer â die Entsendung von NATO-Truppen auf den Balkan ist auf den Druck zurĂŒckzufĂŒhren, der durch die NATO-Osterweiterung entstanden ist.
Wenn das Jugoslawien-Unternehmen der erste Schritt der NATO-Expansion ist, sind weitere in naher Zukunft geplant. Einige westliche MÀchte wollen die Visegrad-LÀnder bis zum Ende des Jahrhunderts als Vollmitglieder in die NATO bringen. Gewisse westliche LÀnder waren einige Zeit gegen eine solche Ausweitung. Die Widerspenstigen wurden aber dazu gedrÀngt, die vorgebliche Notwendigkeit der NATO-Expansion zu akzeptieren.
Es stellt sich die Frage: warum drĂ€ngen die WestmĂ€chte so auf die Expansion der NATO? Warum wird die NATO erneuert und ausgeweitet, nachdem die âsowjetische Drohungâ verschwunden ist? Hinter dem allen steckt klarerweise viel mehr, als wir bis jetzt erfahren haben. Die Durchsetzung eines unsicheren Friedens in Bosnien ist nur der unmittelbare Anlass fĂŒr die Entsendung von NATO-Truppen auf den Balkan.
Es gibt tiefer liegende GrĂŒnde fĂŒr die Entsendung von NATO-Einheiten auf den Balkan, und besonders fĂŒr die NATO-Ausdehnung auf Polen, die tschechische Republik und Ungarn in nĂ€chster Zukunft. Diese drehen sich um die aufkommende Strategie zur Sicherung der Rohstoffe im Gebiet rund um das Kaspische Meer und der âStabilisierungâ der LĂ€nder Osteuropas â jedenfalls aber der âStabilisierungâ Russlands und der GUS-Staaten. Das ist, milde ausgedrĂŒckt, eine Ă€uĂerst gewagte und potentiell in sich widersprĂŒchliche Politik. Es ist wichtig, einige Fragen nach den GrĂŒnden fĂŒr diese Politik zu stellen.
Die Absicht der âStabilisierungâ der LĂ€nder des frĂŒheren sozialistischen Ostblocks in Europa zielt nicht nur auf die politische StabilitĂ€t, die Absicherung der neuen Regierungen in diesen LĂ€ndern. Es muss auch gewĂ€hrleistet sein, dass die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen unverĂ€ndert bleiben. Und, nachdem der sogenannte Ăbergang zur Demokratie in den betroffenen LĂ€ndern in der Tat zu einer beginnenden Entindustrialisierung und einem Einbruch in den Lebensbedingungen fĂŒr die Mehrheit der Bevölkerung gefĂŒhrt hat, erhebt sich die Frage, ob das wirklich erstrebenswert ist.
Diese Frage stellt sich umso eindringlicher, da âStabilisierungâ im westlichen Sprachgebrauch bedeutet, dass in den LĂ€ndern des ehemaligen sozialistischen Ostblocks wirtschaftliche und soziale Bedingungen eingefĂŒhrt werden sollen, die den derzeit im Westen vorherrschenden wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen entsprechen. Die Wirtschaftssysteme der westlichen Industrienationen sind tatsĂ€chlich in einem Zustand des Verfalls, obwohl die Regierungen dieser LĂ€nder das niemals zugeben wĂŒrden. Nichtsdestoweniger fĂŒhrt jede einigermaĂen objektive Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Westens zu dieser Schlussfolgerung. Diese Schlussfolgerung wird untermauert durch offizielle Statistiken wie durch die meisten Analysen von Wirtschaftsfachleuten.
Es ist auch klar, dass der Versuch der âStabilisierungâ der ehemaligen LĂ€nder des sozialistischen Ostblocks zu betrĂ€chtlichen Spannungen mit Russland und möglicherweise auch anderen LĂ€ndern fĂŒhrt. Nicht wenige Kommentatoren sind zum Ergebnis gekommen, dass die Bestrebungen des Westens, die NATO-EinflusssphĂ€re auszuweiten, sogar die Risiken eines nuklearen Konfliktes vergröĂern. (2)
Es genĂŒgt, diese Fragen kurz anzureiĂen, um zu erkennen, dass die Ausdehnung der NATO, die de facto in Jugoslawien begonnen hat und auf andere LĂ€nder erweitert werden soll, in einem groĂen AusmaĂ auf konfusen und irrationalen Ăberlegungen beruht. Man ist versucht zu sagen, dass sie aus der Angst und WillfĂ€hrigkeit bestimmter herrschender Gruppierungen resultiert. Gerade heraus gesagt, warum sollte die Welt irgendeinen Vorteil in der gewaltsamen Ăbertragung des im Westen herrschenden wirtschaftlichen und sozialen Chaos auf andere LĂ€nder erkennen, und warum sollte sie darin einen Vorteil sehen, wenn diese Entwicklung selbst die Risiken eines Atomkriegs vergröĂert?
Ziel dieser Abhandlung ist es, die GrĂŒnde fĂŒr die derzeitigen BemĂŒhungen der Ausdehnung der NATO-EinflusssphĂ€re aufzuzeigen und einige grundsĂ€tzliche Fragen zu stellen, ob diese Sinn macht, in der engeren wie tieferen Bedeutung des Wortes.
Die NATO in Jugoslawien
Der Nordatlantische Verteidigungspakt wurde 1949 zu dem Zweck gegrĂŒndet, Westeuropa vor einer möglichen militĂ€rischen Aggression der Sowjetunion und deren VerbĂŒndeten zu schĂŒtzen.
Mit der Auflösung der kommunistischen Regierungen im ehemaligen Ostblock 1990 und 1991 verschwand die Möglichkeit einer solchen Aggression, wenn sie ĂŒberhaupt jemals bestanden hat. Dieser Wechsel in den ehemals kommunistischen LĂ€ndern machte die NATO ĂŒberflĂŒssig. Ihre Existenzberechtigung war verschwunden. Dennoch begannen bestimmte Gruppen innerhalb der NATO-LĂ€nder fast unmittelbar, auf eine âErneuerungâ der NATO und sogar auf ihre Erweiterung nach Mittel- und Osteuropa zu drĂ€ngen. Sie fingen an, neue Grundlagen auszuarbeiten, die die WeiterfĂŒhrung des normalen Betriebs erlauben wĂŒrden.
Die bedeutendste Rolle spielte die Idee, dass trotz der Ănderungen, die sich aus dem Ende des Kalten Krieges ergaben, die LĂ€nder des Westens nichtsdestoweniger mit âSicherheitsproblemenâ von auĂerhalb des herkömmlichen NATO-Bereichs konfrontiert werden könnten, die die WeiterfĂŒhrung dieser Organisation fĂŒr alle Zeiten rechtfertigten. Die Sprecher dieser Sichtweise argumentierten, die NATO mĂŒsse neue Einsatzbereiche finden, um ihre Existenz zu legitimieren.
Der tatsĂ€chliche Grund war, dass die NATO erhalten werden musste, um die FĂŒhrung der USA in Europa wie auf der Welt zu gewĂ€hrleisten. Das war sicher einer der GrĂŒnde hinter der groĂ angelegten Intervention des Westens â an der sich die NATO-Partner der USA in eher bescheidenem AusmaĂ beteiligten â in Kuwait und Irak 1990 und 1991. Die Koalition gegen den Irak konnte nur unter groĂen Schwierigkeiten zusammengebracht werden. Aber diese wurde von der Regierung der USA fĂŒr notwendig befunden, um die GlaubwĂŒrdigkeit der USA innerhalb der westlichen Allianz wie auch in der Welt aufrecht zu erhalten.
Das Motto der ersten BefĂŒrworter der NATO-Erweiterung war: âNATO: out of area or out of businessâ (âNATO: aus dem bisherigen Einsatzbereich heraus oder aus dem GeschĂ€ftâ), was den Standpunkt, wenn auch nicht die BegrĂŒndung, so einfach wie möglich erklĂ€rte. (3)
Auch Jugoslawien war ein Testfall, und offensichtlich einer von viel gröĂerer Bedeutung. Die jugoslawische Krise explodierte im Randbereich Europas, und die westeuropĂ€ischen LĂ€nder mussten darauf reagieren. WĂ€hrend Deutschland und die USA den Eindruck erweckten, auf ein Ende der BĂŒrgerkriege in Jugoslawien hinzuarbeiten, unternahmen sie in der Tat alles, um diese zu verlĂ€ngern, besonders den Krieg in Bosnien. (4) Ihre AktivitĂ€ten fĂŒhrten zur Fortsetzung und stĂ€ndigen VerschĂ€rfung der jugoslawischen Krise.
Es ist wichtig zu erkennen, dass nahezu von Beginn der jugoslawischen Krise die NATO versuchte, sich selbst ins Spiel zu bringen. Diese Einmischung wurde 1993 offenkundig, als die NATO begann, UNPROFOR-Operationen in Jugoslawien zu unterstĂŒtzen, besonders im Bereich der Blockade gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und der Durchsetzung eines Flugverbots im bosnischen Luftraum.
