Ach, wenn ich 25 wäre!

JEDE UNTERSUCHUNG wird zeigen, dass das am meisten gebrauchte Wort im Hebräischen „Schalom“ ist. Israelis grüßen einander mit „Schalom“ und viele tun dasselbe, wenn sie sich verabschieden (die andern beiden Wörter in der Umgangssprache sind: „yallah bye“ – das eine arabisch, das andere englisch).

Schalom ist kein Synonym für das europäische Wort „Frieden“, wie viele glauben. Es bedeutet weit mehr. Es gründet sich auf die hebräische Wortwurzel „ganz“ und vermittelt den Sinn von „Ganzheit“, Sicherheit, Wohlbefinden. In keiner europäischen Sprache kann man sagen: „unsere Soldaten griffen den Feind an und kehrten im Frieden zu ihrer Basis zurück“.

Auf Arabisch hat Salaam dieselbe Bedeutung.

Aber selbst in seiner begrenzten Bedeutung von Frieden drückt Schalom ein tiefes menschliches Verlangen aus. Seit dem Altertum sehnten sich die Menschen nach Frieden und fürchteten den Krieg. „Dona nobis pacem“ – „(Gott,) gib uns Frieden“ ist Teil der katholischen Messe. Mehrere Komponisten haben dies vertont. Ich erinnere mich, dass ich es als Kind im Kanon gesungen habe.

Doch im heutigen Israel wirkt das Wort „Frieden“ im politischen Diskurs fast unanständig. Man mag noch einen Wunsch für ein „politisches Abkommen“ ausdrücken, aber selbst das klingt schon etwas verdächtig.

Es ist Mode geworden, zu sagen, dass die Friedensbewegung im Begriff ist, auszusterben. Dass die Zwei-Staaten-Lösung tot ist, während die sog. „Ein-Staat-Lösung“ tot geboren ist.

Der sicherste Weg ist „Ich bin ganz für den Frieden, aber…“

VOR KURZEM hat der Haaretz-Kolumnist Ari Schawit, der unter amerikanischen Juden beliebt ist, einen Artikel geschrieben, in dem er die „extreme Rechte“ und die „extreme Linke“ gleichermaßen verurteilt – diejenigen, die den Krieg befürworten und jene, die für Frieden sind. Es gelang ihm, einen stürmischen Protest hervorzurufen. Die Linken protestierten, sie hätten nie einen Opponenten ermordet, besonders keinen Ministerpräsidenten, während die vom rechten Flügel dies und vieles andere getan haben.

Kann man die Parteiführerin der Merez-Partei Zehava Galon mit Miri Regev vom Likud vergleichen? (Vor kurzem verklagte Regev, eine gut aussehende frühere Armeechef-Sprecherin einen Blogger, weil er sie „eine Hure mit einem Mund wie eine Jauchegrube“ nannte. Die Anklage wurde vom Gericht zurückgewiesen.)

Israels beste und hervorragendste Intellektuelle griffen den Kolumnisten Schawit an. Der Kolumnist Akiva Eldar, der weltbekannte Bildhauer Dan Karavan (der die Wand hinter dem Knesset-Sprecher schuf) und viele andere verurteilten seine Argumentation. Wie kann man nur vergleichen?

Die Rechte führt uns in einen Apartheidstaat, in dem eine jüdische Minderheit die arabische Mehrheit unterdrücken wird, während die Linke eine Situation befürwortet, in der beide Völker Seite an Seite im Frieden leben. Wo ist die Symmetrie?

Aber Kolumnisten lieben Symmetrie. Indem man beide Seiten verurteilt, gibt man den Eindruck der Überlegenheit und Fairness. Es erlaubt auch ihren Lesern zu denken, dass sie Freigeister seien, weit über dem Tumult der Massen.

Für Politiker ist die Versuchung sogar noch größer. Die Linken wie die Rechten behaupten, zum „Zentrum“ zu gehören, von der Voraussetzung ausgehend, dass dort die meisten Stimmen gefunden werden. Wenn man eine Person der Rechten ist, setzt man voraus, dass die Rechten für dich stimmen, deshalb ist es profitabler, all deine Kraft „dem Zentrum“ zu widmen. Dasselbe gilt für die Linken.

