Wir sind nicht die Welt

Der hochrangige FunktionĂ€r des Springer-Verlages Ulf Poschardt, von dem man annehmen darf, daß er in seinem ganzen Leben noch nie einen Nagel in die Wand bekommen oder auf faire Art und Weise irgendeinen Wettbewerb gegen ein echtes Talent gewonnen hat, erklĂ€rte sich heute der „Welt“: „Wir sind die Bunte Republik Deutschland“.

Das verlangt eine Antwort. Und zwar mit Anlauf.

„Deutschland hat in Europa die FĂŒhrung ĂŒbernommen. Weder die Euro-Krise noch das Geholper von Regierung und PrĂ€sident verunsichern die frĂŒher stets panischen Deutschen.“

Mal abgesehen davon, daß sich mittlerweile jeder höherrangige staatliche FunktionĂ€r mehrfach dazu gezwungen sah mit knirschenden ZĂ€hnen zuzugeben, daß es keine Euro-Krise gibt, weil es dieser WĂ€hrung nĂ€mlich prĂ€chtig geht, nur den Staaten nicht, die so dumm waren dieses auf Zerschlagung ihrer Demokratie ausgerichtete WĂ€hrungssystem zu ĂŒbernehmen – „die FĂŒhrung in Europa“, das sind irgendwie so schmutzige MĂ€nnertrĂ€ume, daß man sich fragen muss, kann Ulf Poschardt sich nicht irgendwo anders abreagieren? Muss es unbedingt an der Welt sein, in der wir leben und in der „Welt“ sein, die sich mit ihr verwechselt?

Warum rubbelt sich Ulf Poschardt nicht einfach in der deutschen Ausgabe des Rolling Stone, im Musikexpress oder im Metal Hammer ab, wenn er vom Springer-Verlag schon zu deren Herausgeber befördert wurde? Kann er das nicht, weil er stÀndig von den vielen bunten Bildern abgelenkt wird?

„In einer kruden Mischung aus Selbsthass und moralischer Hybris blieben die Deutschen in der Außenwahrnehmung aufgrund ihrer psychotischen Nationalkultur unter Beobachtung, knapp vor der Sicherheitsverwahrung.“

Das kommt davon, wenn einer ganzen Generation der westdeutschen Nomenklatura nach 1990 beigebracht wurde von ihren vermeintlich siegreichen Lehrern auf sich selbst und morgen auf die ganze „Welt“ zu schließen.

Bis heute sieht die gleiche, damals wie heute, an der Macht befindliche alte Nomenklatura Westdeutschlands die Wiedervereinigung als nichts anderes als eine geglĂŒckte Eroberung. Und genau so sieht sie auch die verfolgte „Einigung Europas“. Skrupellos, ohne Moral, ohne QualitĂ€t, mit nichts als dem Willen zur Macht beseelt, hat diese kleine Clique von im Postfaschismus Privilegierter aus dumpfer reaktionĂ€rer Bonner Schule, quer durch alle Parteien, alle Zeitungen und alle Institutionen, unsere neue, gemeinsame Republik betrogen, die Demokratie sabotiert und unsere Verfassung mit FĂŒĂŸen getreten. Und nachdem all das, fast 20 Jahre spĂ€ter, in der endlich wachsenden Berliner Republik immer schwieriger und schließlich unmöglich wurde, versuchte man genau das gleiche Spiel mit den anderen europĂ€ischen Demokratien, weil man die eigene nicht mehr versauen konnte.

„Das sich nun dem Ende neigende Jahr hat weitere erfrischende Ansichten zutage gebracht. Aus dem kranken Mann Europas wurde (wenn man nicht so genau hinsieht) ein fitter MusterschĂŒler, der mĂŒrrische Pessimismus der Deutschen, ihre stete Sorge um alles und jeden ist einer selbstbewussten Entspanntheit gewichen, die auf Krisen nicht lĂ€nger mit Konsumverweigerung reagiert, sondern mit Gleichmut.“

Das Einzige, was Ulf Poschardt mit obigen SĂ€tzen hinbekommt, ist die plausible BegrĂŒndung, daß eine herrschende Schicht Privilegierter fĂŒr ihren Versuch alles Gute und Schöne in den Dreck zu ziehen erst jedes wahre und gute Talent einkaufen, verdrehen, ausgrenzen oder einfach vernichten muss. Und zwar nicht nur innerhalb der im Kern völlig unpolitischen Parteien-Kaste, sondern eben auch im Journalismus und der medialen Öffentlichkeit.

