Halleluja, die Welt ist gegen uns!

EINE LOKALE Fernsehstation berichtete uns in dieser Woche von einer Gruppe Israelis, die an Verschwörungstheorien glauben.

Sie glauben, dass George W. Bush die Zerstörung der ZwillingstĂŒrme plante, um seine niedertrĂ€chtigen PlĂ€ne voran zu bringen. Sie glauben, dass die großen pharmazeutischen Gesellschaften den Schweinegrippenvirus verbreitet hĂ€tten, um ihre wertlosen Impfstoffe zu verkaufen. Sie glauben, dass Barack Obama ein Geheimagent des militĂ€rischen Industriekomplexes sei. Sie glauben, dass dem Trinkwasser Fluoride beigegeben werden, um MĂ€nner zu sterilisieren, damit die Menschheit um genau zwei Milliarden reduziert wird.

Ich frage mich, warum sie noch nicht die ruchloseste Verschwörung entdeckt haben: diejenige, die von der antisemitischen Bande ausgefĂŒhrt wird, die die Regierung Israels ĂŒbernommen hat und sie benĂŒtzt, um den jĂŒdischen Staat zu zerstören.

BEWEIS? NICHTS leichter als das. Man muss nur die Zeitungen lesen.

Zum Beispiel der Außenminister. Wer außer einem diabolischen Antisemiten könnte ausgerechnet Avigdor Lieberman fĂŒr diesen Posten ernannt haben? Der Job eines Außenministers ist, Freundschaften zu schließen und die Welt zu ĂŒberzeugen, dass bei uns alles OK ist. Lieberman arbeitet hart und geschickt daran, dass Israel ausnahmslos von allen gehasst wird.

Oder der Innenminister. Er arbeitet von morgens bis abends, um die Verteidiger der Menschenrechte zu schockieren und um den schlimmsten Feinden Israels Munition zu liefern. KĂŒrzlich verhinderte er, dass zwei SĂ€uglinge nach Israel kommen, weil der Vater schwul ist. Er verhinderte, dass Frauen zu ihren MĂ€nnern nach Israel kommen können. Er deportiert Kinder von Gastarbeitern, die den Staat aufbauen.

Oder der Stabschef. Er ĂŒberzeugte die Regierung, die UN-Kommission wegen der Untersuchung der „Cast Lead“-Operation zu boykottieren, um so sicher zu gehen, dass es keine Reaktion auf die Anklagen gegen die IDF gibt. Und seit der Veröffentlichung ihres Berichtes hat er versucht, eine weltweite Diffamierungskampagne gegen den jĂŒdisch-zionistischen Richter Richard Goldstone zu orchestrieren.

Nun hat die IDF ihre Entscheidung angekĂŒndigt, die Flottille zu blockieren, die symbolisch VersorgungsgĂŒter in den belagerten Gazastreifen zu bringen plant. Es wird sicher Fernseh-Live-Übertragungen geben, bei der die ganze Welt den kleinen Schiffen folgt und so ihre Aufmerksamkeit auf die bösartige Blockade zieht, die seit Jahren gegen 1,5 Millionen Menschen im Gazastreifen durchgefĂŒhrt wird. Der Traum jedes Israel-Hassers.

Diese Verschwörung erreichte ihren Höhepunkt in dieser Woche, als Professor Noam Chomsky die Einreise in die Westbank verweigert wurde.

FÜR DIESE AffĂ€re gibt es keine glaubwĂŒrdige ErklĂ€rung außer einem gemeinen antisemitischen Komplott.

Anfangs dachte ich, dass dies nur die ĂŒbliche Mischung von Ignoranz und Torheit sei. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dies so nicht sein kann. Selbst in unserer gegenwĂ€rtigen Regierung kann die Dummheit nicht solche Proportionen annehmen.

Zusammengefasst geschah folgendes: der 81-jĂ€hrige Professor kam auf seinem Weg von Amman an der Allenby-BrĂŒcke ĂŒber dem Jordan an. Er wollte in der UniversitĂ€t Birzeit in der NĂ€he von Ramallah zwei VortrĂ€ge ĂŒber die US-Politik halten. NatĂŒrlich wussten die israelischen Behörden im Voraus ĂŒber sein Kommen Bescheid. Ein junger Grenzbeamter stellte ihm ein paar Fragen, kontaktierte seine Vorgesetzen im Innenministerium, kehrte zurĂŒck und stellte noch ein paar Fragen, kontaktierte noch einmal seine Vorgesetzen und stempelte in seinen Pass dann die Worte: „Einreise verweigert“.

Und welche Fragen wurden ihm gestellt? Warum er nicht an einer israelischen UniversitÀt VortrÀge halte. Und warum er keinen israelischen Pass habe.