Dies führt zu einer Korruption des politischen Prozesses. Beide Seiten verbergen oder spielen ihre wahren Ansichten herunter, um einer Gruppe von Wählern zu gefallen, die überhaupt keine Ansichten haben und denen dies, offen gesagt, völlig Wurst ist.

Mit andern Worten, diejenigen, die sich am wenigsten Gedanken um die Zukunft der Nation machen, werden entscheiden, wer die Nation in die Zukunft führt.

Dies sind die Leute, die in Israel für einen dröhnenden Nichts wie Yair Lapid stimmen und für seine Entsprechungen in andern Ländern.

Das lässt einen an Winston Churchill denken, der sagte, der beste Weg an der Demokratie zu verzweifeln, sei, fünf Minuten mit einem Wähler zu reden. Doch derselbe Churchill sagte auch, dass, während die Demokratie ein sehr schlechtes System ist, alle andern Systeme, die bis jetzt versucht wurden, noch schlechter seien.

SHAVIT IST nicht gegen den Frieden. Im Gegenteil, er liebt den Frieden.

Er bringt seinen großzügigen Friedensplan vor: Wenn Mahmoud Abbas eindeutig Ehud Olmerts Friedensvorschlag akzeptiert und wenn alle arabischen Staaten alle Forderungen , die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge betreffend, aufgeben, dann wird er, Schawit, bereit sein, um den Frieden zu verhandeln.

Das klingt für mich etwas naiv.

Olmert legte seinen Friedensvorschlag vor, als er im Begriff war, sein Amt aufzugeben, nachdem er wegen Korruption angeklagt worden war. Ich erinnere mich nicht an seinen Inhalt, und ich habe den Verdacht, dass ihn auch niemand anders im Gedächtnis hat. Er erfüllte nicht die minimalsten palästinensischen Bedingungen. Warum sollte Abbas einen israelischen Plan von einem abgedankten Politiker bevor Friedensverhandlungen auch nur angefangen haben akzeptieren?

Was die Flüchtlinge betrifft, so ist dies noch naiver. Der Anspruch der Flüchtlinge ist bei weitem die stärkste Karte der arabischen Diplomaten. Sie mögen sie aufgeben, aber nur nach einem langen und harten Kampf für einen adäquaten Preis: zunächst einmal einen palästinensischen Staat, eine Hauptstadt in Ostjerusalem, eine Verbindung zwischen der Westbank und dem Gazastreifen.

Die Forderungen, noch vor den Verhandlungen aufzugeben, sind wohl ein bisschen unrealistisch. Es zeigt, dass Schawit keine Ahnung hat, was Frieden bedeutet.

DIE ISRAELISCHE Linke ist nicht tot. Sie ist – wie die Deutschen sagen – „scheintot“; sie lebt noch, wird aber für tot gehalten. (Es war einer meiner Alpträume in der Kindheit, begraben zu werden, während ich noch lebte.)

Die Labor-Partei ist ein bemitleidenswertes Überbleibsel der mächtigen Kraft, die die vorstaatliche Gemeinde und den Kampf zur Schaffung von Israel anführte. Heute wird sie von bemitleidenswerten Leuten angeführt und vor allem von dem offiziellen „Führer der Opposition“ Yitzhak Herzog. Während des letzten Krieges war die Partei stumm, außer, dass sie von Zeit zu Zeit Benjamin Netanjahu unerbetenen Ratschlag zur Kriegsführung gab.

Merez hat kaum mehr von sich gegeben. Solange wie die Kanonen donnerten, waren ihre Musen still.

Keine der beiden Parteien hat die geringste Chance, den Kurs/Die Richtung der Ereignisse zu verändern. Bei Umfragen erhält Herzog keine 10% für den Posten des Ministerpräsidenten. Auf Deutsch bedeutet Herzog einen Heerführer, einen Fürsten. Er ist aber kein Herzog.

Und die arabischen Parteien? Wer fragt? Keiner? OK.