Denn jedes Talent wĂŒrde durch bloße Existenz das ganze verkommene Mittelmaß tödlich beleidigen, fĂŒr das Ulf Poschardt als einer von immer weniger werdenden Höflingen der Konsumtempel steht. Und fallen die TribĂŒnen des Zirkus im InformationsgeschĂ€ft, purzeln deren kleine Angestellte im Parteien-GeschĂ€ft gleich oben drauf.

Heute ist Morgen. 20 Jahre spĂ€ter. Und was HĂ€hnchen Poschardt in seinem umstĂ€ndlichen und mĂŒhsam auf RĂŒckzug gebastelten Artikel versucht krampfhaft zu verbergen – er muss sein FĂ€hnchen leider in einen völlig neuen Wind hĂ€ngen.

Vorbei die „German Angst“, vorbei das Konzept Krise, das Unterkriechen bei Übermutter Angst: die Deutschen machen sich immer weniger Sorgen – einfach weil sie genug davon haben.

„Den Rest der Welt erschreckt unsere wirtschaftliche, kulturelle und nun wohl auch irgendwie mentale StĂ€rke nicht, man freut sich ĂŒberwiegend darĂŒber.“

Wie passend, daß sich schon Jens Berger im „Spiegelfechter“ mit „Ulfs Welt“ befasst hat. Da muss man nicht alles wiederholen. Aber fĂŒr das Mentale sei hier noch schnell der Drittplatzierte unter den PrĂ€sidentschafts-Kandidaten der „Sozialistischen Partei“ Frankreichs zitiert, Arnaud Montebourg. Er lebt, ganz offensichtlich, nicht in Ulfs, sondern einer ganz anderen „Le Monde“ („die Welt“).

“Frage: Ist es notwendig, um den Euro zu retten, eine grĂ¶ĂŸere Kontrolle ĂŒber Europa auf die Haushalte der Mitgliedstaaten in Kauf zu nehmen?

Montebourg: Nein, das ist nicht akzeptabel, das ist ein deutsches Diktat. Angela Merkel hat sich entschieden, ĂŒber die EuropĂ€ische Union eine deutsche Ordnung zu verhĂ€ngen. Sie ist dabei die Euro-Zone zu zerstören, indem sie die Mittelschicht und die Arbeiterklasse den Preis der in der Krise angehĂ€uften Schulden zahlen lĂ€sst.

Frage: Sie sprechen von “deutscher Ordnung”. Wir sind noch nicht im Jahr 1939!

Montebourg: Ich sage deutscher Egoismus. Ich spreche von deutschem Nationalismus, der dabei ist im Zuge der Politik a la Bismarck von Frau Merkel wieder aufzutauchen. Sie baut die Konfrontation auf, um ihre Herrschaft durchzuzwingen.

Frage: Die Spaltung, wird sie bei der PS (Anm.: der “Sozialistischen Partei”) wieder auftauchen zu Europa?

Montebourg: Ich denke, jeder stimmt zu, dass der europÀische Verfassungsvertrag obsolet ist. Deshalb ist jetzt der Moment die Fragen ruhen zu lassen.

Frage: Im Falle eines neuen Vertrags, wird es ein Referendum geben?

Montebourg: Es kann nicht anders sein. Und dieses Referendum, das sage ich Ihnen im Voraus, wird negativ sein. Denn wissen Sie, was der Föderalismus von Frau Merkel ist? Der Lendenschurz der deutschen AutoritĂ€t, anderen ebenso auferlegt wird wie den eigenen Menschen.”

Es wird nichts mit dem neuen Superstaat von der Algave bis nach Lappland, es wird nichts mit den ganzen schwachsinnigen und aus Überzeugung schlechten Überzeugungen, die uns diese verkommenen LĂŒgner und BetrĂŒger in den letzten 20 Jahren verkauft haben, wie sie ĂŒberhaupt alles verkauft haben, diese Verbrecher, es wird nichts mit den „Vereinigten Staaten von Europa“, auch nicht mit Klein-, Kern, – oder Zentraleuropa, das sind nichts als die Fantasmagorien von Gescheiterten, die dachten, sie könnten alles. Jetzt mĂŒssen die Antidemokraten, die neben Deutschland halb Europa ruiniert und geplĂŒndert haben, das lernen, was sie auch nie lernen werden: verlieren.

„Die Freude der Deutschen ĂŒber das Erreichte scheint so groß, dass es die Erniedrigung der im Augenblick SchwĂ€cheren nicht benötigt.“

Schwingt da etwa so etwas wie ein Gnadengesuch an die Öffentlichkeit der Republik mit?

„Die sachliche Art, mit der Angela Merkel die FĂŒhrung Europas angegangen ist, lĂ€sst keinen Raum fĂŒr chauvinistische Überheblichkeiten.“

Angela Merkel ist kein CĂ€sar, sondern eine Seifenblase. Ulf Poschardt verwechselt hier wieder alles miteinander, darunter auch pusten mit aufblasen. Statt vom Winde zu verwehn, macht es einfach puff.