Diese Einmischung begann aber in viel kleinerem AusmaĂ und es muss daran erinnert werden, dass die NATO als Organisation in den Krieg in Bosnien-Herzegowina in einem sehr frĂŒhen Stadium einbezogen wurde. Im Jahr 1992 sandte die NATO eine Gruppe von rund 100 Mann nach Bosnien-Herzegowina, wo sie ein militĂ€risches Hauptquartier in Kiseliak in der NĂ€he von Sarajewo einrichteten, unter dem Vorwand, die UNO-KrĂ€fte in Bosnien zu unterstĂŒtzen.
Offensichtlich steckte dahinter ein anderer Zweck. Ein NATO-Diplomat beschrieb damals diese Operation dem INTELLIGENCE DIGEST gegenĂŒber mit den folgenden Worten:
âDas ist ein sehr vorsichtiger erster Schritt, um den wir bestimmt nicht viel LĂ€rm machen werden. Aber es könnte der Anfang von etwas gröĂerem sein … Man könnte sagen, dass die NATO jetzt einen FuĂ in der TĂŒr hat. Es ist nicht sicher, dass wir die TĂŒr öffnen können, aber wir haben damit angefangen.â (4)
Es scheint klar zu sein, dass die NATO-FĂŒhrer von der Annahme ausgegangen sind, dass Widerstand gegen den Druck von USA und Deutschland ĂŒberwunden werden mĂŒsse und die Rolle der NATO in Jugoslawien schrittweise ausgeweitet wĂŒrde.
Auf diese Weise arbeitete die NATO an der Entwicklung einer gröĂeren âout of areaâ-Operation (d.i. Operation auĂerhalb des bisherigen Einsatzbereichs) fast von Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina an. Die kĂŒrzliche Entsendung von zehntausenden Soldaten ist somit der Höhepunkt einer Entwicklung, die vor etwa vier Jahren begonnen hat. Diese war nicht Gegenstand von VorschlĂ€gen und Konferenzen. Es ging darum, Operationen zu entwickeln, die mit der RĂŒckendeckung von SchlĂŒssellĂ€ndern möglicherweise zum aktiven Engagement der NATO âout of areaâ und somit zu ihrer Erneuerung fĂŒhren konnten.
Die Osterweiterung der NATO
Die NATO hat nie eine offizielle Studie ĂŒber die Erweiterung der Allianz durchgefĂŒhrt, bis vor kurzem die Arbeitsgruppe ĂŒber die Ausweitung der NATO ihren Bericht vorlegte. Ohne Zweifel hat es interne Untersuchungen gegeben, ĂŒber deren Inhalt AuĂenstehenden natĂŒrlich nichts bekannt ist.
Trotz des Mangels an klaren Analysen begann die Maschinerie von 1991 an hart zu arbeiten. Am Jahresende schuf die NATO das North Atlantic Cooperation Council (NACC = Nordatlantischer Rat zur Zusammenarbeit). Die Mitgliedsstaaten der NATO luden damals 9 mittel- und osteuropÀische LÀnder ein, dem NACC beizutreten, um eine Zusammenarbeit zwischen den NATO-MÀchten und den ehemaligen Mitgliedern des Warschauer Pakts in die Wege zu leiten.
Das war ein erster Schritt, um den osteuropĂ€ischen LĂ€ndern entgegenzukommen, die der NATO selbst beitreten wollten. Der NACC entsprach jedenfalls nicht wirklich den BedĂŒrfnissen dieser LĂ€nder, und mit Anfang 1994 begannen die USA mit der Idee der Partnerschaft fĂŒr den Frieden PFP. Die PFP eröffnete Staaten, die der NATO beitreten wollten die Möglichkeit, an verschiedenen NATO-AktivitĂ€ten teilzunehmen, einschlieĂlich Manövern und friedenserhaltenden MaĂnahmen. Ăber 20 LĂ€nder einschlieĂlich Russland sind derzeit Mitglieder der PFP.
Viele dieser LĂ€nder wollen eventuell der NATO beitreten. Russland will nicht beitreten. Es glaubt, dass die NATO nicht nach Osten vordringen sollte. Nach Auffassung des Center for Defense Information (Zentrum fĂŒr Verteidigungsinformation) in Washington, einem geachteten unabhĂ€ngigen Forschungszentrum fĂŒr militĂ€rische Angelegenheiten, beteiligt sich Russland an der Partnerschaft fĂŒr den Frieden, âum zu vermeiden, gĂ€nzlich von der europĂ€ischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen zu sein.â (5)
DermaĂen gewann die Bewegung in Richtung NATO-Erweiterung Schritt fĂŒr Schritt an Gewicht. Die Einrichtung des NACC war mehr oder weniger Ausdruck von Sympathie und Entgegenkommen gegenĂŒber denen, die auf die NATO-Mitgliedschaft hofften. Aber es brachte die Dinge nicht viel weiter. Die Einrichtung der Partnerschaft fĂŒr den Frieden ging schon einen Schritt weiter. Sie bezog schon ehemalige MitgliedslĂ€nder des Warschauer Pakts in die NATO selbst ein. Damit begann auch eine âzweigleisigeâ Politik gegenĂŒber Russland, dem eine mehr oder weniger bedeutungslose Beziehung mit der NATO gewĂ€hrt wurde, um seine Bedenken gegenĂŒber einer NATO-Expansion zu beschwichtigen.
Ungeachtet dieser kontinuierlichen Entwicklung beruhte die öffentliche BegrĂŒndung fĂŒr diese Expansion hauptsĂ€chlich auf ziemlich vagen Versprechungen. Und das fĂŒhrt uns zu der Frage, was hinter der Expansion der NATO wĂ€hrend der vergangenen vier Jahre steckt. Diese Frage muss fĂŒr zwei Bereiche gestellt werden: den Balkan und die LĂ€nder Mitteleuropas. Am Balkan findet ein wichtiger Kampf statt, im besonderen ein Kampf um die Beherrschung des sĂŒdlichen Balkans. Es ist auch eine neue Bewegung in Richtung zurĂŒck zum Kalten Krieg auf Seiten gewisser westlicher LĂ€nder festzustellen. Und diese Bewegung bringt die NATO nach Mitteleuropa.
Der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Balkan
Seit 1990 sind wir Zeugen einer anhaltenden zermĂŒrbenden Krise in Jugoslawien. Diese hat zehntausenden Menschen den Tod gebracht, vielleicht zwei Millionen aus ihren HĂ€usern getrieben und die Balkanregion schwer erschĂŒttert. Im Westen wird generell geglaubt, diese Krise, einschlieĂlich der BĂŒrgerkriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, sei durch interne jugoslawische Konflikte verursacht, besonders Konflikte zwischen Kroaten, Serben und bosnischen Muslimen. Das liegt fernab der Wirklichkeit.
Das Hauptproblem in Jugoslawien war von Anfang an die Einmischung von auĂen in die inneren Angelegenheit des Landes. Zwei westliche MĂ€chte, die USA und Deutschland, haben bewusst darauf hingearbeitet, das Land zu destabilisieren und dann aufzusplittern. Dieser Prozess war in vollem Gang in den 1980er Jahren und wurde beschleunigt mit dem Beginn des gegenwĂ€rtigen Jahrzehnts. Diese MĂ€chte planten sorgfĂ€ltig, bereiteten vor und begleiteten die Trennungsbestrebungen, die Jugoslawien auseinanderbrachen. Und sie unternahmen nahezu alles in ihrer Macht stehende, um die BĂŒrgerkriege auszuweiten und zu verlĂ€ngern, die in Kroatien begannen und in Bosnien-Herzegowina fortgesetzt wurden. In jeder Phase der Krise waren sie hinter den Kulissen aktiv.
Die Intervention von auĂen war darauf ausgerichtet, genau die Konflikte zu schaffen, die die westlichen MĂ€chte verlangten. Denn diese dienten als Rechtfertigung fĂŒr eine offene Intervention, wenn die BĂŒrgerkriege erst einmal entflammt waren.
Solche Auffassungen sind natĂŒrlich tabu in den westlichen LĂ€ndern. Der Grund dafĂŒr ist, dass die Ăffentlichkeit im Westen durch Kriegspropaganda fehlinformiert worden ist. Sie akzeptierte nahezu von Anfang an die Version der Ereignisse, die von den Regierungen herausgegeben und von den Massenmedien verbreitet wurde. Nichtsdestoweniger ist die Wahrheit, dass Deutschland und die USA die Hauptbetreiber der Aufteilung Jugoslawiens und Verursacher des Chaos dort waren.
