CIA-Atomschmuggel-Affäre in der Schweiz: Tinner-Familie besass Baupläne für Atomwaffen

Das Khan-Netzwerk lieferte an Libyen und Iran - mit Hilfe westlicher Geheimdienste

Bern: Die ganze Dimension der Atomschmuggel-Affäre in der Schweiz wird nach und nach sichtbar. Gestern bestätigte der Schweizer Bundespräsident, Pascal Couchepin, vor der Presse, dass die nach einem im Oktober 2004 eröffneten Ermittlungsverfahren festgenommenen CIA-Agenten Friedrich Tinner, sowie seine beiden Söhne Marco und Urs (Foto: Urs Tinner), u.a. detaillierte Pläne zum Bau von Atomwaffen und Gaszentrifugen zur Anreicherung von waffenfähigem Uran in ihrem Besitz hatten.


Diese Unterlagen wurden, zusammen mit weiteren 100 Bundesordnern voll Beweisen und Belegen im Zuge dieses Verfahrens gegen die mutmasslichen CIA-Atomschmuggler, auf Antrag des damaligen Justiz- und Polizeiministers Christoph Blocher im November 2007 durch die Schweizer Regierung vernichtet (Radio Utopie berichtete vorgestern dazu.)
Vertuscht werden sollte auch eine im 2004 stattgefundene Razzia der CIA in der Wohnung der Tinner-Familie. Der US-Auslandsgeheimdienst vernichtete und kopierte dabei stundenlang und in aller Seelenruhe Beweise und Unterlagen über ihre Agenten, während angeblich die Schweizer Behörden nichts davon mitbekamen, obwohl sie seit Oktober 2004 wussten dass die von ihnen festgenommenen Verdächtigen im Besitz von Bauplänen für Atomwaffen waren.

Geradezu zynisch mutet jetzt die gestern abgegebene Erklärung des Schweizer Bundespräsidenten Couchepin an:
Der Entscheid zur Aktenvernichtung vom November 2007 sei gefällt worden, um zu verhindern, dass die Informationen in den sichergestellten Dokumenten und Datenträgern "in die Hände einer terroristischen Organisation oder eines unberechtigten Staates" gelangen könnten.
Nun muss man sich vor allem erstmal fragen woher diese Baupläne für Atomwaffen überhaupt kamen, wie sie in die Hände der CIA-Atomschmuggler vom weltweiten Netzwerkes des pakistanischen Wissenschaftlers und Atomspions A.Q.Khan gelangen konnten und wohin sie geliefert wurden.

Denn laut der Enthüllungs-Story der Schweizer "Blick"-Story vom 7.Februar 2008 besass die Tinner-Familie "Protokolle, Pläne, Zeichnungen" die nach Libyen geliefert wurden.
Im Jahre 2003 aber hatte der libysche Machthaber Gaddafi der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA Pläne eines Atomsprengkopfes übergeben, welche ihm vorher mit Hilfe des international agierenden Khan-Netzwerkes geliefert worden waren.
Auch war ihm angereichertes, atomwaffentaugliches Uran geliefert worden (wir berichteten vorgestern).

Involviert waren waren "Geschäftsleute" aus Malaysien, Südafrika, Grossbritannien, Deutschland und der Schweiz, u.a. der in Deutschland geborene Schweizer Ingenieur Gotthard Lerch, ehemals leitender Angestellter der Firma “Heraeus-Leybold” in Hanau am Main.

Laut Aussage des Mannheimer Staatsanwaltes Peter Lintz gegenüber der Presse im April 2004 haben Lerch, der Schweizer Urs Tinner, der Brite Peter Griffin, sowie der in Malaysien ansässige Finanzchef A.Q.Khans, Buhary Seyed Abu Tahir, bei der Erstellung einer kompletten Atomanlage in Libyen zusammengearbeitet.

Sie hätten die Produktionsstätten nach Südafrika, Malaysien, die Türkei und die Schweiz ausgelagert, so Staatsanwalt Lintz.

Bereits im März 2003 war in der Presse offen über eine Unterwanderung des Khan-Netzwerkes durch westliche Geheimdienste wie den CIA und den britischen MI6 gesprochen worden.

Der Brite Griffin wurde durch französische Dienste verhört, lebt jetzt in Frankreich und war laut Medienberichten offenbar britischer MI6-Agent. Er wurde nie inhaftiert.

