Einer Supermacht die Stirn bieten

WikiLeaks hat uns wieder einmal in das kalte Wasser der Realität getaucht:

„Als das Fahrzeug sich Posten 7 näherte, gaben die Marinesoldaten an der Kontrollstelle Signale mit Händen und Armen, aber das Fahrzeug reagierte nicht. Die Marinesoldaten gaben ein Leuchtzeichen, als sich das Fahrzeug 200 m südlich vom Posten befand, doch das Fahrzeug fuhr weiter.

„Der Marinesoldat des Postens gab daraufhin (30) Schüsse vom Kaliber 7,62 mm ab, worauf das Fahrzeug die Abgrenzung der ‚Nicht-Überschreiten-Linie’ 50m südlich von Posten 7 durchbrach, ehe es stehen blieb ...

„Der einschreitende Marinesoldat des Postens 7 konnte die Insassen des Fahrzeugs nicht erkennen, da die Windschutzscheibe die Sonne reflektierte. Die EOF resultierte in (1) NKIA und (4) NWIA. Alle Opfer befanden sich in dem Fahrzeug. Das (1) NKIA war eine erwachsene IZ Frau (Mutter). Die (4) NWIA bestanden aus: (1) NWIA erwachsen IZ männlich, Vater, (1) NWIA erwachsen IZ weiblich (Tochter), und (2) NWIA Kinder IZ weiblich (Töchter). Im Fahrzeug befand sich ein weiteres IZ Kind (Tochter), das nicht verwundet war. Die (4) NWIA wurden in das Hospital von Fallujah gebracht. I 3/8 brachte die weibliche IZ KIA zu dem Iman der Al Subiahat und übergab sie diesem.“

EOF: escalation of force (Eskalation der Gewalt). NKIA: national killed in action (Einheimischer, d.i. Iraker bei der Kampfhandlung Getöteter). NWIA: national wounded in action (Einheimischer bei der Kampfhandlung Verwundeter). IZ: International Zone (Internationale, d.i. „Grüne“ Zone).

Vergangene Woche publizierte die Website, die der Supermacht die Stirn bietet, in Zusammenarbeit mit unbekanntem Militärpersonal der Vereinigten Staaten von Amerika 391.832 Feldberichte aus dem Irak – SIGACTs, in Militärsprech (SIGnifikante ACTionen im Krieg) – darunter der oben geschilderte Zwischenfall an der Kontrollstelle. Sie sind alle im gleichen Stil verfasst, mit dem Gefühlsgehalt von Listen in einer Fleischfabrik.

Dieses außergewöhnliche Leck selbst ist ein SIGACT – eine direkte Durchdringung des Bereiches militärischer Geheimhaltung und öffentliche Zurschaustellung des Krieges in seiner Roheit – frei von Verdrehungen und Propaganda. Deswegen auch die ganze Aufregung vom militärischen Standpunkt aus. Keine kriegerische Unternehmung kann sich halten ohne strenge Informationskontrolle und Aufrechterhaltung ihrer intakten zentralen Botschaft: Wir sind gut und unsere Feinde sind böse.

Soweit ich das beurteilen kann, besteht die hauptsächliche Bedeutung des Lecks in der schieren Tatsache seiner Existenz: dass das überhaupt möglich ist. Nachdem WikiLeaks im vegangenen Sommer einen ähnlichen Bestand von Feldberichten veröffentlicht hatte, griff das Pentagon zum Brustton moralischen Ernstes, um die Website zu verteufeln. „Die Wahrheit ist,“ so Mike Mullen, Chef des Generalsstabs, „dass sie bereits an ihren Händen das Blut eines jungen Soldaten oder das einer afghanischen Familie haben könnten“ – und das aus der Zentrale der Kriegsverbrechen, von den blutbeflecktesten Tätern auf dem Planeten. Die Schadensbegrenzung beginnt mit dem Ausdruck von Ehrerbietung für „unsere Soldaten“ und all die anderen Unschuldigen, anderweitig bekannt als Kanonenfutter für unsere mutwilligen und aggressiven Kriege.

Die Feldberichte aus der Zeit zwischen Mai 2004 und März 2009 führen insgesamt 109.032 Getötete im Krieg gegen den Irak an: 66.081 werden als Zivilpersonen aufgelistet; 23.984 als Insurgenten; 15.196 als irakische Regierungskräfte; und 3.771 als Koalitionskräfte.

Unter den weiteren Enthüllungen: rund 1.300 Vorfälle von Folter von Gefangenen, einschließlich Vergewaltigung und Mord durch irakische Sicherheitskräfte wurden von Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika auf dem Dienstweg berichtet, wurden aber nie untersucht; und 832 Iraker wurden an Kontrollstellen getötet, von denen 681 Zivilisten waren, darunter 30 Kinder.

Blut an unseren Händen!

„Die Berichte machen klar, dass weitaus die meisten Zivilpersonen von anderen Irakern getötet wurden,“ schrieben Sabrina Tavernise und Andrew W. Lehren letzte Woche in der New York Times, und spielten damit geschickt die amerikanische Verantwortung für den Schrecken herunter, dem der Irak in den letzten mehr als sieben Jahren ausgesetzt war. Der Artikel behandelt einige der von den Vereinigten Staaten von Amerika betriebenen Schlächtereien, die in den Feldberichten beschrieben werden, darunter das, was als „Missverständnisse“ an den Kontrollstellen bezeichnet wird, aber er drückt sich – wie alle Massenmedien der Vereinigten Staaten von Amerika die ganze Zeit über – vor dem, was als „Nürnberg-Signifikanz“ der WikiLeaks-Enthüllungen bezeichnet werden könnte.

Robert Parry, der ehemalige AP-Reporter, der viele der Iran-Contra-Geschichten in den 1980ern an die Öffentlichkeit gebracht hatte, brachte es vor einigen Tagen in Consortium News in dieser Weise zum Ausdruck:

„Bei der Beurteilung der von den Nazis entfesselten Barbarei identifizierte der Nürnberger Gerichtshof den ‚Aggressionskrieg’ als ‚das größte internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur dadurch unterscheidet, als es in sich das gesammelte Übel des Ganzen umfasst.'

„Was diese Richter meinten war, dass jedes Übel, das eine Folge des Krieges ist – die Tötung von Zivilisten, die brutalen Handlungen der Soldaten, die Verwüstungen durch Hunger und Krankheiten, die Zerstörung von Häusern und Fabriken, die Folterungen und all die weiteren Kriegsverbrechen – auf das ursprüngliche Verbrechen der Invasion zurückgeführt werden kann.“

Wir begannen diesen Krieg und zerschlugen damit das Land Irak. Wir tragen die Verantwortung für „das gesammelte Übel des Ganzen“ – das viel größer ist als die Statistiken und ungeschminkten Details der Enthüllungen auf WikiLeaks. Amerikanische Soldaten verfassten keine Feldberichte über Umweltschäden, eskalierende Quoten von Krebs und Fehlgeburten, oder über ihr eigenes posttraumatisches Syndrom, wobei diese höllischen Konsequenzen ebenfalls auf das Verbrechen zurückgehen, das wir am Anfang des letzten Jahrzehnts begonnen haben – mit Unterstützung so gut wie der gesamten Medienszene.

Ich applaudiere WikiLeaks, weil sie es wagen, den Verbrechern in den oberen Rängen der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika das Kleid der Ehrsamkeit herunter zu reißen.

Erschienen am 28. Oktober 2010 auf antikrieg.com

Robert Koehlers Artikel erscheinen u.a. bei HUFFINGTON POST und www.antiwar.com

Die Weiterverbreitung des Textes ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen!

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