Das ist eine hĂ€ssliche Tatsache in dem neuen Zeitalter der Realpolitik und der geopolitischen KĂ€mpfe, die auf das System des Kalten Krieges gefolgt sind. In letzter Zeit haben Geheimdienstkreise in bemerkenswert offener Weise darauf hingewiesen. Im Sommer 1995 berichtete zum Beispiel INTELLIGENCE DIGEST, eine angesehene Zeitschrift, die in GroĂbritannien erscheint:
âDie ursprĂŒnglichen US-amerikanisch â deutschen Absichten hinsichtlich Jugoslawien gingen aus von einem unabhĂ€ngigen von Muslimen und Kroaten beherrschten Bosnien-Herzegowina in Verbindung mit einem unabhĂ€ngigen Kroatien und einem stark geschwĂ€chten Serbien.â (6)
Jeder ranghöhere Regierungsvertreter in den meisten westlichen LĂ€ndern weiĂ, dass diese Beschreibung genau den Tatsachen entspricht. Und das bedeutet, dass die Standardbehauptungen betreffend eine âserbische Aggressionâ als Wurzel des Ăbels, die Bezeichnung Kroatiens als âneue Demokratieâ etc. nicht nur unwahr sind, sondern aufgestellt werden, um zu betrĂŒgen.
Aber warum? Warum sollten die Medien versuchen, die westliche Ăffentlichkeit zu betrĂŒgen? Es ging nicht einfach darum, diese unverschĂ€mte und groĂ angelegte Intervention in die inneren Angelegenheiten Jugoslawiens vor der Ăffentlichkeit zu verbergen. Es ging auch darum, dass die Menschen fragen wĂŒrden, warum Deutschland und die USA bewusst auf die Zerstörung der Balkanregion hinarbeiteten. Unweigerlich wĂŒrden sie die GrĂŒnde fĂŒr solches Handeln erfahren wollen. Und diese mussten als Zerstörungsaktionen groĂer MĂ€chte viel sorgfĂ€ltiger geheimgehalten werden.
UrsprĂŒnglich war das Problem, dass die Vereinigten Staaten von Amerika extrem begehrliche Absichten ganz Europa betreffend verfolgten. Neuerdings wird ganz offen gesagt, dass sich die USA selbst als âeuropĂ€ische Machtâ betrachten. In den 1980er Jahren hĂ€tten solche ĂuĂerungen nicht so leicht gemacht werden können. Diese hĂ€tten zu viel Widerspruch unter den westlichen Alliierten hervorgerufen. Aber das Streben der USA nach der Vorherrschaft in Europa war eine Tatsache. Und die USA haben bereits geplant, worĂŒber jetzt offen geredet wird.
Erst kĂŒrzlich machte Richard Holbrooke, StaatssekretĂ€r fĂŒr europĂ€ische Angelegenheiten, die offizielle Position klar. In einem vor kurzem im einflussreichen Journal FOREIGN AFFAIRS veröffentlichten Artikel bezeichnete er die USA nicht nur als âeuropĂ€ische Machtâ, sondern ging auch auf die begehrlichen PlĂ€ne seiner Regierung betreffend ganz Europa ein. In Bezug auf das System kollektiver Sicherheit einschlieĂlich NATO, das die USA und ihre Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet hatten, sagte Mr. Holbrooke:
âDieses Mal mĂŒssen die USA die FĂŒhrungsrolle ĂŒbernehmen bei der Einrichtung einer Sicherheitsarchitektur, die ganz Europa umfasst und somit stabilisiert â den Westen, die ehemaligen sowjetischen Satelliten in Mitteleuropa und, besonders kritisch, Russland und die ehemaligen Republiken der Sowjetunion.â (7)
Kurz gesagt, es ist neuerdings offizielle Politik, die Integration des gesamten Europas unter einem westlichen politischen und Wirtschaftssystem anzustreben und das unter âUS-amerikanischer FĂŒhrung.â Das ist einfach eine höfliche, und irrefĂŒhrende Art, ĂŒber die Einbeziehung der ehemals sozialistischen LĂ€nder in ein gewaltiges neues Reich zu reden. (8)
Es ĂŒberrascht natĂŒrlich nicht, dass der Rest von Holbrookes Artikel die Notwendigkeit der NATO-Erweiterung behandelt, besonders nach Mitteleuropa, um die âStabilitĂ€tâ Gesamteuropas zu gewĂ€hrleisten. Mr. Holbrooke stellt fest, dass die âErweiterung der NATO eine grundlegende Konsequenz des Wegfalls des Eisernen Vorhangsâ sei. (9)
Hinter den wiederholten Einmischungen in die Krisen Jugoslawiens stecken also langfristige strategische PlĂ€ne fĂŒr das gesamte Europa.
Als Teil dieses vorgegebenen Entwicklungsschemas hatten Deutschland und die USA ursprĂŒnglich die EinfĂŒhrung einer neuen Ordnung in der Balkanregion vorgesehen, die auf der freien Marktwirtschaft und der parlamentarischen Demokratie beruhte. Sie wollten mit dem Sozialismus auf dem Balkan endgĂŒltig Schluss machen. (10) Angeblich wollten sie die âEntwicklung demokratischer VerhĂ€ltnisseâ durch ermutigende UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rungen herbeifĂŒhren, wie in Kroatien. In Wirklichkeit war das nur ein Unterfangen, das in Richtung Aufsplitterung des Balkans in kleine und verletzliche LĂ€nder ging. Unter dem Deckmantel âEntwicklung demokratischer VerhĂ€ltnisseâ wurde der Weg in Richtung Rekolonialisierung des Balkans eingeschlagen.
1990 hatten die meisten LĂ€nder Osteuropas dem Druck des Westens nachgegeben, das durchzufĂŒhren, was unter dem irrefĂŒhrenden Begriff âReformenâ lĂ€uft. Einige hatten alle Bedingungen des Westens betreffend HilfsmaĂnahmen und Handel akzeptiert. Einige, besonders Bulgarien und RumĂ€nien, hatten diese nur teilweise akzeptiert.
In Jugoslawien gab es allerdings Widerstand. Nach den Wahlen 1990 in Serbien und Montenegro blieb eine sozialistische oder sozialdemokratische Partei an der Macht. Die Bundesregierung blieb somit in den HĂ€nden von Politikern, die, wenn sie auch gelegentlich dem Druck nach âReformenâ nachgaben, sich dennoch der Rekolonialisierung des Balkans widersetzten. Und viele von ihnen waren gegen die Aufteilung Jugoslawiens.
Nachdem das Jugoslawien des FrĂŒhjahres 1992 eine industrielle Basis und eine groĂe Armee besaĂ, musste dieses Land zerstört werden.
Vom deutschen Standpunkt aus war das nichts anderes als die Fortsetzung einer Politik, die vom Kaiser und von den Nazis verfolgt worden war.
Wenn erst einmal Jugoslawien aufgesplittert und im Chaos versunken war, war es möglich, mit der Neuorganisation dieses zentralen Teils des Balkans zu beginnen. Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sollten in die deutsche EinflusssphĂ€re gelangen. Deutschland wollte Zugang zur Adria, und wenn möglich, falls die Serben ĂŒberwĂ€ltigt werden konnten, zum neuen Rhein-Donau-Kanal, auf dem jetzt Schiffe bis zu 3.000 Tonnen von der Nordsee in Schwarze Meer fahren können. Die sĂŒdlichen Zonen Jugoslawiens sollten in die US-amerikanische InteressenssphĂ€re kommen. Mazedonien, das die einzigen Ost-West- und Nord-SĂŒd-Passagen des Balkangebirges beherrscht, sollte Mittelpunkt einer US-amerikanischen Region werden. Aber die US-amerikanische SphĂ€re sollte auch Albanien und, falls diese Gebiete von Serbien losgetrennt werden könnten, Sanjak und Kosovo umfassen. Einige US-amerikanische Planer denken bereits an das Entstehen eines GroĂalbaniens unter US- und tĂŒrkischer Patronanz, das eine Kette kleiner muslimischer Staaten umfassen wĂŒrde, möglicherweise Bosnien-Herzegowina, mit Zugang zur Adria.
Es ĂŒberrascht nicht, dass Deutschland und die USA, obwohl sie bei der Aufsplitterung Jugoslawiens zusammengearbeitet haben, nun um die Kontrolle ĂŒber verschiedene Teile dieses Landes streiten, besonders Bosnien-Herzegowina. In der Tat gibt es ein betrĂ€chtliches Hickhack um Einfluss und wirtschaftliche Vorteile in der gesamten Balkanregion. (11) Die meisten Zwistigkeiten gibt es zwischen Deutschland und den USA, den Partnern, die Jugoslawien auseinandergerissen haben. Aber wichtige Gesellschaften und Banken anderer europĂ€ischer LĂ€nder wollen auch ihren Teil vom Kuchen. Die Situation Ă€hnelt der in der Tschechoslowakei nach dem MĂŒnchner Abkommen 1938 entstandenen. Einigkeit wurde erzielt ĂŒber die Verwertung der RestbestĂ€nde, um ZusammenstöĂe zu vermeiden, die unmittelbar zum Krieg gefĂŒhrt hĂ€tten.
Das Neue âGroĂe Spielâ am Kaspischen Meer
Jugoslawien ist bedeutsam nicht nur wegen seiner eigenen Position auf der Landkarte, sondern auch in Hinblick auf Gebiete, zu denen es Zutritt gewĂ€hrt. Und einflussreiche US-amerikanische Analytiker glauben, dass es nahe an einer Zone vitaler US-Interessen liegt â der Schwarzes Meer / Kaspisches Meer â Region.