Röhren der deutschen Firma Pfeiffer Vakuum wurde in das US-Atomzentrum in Los Alamos geliefert, nicht an Iran oder Libyen. Dort tauchten sie aber anschliessend auf.

Urs Tinner wurde vor März 2006 in Deutschland festgenommen und inhaftiert. Was er aussagte, blieb geheim. Die Akten kam nie beim Prozess gegen Lerch an.
Auch Khans Finanzexperte Tahir sagte gegenüber der deutschen Bundesanwaltschaft aus - doch nur mit dem Hinweis, er würde dies nicht vor Gericht wiederholen. Dabei blieb es.
Weder Tahir, Griffin, einer der Tinner-Familie, noch andere Zeugen wie der Deutsche Gerhard Wisser oder der Schweizer Daniel Geiges sagten im Prozess gegen Lerch aus.

Im Juli 2006, knapp 2 Monate nach der Stellungnahme von Staatsanwalt Lintz gegenüber der Presse, platzte der Prozess gegen Lerch dann plötzlich, wegen "unerklärlichen" Verhaltens der deutschen Bundesanwaltschaft, so der Richter.

Dabei gab es bereits damals Informationen, dass Lerch bereits in den 80ern bei Leybold-Heraeus Pläne für Gerätschaften zur Urananreicherung kopiert und in die Schweiz verkauft haben soll. Offenbar war er damals bereits Spion.
Erkenntnisse des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND fehlten in den Gerichtsakten. Ermittlungsakten gegen Lerch wurden nicht vorgelegt.
Insgesamt 13 Mal wurden von der Bundesanwaltschaft widerwillig Akten nachgeliefert und auch nur auf ausdrückliche Nachfrage des Gerichts.
Bundesanwaltschaftssprecher Ullrich Schultheis damals: das sei alles ganz normal. Schliesslich habe man 2005 das gesamte Verfahren nach Mannheim abgegeben - und damit alle Akten.
Obwohl man 13 Mal hatte nachliefern müssen

Die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts sei damals weggefallen, so der Sprecher Schultheis, weil bei der Auslieferung des Verdächtigen aus der Schweiz der Vorwurf des Landesverrats ausgeklammert worden sei. Teile der Akten seien aber beim Bundeskriminalamt (BKA) und beim Zollkriminalamt (ZKA) geblieben.
Auch dass Lerch erst Ende 2004 (!) festgenommen wurde - durch die Schweizer Behörden - macht stutzig.

Ein Nachtrags-Rechtshilfe-Ersuchen an die Schweizer Behörden blieb laut Aussage von Richter Seidling im Laufe des Verfahrens gegen Lerch einfach unbeantwortet.
Das Gleiche galt für eine Anfrage in Liechtenstein.

Diesen Sommer soll es nun eine Neuauflage des Prozesses gegen Gotthard Lerch geben, der nie wegen irgendwelcher Vergehen verurteilt wurde.

Zurück in die Schweiz:
Die 100 Bundesordner voll mit Unterlagen bezüglich des Falls der inhaftierten mutmasslichen CIA-Atomschmuggler der Tinner-Familie, waren im Februar 2008 laut der "Blick"-Story noch gar nicht vernichtet, trotz des im November 2007 durch den Schweizer Bundesrat gefassten Beschluss.
Am 12.Dezember 2007 wurde Justiz- und Polizeiminister Blocher abgewählt, seitdem hat seine SVP-Parteikollegin Eveline Widmer-Schlumpf die Verantwortung für die Akten.

Sind die Akten überhaupt vernichtet worden? Und wenn ja, warum dann unter der Verantwortung von Blocher-Nachfolgerin Widmer-Schlumpf?

Warum sollen Friedrich, Marco und Urs Tinner demnächst "gegen Kaution" entlassen werden?

Die brisanteste Frage aber stellt sich hinsichtlich der vorgestern von uns berichteten Lieferung von Materialien für Atomwaffen auch in den Iran, unter aktiver Beteiligung westlicher Behörden und Geheimdienste. Wurden die bei den Tinner-Brüdern gefundenen Pläne zum Bau von Atomwaffen ebenfalls nach Teheran geliefert?

Es wäre die sowohl teuflischste als auch logischste Methode einen Atomkrieg zu führen - ihn vorher erst möglich zu machen.

(...)

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