„In Berlin, der attraktiven und weiterhin angesagten Hauptstadt, versammelt sich die coole Jugend der Welt zum Feiern, FirmengrĂŒnden und Flirten. Die jĂŒdische Gemeinde dort wĂ€chst: In Tel Aviv werden Berliner so gefeiert, als kĂ€men sie aus Brooklyn. Ein grĂ¶ĂŸeres Kompliment ist kaum vorstellbar. „

Man sieht sie am Rothschild-Boulevard schon entsetzt in die Zelte rennen. Mein Gott, was fĂŒr ein Schmock.

Und dann – wie ist denn nun der Deutsche so, im angehenden Jahre 2012?

„Er steht fĂŒr einen Patriotismus, der im guten Sinne egoistisch ist, ohne nationalistische Obertöne auskommt, friedlich und engagiert am Gelingen arbeitet – und daran zunehmend Freude findet.“

Das letzte Aufgebot der neokonservativen Halsabschneider versucht sich nun, nach dem geplatzten Staatsstreich und dem jĂ€mmerlich gescheiterten Sturmlauf gegen das Grundgesetz, der Republik und seinen Verfassungspatrioten anzubiedern. Was fĂŒr ein Albtraum der Falschheit.

Ich habe mir die ganzen windigen, versteckten und verschĂ€mten EingestĂ€ndnisse der krachenden Niederlage einer ganzen Generation antidemokratischer Traditionen ziemlich genau angesehen. An der Rede Helmut Schmidts auf dem SPD-Parteitag am 4.Dezember zum Beispiel ist vieles auf grausame Weise amĂŒsant. Zwei SĂ€tze aber schienen niemandem so Recht aufzufallen:

„Gewiß wird Europa auch im 21. Jahrhundert aus Nationalstaaten bestehen, jeder mit seiner eigenen Sprache und mit seiner eigenen Geschichte. Deshalb wird aus Europa gewiß kein Bundesstaat werden.“

Gewiß, gewiß, Herr Schmidt. Es war selbstverstĂ€ndlich Ihre weise Entscheidung. Von selbst wĂ€rÂŽ der plötzlich so nette, schöne, demokratische Deutsche, auf den alle von sich selbst schließen, ja nie drauf gekommen.

Ach, da fÀllt mir ein..

„Angela Merkel möchte nicht gestört werden – nicht von der Partei, nicht vom Parlament und nicht vom BundesprĂ€sidenten. Das wĂ€re ihr die liebste Konstellation fĂŒr das Regieren. Aber das sieht unsere bundesdeutsche Demokratie eben anders vor.“

Ach nee. „Unsere bundesdeutsche Demokratie“, ja? Frank. Das freut mich jetzt aber….

Und wen haben wir denn da? Ist das ein Schwan, den ich da vor mir sehe? Oder doch nur ein flux umbemaltes Entlein?

„..auch grĂŒndliche parlamentarische Diskussionen schrĂ€nkt sie, sehr zum Ärger des christdemokratischen BundestagsprĂ€sidenten Lammert, wo immer sie kann, ein. In einem Brief an die Kanzlerin mahnte er eine dem Grundgesetz angemessenere Beachtung des Bundestages beim Ausstieg aus der Atomenergie an.“

Wer wissen will, worĂŒber sich der BundestagsprĂ€sident Norbert Lammert bei Kanzlerin Angela Merkel tatsĂ€chlich beschwerte, kann dies hier, hier und hier nachlesen. Wer nachlesen will, ob sich darĂŒber auch Frank-Walter Steinmeier oder Gesine Schwan beschwerten, wird das allerdings vergeblich versuchen, weil sie das nĂ€mlich nicht taten – im Gegenteil. Frank-Walter Steinmeier hat sich bei Kanzlerin Merkel immer nur ĂŒber eins beschwert: nĂ€mlich daß ihr das nicht gelungen ist, worĂŒber sich BundestagsprĂ€sident Norbert Lammert bei Merkel beschwert hat.

Wer sich also dieser Tage ĂŒber Lobreden auf die deutsche Demokratie wundert, die von genau denen gehalten werden die sie Zeit ihres Lebens mit Stiefeln getreten haben, der sollte dies als Zeichen nehmen, daß diese Stiefel nun an einer schweren Kette liegen.

George Orwell lĂ€sst in seinem Buch „1984“ den Folterer und FunktionĂ€r der Inneren Partei folgende Worte sprechen:

„Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft ausmalen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt – immer und immer wieder.“

Wollen Sie meine Version der Zukunft wissen? Ein Licht das aufgeht, in der Welt – immer und immer wieder.