Darin wird wohl die wirkliche Bedeutung der NATO-Einsatztruppen in Jugoslawien liegen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika versuchen jetzt, einen neuen Block aus europĂ€ischen und LĂ€ndern des Mittleren Ostens zusammenzubekommen. Sie prĂ€sentieren sich selbst als FĂŒhrer einer informellen Gruppe von islamischen LĂ€ndern, die sich vom Persischen Golf bis zum Balkan erstrecken. Diese Gruppe schlieĂt die TĂŒrkei ein, die von entscheidender Bedeutung in diesem neu entstehenden Block ist. Die TĂŒrkei ist nicht nur Teil des sĂŒdlichen Balkans und eine Macht in der ĂgĂ€is. Sie grenzt auch an Irak, Iran und Syrien. Sie verbindet somit SĂŒdeuropa mit dem Mittleren Osten, wo die USA lebenswichtige Interessen zu haben glauben.
Die USA versuchen, diese informelle Allianz von islamischen LĂ€ndern im Mittleren Osten und SĂŒdeuropa auszuweiten, um einige der neuen LĂ€nder am sĂŒdlichen GĂŒrtel der ehemaligen Sowjetunion mit einzubeziehen.
Die GrĂŒnde dafĂŒr mĂŒssen nicht lange gesucht werden. Die USA sehen sich jetzt selbst in ein neues Rennen um Ressourcen auf der Welt involviert. Ăl spielt eine besonders groĂe Rolle in diesem Spiel. Mit dem Krieg gegen Irak haben sich die USA im Mittleren Osten sicherer als je zuvor festgesetzt. Der fast gleichzeitig stattfindende Zusammenbruch der Sowjetunion eröffnete die Möglichkeit der Ausbeutung der Ălvorkommen in der Region des Kaspischen Meeres durch den Westen.
Diese Region ist extrem reich an Ăl- und Gasvorkommen. Einige westliche Analytiker gehen davon aus, dass sie fĂŒr den Westen so wichtig werden wird wie der Persische Golf.
LĂ€nder wie Kasachstan verfĂŒgen ĂŒber enorme Ălreserven, wahrscheinlich mehr als neun Milliarden Barrels. Kasachstan könnte wahrscheinlich 700.000 Barrels pro Tag fördern. Das Problem dort wie in anderen LĂ€ndern der Region ist â zumindest aus der Sicht der westlichen LĂ€nder â der Transport von Ăl und Gas aus der Region auf sicheren Routen in den Westen. Die Beförderung von Ăl und Gas ist nicht einfach ein technisches Problem. Es ist auch ein politisches.
Es ist heute von entscheidender Bedeutung fĂŒr die Vereinigten Staaten von Amerika und andere LĂ€nder des Westens, freundschaftliche Beziehungen zu LĂ€ndern wie Kasachstan zu unterhalten. Noch wichtiger ist es zu wissen, dass alle erworbenen Rechte betreffend die Förderung von Ăl oder den Bau von Pipelines fĂŒr dessen Transport absolut respektiert werden, da die BetrĂ€ge, die fĂŒr Investitionen in diese Region erforderlich sind, sehr hoch sind.
Das heiĂt, dass westliche Produzenten, Banken, Pipelinegesellschaften etc. sich sicher sein wollen, dass die Region âpolitisch stabilâ ist. Sie wollen sich sicher sein, dass ihre neuen und mögliche weitere Interessen nicht durch politische Ănderungen gefĂ€hrdet werden.
In einem wichtigen Artikel in der NEW YORK TIMES wurde kĂŒrzlich beschrieben, was als âGroĂes Spielâ in der Region bezeichnet worden ist, indem eine Analogie zum Kampf zwischen Russland und GroĂbritannien im nordwestlichen Grenzbereich des indischen Subkontinents im 19. Jahrhundert hergestellt wurde. Die Verfasser des Artikels schrieben, dass
â… jetzt, in den Jahren nach dem Kalten Krieg, die Vereinigten Staaten von Amerika wieder die Vorherrschaft ĂŒber das Gebiet eines ehemaligen Feindes errichten. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat dazu gefĂŒhrt, dass die USA ihren militĂ€rischen Einflussbereich auf Osteuropa (durch die NATO) und das ehemals blockfreie Jugoslawien ausweiten konnten. Und â am wichtigsten von allem â das Ende des Kalten Krieges hat es den USA ermöglicht, seinen Einfluss auf den Mittleren Osten zu vertiefen.â (12)
Offensichtlich haben verschiedene GrĂŒnde die westlichen FĂŒhrer veranlasst, die Expansion der NATO zu betreiben. Einer davon, ein sehr wichtiger, war ganz klar ein wirtschaftlicher. Das wird umso offensichtlicher, wenn man genauer die parallele Entwicklung der wirtschaftlichen Ausbeutung der Region am Kaspischen Meer und das Vordringen der NATO auf den Balkan betrachtet.
Am 22. Mai 1992 veröffentlichte die NATO eine bemerkenswerte Stellungnahme zu den damaligen KÀmpfen in Transkaukasien. Ein Ausschnitt davon:
âDie Alliierten sind zutiefst besorgt ĂŒber den fortschreitenden Konflikt und den Verlust von Menschenleben. Es kann keine gewaltsame Lösung fĂŒr das Problem Nagorno-Karabakh oder die Differenzen zwischen Armenien und Aserbaidschan geben, die es verursacht haben. Jede MaĂnahme gegen Aserbaidschan oder jedes anderen Staates territoriale IntegritĂ€t oder die Durchsetzung von politischen Zielen mit Gewalt wĂ€re eine flagrante und unakzeptable Verletzung der GrundsĂ€tze des internationalen Rechts. Insbesondere könnten wir (die NATO) nicht hinnehmen, dass der anerkannte Status von Nagorno-Karabakh oder Nakhichevan einseitig durch die Anwendung von Gewalt geĂ€ndert wird.â (13)
Das war jedenfalls eine bemerkenswerte Stellungnahme. Die NATO gab in der Tat eine versteckte Warnung heraus, sie mĂŒsste âSchritteâ unternehmen, um Aktionen von Regierungen in der Region des Kaspischen Meeres vorzubeugen, die sie als Bedrohung lebenswichtiger Interessen des Westens betrachtete.
Zwei Tage, bevor die NATO diese unĂŒbliche Stellungnahme betreffend ihre Interessen an transkaukasischen AffĂ€ren vorlegte, hatte die US-amerikanische Ălgesellschaft Chevron mit der kasachstanischen Regierung einen Vertrag ĂŒber die Entwicklung der Ălfelder in Tengiz und Korolev im westlichen Teil des Landes abgeschlossen. Der Vertragsunterzeichnung waren zwei Jahre Verhandlungen vorangegangen. Aus zuverlĂ€ssigen Quellen war zu erfahren, dass damals die Gefahr eines Abbruchs der Verhandlungen bestand, da Chevron BefĂŒrchtungen hinsichtlich der politischen StabilitĂ€t in der Region hatte. (14)
Zu dem Zeitpunkt, da die NATO ihre Stellungnahme abgab, hĂ€tte sie natĂŒrlich nur wenig Möglichkeiten gehabt, dieser Warnung Nachdruck zu verleihen. FĂŒrs erste gab es noch keinen PrĂ€zedenzfall fĂŒr eine groĂe âout of areaâ â Operation der NATO. DarĂŒber hinaus waren die NATOâEinsatzkrĂ€fte weit entfernt von Transkaukasien. Ein kurzer Blick auf die Landkarte von Balkan, Schwarzem und Kaspischem Meer genĂŒgt, um festzustellen, dass sich die Situation Ă€ndert.
NĂ€chste Phase: âStabilisierungâ des Ostens
Der derzeitige Druck in Richtung Erweiterung der NATO nach Mittel- und Osteuropa ist Teil der BemĂŒhungen, das zu schaffen, was fĂ€lschlicherweise als âdie neue Weltordnungâ bezeichnet wird. Es ist die politisch-militĂ€rische ErgĂ€nzung der von den gröĂeren WestmĂ€chten initiierten Wirtschaftspolitik und darauf gerichtet, die mittel- und osteuropĂ€ische Gesellschaft zu verĂ€ndern.
USA, Deutschland und einige ihrer VerbĂŒndeten versuchen, eine wahrhaft globale Ordnung rund um die Wirtschaft des nordatlantischen Bereichs zu errichten. An sich ist an dieser Ordnung nichts besonders neues zu finden. Sie soll auf kapitalistischen Institutionen begrĂŒndet sein. Das Neue daran ist, dass sie versuchen, ihre âalte Ordnungâ in die riesigen Gebiete auszudehnen, die durch den Zusammenbruch des Kommunismus ins Chaos gestĂŒrzt worden sind. Sie versuchen auch, in diese âOrdnungâ LĂ€nder einzubeziehen, die ehedem nicht voll integriert waren.
