BBC-Filmreihe “The Trap”: Wie Psychologie und Menschenbild des heutigen Kapitalismus erfunden wurden

BBC-Filmreihe “The Trap”: Wie Psychologie und Menschenbild des heutigen Kapitalismus erfunden wurden
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The Trap - What happened to our Dream of Freedom, Episode I: F..k you, Buddy

Die BBC-Filmreihe “The Trap – What happened to our Dream of Freedom” (“Die Falle – Was mit unserem Traum von Freiheit geschah”) aus dem Jahre 2007 umschreibt Ursprung und Aufstieg von Psychologie und Menschenbild des heutigen Kapitalismus. Die Dokumentation beleuchtet akribisch, wie zu Zeiten des Kalten Krieges von Mathematikern und Psychologen aus deren zutiefst düsteren Menschenbild heraus entwickelte Theorien Jahrzehnte später benutzt wurden um ganze Staaten und Gesellschaften nach diesem Menschenbild zu transformieren. In der für Regisseur und Dokumentarfilmer Adam Curtis typischen, hochinformativen und nüchternen Weise recherchiert die BBC-Serie, “wie das simple Modell der Menschen als selbstsüchtige, fast roboterhafte Kreaturen zu der heutigen Vorstellung von Freiheit führte” und aus der Paranoia der Blockkonfrontation durch die Anhänger des vermeintlich bestätigten, siegreichen kapitalistischen Menschenbildes jene “seltsame, paradoxe Welt geschaffen wurde”, in der wir heute leben.

Episode I: F..k you, Buddy

I

Während der systemischen Konkurrenz zwischen dem von den U.S.A. geführten Nordatlantikpakt und dem von der U.D.S.S.R. geführten Warschauer Pakt betrieb das U.S.-Militär dreißig Meilen nördlich von New York einen Ende der 50er Jahre gebauten unterirdischen Bunker. Jede Sekunde trafen dort aus einem miteinander vernetzten System von Radaranlagen, welche die Sowjetunion und ihre Verbündeten beobachteten, Tausende von Informationen ein und wurden in den dort stationierten und seinerzeit leistungsfähigsten Computer der Welt eingegeben.

Um durch die Verarbeitung und Zuordnung dieser Informationen potentielle Handlungen des Gegners voraussagen zu können, benutzte das Pentagon die Mitte der 40er Jahre entwickelte “game theory” (“Spieltheorie”): mathematische Modelle, nach denen das Verhalten von Kontrahenten während einer spielerischen Auseinandersetzung wie z.B. einem Pokerspiel analysiert, eingeordnet und prognostiziert werden sollte. Grundlage der “game theory” war die Annahme, alle “player” agierten stets taktisch oder strategisch und in jedem Falle auf den eigenen Vorteil bedacht.

Der entscheidende Faktor in diesen Modellen war, dass eine vermutete Entscheidung des Anderen in die eigene Entscheidung einkalkuliert wurde und so diese überhaupt erst verursachte.

Für die Weiterentwicklung der “game theory” beauftragten die Strategen des Pentagon zu Beginn der 50er Jahre die R.A.N.D. Corporation. Einer der für die R.A.N.D. Corporation arbeitenden Wissenschaftler war der Mathematiker John Nash. Er entwickelte, neben einer ganze Reihe weiterer Spielmodelle, das Gesellschaftsspiel mit dem bezeichnenden Namen “F..k you, Buddy”. Der einzige Weg dieses zu gewinnen bestand darin alle Mitspieler maximal skrupellos zu betrügen.

Der Mathematiker Nash sah den Menschen als ein ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachtes, stets taktisch und strategisch agierendes Wesen und ging von der Natürlichkeit und Allgemeingültigkeit seiner eigenen Annahme aus. Er entwickelte “game theory” zu einem Gesellschaftsmodell freier Individuen, in der durch Misstrauen und Selbstsucht eine besonderen Art von “Equilibrium” erzeugt werde – der Zustand des harmonischen Gleichgewichts einer Gesellschaft aus Spielern, letztlich Kriegsgegnern, die nur deshalb funktionierte, weil alle Spieler ausschließlich selbstsüchtige Zwecke verfolgten und konsequent nicht nur ihre Gegner, sondern auch alle vermeintlichen Partner betrogen.

