War die deutsche Gladio ein Baphomet? Teil I
Mit anderen Worten: Gab es hinter den offiziellen, deutschen Stay Behind Organisationen der NATO (SBO) eine weitere, vor den Augen der Regierenden und der Ăffentlichkeit verborgene SBO? Eine Art Schatten-SBO? Ich möchte mich dieser Frage sehr vorsichtig mit weiteren Fragen annĂ€hern und beginne deshalb mit der Ăberschrift.
Wer oder was ist ein Baphomet?
Baphomet ist ein Götze den die Tempelritter, nach einem unter Folter erpressten GestĂ€ndnis, angeblich anbeteten. Baphomet vereinigt in sich viele diametrale GegensĂ€tze. Er ist zugleich Mann und Frau, Tag und Nacht, Licht und Schatten, das Gute und das Böse, gehörnter Teufel und geflĂŒgelter Engel u.v.a.m. Vergleichbare Götter haben viele Kulturen. Zum Beispiel hatten die Römer Janus, den Gott mit den zwei Gesichtern.
Vorbemerkung:
Jene Leserinnen und Leser von Radio Utopie, welche die Doktorarbeit von Daniele Ganser oder das Buch „Nato-Geheimarmeen in Europa“ lasen, wird dieser Artikel kaum neue Fakten bringen, wohl aber die Erkenntnis das sie mit Gansers Buch noch nicht einmal den Vorhof zur Wahrheit betraten.
Diese Leserinnen und Leser fordere ich auf, in den Kommentaren weitere interessante Fakten und/oder Meinungen beizusteuern.
Was ist die offizielle deutsche Stay Behind Organisation der NATO (SBO)?
Die Meinungsverschiedenheiten der Weltkriegs-Alliierten USA und UdSSR waren zum Kalten Krieg geworden. Die MilitĂ€rplaner in Washington D.C. sahen im Falle eines Krieges keine Chance fĂŒr die erfolgreiche Verteidigung Westeuropas, weshalb sie die von den Nazis ersonnene „Wehrwolfstrategie“ aus der Mottenkiste holten. (Nachtrag zur Schreibweise: Der Werwolf ist ein Mann aus der germanischen Mythologie, welche sich bei Vollmond in einen Wolf verwandelte. Die Wehrwolfstrategie schrieb sich mit âhâ und erst Goebbels machte aus ihr eine Werwolfstrategie.)
Der Nationale Sicherheitsrat der USA verabschiedete 1948 zwei Dokumente zur Schaffung einer Wehrwolforganisation, welche „Stay Behind Organization“ oder SBO genannt werden sollte.
NatĂŒrlich wurde der Begriff „Wehrwolf“ nicht verwendet. Die gedachte Funktion dieser Amateur-Agenten, sich ĂŒberrollen zu lassen, wurde zu ihrer Bezeichnung: „Ăberrollagenten“.
In der Bundeswehr wurde die SBO scherzhaft als âSchwarze Handâ bezeichnet. Eine Bezeichnung, die es in sich hatte. Historisch war die „Schwarze Hand“ in New York City der VorlĂ€ufer der Cosa Nostra. Nun ja, der geschichtliche Weg beider Organisationen war zumindest in Italien „fast“ identisch und Cosa Nostra bedeutet ĂŒbersetzt „dies ist unsere Sache“. Zutreffend, wie ich meine.
Wer immer bei der Bundeswehr diese Bezeichnung erfand, hatte Weitblick.
Kaum gegrĂŒndet fing der Ărger mit der deutschen SBO an. Sie suchten ihre Antikommunisten fĂŒr die SBO in den Reihen der ehemaligen SS und Waffen-SS. Darunter auch den ehemaligen SS-HauptsturmfĂŒhrer Hans Otto, der umgehend nach seiner SBO-Ausbildung 1952 in Frankfurt/M zur Polizei ging und sich offenbarte.
Die Polizisten staunten nicht schlecht, als sie bei Durchsuchungen Liquidierungslisten fĂŒr den Tag X fanden, welche von den Namen Erich Ollenhauer (damals SPD Vorsitzender) und Herbert Wehner (spĂ€terer SPD Fraktions-Chef) angefĂŒhrt wurden. Diese Listen zeigten: Die SBO-JĂŒnger wollten fast alle demokratischen KrĂ€fte der noch sehr jungen Bundesrepublik am Tage X an die Wand stellen und erschieĂen.