Kurz gesagt, sie versuchen, ein funktionierendes kapitalistisches System in LĂ€ndern zu errichten, die jahrzehntelang unter dem Sozialismus gelebt haben, oder in LĂ€ndern wie etwa Angola, die versucht haben, sich vom kapitalistischen System zu befreien.
WĂ€hrend sie versuchen, die âneue Weltordnungâ aufzubauen, mĂŒssen die gröĂeren westlichen MĂ€chte sich auch damit beschĂ€ftigen, wie sie diese aufrecht erhalten können. So mĂŒssen sie letztlich zum Schluss kommen, ihre MilitĂ€rmacht auf die neuen Bereiche Europas auszudehnen, die sie dem nordatlantischen Raum einverleiben wollen. Daher die vorgeschlagene Rolle der NATO in der neuen europĂ€ischen Ordnung.
Die zwei vorrangigen Architekten dessen, was ein neues, integriertes und kapitalistisches Europa abgeben soll, sind die USA und Deutschland. Die beiden arbeiten besonders eng zusammen in Osteuropa betreffenden Fragen. Sie haben eine enge Allianz gebildet, in der die USA von Deutschland nicht nur Hilfe bei der BewĂ€ltigung westeuropĂ€ischer, sondern auch osteuropĂ€ischer Angelegenheiten erwarten. Deutschland wurde, wie George Bush 1989 in Mainz sagte, ein âpartner in leadershipâ (âPartner in der FĂŒhrungâ).
Diese enge Beziehung verbinden die Vereinigten Staaten von Amerika mit Deutschlands Vision dessen, was deutsche und US-amerikanische Analytiker jetzt als Mitteleuropa bezeichnen. Das ist eine Vision, die 1.) die Expansion der EuropĂ€ischen Union in den Osten; 2.) die deutsche FĂŒhrung in Europa; und 3.) eine Neuaufteilung der Arbeit in Europa vorsieht.
Die Idee einer Neuaufteilung der Arbeit ist besonders interessant. Aus deutscher Sicht wird Europa in der Zukunft in konzentrischen Kreisen um ein Zentrum organisiert sein, das Deutschland sein wird. Das Zentrum wird die in jeder Beziehung am höchsten entwickelte Region sein. Es wird das technisch am höchsten entwickelte und das reichste Gebiet sein. Es wird die höchsten Löhne, GehĂ€lter und pro Kopf-Einkommen aufweisen. Und es wird nur die profitabelsten wirtschaftlichen AktivitĂ€ten betreiben â die an den Schaltstellen des Systems. Auf diese Weise wird Deutschland die Leitung der industriellen Planung und Konzeption, der technologischen Entwicklung etc. ĂŒbernehmen, also aller Aufgaben, die die AktivitĂ€ten der anderen Regionen bestimmen und koordinieren.
Wenn man sich vom Zentrum wegbewegt, wird jeder konzentrische Ring tiefere Stufen von Entwicklung, Reichtum und Einkommen aufweisen. Der unmittelbar um Deutschland liegende Ring wird einen groĂen Anteil profitabler Industrie und Dienstleistung aufweisen. Er soll Teile von GroĂbritannien, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Norditalien umfassen. Die durchschnittlichen Einkommen werden hoch, aber niedriger als in Deutschland sein. Der nĂ€chste Ring soll die Ă€rmeren Teile von Westeuropa und Teile von Osteuropa umfassen, mit einiger Industrie, Verarbeitung und Lebensmittelproduktion. Die Einkommen wĂŒrden signifikant niedriger als im Zentrum sein.
Es muss nicht eigens gesagt werden, dass die meisten Gebiete Osteuropas im Ă€uĂeren Ring liegen werden. Osteuropa wird dem Zentrum tributpflichtig sein. Es wird einige IndustriegĂŒter produzieren, aber vorrangig nicht fĂŒr den eigenen Bedarf. Ein groĂer Teil seiner Produktion, zusammen mit Rohstoffen und sogar Nahrungsmitteln wird abtransportiert werden. Löhne und Einkommen werden entsprechend niedrig sein. Die durchschnittlichen Einkommen und Löhne werden niedriger sein als in der Vergangenheit.
Kurz gesagt, der gröĂte Teil von Osteuropa wird im neuen integrierten System Ă€rmer sein, als wenn die osteuropĂ€ischen LĂ€nder ihre eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen entsprechend der angestrebten Entwicklung treffen könnten. Die einzig mögliche Entwicklung in Gesellschaften, die der Durchdringung durch mĂ€chtiges fremdes Kapital ausgesetzt und durch die Regeln des Internationalen WĂ€hrungsfonds eingeschrĂ€nkt sind, ist abhĂ€ngige Entwicklung.
Das wird auch zutreffen auf Russland und die anderen GUS-LĂ€nder. Auch sie werden dem Zentrum tributpflichtig werden, und es wird keine Frage sein, dass Russland einen eigenen Weg der Entwicklung einschlagen wird. Es wird einige Industrie in Russland geben, aber keine Möglichkeit einer ausgeglichenen industriellen Entwicklung. Die PrioritĂ€ten der Entwicklung werden in zunehmendem AusmaĂ von AuĂenstehenden vorgegeben. Westliche Unternehmen sind an der Förderung industrieller Entwicklung in Russland nicht interessiert, wie die Zahlen ĂŒber auslĂ€ndische Investitionen zeigen.
Das Hauptinteresse des Westens an der GUS (Gemeinschaft UnabhĂ€ngiger Staaten) liegt in der Ausbeutung von deren Ressourcen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion war somit ein entscheidender Schritt in der Eröffnung von Möglichkeiten der Ausbeutung. Die ehemaligen Republiken der UdSSR wurden viel verwundbarer, nachdem sie unabhĂ€ngig waren. Des weiteren sind die westlichen Unternehmen nicht daran interessiert, die Ressourcen der GUS fĂŒr den internen Bedarf zu entwickeln. Sie sind daran interessiert, diese in den Westen zu exportieren. Das trifft besonders zu auf Ăl und Gas. Der GroĂteil der ErtrĂ€ge aus den Exporten wĂŒrde somit fremden LĂ€ndern zukommen. GroĂe Teile der ehemaligen Sowjetunion werden sich ĂŒber kurz oder lang in einer Situation Ă€hnlich der in den LĂ€ndern der Dritten Welt finden.
Was Deutschland dann mit der UnterstĂŒtzung der USA anstreben wird, ist die kapitalistische Rationalisierung der gesamten europĂ€ischen Wirtschaft rund um das mĂ€chtige deutsche Zentrum. Wachstum und hohe Einkommen im Zentrum mĂŒssen durch untergeordnete TĂ€tigkeiten an der Peripherie aufrecht erhalten werden. Aufgabe der Peripherie ist die Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, sowie die Herstellung von Produkten fĂŒr den Export in das Zentrum und MĂ€rkte in Ăbersee. Verglichen mit dem (West- und Ost-)Europa der 1980er Jahre soll das zukĂŒnftige Europa gĂ€nzlich umgestaltet werden, mit immer niedrigeren Entwicklungsstufen, je weiter man sich vom deutschen Zentrum wegbewegt.
So sind viele Teile Osteuropas wie auch ein groĂer Teil der ehemaligen Sowjetunion dazu bestimmt, fĂŒr immer unterentwickelte oder relativ unterentwickelte Gebiete zu bleiben. Die EinfĂŒhrung der Neuaufteilung der Arbeit in Europa bedeutet, dass sie in wirtschaftlicher RĂŒckstĂ€ndigkeit gehalten werden mĂŒssen.
Somit wird fĂŒr Osteuropa und die LĂ€nder der GUS die Schaffung eines âintegriertenâ Europa in einem kapitalistischen Rahmen eine ungeheure Umstrukturierung erfordern. Diese Umstrukturierung könnte sehr profitabel fĂŒr Deutschland und die USA sein. Sie wird groĂe RĂŒckschritte fĂŒr die LĂ€nder bringen, die an den Westen angeschlossen werden.
Die Natur der laufenden VerĂ€nderungen lĂ€sst sich bereits erkennen an den Auswirkungen der Russland seit Anfang der 1990er Jahre auferlegten âReformenâ. Es wurde natĂŒrlich behauptet, diese âReformenâ brĂ€chten wirtschaftlichen Erfolg. Das war von Beginn an eine hohle Phrase, da die auf DrĂ€ngen des Westens eingefĂŒhrten âReformenâ nichts anderes waren als die ĂŒblichen StrukturĂ€nderungsmaĂnahmen, die Weltbank und Internationaler WĂ€hrungsfonds den LĂ€ndern der Dritten Welt auferlegen. Und sie hatten dieselben Auswirkungen.
Am meisten ins Auge springt der rapide Abfall der Lebensbedingungen. Ein Drittel der russischen Bevölkerung bemĂŒht sich jetzt um das Ăberleben mit Einkommen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Die Produktion seit 1991 ist um mehr als die HĂ€lfte abgesunken. Die Inflationsrate bewegt sich um jĂ€hrlich 200 Prozent. Die Lebenserwartung eines russischen Mannes sank von 64,9 Jahren 1987 auf 57,3 Jahre 1994. (15) Diese Zahlen gleichen denen von Ăgypten und Bangladesch. Und, unter den gegebenen UmstĂ€nden besteht keinerlei Möglichkeit der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen ZustĂ€nde in Russland. Wie es aussieht, werden die Lebensbedingungen weiter absinken.