Aus der sich selbst erzeugenden Logik des “Nash Equilibrium” gab es keinen Ausweg. Kein Spieler würde, so die Theorie, einen Vorteil davon haben die eigene Strategie zu ändern, wenn sie nicht auch alle anderen Spieler änderten. Im Gegenteil wäre jedes Abweichen von der Spielnorm Selbstsucht – kooperatives Verhalten, Solidarität oder Altruismus – gefährlich für die Stabilität des Spieles selbst.

Die von Nash wesentlich beeinflussten “Spieltheorien” sind bis heute nicht nur Grundlage aller “Marktpsychologie”, der sogenannten “Wirtschaftswissenschaften” und Grundphilosophie der kapitalistischen Ökonomen weltweit; sie sind auch Grundlage der Doktrin “mutually assured destruction” (MAD)” zwecks “Gleichgewicht des Schreckens” (“Balance of Terror”) von den 50er Jahren bis heute. (Anm.: in den 50er Jahren wurde das lateinische Wort “terror” noch mit “Schrecken” übersetzt und das Wort “on” nicht mit “gegen”.)

Später wurde bekannt, dass Nash zum Zeitpunkt seiner Arbeit für die R.A.N.D. Corporation (prominentes Mitglied: Donald Rumsfeld) und das Pentagon (späterer Leiter: Donald Rumsfeld) an paranoider Schizophrenie erkrankt war. John Nash spiegelte seine eigene Angst betrogen, verfolgt und Verschwörungen ausgesetzt zu sein auf alle anderen und empfand dieses Verhalten entsprechend als rational.

Nash gesundete später und distanzierte sich von seinen früheren Gesellschaftsmodellen. Nichtsdestotrotz verlieh die Zentralbank von Schweden Nash, u.a. zusammen mit seinem R.A.N.D.-Kollegen Herman Kahn (der die Spieltheorie eines gewinnbaren Atomkrieges entwickelt hatte) 1994 ihren “Preis für Wirtschaftswissenschaften” (einen “Wirtschaftsnobelpreis” gibt es nicht).

Nash war Vorbild für die Filmfigur in “A Beautiful Mind”, Herman Kahn für “Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben”.

Schon bei der Entwicklung von Nashs Spieltheorien in den 50ern traten bei der R.A.N.D. Corporation unangenehme Probleme mit der Realität auf.  Tests des von Nash entwickelten Spiels “Prisoners Dilemma”, mit ein paar Sekretärinnen des Konsortiums als Spielerinnen, scheiterten regelmäßig, da die Spielerinnen – anstatt sich wie vorgesehen ordentlich zu betrügen – lieber kooperierten.

Das hinderte die Technokraten von R.A.N.D. nicht daran die “Game Theories” von Nash weiter als wissenschaftliches Modell für die eigene Doktrin des Kalten Krieges und eine “Gesellschaft freier Individuen” aufrechtzuerhalten, die durch ihre Selbstsucht eine funktionierende und im Gleichgewicht befindliche Gesellschaft ermöglichten.

Noch war dieses aus den “Spieltheorien” entwickelte, vermeintlich streng rationale Menschenbild begrenzt auf “ein paar Denker im Herzen des nuklearen Establishments”. Das sollte sich Mitte der 70er Jahre ändern.