Die Tarnung der deutschen SBO als „Technischer Dienst“ im „Bund Deutscher Jugend“ war damit Vergangenheit.
Makaber: Der Chef der ersten deutschen SBO war Nikolaus (Klaus) Barbie alias Klaus Altmann, der in Frankreich als „SchlĂ€chter von Lyon“ polizeilich gesucht wurde. Er hatte, wie so viele stramme Nazis, Zuflucht in der damaligen Organisation Gehlen gefunden, aus der spĂ€ter der Bundesnachrichtendienst wurde.
Bezogen auf die Bundesrepublik war damit der erste SBO-Spuk vorbei.
Die neu gegrĂŒndete deutsche Stay Behind Organisation wurde dem spĂ€teren BND unterstellt und wurde von der dortigen Abteilung 12 C, spĂ€teren von der Unterabteilung 12 CC, gefĂŒhrt.
Koordiniert wurden die nationalen SB Organisationen vom ACC (Allied Clandestine Commitee), welches bei der NATO in BrĂŒssel angesiedelt war.
Wer stand an der Spitze der deutschen SBO?
Weder die Abteilung 12 C noch die spÀtere Unterabteilung 12 CC wurde von einem (ehemaligen) Hauptmann der Bundeswehr geleitet, wie es Andreas Kramer behauptete. Der letzter Chef der 12 CC war ein BND-Mitarbeiter, der die Bundeswehr im Rang eines Oberstleutnant verlassen hatte.
Was waren die Auswahlkriterien fĂŒr die SBO-Agenten (Quellen)?
Die „Stay Behind Verbindung“ (Quelle) durfte keineswegs Gefahr laufen ganz oben auf russischen Deportationslisten zu stehen. Dies bedeute, sie musste einen Beruf haben, den auch die Verwaltung der Besatzer brauchten und es musste GewĂ€hr bestehen, dass diese Leute bodenstĂ€ndig waren, zum Beispiel weil sie ein Einfamilienhaus ihr Eigen nannten. Dieses Wohnhaus musste zudem funktechnische Anforderungen erfĂŒllen. NatĂŒrlich mussten sie eine stramme antikommunistische Haltung haben, was die deutschen VerbindungsfĂŒhrer leider viel zu hĂ€ufig mit einer rechten oder rechtsradikalen Gesinnung verwechselten.
In ihren Glanzzeiten hatte die deutsche Stay Behind etwa 500 Quellen und etwa 150 hauptberufliche Mitarbeiter, aus BND und/oder Bundeswehr.
Gab es gravierende ZwischenfÀlle, welche publik wurden?
Es gab einige kleinere ZwischenfĂ€lle. Meist verursacht von den hauptberuflichen Mitarbeitern. Die angeworbenen BĂŒrger spielten zum Teil amĂŒsiert mit und hatten ab und an den Mist auszubaden, den ihnen ihr VerbindungsfĂŒhrer oder eine andere „Pfeife“ einbrockte.
Besonders im Falle der Besetzung Westeuropas hĂ€tten die SBO Quellen die UnfĂ€higkeit ihrer VerbindungsfĂŒhrer bemerkt. Das MfS der DDR kannte alle Namen und Adressen.
Kannten sich die SBO-Agenten (Quellen)?
Die nebenberuflichen Angehörigen der deutschen Stay Behind kannten sich (in der Regel) nicht. Sie nahmen auch nicht an NATO Ăbungen teil, weshalb diese Personen auch nicht in der Lage waren gemeinsam eigene, ungenehmigte Aktionen zu planen und/oder durchzufĂŒhren.
Wer hatte keine Chance SBO Quelle zu werden?
Ein Karl Heinz Hoffmann hatte keine Chance fĂŒr die Stay Behind angeworben zu werden, da Pullach sehr streng die Einhaltung der eigenen Anwerbekriterien kontrollierte. Hoffmann, als strammer Rechter, hĂ€tten die Russen unmittelbar nach ihrem Einmarsch nach Sibirien deportiert oder auf die Fahndungsliste gesetzt, weshalb er kein Mann fĂŒr die Stay Behind sein konnte. Gleiches galt fĂŒr Gundolf Köhler.
Dies war grob skizziert die deutsche SBO, welche 1991 aufgelöst wurde, als die italienische Regierung die Existenz von „Gladio“ eingestehen musste und verĂ€rgert ĂŒber die Dementis aus den anderen NATO Staaten nachlegte und offenbarte, das es in jedem NATO Land eine SBO gebe.