Es ist klar, dass in Russland und anderen LĂ€ndern weitverbreitet berechtigter Unmut ĂŒber den Zusammenbruch des Lebensstandards herrscht, der in Folge der frĂŒhen Phasen der Umstrukturierungen aufgetreten ist. Das hat beigetragen zu einem wachsenden politischen RĂŒckschritt in Russland und anderen LĂ€ndern. Das offensichtlichste Beispiel in jĂŒngster Vergangenheit lĂ€sst sich am Ausgang der Parlamentswahlen im Dezember in Russland finden. Es ist ebenfalls klar, dass das weitere Absinken der Lebensbedingungen in der Zukunft zu weiteren Unmutsreaktionen fĂŒhren wird.
Somit ist die Ausdehnung der alten Weltordnung nach Osteuropa und in die GUS ein unsicheres Unterfangen, voller Ungewissheit und Risiken. Die gröĂeren westlichen MĂ€chte sind auĂerordentlich besorgt, dass es gelingen möge, zumindest in einem gewissen AusmaĂ, da sie den Erfolg, der an den Bedingungen der effizienten Ausbeutung dieser neuen Regionen zu messen sein werde, als teilweise Lösung ihrer eigenen schwerwiegenden wirtschaftlichen Probleme sehen. Es gibt eine immer stĂ€rker werdende Tendenz in den westlichen LĂ€ndern, ihre eigenen Probleme zu verdrĂ€ngen, dafĂŒr die gegenwĂ€rtige internationale Konkurrenz um die Ausbeutung neuer Gebiete als mögliche Lösung fĂŒr die weltweite wirtschaftliche Stagnation zu sehen.
Westliche Analytiker nehmen richtigerweise an, dass es in Zukunft politische InstabilitĂ€t geben wird. So sagte Senator Bradley vor kurzem: âdie Frage bezĂŒglich Russland ist, ob die Reform rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden kannâ. (16) MilitĂ€ranalytiker zogen die einleuchtende Schlussfolgerung: je gröĂer die MilitĂ€rmacht, die gegen Russland zum Einsatz gebracht werden kann, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass die âReformenâ rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden. Das ist die Bedeutung des folgenden auĂergewöhnlichen Statements der Arbeitsgruppe fĂŒr die NATO-Erweiterung:
âDie Sicherungsaufgabe der NATO ist nicht lĂ€nger beschrĂ€nkt auf die Aufrechterhaltung einer defensiven militĂ€rischen Haltung gegenĂŒber einer angreifenden Macht. Es gibt keine unmittelbare militĂ€rische Bedrohung Westeuropas. Politische InstabilitĂ€t und Unsicherheit in Mittel- und Osteuropa beeintrĂ€chtigen jedoch wesentlich die Sicherheit des NATO-Bereiches. Die NATO sollte helfen, die mittel- und osteuropĂ€ischen WĂŒnsche nach Sicherheit und Integration in westliche Strukturen zu befriedigen, und damit den StabilitĂ€tsinteressen ihrer Mitglieder zu dienen.â (17)
Das stellt eine völlig neue Position der NATO dar. Es ist eine Position, die einige NATO-LĂ€nder bis vor nicht langer Zeit fĂŒr unklug erachteten. Und sie ist alarmierend, da sie nicht auf die wirklichen GrĂŒnde fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Druck in Richtung NATO-Erweiterung eingeht. Wie schwer fassbar und sophistisch die Ăberlegungen der Arbeitsgruppe auch sein mögen, es scheint, dass die Debatte in vielen LĂ€ndern jetzt beendet ist. Es wĂ€re natĂŒrlich viel besser, wenn die wirklichen Anliegen öffentlich diskutiert werden könnten. Aber zur Zeit können sie das nicht, und der Druck fĂŒr die NATO-Erweiterung wird weitergehen.
Die Gefahren einer Erweiterung der NATO
Der vorliegende Vorschlag, die NATO nach Osten zu erweitern, schafft viele Gefahren.
Es soll festgehalten werden, dass viele fĂŒhrende Persönlichkeiten in den westlichen LĂ€ndern gegen die Erweiterung der NATO sind und auch wiederholt auf die Gefahren eines solchen Schrittes hingewiesen haben. Es ist wichtig zu erkennen, dass es ungeachtet der offiziellen Position der NATO und dem vor kurzem vorgelegten Bericht der Arbeitsgruppe eine starke Opposition gegen die NATO-Osterweiterung gibt. Zur Zeit sitzen allerdings die BefĂŒrworter der NATO-Erweiterung am lĂ€ngeren Ast.
Vier Gefahren einer NATO-Erweiterung sollen hier insbesondere diskutiert werden.
Die erste ist, dass die Erweiterung der NATO neue Mitglieder unter den Schirm der NATO bringen wird. Das bedeutet, das etwa die USA und die anderen westlichen Mitglieder verpflichtet sind, sagen wir die Slowakische Republik gegen einen Angriff zu verteidigen. Woher wird ein Angriff kommen? Ist die NATO wirklich darauf vorbereitet, die Slowakische Republik im Fall eines Konflikts mit einem anderen osteuropÀischen Land zu verteidigen?
In einem Land wie den USA wÀre das sehr unpopulÀr. Senator Kassebaum sagte im Oktober letzten Jahres:
âIst das amerikanische Volk darauf vorbereitet zu gewĂ€hrleisten, wie es das nordatlantische BĂŒndnis vorsieht, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein oder mehrere dieser potentiellen neuen Mitglieder als Angriff gegen alle betrachtet werden wird? (18)
Das Thema der Ausweitung des Schirms ist ein entscheidendes, da die NATO-MĂ€chte NuklearmĂ€chte sind. Die Arbeitsgruppe stellte fest, dass unter entsprechenden UmstĂ€nden die KrĂ€fte der NATO-VerbĂŒndeten auf dem Gebiet der neuen Mitglieder stationiert werden könnten. Und die Arbeitsgruppe schloss nicht aus – wie sie eigentlich hĂ€tte sollen â die Stationierung von Atomwaffen auf dem Territorium der neuen Mitglieder. Das VersĂ€umnis, diese Möglichkeit auszuschlieĂen bedeutet, dass sich die NATO auf einen gefĂ€hrlichen Weg begibt, einen Weg, der die Risiken eines Nuklearkrieges vergröĂert.
Das Schweigen der Arbeitsgruppe zu diesem Thema wird zweifelsohne von denen als Drohung aufgefasst werden, die der NATO nicht beitreten. Und, klarer Fall, der wichtigste von diesen ist Russland, das selbst Atomwaffen besitzt â wie auch Ukraine und Kasachstan.
Die zweite Gefahr besteht darin, dass diese Ausweitung die Beziehungen zwischen den USA und Russland in Frage stellen oder sogar zu einem neuerlichen Kalten Krieg fĂŒhren wird. WĂ€hrend die NATO-LĂ€nder die Organisation als Verteidigungsallianz prĂ€sentieren, sieht Russland die Dinge ganz anders. Ăber vierzig Jahre betrachtete die Sowjetunion die NATO als offensive Allianz gerichtet gegen alle Mitglieder des Warschauer Pakts. In Russland herrscht allgemein die Auffassung, die NATO sei nach wie vor ein offensives BĂŒndnis. Der frĂŒhere AuĂenminister Kozyrev machte das den NATO-Mitgliedern eindeutig klar. Wie sollte Russland die Dinge in Zukunft anders sehen?
Die Ausdehnung der NATO wird von Russland unweigerlich als Einkreisung betrachtet. Es entsteht der Eindruck, als wĂŒrde davon ausgegangen, dass Russland unweigerlich wieder ein aggressiver Staat wĂŒrde. Das könnte Russland viel eher in eine kriegerische Haltung treiben als sonst irgendetwas. Sie wird sicher nicht die BefĂŒrchtungen bezĂŒglich der Absichten der NATO bei ihrer Osterweiterung beruhigen. Zur kĂŒrzlich gefallenen Entscheidung ĂŒber die NATO-Expansion sagte der Direktor des Instituts fĂŒr USA und Kanada der russischen Akademie der Wissenschaft vor kurzem:
âRussland ist noch immer eine Supermacht mit einem groĂen Gebiet und einer groĂen Bevölkerung. Es ist ein Land mit enormen wirtschaftlichen Möglichkeiten, das ĂŒber auĂergewöhnliche Potentiale im Guten wie im Schlechten verfĂŒgt. Aber jetzt ist es ein gedemĂŒtigtes Land auf der Suche nach IdentitĂ€t und Richtung. Zu einem gewissen AusmaĂ werden der Westen und seine Position hinsichtlich der NATO-Erweiterung bestimmen, welche Richtung Russland einschlagen wird. Die Zukunft der europĂ€ischen Sicherheit hĂ€ngt von dieser Entscheidung ab.â (19)
Die dritte Gefahr bei der NATO-Erweiterung ist, dass diese die Umsetzung des START I â Abkommens und die Ratifizierung des START II â Abkommens untergraben wird, genauso wie auch andere Waffenkontroll- und âbeschrĂ€nkungsabkommen, die die Sicherheit in Europa verbessern sollten. Die Russen haben zum Beispiel klar gemacht, sie wĂŒrden mit der Umsetzung des CFE-Abkommens (Abkommen ĂŒber konventionell bewaffnete KrĂ€fte) fortfahren, âwenn die Situation in Europa stabil istâ. Die Expansion der NATO nach Osteuropa Ă€ndert jedenfalls das bestehende Gleichgewicht in Europa signifikant. So setzen die NATO-Staaten viele Errungenschaften der letzten 25 Jahre im Bereich der AbrĂŒstung aufs Spiel. Einige weisen auch ĂŒberzeugend nach, dass die NATO-Expansion auch den Atomwaffensperrvertrag unterminieren wird.