II

In den 60er Jahren hatte in Großbritannien der Psychologe Ronald David Laing zwölf an Schizophrenie erkrankte Patienten durch die bis dahin ungewöhnliche Methode der direkten Kommunikation in relativ kurzer Zeit geheilt. Doch waren diese, nachdem sie zu ihren Familien zurückgekehrt waren, schnell wieder erkrankt. Laing sah die familiären Umstände, in denen seine Patienten lebten, als Ursache ihrer Krankheit an und versuchte nun die psychologischen Bedingungen des Familienlebens in Großbritannien insgesamt zu beleuchten. Durch einen Besuch in Kalifornien kam Laing mit den “game theories” in Berührung und beschloss, diese zur wissenschaftlich-mathematischen Analyse von Interviews mit Angehörigen normaler Familien einzusetzen. Diese hatten Fragebögen darüber ausgefüllt, welche geheimen Absichten alle anderen Familienmitglieder ihnen gegenüber möglicherweise haben könnten, wenn sie ihnen z.B. Hilfe anböten oder sie im Alltag unterstützten.

Laing ließ Computer eine auf den “game theories” beruhende Kalkulation durchführen und aus den Antworten eine Analyse-Matrix erstellen. Das Ergebnis war erschreckend: Laing entdeckte, dass der gesamte Alltag aller interviewter Familien in Wirklichkeit aus heimtückischer Manipulation und Kontrolle der Familienmitglieder gegeneinander bestand, in der vermeintliche Höflichkeit und Liebe als Waffen eingesetzt wurden um jeweils selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen.

Laing, der alle Begriffe wie Existenz, Liebe, Wahrheit oder eigene Persönlichkeit infrage stellte und den Menschen als von Natur aus egoistisch und listenreich gegeneinander einstufte, war aktiv in der “Anti-Psychatrie-Bewegung” der 60er Jahre und verfolgte die These, dass die vom gängigen medizinischen Establishment diagnostizierten geistigen und seelischen Krankheiten größtenteils nicht existierten, sondern dass vielmehr deren Diagnose vom Staat zur Unterdrückung und Kontrolle der jeweiligen natürlich-egoistischen Individuen und ihres Freiheitsstrebens benutzt wurden.

Anfang der 70er Jahre übernahm nun eine Gruppe ultrarechter Ökonomen um James Buchanan aus der vom österreichischen Adligen Friedrich von Hayek 1947 gegründeten “Mont Pelerin Society” die im Auftrage des Pentagon und der R.A.N.D. Corporation entwickelten “game theory”-Modelle von John Nash, mischte sie mit den auf der “game theory” basierenden Forschungsergebnissen und Thesen des britischen Psychiaters Ronald David Laing und erschuf daraus die Theorie der “public choice” (“Öffentliche Wahl”).

Diese besagte schlicht folgendes: da alle Menschen naturgemäß selbstsüchtig seien, gelte dies auch für sämtliche Angestellte des Staates. Dieser sei das Fallbeispiel, das Surrogat der vermeintlich fürsorglichen, aber in Wirklichkeit das freie selbstsüchtige Individuum unterdrückende Familie (rhetorische deutschsprachige Parallele: “Vater Staat”). Alle Institutionen des Öffentlichen Dienstes und sein im Laufe der Jahrzehnte angewachsener Bürokraten-Apparat, so die Anhänger der “public choice”-These, arbeiteten in Wirklichkeit nicht für das öffentliche, sondern ausschließlich für das eigene Wohl und setzten das sich “selbst-steuernde automatische System” (Friedrich von Hayek) einer spontan entstehenden Ordnung der durch natürlichen Egoismus im Gleichgewicht gehaltenen Gesellschaft außer Kraft.

Das Ergebnis von staatlicher Beeinflussung wirtschaftlicher Eigendynamik seien Chaos und Misswirtschaft. Ergo müsse der Staat radikal reduziert werden, um das vom Mathematiker Nash umschriebene Equilibrium einer durch natürlichen Egoismus im Gleichgewicht gehaltenen Gesellschaft wieder herzustellen.

Exekutiert wurde diese Theorie nun durch eine neu auf der britischen Bühne aufgetauchte vielversprechende Akteurin: Margaret Thatcher.