Das angeblich groĂe Geheimnis um die offizielle, deutsche Stay Behind gibt es nicht. Wer Gegenteiliges behauptet ist ein schlichter MĂ€rchenerzĂ€hler.
Doch war dies wirklich alles?
Kein Leser muss ein Nachrichtendienstler sein um zu erkennen, das der Nationale Sicherheitsrat der USA 1948 mit der Aufgabenstellung fĂŒr die zu grĂŒndenden Stay Behind Organisationen der NATO (SBO) eine nachrichtendienstliche „Woll- Milch- Sau“ konzipierte, aus der die MilitĂ€rplaner des Pentagons, noch vor der Geburt, ein „Ferkel“ machten, welches sich (nachrichtendienstlich) in den eigenen Schwanz biss.
Ein Baphomet wurde konzipiert, der alle nachrichtendienstlichen Pole dieser Welt in sich vereinigte.
Welche Aufgaben hatte diese SBO?
Aufgabe dieser „Ăberrollagenten“ sollte die Berichterstattung aus den besetzten Gebieten und der Aufbau einer Partisanenarmee sein. Weiter sollten sie im besetzten Westeuropa einen Wirtschaftskrieg fĂŒhren, auch mit dem Mittel der Sabotage und der antikommunistischen Propaganda. Sie sollten abgesprungene oder angelandete Agenten schleusen und beherbergen. Bei einem Gegenschlag hatten sie Einrichtungen zu sichern oder zu erobern. Und vieles andere mehr.
Als wĂŒrden diese Aufgaben nicht genĂŒgen, setzten die MilitĂ€rplaner des Pentagons dem konzipierten Kind die Krone der Dummheit auf, mittels Erweiterung der Aufgabenstellung.
Nun hatte die SBO auch prĂ€ventive Aufgaben, wie Subversion in feindlichen Staaten, UnterstĂŒtzung der antikommunistischen KrĂ€fte im eigenen Land und in bedrohten westeuropĂ€ischen LĂ€ndern. Aus den „westeuropĂ€ischen LĂ€ndern“ wurde bald „in anderen LĂ€ndern der westlichen HemisphĂ€re“. Auch sollten sie im Kriegsfalle Gefangene befreien und so weiter und so fort.
Nachrichtendienstlich war dies die Vereinigung von Feuer und Wasser in einer einzigen Organisation.
Die SBO musste absolut geheim bleiben, sollte der militĂ€rische Gegner nicht vorgewarnt werden und sie sollte gleichzeitig operativ in anderen LĂ€ndern tĂ€tig werden, dortige antikommunistische Bewegungen unterstĂŒtzen und subversiv tĂ€tig sein.
Die SBO war zum „Janus“ geworden, mit zwei völlig unterschiedlichen Aufgabenstellungen, welche sich nachrichtendienstlich diametral gegenĂŒberstanden und daher nicht unter einen Hut zu kriegen waren.
Eine ErmĂ€chtigung des Nationalen Sicherheitsrates der USA zur GrĂŒndung einer weiteren Organisation gab es nicht und hĂ€tten die neuen Mitglieder dieses Rates von diesem Wehrwolf-Unsinn gehört, dann wĂ€re er beendet gewesen, bevor er begann.
Kann aus dieser unvereinbaren Aufgabenstellung auf die Existenz einer SBO in der SBO geschlossen werden, als auf eine Schatten-SBO?
Das Beispiel Italien zeigt, das auch nachrichtendienstlich Feuer und Wasser unvereinbar sind. Neben der italienischen SBO (Gladio) gab es mindestens vier private SB Organisationen, unter anderem die allen bekannte Freimaurerloge P 2, in welcher die Verzahnung zwischen offizieller und inoffizieller SBO dergestalt vollzogen war, das selbst die italienische Regierung nicht mehr wusste, was SBO und was P 2 ist.
Hat dieses italienische Beispiel auch fĂŒr Deutschland eine Aussagekraft?
Wahrheiten in Bezug auf die deutsche SBO sind weder österreichische, noch Schweizer Wahrheiten und schon gar keine italienische Wahrheiten.
Da es keine zugÀnglichen Akten zu einer deutschen Schatten-SBO gibt, könnte ich an dieser Stelle die geplante Artikelserie beenden, wenn es nicht Spuren gebe, die auf die Existenz einer solchen Schatten-SBO hinweisen.
Dazu im zweiten Teil mehr. Ich freue mich auf sachdienliche Kommentare, zu dieser völlig offenen Fragestellung der Artikel- Serie.