Avnery: Israel und das Ende der "zionistischen Linken"
Jerusalem: Wenig wird ĂŒber politische MachtkĂ€mpfe, kulturelle Hegemonien und den Aufbau des Parteien-Establishments im ganz normalen Staat Israel berichtet. Eine besondere Rolle, wie ĂŒberall in den kapitalistischen LĂ€ndern der „westlichen“ Welt, kommt auch hier den „Linken“ zu: die der Versager, der Wegducker und der Jammerlappen. In Israel fĂ€llt diese Rolle u.a. der Meretz-Partei zu. Doch die schmiss jetzt ihren langjĂ€hrigen Chef Yossi Beilin raus – ein langjĂ€hriges Drama fand einen weiteren Höhepunkt, in einem der vielen Staaten der Welt, in dem neuerdings – völlig ungerĂŒhrt und durch eine unterwĂŒrfige „Linke“ liebevoll bedient – die extreme Rechte an der Regierung sitzt und machen kann, was sie will.
Hier nun der neue Brief aus Israel, von Uri Avnery. Wie immer ins Deutsche ĂŒbersetzt und erschienen auf „Lebenshaus Alb“.
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Das Beilin-Syndrom
Von Uri Avnery, 29.12.2007
MEPHISTO, der DĂ€mon aus Goethes monumentalem Drama, der Faust seine Seele abkaufte, bezeichnete sich selbst als âein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.â
Yossi Beilin, der diese Woche als Vorsitzender der Merez-Partei zurĂŒcktrat, ist genau das Gegenteil von Mephisto: er will immer das Gute und schafft all zu oft das Böse.
DIE âSIEDLUNGSBLĂCKEâ sind dafĂŒr ein eklatantes Beispiel. Es war Beilin, der diesen Terminus vor zwölf Jahren erfunden hat. Er wurde in jene Abmachung mit aufgenommen, das als âBeilin-Abu-Mazen-Abkommenâ bekannt wurde.
Die Absicht war gut. Beilin glaubte, wenn die meisten Siedler auf einige begrenzte Gebiete in der NĂ€he der GrĂŒnen Linie beschrĂ€nkt blieben, dann wĂŒrden sie in ihrer Gesamtheit mit einem RĂŒckzug vom Rest der Westbank einverstanden sein.
Das tatsĂ€chliche Ergebnis war verheerend. Die Regierung und die Siedler nutzten die Gelegenheit aus. Die Genehmigung der âzionistischen Friedensbewegungâ wurde zur Schau gestellt wie das Kosher-Zertifikat an der Wand eines Metzgers, der Schweineschnitzel verkauft. Die Siedlungsblöcke wurden in unglaublicher Geschwindigkeit vergröĂert und wurden richtige StĂ€dte (wie z.B. Maale Adumin, der Etzion-Block und Modiin Illit).
Seit Dutzenden von Jahren hatten die USA darauf bestanden, dass alle Siedlungen das Völkerrecht verletzen. Aber die gewĂ€hrte Anerkennung der âSiedlungsblöckeâ ermöglichte es PrĂ€sident George W. Bush, seinen Standpunkt zu verĂ€ndern und âisraelische Bevölkerungszentrenâ in der Westbank anzuerkennen. Haim Ramon, der in der Vergangenheit Beilins Partner in der Gruppe der âacht Taubenâ innerhalb der Laborpartei gewesen war, ging sogar noch weiter: er initiierte die Trennungsmauer, die praktisch die âSiedlungsblöckeâ fĂŒr Israel annektiert.
Aber Beilins brillante Idee verringerte nicht im Geringsten die Opposition der Siedler zu einem RĂŒckzug aus der restlichen Westbank. Im Gegenteil: sie verhindern weiterhin die Auflösung von auch noch so kleinen SiedlungsauĂenposten. Nichts Gutes ist aus dieser Idee erwachsen. Die Folgen waren nur schlecht.
MAN KANN nun fortfahren, Beilins brillante Ideen aufzuzĂ€hlen. Wie in dem Lied des frĂŒheren Meisterkomödianten (und gegenwĂ€rtigem orthodoxen Rabbiner) Uri Zohar: âDer jĂŒdische Kopf erfindet Patente fĂŒr uns.â In Israels politischer und diplomatischer Arena gibt es keinen Kopf, der produktiver wĂ€re als Beilins.