Durch einen ultrarechten Think Tank, der James Buchanan zu einer Reihe von Seminaren nach London einlud, wurde Margaret Thatcher an die “public choice theory” heran geführt. In 1970 durch den damaligen konservativen Parteileiter und Premierminister Edward Heath zur Ministerin für Kultur und Wissenschaft ernannt, stürzte sie nach zwei Wahlniederlagen Heath als Parteivorsitzenden und wurde 1975 die erste Frau an der Spitze der konservativen Tories.

1979 gewannen die Tories die Unterhauswahlen. Nun wurde Margaret Thatcher, als neue Premierministerin des Vereinigten Königreiches, die “Eiserne Lady” des aus der “Spieltheorie” entwickelten Bildes vom Menschen als einem zutiefst selbstsüchtigen, egoistischem, misstrauischen und habsüchtigen Wesen.

Derweil hatte sich in den U.S.A., mitten im Vietnamkrieg und gesellschaftlichen Umbrüchen auf allen Ebenen, auch ein Umbruch im gesamten Establishment der psychiatrischen Einrichtungen abgespielt, dass zu einem flächendeckenden surrealen System der psychischen Selbstkontrolle und Normierung der Bevölkerung nach der Vorgabe mathematischer Formeln münden sollte.

III

Zu den internationalen Vorträgen von Ronald David Laing, dessen wesentlich mit Hilfe der “game theory” entwickelten psychologischen Thesen später in Großbritannien für die “public choice theory” benutzt werden sollten, kamen Ende der 60er Jahre regelmäßig Hunderte von Psychiatern. Laing hatte seine Thesen mehr und mehr radikalisiert. Er bezeichnete die gesamte Psychiatrie als “Fake-Wissenschaft, die als Instrument zur politischen Kontrolle” benutzt werde und unter dem Vorwand des attestierten Wahnsinns diejenigen wegsperre, die sich der Kontrolle entziehen wollten.

Einer seiner Zuhörer, der Psychologe David Rosenhan, wollte Laings Thesen testen und startete einen später unter “Rosenhan Experiment” bekannt gewordenen Feldversuch. Zuerst verabredeten sich acht seelisch und geistig völlig gesunde Personen – mehrere von ihnen psychologisch geschult, darunter auch Rosenhan selbst – dahingehend, einzeln über die U.S.A. verstreute psychiatrische Anstalten aufzusuchen. Es wurde verabredet, dass sie angeben sollten eine Stimme im Kopf gehört zu haben, die das Wort “boing” (“thud”) gesagt habe. Zudem würden sie falsche Namen und Adressen angeben. Ansonsten sollten sie nicht lügen und sich völlig normal verhalten.

Das Ergebnis war verheerend. Alle acht Personen wurden (bei unterschiedlichen Diagnosen) als psychisch schwer krank diagnostiziert und bekamen psychoaktive Medikamente. Dabei hatten die Ärzte ihre neuen “Patienten” ignoriert und mit ihnen fast kein Wort gewechselt. Im Gegensatz dazu war es einem Großteil der Insassen der Anstalten aufgefallen, dass es sich bei den Testpersonen um Simulanten handelte. Es dauerte Monate, bis die Versuchsteilnehmer wieder aus den Anstalten heraus kamen und dies schafften sie nur dadurch nicht wahrheitsgemäß “zuzugeben” dass sie krank seien, es ihnen aber schon viel besser ginge.

Als die Leiter der psychiatrischen Anstalten Rosenhan danach wütend des Betrugs bezichtigten, bot ihnen dieser an über einen Zeitraum von einem Monat eine Reihe von Simulanten zu schicken. Rosenhan sagte voraus, die Anstalten würden diese nicht korrekt diagnostizieren. Nach Ablauf des Monats meldeten sich die Anstalten bei Rosenhan und verkündeten triumphierend Dutzende von Simulanten entdeckt zu haben. Rosenhan aber hatte nie welche geschickt.