Solche Konsequenzen werden Europa oder die Welt in der Zukunft kaum sicherer machen.
Die vierte vordringliche Gefahr bei der NATO-Expansion besteht darin, dass sie die Situation in Osteuropa durcheinander bringen wird. Die NATO behauptet, ihre Expansion wĂŒrde helfen, StabilitĂ€t zu gewĂ€hrleisten. Aber Osteuropa ist bereits, besonders nach den VerĂ€nderungen in den letzten fĂŒnf Jahren, ein unsicherer Platz. Die schrittweise Expansion der NATO nach Osteuropa wird die Spannungen zwischen den neuen Mitliedern und denen, die nicht aufgenommen worden sind, verschĂ€rfen. Das geht gar nicht anders. Diejenigen auĂerhalb der NATO mĂŒssen sich unsicherer fĂŒhlen, wenn die NATO im Nachbarland sitzt. Sie geraten dadurch nĂ€mlich in eine Pufferzone zwischen einer expandierenden NATO und Russland. Sie mĂŒssen darauf in einer angsterfĂŒllten, ja sogar feindlichen Weise reagieren. Die schrittweise NATO-Expansion könnte sogar einen RĂŒstungswettlauf in Osteuropa provozieren.
Die SchwÀche der Position des Westens
NĂ€her betrachtet ist der Vorschlag, die NATO nach Osten auszudehnen, nicht nur gefĂ€hrlich. Er hat auch etwas von einem Verzweiflungsakt an sich. Er ist offensichtlich irrational und kann zu einer sich selbst erfĂŒllenden Prophezeiung werden. Er kann zu einem zweiten Kalten Krieg zwischen den NATO-MĂ€chten und Russland und möglicherweise zu einem Atomkrieg fĂŒhren. Es muss davon ausgegangen werden, dass niemand das wirklich will.
Warum sollten dann die NATO-Staaten diesen Weg vorschlagen? Sollten sie nicht imstande sein, die mit ihrer Entscheidung zusammenhÀngenden Gefahren objektiv einzuschÀtzen?
Teil der Antwort mag sein, dass diejenigen, die diese Entscheidung getroffen haben, an diese mit Scheuklappen herangegangen sind, ohne die gröĂeren ZusammenhĂ€nge zu sehen, in denen sich die NATO-Erweiterung bewegen wĂŒrde. Wenn man diese Entscheidung in gröĂerem Zusammenhang betrachtet, ist der Vorschlag der NATO-Expansion offensichtlich irrational.
Bedenken Sie den gröĂeren Zusammenhang. Die NATO schlĂ€gt vor, bestimmte LĂ€nder Mitteleuropas in naher Zukunft als volle Mitglieder aufzunehmen. Andere osteuropĂ€ische LĂ€nder sollen spĂ€ter dazukommen. Diese Erweiterung verfolgt zwei Zwecke. Der erste ist, âdem Versagen der russischen Demokratieâ vorzubeugen, d.h. das weitere Bestehen des gegenwĂ€rtigen Regimes oder eines Ă€hnlichen in Russland zu gewĂ€hrleisten. Der zweite ist, der NATO eine gĂŒnstige Ausgangsposition fĂŒr den Fall zu schaffen, dass es zu einem Krieg zwischen Russland und dem Westen kommt.
In einem Zeitalter der Nuklearwaffen ergeben sich aus der Verfolgung des letzteren Zweckes vielleicht mehr Gefahren als wĂ€hrend der Zeit des Kalten Krieges, da es jetzt mehrere LĂ€nder mit Atomwaffen gibt, die potentiell gegen die NATO gerichtet sein könnten. Das Argument, die NATO solle nach Osten expandieren, um dem Westen fĂŒr den Fall eines nuklearen Krieges einen Vorteil zu verschaffen, ist nicht sehr ĂŒberzeugend. FĂŒr die mitteleuropĂ€ischen LĂ€nder wĂ€re es sicher erst recht nicht ĂŒberzeugend, wenn offen darĂŒber gesprochen wĂŒrde. Diese LĂ€nder wĂ€ren in den ersten Phasen eines solchen Krieges wahrscheinlich den schwersten Folgen ausgesetzt. Ihre Situation wĂ€re Ă€hnlich der Deutschlands im Kalten Krieg, wie die Antikriegsbewegung in den 1980ern zu begreifen begann.
Der Hauptzweck der NATO-Osterweiterung ist es, wie schon fast allgemein anerkannt wird, eine Umkehr der Entwicklung in Russland wĂ€hrend der vergangenen fĂŒnf Jahre auszuschlieĂen. Eine solche wĂ€re das Ende des Traums eines dreigeteilten Europa, vereinigt unter der Fahne des Kapitalismus und in der Nachbarschaft eines riesigen Tummelplatzes fĂŒr die Operationen des westlichen Kapitals gelegen. Die NATO-PrĂ€senz in Mittel- und Osteuropa dient einfach dazu, zusĂ€tzlichen Druck auf jene auszuĂŒben, die eine Ănderung der derzeitigen Situation in Russland herbeifĂŒhren wollen.
Wie sich aber herausgestellt hat, bedeutet das auch, dass Russland und andere GUS-LĂ€nder in einen Zustand von Unterentwicklung und anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Krisen einbetoniert werden sollen, unter dem Millionen Menschen furchtbar leiden werden, und aus dem kein Weg fĂŒr die Gesellschaft fĂŒhrt, ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung nach Kriterien zu gestalten, in denen die BedĂŒrfnisse der Menschen Vorrang haben.
Die schreckliche Ironie dieser Situation besteht darin, dass die westlichen LĂ€nder ihr Modell der wirtschaftlichen Organisation als Lösung fĂŒr Russlands Probleme anbieten. Die realistischen Analytiker wissen natĂŒrlich genau, dass das nicht funktionieren kann. Sie sind ausschlieĂlich an der Ausweitung westlicher Vorherrschaft in Richtung Osten interessiert. Und sie bieten dieses Modell fĂŒr andere nur an, um zu betrĂŒgen. Aber âder Ăbergang zur Demokratieâ, wie die EinfĂŒhrung der Regeln des Marktes oft genannt wird, spielt eine groĂe Rolle im weltweiten Kampf um die öffentliche Meinung. Dieser Trick hat geholfen, die Politik des Westens gegenĂŒber den LĂ€ndern der GUS zu rechtfertigen und weiterzufĂŒhren.
Die westlichen LĂ€nder selbst stecken in einer ausweglosen wirtschaftlichen Krise. Seit den frĂŒhen 1970er Jahren sanken die Profite, stagnierte die Produktion, begannen die Zahlen der Langzeitarbeitslosen zu steigen und der Lebensstandard zu sinken. Es gab natĂŒrlich die Konjunkturschwankungen. Aber was zĂ€hlte, war der Trend. Der Trend des Wachstums der Bruttosozialprodukte in den gröĂeren westlichen LĂ€ndern sinkt anhaltend seit der Rezession 1973 â 1975. In den USA zum Beispiel sank die Wachstumsrate von jĂ€hrlich 4% in den 1950er und 1960er-Jahren auf 2,9% in den 1970er-Jahren und auf ca. 2,4% in den 1980ern. Derzeitige Wachstumsprognosen sagen ein weiteres Absinken voraus.
Die Situation in anderen westlichen LĂ€ndern unterschied sich nicht wesentlich. Das Wachstum verlief etwas langsamer, dafĂŒr stieg die Arbeitslosigkeit umso höher an. Die derzeitigen Arbeitslosenquoten im Westen bewegen sich im Durchschnitt um 11%, allerdings verbirgt sich mehr Arbeitslosigkeit hinter den Statistiken als Ergebnis der verschiedenen PseudobeschĂ€ftigungsplĂ€ne der Regierungen.