Ich weiĂ nicht, welche Rolle Beilin bei der Erfindung der Patente genau spielte, die bei der Camp-David-Konferenz 2000 vorgefĂŒhrt wurden. Zum Beispiel bei der Idee, dass Israel die Herrschaft ĂŒber den Tempelberg fordern solle – aber nur unter der OberflĂ€che. Dies befriedigte die israelische Rechte nicht, erschreckte aber die PalĂ€stinenser, die fĂŒrchteten, dass Israel beabsichtige, die islamischen heiligen StĂ€tten zu untergraben, bis sie zusammenstĂŒrzen wĂŒrden, um sie schlieĂlich durch den dritten jĂŒdischen Tempel zu ersetzen. Der nĂ€chste Schritt war Ariel Sharons âBesuchâ an dieser sensiblen Stelle, der die 2. Intifada auslöste.
Nach den Wahlen von 2006 hatte Beilin eine andere brillante Idee: Avigdor Liberman zu einem freundschaftlichen FrĂŒhstĂŒck einzuladen, ĂŒber das dann in aller Breite öffentlich berichtet wurde. Die Absicht war zweifellos gut (selbst wenn ich sie nicht ergrĂŒnden kann), aber das Ergebnis war katastrophal: es gab Liberman ein âlinkesâ Kosher-Zertifikat, das es Ehud Olmert ermöglichte, ihn in seine Regierung aufzunehmen.
Danach verkĂŒndete die Meretz-Partei, dass sie unter keinen UmstĂ€nden mit in einer Regierung sitzen wĂŒrde, die Liberman einschlieĂe. Aber man kann Rosemaryâs Baby nicht wieder in den Mutterleib zurĂŒckbringen. Liberman bleibt in der Regierung, Meretz bleibt drauĂen. Jetzt erklĂ€rt Olmert den Amerikanern, er könne weder einen einzigen SiedlungsauĂenposten auflösen noch ĂŒber âKernproblemeâ des Konfliktes reden, weil dann Liberman die Koalition zum Einsturz brĂ€chte.
TatsĂ€chlich ist Beilin sehr groĂzĂŒgig dabei, Kosher-Zertifikate an Mitglieder der extremen Rechten zu verteilen. Am Vorabend von einer der jĂ€hrlichen Massendemos der zionistischen Linken in Erinnerung an Yitzhak Rabin verkĂŒndete er, dass er bereit sei, zusammen mit General Effi Eitan, einem der FĂŒhrer der extremsten Rechten, dorthin zu kommen. Er hatte GlĂŒck – es wurde nichts daraus.
Es muss irgendwelche Verbindungen zwischen diesen Ideen und seinem Standpunkt an entscheidenden Stellen geben. Zum Beispiel: seine UnterstĂŒtzung fĂŒr Ariel Sharons Trennungsplan, ohne die Bedingung zu stellen, mit den PalĂ€stinensern ein Abkommen zu schlieĂen. Die Folge davon: der Gazastreifen wurde in das âgröĂte GefĂ€ngnis der Weltâ verwandelt.
Und noch schlimmer: die entschiedene UnterstĂŒtzung Beilins fĂŒr den 2. Libanonkrieg wĂ€hrend seiner ersten und kritischsten Phase. WĂ€hrend des Krieges schlug er sogar noch einen Angriff auf Syrien vor. Erst in der vierten Woche nach stĂŒrmischen Antikriegs-Demonstrationen begann Beilin Kritik zu Ă€uĂern und lieĂ Meretz eine eigene Demonstration organisieren.
AUF DER andern Waagschale liegen zwei von Beilins groĂen und positiven politischen BeitrĂ€gen: die Prinzipien-ErklĂ€rung von Oslo und die Genfer Initiative.
Sein Anteil an Oslo war sicher bedeutsam. Aber er verhinderte nicht, dass es zwei schwarze Löcher in diesem Abkommen gab: man lieĂ die entscheidenden Wörter âPalĂ€stinensischer Staatâ aus, und man vermied das eindeutige Verbot einer Fortsetzung der SiedlungsaktivitĂ€ten.