Als das Rosenhan Experiment in den U.S.A. 1973 landesweit bekannt wurde, waren die Auswirkungen auf das Establishment der psychiatrischen Medizin dramatisch. Das gesamte Instrumentarium, alle Analysetechniken und diagnostischen Methoden wurden in Frage gestellt. Das in der 1892 gegründeten “American Psychological Association” und 1921 gegründeten “American Psychiatric Association” organisierte Establishment der psychiatrischen Medizin in den U.S.A. war bis auf die Knochen blamiert.

Doch das Ergebnis war ein völlig anderes, als es sich die Außenseiter der psychiatrischen Medizin R.D. Liang und David Rosenhan vielleicht vorgestellt hatten. Anstatt z.B. die Umsetzungen von Verpflichtungen der Angestellten und Leiter der psychiatrischen Anstalten zu überprüfen, übernahm das Establishment der psychiatrischen Medizin in den U.S.A. die von Liang verwendeten und auf der “game theory” basierenden mathematischen Modelle.

Anstatt zu versuchen den Verstand von erkrankten Menschen zu verstehen und diese zu heilen, wurden nun auf Computermodellen und numerischen Statistiken basierende Formeln aufgestellt, die das Verhalten der Menschen als krank oder gesund einschätzten und somit automatisch diejenigen Personen, die es an den Tag legten. Ab Mitte der 70er Jahre wurden so durch das (weltweit äußerst einflussreiche) U.S.-psychiatrische Establishment eine ganze Reihe völlig neuer, bislang nie erkannter und verheerender Krankheiten entdeckt, wie “obsessive-compulsive disorder” (“Zwangsstörungen”), “hyperactivity” oder “attention deficit disorder” (“Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom”).

Über Aufmerksamkeitsdefizite ihrer neuen Kunden konnte sich die “American Psychological Association” auch später nicht beklagen. Nach Kriegsausbruch 2001 entwickelte deren Psychologen neue Foltermethoden für das U.S.-Militärlager in Guantanamo und die U.S.-Geheimgefängnisse weltweit.

Was all diese Mitte der 70er Jahre durch das Establishment der U.S.-Psychiatrie neu “gefundenen” Krankheiten verursachte, ja ob sie überhaupt existierten, spielte keine Rolle. Entscheidend für die U.S.-Psychiatrie- und Psychologie-Verbände waren die mathematisch-statistisch definierten Symptome dieser so plötzlich entdeckten Gesellschaftsseuchen, definiert als Abweichung von den eigenen mathematisch-statistisch neu definierten gesellschaftlichen Normen von gesundem Verhalten.

Ende der 70er Jahre wurden nun in einem revolutionären Schritt zum ersten Mal Fragebögen an Hunderttausende nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Bürger in den U.S.A. geschickt, die als völlig normal galten. Sie enthielten einfache Fragen wie “Fühlen Sie sich manchmal traurig?”, die man nur mit Ja oder Nein ankreuzen konnte. Anschließend wurden die Antworten durch Computer, entsprechend der neuen mathematischen Diagnosemodelle von allerlei neuen und alten Krankheiten, ausgewertet und statistisch hochgerechnet.

Über das Ergebnis könnte – mit innerer Sicherheit – der Eine oder Andere sagen, er habe es gewusst: Über die Hälfte aller U.S.-Amerikaner litt an einer geistigen Störung.

U.S.-psychiatrische Institutionen begannen nun, mit der Begründung offensichtlich vorhandener geistiger Epidemien (rhetorische Parallele in Deutschland: “Volksseuche Depression”), die gesamte Bevölkerung systematisch zu screenen. Checklisten für psychische Krankheiten wurden veröffentlicht – und von der der Mehrheit der Bevölkerung dankbar aufgenommen. Endlich kümmerte sich jemand um sie. Man hatte vorher nicht gewusst, wie krank man war. “Borderline personality disorder” (“Borderline-Persönlichkeitsstörung”), “Generalized anxiety disorder” (in Deutschland heute mathematisch korrekt durch das GAD-2 “Screening Instrument” erfasst, einen simplen Fragebogen) waren auf einmal in der Presse und sickerten als alltägliche konstante Begriffe langsam in das Bewusstsein der Bevölkerung. Millionen Menschen lasen die mathematisch erstellten Checklisten und begannen sich selbst zu beobachten, zu diagnostizieren und entsprechend zu kontrollieren, um “abnormales” Verhalten zu vermeiden.

