Totalstillstand in der UNO und in New York
ScheiĂwoche! So bezeichnen die verĂ€rgerten frustrierten Taxifahrer jedes Jahr die Zeit der Eröffnungssitzung der Vereinten Nationen. Heuer war es noch schlimmer als in den beiden letzten Jahren.
Die schmale verkehrsreiche Insel Manhattan wurde zu einem Alptraum aus Verkehrsinfarkt, blockierten StraĂen, heulenden Sirenen und wĂŒtenden Fahrern. Konvois mit GroĂkopferten, deren Mitarbeitern und LeibwĂ€chtern versuchten sich mit Blaulicht und Sirenengeheul einen Weg durch heillos verstopfte StraĂen zu erzwingen. Eine VIP-Gasse wurde geschaffen â Leonid Breschnew lĂ€sst grĂŒĂen.
Ăberall nervöse Polizisten und Sicherheitsleute. Ich beobachtete, wie PrĂ€sident Barack Obamas Konvoi auf der Park Avenue nach Norden raste, mit Sicherheitsbeamten, die mit automatischen Waffen aus offenen Fenstern zielten.
New York glich einem MilitĂ€rlager oder dem belagerten Damaskus. Ich hatte ein Interview im Regency Hotel, wo der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu mit einer Armee von WĂ€chtern und Presseleuten logierte. Bewundernde Menschenmengen in der gröĂten jĂŒdischen Stadt der Welt jubelten Netanyahu zu, der in New York populĂ€rer ist als in Tel Aviv.
Scharen von UnterstĂŒtzern der iranischen Mujahidin-I-Khalq, einem Anti-Teheran-Kult, wurden mit Bussen von nah und fern herbeigekarrt. Ich fragte einen schwarzen Amerikaner, der eine gelbe Weste mit Bildern des KultfĂŒhrers trug, warum er gekommen sei. âSie haben mich dafĂŒr bezahlt,â antwortete er. Die Mujahidin, bisher auf der Terroristenliste der Vereinigten Staaten von Amerika, waren dank der Hilfe Israels jetzt von dieser Liste genommen worden. Israel hat den Mujahidin gefĂ€lschte âBeweiseâ ĂŒber das angebliche Atomwaffenprogramm des Iran zukommen lassen. Die Mujahidin ihrerseits reichten die Falschinformation an die Geheimdienste der Vereinigten Staaten von Amerika weiter.
Aufgebrachte Mengen buhten Irans Ahmadinejad aus, der sich Jahr fĂŒr Jahr eine Hetz daraus macht, die jĂŒdischen New Yorker auf die Palme zu treiben, indem er den Holocaust und die Existens Israels als jĂŒdischer Staat in Frage stellt. Seine unbekĂŒmmerten aufrĂŒhrerischen Reden boten Israel einen ausgezeichneten Vorwand, den Iran zu attackieren, indem sie behaupteten, dessen FĂŒhrer seien verrĂŒckt und entschlossen, den jĂŒdischen Staat mit Atomwaffen auszulöschen. Der Iran hat ein Faible fĂŒr besonders schlechte Werbung.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Israel die nukleare Infrastruktur des Iran mit Atomwaffen angreift und behauptet, dass der Iran dabei war, es mit einer oder zwei geheim produzierten Atomwaffen anzugreifen.
Netanyahu ĂŒbertrieb es vor der UNO, indem er eine dumme Kartonbombe und einen roten Filzstift benutzte, um seine Forderung durchzudrĂŒcken, die Vereinigten Staaten von Amerika mĂŒssten den Iran angreifen. Sogar viele Israelis waren der Meinung, dass dieser Bluff zu weit ging und trugen Zeichen mit der Aufschrift ânicht jetzt, nicht alleinâ. Im Pentagon, im AuĂenministerium und in der CIA wĂ€chst der Ărger ĂŒber Netanyahus Anstrengungen, einen Krieg zwischen der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Iran zu provozieren.
Der israelische FĂŒhrer hat sich schamlos in die Wahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika eingemischt, indem er PrĂ€sident Obama unterminierte und offen den stolpernden Republikaner Mitt Romney unterstĂŒtzte. Israel und seine UnterstĂŒtzer in den Vereinigten Staaten von Amerika betreiben eine lĂ€rmende Kampagne im entscheidenden Swing-Staat Florida, wo sie kleine alte jĂŒdische Damen in den Glauben schrecken, dass Israel dabei ist, in einem zweiten Holocaust vernichtet zu werden.
Ahmadinejad ist zu einem wesentlichen Ermöglicher von Netanyahus Schrecktaktiken geworden. In Wirklichkeit spielen beide fĂŒr ihr heimisches Publikum. Netanyahu kĂ€mpft um eine dritte Amtsperiode, wĂ€hrend Israel an groĂen wirtschaftlichen Problemen leidet. Jedenfalls ist es ihm mit seinen nuklearen Warnrufen vor dem Iran gelungen, die Forderung nach einem lebensfĂ€higen PalĂ€stinenserstaat an den Rand zu schieben. Niemand in der UNO beachtete das traurige Gezwitscher der PalĂ€stinenser.
Nicht gesagt wurde, dass Israels Drohungen, den Iran anzugreifen und seine Forderungen, die Vereinigten Staaten von Amerika sollten einen Blitzkrieg gegen den Iran fĂŒhren, eindeutig gegen die Charta der UNO und Internationales Recht verstoĂen. Die Behauptungen des Iran, der Westen und Israel fĂŒhrten gegen ihn einen Wirtschafts- und Computerkrieg und ermordeten seine Wissenschafter, wurden mit einem Achselzucken abgetan.
Wenige schienen Russlands zunehmend energische ĂuĂerungen zu bemerken, dass eine Attacke der Vereinigten Staaten von Amerika/Israels gegen Iran oder Syrien âKonsequenzenâ haben werde. Diejenigen, die sich Sorgen machen in Hinblick auf einen möglichen Dritten Weltkrieg, tĂ€ten gut daran, darĂŒber nachzudenken.
Wieder einmal wurde schmerzhaft klar, dass der UN-Sicherheitsrat ein unfaires veraltetes Relikt des Zweiten Weltkriegs ist, das erweitert gehört und demokratischer gestaltet â und in ein neutrales Land verlegt werden muss. Die Sieger des Zweiten Weltkriegs treffen die wirklichen Entscheidungen. Der Rest ist Posieren und Gerede â und verrĂŒckter Verkehr in New York.
30.09.2012 GRID LOCK AT THE UN AND NYC
Quelle: http://antikrieg.com/aktuell/2012_09_30_totalstillstand.htm