Diese beiden Fehler haben das Abkommen begraben. Die Verhandlungen fĂŒr ein dauerhaftes Friedensabkommen, die 1999 hĂ€tten abgeschlossen sein sollen, hatten nicht einmal begonnen. Die Siedlungen wurden schnell vergröĂert, wĂ€hrend alle ĂŒber Frieden sprachen.
Die Genfer Initiative war andrerseits vollstĂ€ndig ein Produkt Beilins. Sie hĂ€tte seine Karriere krönen können. Ihre öffentliche Bekanntgabe wurde zu einem internationalen Ereignis. Die MĂ€chtigen der Erde gaben ihren Segen dazu. Es schien, als ob sie dem Friedensprozess einen entscheidenden AnstoĂ geben wĂŒrden.
Dazu kam es nicht. Ariel Sharon wischte sie mit dem HandrĂŒcken vom Tisch. Er kĂŒndigte den âTrennungsplanâ an und zog so die nationale und internationale Aufmerksamkeit von der Genfer Initiative ab.
Das hĂ€tte nicht das Ende der Initiative sein mĂŒssen. Es hĂ€tte eine groĂe Kampagne in Israel und in aller Welt geben mĂŒssen. Von jeder Kanzel hĂ€tte davon gepredigt, immer und immer wieder hĂ€tte sie auf die Agenda gesetzt werden mĂŒssen. Doch dann beging Beilin den gröĂten Fehler seines Lebens: er wollte den Vorsitz von Meretz ĂŒbernehmen â- und gewann.
DER IRRTUM war vom ersten Augenblick an klar: es gibt einen grundsĂ€tzlichen Widerspruch zwischen der Funktion eines ParteifĂŒhrers und der Aufgabe des Propheten von Genf, einer Person, die total mit der Initiative gleichgesetzt wird und zu Hause und im Ausland ihr Hauptanwalt ist.
Wenn der Initiator der Genfer Initiative der fĂŒhrende Kopf von Meretz wird, dann verkrĂŒppelt er die Initiative und macht sie zur Plattform einer kleinen Partei. Andrerseits macht er Meretz zu einer âone-issueâ- Partei. Beide – die Initiative und die Partei – verlieren dabei.
Eine so intelligente Person wie Beilin hÀtte dies eigentlich verstehen sollen. Ich hege jedoch den Verdacht, dass zwei Seelen in ihm kÀmpfen: die Seele eines Mannes, der Ideen produziert und die Seele eines ParteifunktionÀrs. Er ist nicht damit zufrieden, nur das eine zu sein.
Dieser Fehler hat einen hohen Preis. In dieser Woche war Beilin gezwungen, seinen RĂŒcktritt aus der Meretz-ParteifĂŒhrung zu verkĂŒnden.
Diese Partei hat eine mysteriöse Eigenschaft. Sie verschlingt ihre Parteivorsitzenden. Als erstes ihre GrĂŒnderin, Shulamit Aloni – sie wurde praktisch rausgeschmissen. Derjenige, der das tat, war Yossi Sarid. Auch er wurde gezwungen, zurĂŒck zu treten, als die Partei von zwölf auf sechs Sitze schmolz und so von einer mittelgroĂen zu einer kleinen Partei wurde. Nach den letzten Wahlen – unter Beilin – waren es dann nur noch fĂŒnf Sitze.
Unter seiner FĂŒhrung war Meretz ein seltsamer Vogel: weder eine richtige Oppositionspartei, noch gehörte sie zur Koalition. Beilin wuchs im Establishment auf und selbst dann, wenn er offiziell in der Opposition ist, denkt und benimmt er sich wie ein Mitglied des Establishments. Unter seiner FĂŒhrung hat die Meretz-Partei nicht nur Sharons âTrennungsplanâ und Olmerts Libanonkrieg unterstĂŒtzt, sondern seitdem flirtet Beilin sogar offen mit dem MinisterprĂ€sidenten. Selbst als die groĂe Mehrheit im Land zu der Schlussfolgerung gelangte, dass Olmert fĂŒr seinen Job ungeeignet sei, gab ihm Beilin ein Kosher-Zertifikat.