Was als ein im Namen der individuellen Freiheit und gegen die soziale Kontrolle, Arroganz und Privilegien des Establishments der psychiatrischen und psychologischen Einrichtungen und Institutionen begonnen hatte, mündete so zu einem völlig neuen, noch viel effektiveren System von Kontrolle durch die “Entscheider” der U.S.-Psychiatrie. Anstatt dass die Menschen sich, wie in früheren Epochen, ihr Verhalten durch Autoritäten und “Eliten” vorschreiben ließen, akzeptierten sie nun deren selbst erfundene, vermeintlich mathematisch korrekten Normen von normal und unnormal und kontrollierten sich nach diesen selbst. Anstatt wie bisher um Psychiater eher einen Bogen zu machen, ordneten (mutmaßlich gerade die LeserInnen wahnsinnig wertvoll-wohlwollender Zeitschriften für mittel- oder auch obergeistigständische Kreise) ihre Gefühle und Emotionen nun in den entsprechenden Kategorien der Checklisten ein und rannten den Psychiatern die Türen ein, im Bedürfnis endlich “normal” gemacht zu werden.

IV

In Großbritannien begann derweil Margaret Thatcher nach ihrem Amtsantritt als Premierministerin 1979 nach den Vorgaben der “public choice theory” von James Buchanan eine Politik der strikten Entstaatlichung, als Befreiung der Gesellschaft von den staatlichen Bürokraten. Wie Buchanan dazu selbst ausführte, sogar offen propagierte, war der für das Allgemeinwohl effektivste Politiker der Typ des gierigen Managers, der aus reinem Eigennutz handelte und deshalb versuchte Gewinn zu erwirtschaften. Alle Behörden seien entsprechend umzufunktionieren, da sie nur so funktionieren könnten. Alle Politiker, die aus anderen Motiven handelten – wie Pflichtgefühl oder dem Streben nach Nutzen für das Gemeinwohl – betrachtete Buchanan als die gefährlichsten Persönlichkeiten überhaupt. Diese gelte es unbedingt loszuwerden.

Diese “dunkle, pessimistische Vision von menschlicher Motivation” wurde fortan “die Basis für ein neues System, um den britischen Staat zu managen”.

Nachdem die Thatcher-Regierung nach Amtsantritt in 1979 großflächig Staatseigentum verkauft und vorher staatliche Dienste kommerzialisiert hatte, wurde klar, dass der völlige Rückzug des Staates aus staatlichen Strukturen nicht umsetzbar war. Die Thatcher-Regierung begann nun, auch alle noch unter staatlicher Kontrolle stehenden Institutionen vollständig umzuorganisieren. Um dies auch beim britischen Gesundheitssystem (“National Health Service”) durchzuführen, beauftragte 1986 Margaret Thatcher den U.S.-”Ökonomen” Alain Enthoven.

Enthoven hatte in den 50er Jahren, wie der “game theorie”-Mathematiker John Nash, für die R.A.N.D. Corporation gearbeitet. Die numerischen Modelle der “Systemanalyse”, die Einthoven dort im Auftrage des Pentagon entwickelt hatte und die schließlich 1965 im neu geschaffenen “Büro für Systemanalyse” (“Office of System Analysis”) des U.S-Verteidigungsministeriums institutionalisiert wurden, waren eng angelehnt an die Modelle der “game theorie” und basierten auf dem gleichen Menschenbild. Ziel der “Systemanalyse” (die später durch die “Politikanalyse” ergänzt wurde) war es, jede Ablenkung durch Emotionen oder subjektive Eindrücke zu eliminieren und durch streng rationales Denken zu ersetzen, um das objektiv vernünftigste Ziel zu erreichen.