Westeuropa wie Nordamerika stecken seit einer langen Zeit in einer wirtschaftlichen Stagnation. Kapitalistische Wirtschaftssysteme können nicht BeschĂ€ftigung und Lebensbedingungen ohne relativ hohes Wachstum aufrechterhalten. In den 25 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den meisten westlichen LĂ€ndern hohe Wachstumsraten um 4 bis 5% jĂ€hrlich. Dieses Wachstum ermöglichte hohe BeschĂ€ftigungsraten, Lohnerhöhungen und die Steigerung des Lebensstandards. Und es besteht kein Zweifel, dass die westlichen LĂ€nder groĂe Fortschritte machten. GroĂe Teile der werktĂ€tigen Klasse konnten annehmbare Lebensstandards erreichen. Die Mittel- und obere Klasse prosperierten, und in der Tat konnten viele ihrer Mitglieder einen Standard erreichen, der nur als luxuriös bezeichnet werden kann.
Die glorreiche Nachkriegszeit ist jedenfalls vorbei. Die von den Rockefellers gepriesene groĂe âkapitalistische Revolutionâ ist vorbei. âHumaner Kapitalismusâ ist vorbei. Das sinkende Wachstum hat uns zurĂŒckgefĂŒhrt in das Zeitalter des âle capitalisme sauvageâ. Es hat zu wirtschaftlichen und sozialen Krisen in jedem westlichen Land gefĂŒhrt. Es untergrĂ€bt die wichtigsten Errungenschaften der Nachkriegsperiode. In Europa wird der Wohlfahrtsstaat seit 15 Jahren von jenen attackiert, die die Lasten der Krise den weniger BegĂŒnstigten aufbĂŒrden wollen. In den USA wird das bescheidene âsoziale Netzâ zum Schutz der Armen von den aggressiven und ignoranten Verteidigern der Unternehmerinteressen zerfetzt, die gleichfalls sicherstellen wollen, dass die Hauptlast der Stagnationskrise des Systems von jenen getragen wird, die es sich am wenigsten leisten können.
Der Westen steckt also selbst in einer Krise. Es ist keine vorĂŒbergehende Krise oder eine âlĂ€nger anhaltende zyklische Schwankungâ, wie akademische Apologeten es gerne hĂ€tten. Es ist eine Systemkrise. Das Marktsystem kann keine ProsperitĂ€t mehr hervorbringen. Die MĂ€rkte, die die kapitalistische Wirtschaft in der Nachkriegsperiode in Schwung hielten, Autos, KonsumgĂŒter, Bauprojekte etc. sind alle gesĂ€ttigt, wie die statistischen Tabellen in jedem Land belegen. Das System hat keine neuen MĂ€rkte gefunden, die einen Ă€hnlichen Aufschwung bewirken könnten. DarĂŒber hinaus hat der technische Fortschritt in den letzten Jahren zu einer Vernichtung von ArbeitsplĂ€tzen in einem unvorstellbaren AusmaĂ gefĂŒhrt. Es besteht keinerlei Möglichkeit, die Auswirkungen dieser Entwicklung zu kompensieren, neue ArbeitsplĂ€tze in genĂŒgender Anzahl und zu annehmbaren Bedingungen zu schaffen.
Regierungs- und IndustriefĂŒhrer in Westen sind sich dieser Situation in einem Punkt voll bewusst. Sie kennen die Statistiken. Sie kennen die Probleme. Sie können aber nicht erkennen, dass die Wurzel des Ăbels in der Tatsache liegt, dass das derzeitige kapitalistische System in einer Sackgasse steckt, nachdem es eine hohe Stufe von Produktion, Einkommen und Reichtum erreicht hat. Halbherzige Lösungen könnten gefunden werden, aber die westlichen FĂŒhrer wollen nicht die politischen ZugestĂ€ndnisse machen, die diese erfordern wĂŒrden. Insbesondere werden die immensen Kapitalkonzentrationen in den westlichen LĂ€ndern von Leuten gefĂŒhrt, die aus ihrer Situation heraus nicht in der Lage sind zu erkennen, dass der Fehler im System liegt. Das wĂŒrde von ihnen verlangen, der Beschneidung ihrer Macht zuzustimmen.
Aus diesen GrĂŒnden setzen die Regierungs- und IndustriefĂŒhrer blind ihre Politik fort und wollen nicht sehen und sind nicht bereit, politische Ănderungen zu akzeptieren, die in Richtung einer vernĂŒnftigeren und humaneren Art, das Wirtschaftsleben zu organisieren, gehen könnten. Es ist diese Blindheit, begrĂŒndet in Verwirrung und Angst, die die DenkfĂ€higkeit der westlichen FĂŒhrer hinsichtlich der Risiken einer Osterweiterung der NATO vernebelt hat. Das westliche System steckt in einer ausgeprĂ€gten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise. Und die FĂŒhrer des Westens sehen offensichtlich in dem Riesenprojekt der Ausbeutung des Ostens die einzige verfĂŒgbare Möglichkeit, das wirtschaftliche Wachstum besonders in Westeuropa wieder in Schwung zu bringen.
Deswegen sind sie bereit, ein groĂes Risiko dafĂŒr einzugehen. Die Frage ist: wird die Welt die Risiken eines Ost-West-Konflikts und eines nuklearen Krieges akzeptieren, um einer Region wirtschaftliche Bedingungen aufzuzwingen, die ĂŒberall sonst schon zusammenbrechen?
(Sean Gervasi ist 1996 gestorben).
ANMERKUNGEN
1. DEFENSE NEWS, 25 November 1995; see also Gary Wilson, „Anti-War Activists Demand: No More US Troops to the Balkans“, Workers World News Service, December 7, 1995.
2. See for instance: „NATO Expansion: Flirting with Disaster“, THE DEFENSE MONITOR, November/December 1995, Center for Defense Information, Washington, D.C.
3. Senator Richard Lugar, „NATO: Out of Area or Out of Business“, Remarks Delivered to the Open Forum of the US State Department, August 2, 1993, Washington, D.C.
4. „Changing Nature of NATO“, INTELLIGENCE DIGEST, 16 October 1992.
5. THE DEFENSE MONITOR, loc. cit., page 2.
6. „Bonn‘s Balkans-to-Teheran Policy“, INTELLIGENCE DIGEST, 11 – 25 August 1995.
7. Richard Holbrooke, „America, A European Power“, FOREIGN AFFAIRS, March/April l995, page 39.
8. The crucial point is that Eastern Europe and the countries of the former USSR are to adopt the institutions prevailing in Western Europe, i.e., capitalism and parliamentary democracy.
9.Holbrooke, loc. cit., page 43.
10. See National Security Decision Directive, „United States Policy toward Yugoslavia“, Secret Sensitive, (declassified), The White House, Washington D.C., March 14, 1984.
11 Joan Hoey,“The U.S.‘Great Game‘ in Bosnia“, THENATION, January 30, 1995.
12.Jacob Heilbrunn e Michael Lind, „The Third American Empire“, THE NEW YORK TIMES, January 2, 1996.
13. „The Commercial Factor Behind NATO‘s Extended Remit“, INTELLIGENCE DIGEST, May 29, 1992.
14. Idem.
15 Senator Bill Bradley, „Eurasia Letter: A Misguided Russia Policy“, FOREIGN POLICY, Winter 1995-1996, page 89.
16. Ibid. page 93.
17 Draft Special Report of the Working Group on NATO Enlargement, May 1995.
18. Quoted in THE DEFENSE MONITOR, loc. cit., page 5.
19. Dr. Sergei Rogov, Director of the Russian Academy of Sciences‘ Institute of USA and Canada Studies, quoted in DEFENSE MONITOR, loc. cit. page 4
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Orginalartikel Why Is NATO In Yugoslavia? vom 29. August 2001 auf GlobalResearch
Sean Gervasi war ein amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, politischer Analyst und Aktivist. Er lehrte in Cambridge, Oxford, an der London School of Economics, an der Pariser UniversitÀt und am Brooklyn College. Er half mit, die britische Bewegung gegen den Krieg in Vietnam ins Leben zu rufen.
Er arbeitete fĂŒr eine Reihe von Komitees der UNO, darunter das BĂŒro des Kommissars fĂŒr Namibia (FriedensnobelpreistrĂ€ger Sean McBride), das Komitee fĂŒr Entkolonialisierung und das Zentrum gegen Apartheid, wo er supergeheime Handelsbeziehungen von WaffenhĂ€ndlern der Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Apartheidregime in SĂŒdafrika aufdeckte. Er arbeitete in Zimbabwe, Mozambique und Sambia und mit den Befreiungsbewegungen in Angola und SĂŒdafrika.
Nachdem er in der Ăra Reagan zwangsweise aus der UNO entfernt worden war, begann er die Destabilisierung Osteuropas und der Sowjetunion zu untersuchen. Ab 1992 leitete er das Forschungsinstitut fĂŒr Internationale Politik und Wirtschaft in Belgrad, Jugoslawien, wo er 1996 starb, wĂ€hrend er daran arbeitete, die PlĂ€ne der Vereinigten Staaten von Amerika/Deutschlands/der NATO aufzudecken, die Region zu rekolonialisieren.