Er sagt, er glaube, Olmert wĂŒnsche ernsthaft Frieden. Unter Beifall zitiert er AussprĂŒche des âneuen Olmertâ: âMein Vater hatte Unrecht und Ben Gurion hatte Rechtâ (Olmerts Vater war ein unerschĂŒtterliches Irgun-Mitglied.) und âIsrael ist verlorenâ, wenn es nicht die Zwei-Staatenlösung erfĂŒllt. Das sind schön klingende SĂ€tze – doch bewegt sich Olmert genau in die Gegenrichtung, vermeidet ernsthafte Friedensverhandlungen und fĂŒhrt im Gazastreifen Krieg. Jetzt scheinen die Meretz-Leute genug zu haben.
Wenn eine Partei seine FĂŒhrer rauswirft, so ist das immer traurig. Aber dies ist nicht das erste Mal; es geschah Beilin nun zum zweiten Mal. Das lĂ€sst Fragen aufkommen.
Von frĂŒher Jugend an wuchs er in der Laborpartei auf und war einer der viel versprechenden Pflegekinder von Shimon Peres. Als stellvertretender AuĂenminister hatte er die Möglichkeit, seine unermĂŒdliche KreativitĂ€t voll entfalten zu können. Aber dann kam Ehud Barak zur Macht, jemand der die unheimliche FĂ€higkeit hat, die falsche Person auf den falschen Platz zu setzen. Beilin wurde zum Justizminister ernannt, ein Job, der seine besonderen Talente lĂ€hmte.
Am Vorabend der nĂ€chsten Wahlen verbannte die Labor-Partei Beilin an einen hoffnungslosen Platz auf ihrer Knessetliste. Aus Wut und Frustration verlieĂ er die Partei, schlug die TĂŒr hinter sich zu und schloss sich Meretz an. Nun ist er dort praktisch auch rausgeworfen worden.
Beilin hat nicht wie Shulamit Aloni und Yossi Sarid vor, ânach Hause zu gehenâ. Sein unermĂŒdlicher Geist ist schon wieder dabei, neue PlĂ€ne auszuhecken. In Interviews, die er in letzter Zeit gegeben hat, prophezeit er eine grundlegende Wende in der politischen Landschaft und die Schaffung einer neuen politischen Kraft, die Mitglieder von Kadima, Labor und Meretz einschlieĂen wird. Vermutlich stellt er sich vor, dass diese Partei von Olmert angefĂŒhrt und dass Beilin in ihr eine zentrale Rolle spielen werde. Diese neu zu grĂŒndende Partei wĂŒrde dann Benjamin Netanyahu und Ehud Barak den Kampf ansagen.
Das ist zwar eine interessante Idee, aber die Chancen fĂŒr ihre Realisierung sind gleich null.
BEILINS PROBLEME gehen ĂŒber seine persönliche Geschichte hinaus. Sie symbolisieren die Tragödie des Lagers, das sich âZionistische Linkeâ nennt. Wahrscheinlich steckt allein schon im Namen das Problem.
Dieses Lager wurde vor hundert Jahren geboren und es scheint, dass es sich nie mit Selbstkritik befasst hat. In seinem letzten Interview verwendet Beilin die ganze Terminologie des zionistischen Establishments. Wie jeder dort nennt er die palĂ€stinensischen KĂ€mpfer im Gazastreifen âTerroristenâ. In seiner Werteordnung âist es wichtig, dass ein Junge den Rang eines ausgezeichneten Soldaten erreichtâ und natĂŒrlich, âwenn Israel aufhört, ein jĂŒdischer Staat zu sein, dann habe ich kein Interesse mehr an ihm.â
Mit solchen Ansichten kann das zionistische Friedenslager keine kĂ€mpfende politische Kraft werden, keinen wirklichen Kampf der Opposition fĂŒhren, keine VerĂ€nderung im Land verursachen. Und das ist mehr als nur ein persönliches Problem Yossi Beilins.
Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz, vom Verfasser autorisiert
Quelle:
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/004790.html
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