Enthoven entwickelte mathematische Modelle für den Einsatz von Atomwaffen zur maximalen Vernichtung der gegnerischen Bevölkerung im Kriegsfalle. Entsprechend der Doktrin der “balance of terror” (“Gleichgewicht des Schreckens”) sollte so sichergestellt werden, dass in jedem Falle den U.S.-Streitkräften eine Vernichtung des Gegners möglich sein sollte, um den (ebenfalls aus reinem taktischen Kalkül und Eigennutz agierenden) Gegner davon abzuhalten die U.S.A. anzugreifen.

In den 60er Jahren entwickelte Alain Enthoven als hochrangiger Funktionär im Pentagon für den ehemaligen Funktionär des Ford-Konsortiums, U.S.-Verteidigungsminister und späteren Präsidenten der Weltbank Robert Strange McNamara (dessen Vorgesetzter kurz vor der Eskalation des vernünftigen Vietnamkrieges gegen den Kommunismus durch eine “magische Kugel” wechselte) mathematische “Systemanalyse”-Modelle für maximale Effizienz der U.S.-Truppen während des Vietnamkrieges. Eine der Vorgaben für die U.S.-Truppen, die aus den Modellen der “Systemanalyse” entsprang, war der “Bodycount”: die numerische Vorgabe der Anzahl zu tötender Feinde innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Der “Bodycount” war, which Nobody can deny, statistisch gesehen ein voller Erfolg. In Wirklichkeit jedoch erfanden die Feldkommandeure der U.S.-Streitkräfte größtenteils einfach ihre “kills” oder erschossen Zivilisten, um ihre “performance targets” zu erfüllen.

Ab 1986 entwickelte Enthoven nun im Auftrage der britischen Premierministerin Margaret Thatcher die Neuordnung des britischen Gesundheitssystems NHS (“National Health Service”). Die Pläne wurden ab 1988 umgesetzt. Anspruch und der Verpflichtung aller Ärzte, Angestellten und Krankenhäuser für das Gemeinwohl zu arbeiten wurden ersetzt durch die Doktrin des “effizienten Managements” durch “Leistungsanreize” für Handlungen aus Eigennutz und der Konkurrenz aller Beteiligten untereinander.

Von Statistikern und Mathematikern während des Kalten Krieges im Auftrage des Pentagon aus einem paranoiden und zutiefst düsteren Menschenbild entwickelte statistische mathematische Modelle wurden nun benutzt um ganze Staaten und ihr System nach eben diesem Menschenbild zu transformieren.

V

“In November 1989 fiel die Berliner Mauer. Der Kalte Krieg war schließlich vorbei. Eine neue Ära der Freiheit hatte begonnen. Aber die Gestalt, die diese Freiheit annehmen sollte, wurde definiert von den Siegern: dem Westen. Und wie diese Sendung gezeigt hat, war die Idee von Freiheit, die nun im Westen vorherrschte, zutiefst verwurzelt im Misstrauen und der Paranoia des Kalten Krieges.

Der Film nächste Woche wird aufzeigen, wie sich diese Idee ausbreitet um die Politik selbst zu übernehmen, da sie erschien als eine neue und bessere Alternative zur Demokratie. Wozu sie tatsächlich führt ist Korruption..und ein dramatischer Anstieg der Ungleichheit. Und wir kamen zu dem Glauben, dass wir tatsächlich jene seltsamen, isolierten Wesen seien, die Wissenschaftler des Kalten Krieges erfunden hatten, damit ihre Modelle funktionierten. Diese trostlose Vision, fern davon uns zu befreien, würde unser Käfig werden.”

BBC-Filmreihe “The Trap” (II): Der einsame Roboter – der genetisch programmierte Homo Oeconomicus

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