VOR ZWEI Wochen hatte ich meinen 91. Geburtstag. Ich fragte mich selbst: wenn ich 25 wäre und außerordentlich tatkräftig, wie würde ich drangehen und versuchen, eine neue Linke zu schaffen?

Mein erster Rat für mich selbst würde sein: Benimm dich nicht wie der Ureinwohner, der einen neuen Bumerang kaufte und den alten wegwarf, der ihn genau auf den Kopf schlug. Ich würde den alten Bumerang in einen geschlossenen Schrank verbannen und einen glänzenden neuen erwerben.

Wie? Zuerst würde ich alle alten Slogans, Appelle und Handelsmarken los werden und mit „Links“ beginnen.

Was bedeutet für einen durchschnittlichen Israeli das Wort „Links“? Den anderthalb Millionen „russischen“ Immigranten bedeutet es die verhasste Sowjetunion, Stalin und den KGB. Für die Millionen von „orientalischen“ jüdischen Bürger bedeutet es die verhasste Ashkenasi-Elite, die noch immer viele Aspekte des Landes beherrscht. Für die Religiösen aller Schattierungen bedeutet es die säkulare Öffentlichkeit, die Gott und seine 613 Gebote vergessen hat. Für die arabischen Bürger bedeutet es eine lange Spur von Betrug linker Regierungen.

Wir benötigen eine neue Bezeichnung, eine annehmbare und liebenswerte für alle verschiedenen Sektoren der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft: Männer und Frauen, Ashkenasim und Orientalen, religiöse und säkulare, Juden und Araber.

Das ist eine große neue Forderung. Ich würde in jeden Sektor eine Fokusgruppe setzen, damit die Sache unter einander und zwischen ihnen ausdiskutiert werden kann, etwas Originelles, Hebräisches finden, das zu den Herzen der Leute spricht, nicht nur zu ihren Verstand.

Emotionen sind sehr wichtig. Seit langer Zeit ist die israelische Linke trocken und steril geworden, unfähig sich zu begeistern. Bei Demonstrationen der „zionistischen Linken“ ist keine Begeisterung, keine erhebenden Lieder, nichts wie „We shall overcome!“

Frieden, Demokratie, Gleichheit, Humanismus - sind keine leeren und veralteten Slogans. Verbunden mit Respekt für jüdische (und arabische) Traditionen und der Weisheit der Alten, sowohl für die einzigartigen Beiträge jeder der verschiedenen Sektoren als auch für das allgemein Gute könnten sie eine aufregende neue Mischung sei.

Wir brauchen einen Traum, wie Martin Luther King so redegewandt sagte. Eine Vision. Nicht nur ein Wahlprogramm.

EINE VISION benötigt ein Mittel für ihre Realisierung. Ohne eine aufregende neue Vision kann es keine neue politische Kraft geben. Doch ohne politische Kraft bleibt die Vision ein Traum.

Die alte Linke ist todgeweiht, weil sie während der letzten sechzig Jahre kampflos alle ihre Machtmittel aufgegeben hat – von der einst mächtigen Histadrut (Gewerkschaft)-Organisation bis zu fast allen Medien. Die linke Krankheit über die Zersplitterung untergräbt ihre Stärke. Wir haben eine Menge von Friedens- und Menschenrechtsvereinigungen, viele von ihnen aus wunderbaren Menschen zusammengesetzt, die eine wunderbare Arbeit im Kampf gegen Krieg, Besatzung, soziale Ungleichheit und Unterdrückung, machen, doch besetzt jede eine eigene Nische. Sie sind leider unfähig, sich zu vereinigen, um selbst das elementarste gemeinsame Instrument aufzubauen.

Politik ist eine Sache von Ideen und Macht. Beide müssen von Grund auf neu gebildet werden.

ZUM GLÜCK bin ich nicht mehr 25 Jahre alt, und gerne überlasse ich die Aufgabe der jüngeren Generation.

Nach dem jüdischen Kalender begann am Donnerstag, also vor zwei Tagen, ein neues Jahr. Hoffen wir, dass es die ersten Anzeichen des Aufwachens sehen wird.

27. September 2014

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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