Der Professor kehrte nach Amman zurĂŒck und vermittelte seine VortrĂ€ge ĂŒber Video. Der Vorfall wurde in aller Welt verbreitet, besonders in den USA. Das Innenministerium entschuldigte sich halbherzig und behauptete, es sei nicht zustĂ€ndig gewesen, es habe in der Verantwortlichkeit des militĂ€rischen Koordinators fĂŒr die (besetzten) Gebiete gelegen.

Das ist natĂŒrlich eine verlogene Ausrede, da in jĂŒngster Zeit das Ministerium selbst einigen Leuten, die Sympathie fĂŒr die PalĂ€stinenser zeigten, die Einreise verweigert hat, einschließlich des populĂ€ren spanischen Clowns.

EINE PERSÖNLICHE Erinnerung: vor zwölf Jahren hatte ich in London eine hitzige öffentliche Debatte mit Edward Said, dem verstorbenen palĂ€stinensischen Professor. Nebenbei erwĂ€hnte er, dass sein Freund Noam Chomsky gerade dabei sei, in einer örtlichen UniversitĂ€t einen Vortrag zu halten.

Ich eilte dorthin und sah rund um das GebĂ€ude eine dichte Menge junger Leute. Mit großer Schwierigkeit bahnte ich mir einen Weg bis zur Treppe, die zum Hörsaal fĂŒhrte, doch wurde ich von den Platzanweisern angehalten. Ich bat vergeblich und sagte, ich wĂ€re ein Freund des Referenten und ich wĂ€re extra den weiten Weg von Israel gekommen, um ihn zu hören. Sie sagten mir, dass man nicht einmal mehr eine Nadel dazwischen fallen lassen könne. So groß war seine PopularitĂ€t selbst damals schon.

Noam Chomsky ist vielleicht der gefragteste Intellektuelle der Welt. Sein Ruf geht weit ĂŒber sein akademisches Fach hinaus, die Linguistik, in dem er als Genie angesehen wird. Er ist der Guru von Millionen in aller Welt. Die Weltmedien behandeln ihn als akademische BerĂŒhmtheit.

Wenn dem so ist, was hat dann den Innenminister und/oder den Verteidigungsminister veranlasst, diesen Mann vier Stunden lang festzuhalten und dann zurĂŒckzuschicken? Eine verheerende Torheit? Böswilligkeit? RachsĂŒchtigkeit? Alles das oder vielleicht etwas anderes?

DIESE AFFÄRE hat viele verschiedene Auswirkungen.

ZunĂ€chst ist es vor allem eine Provokation gegen die palĂ€stinensische Behörde, mit der Binyamin Netanyahu direkte Friedensverhandlungen zu fĂŒhren wĂŒnscht – so sagt er wenigstens. Er spuckt ihr damit ins Gesicht.

Chomsky kam als Gast von Mustafa Barghouti, einem palĂ€stinensischen FĂŒhrer, der Gewaltlosigkeit und Menschenrechte befĂŒrwortet. Er kam, um an einer palĂ€stinensischen UniversitĂ€t VortrĂ€ge zu halten.

Was geht das Israel an? Welch eine Chuzpe ist es, die palÀstinensischen Studenten daran zu hindern, einen Referenten ihrer Wahl zu hören?

Und was sagt uns dies ĂŒber Netanyahus Reden ĂŒber „Zwei Staaten fĂŒr zwei Völker“? Was fĂŒr ein palĂ€stinensischer Staat soll das sein, wenn Israel entscheiden kann, wer einreisen darf und wer nicht? Besonders angesichts der Forderung Israels, alle GrenzĂŒbergĂ€nge im neuen Staat zu kontrollieren!

ZWEITENS. In der ganzen Welt ist eine Kampagne in vollem Gang, alle israelischen UniversitĂ€ten zu boykottieren. Nicht nur das selbst ernannte „UniversitĂ€tsinstitut“ in der Siedlung Ariel und nicht nur die Bar-Ilan-UniversitĂ€t, die half, es aufzubauen. Alle.

Mehrere VerbĂ€nde von Akademikern in Großbritannien und anderen LĂ€nden haben Resolutionen angenommen, um diesen Boykott auszufĂŒhren; andere Gruppen sind dagegen. Die Auseinandersetzung hĂ€lt an.

Die Gegner des Boykotts hissen die Flagge der akademischen Freiheit. Wohin geraten wir, wenn wir Forscher und Denker wegen ihrer Staatszugehörigkeit oder ihrer Meinung boykottieren? Der italienische Schriftsteller Umberto Eco hat seinen Kollegen einen emotionalen Brief gegen den Boykott geschrieben. Auch ich bin dagegen.

Und jetzt kommt die Regierung Israels und zieht uns den Teppich unter den FĂŒĂŸen weg. Keiner behauptet, Chomsky unterstĂŒtze Terrorismus oder komme als Spion. Seine Einreise wurde nur wegen seiner Ansichten verweigert. Dies heißt, dass akademische Freiheit nur dann gut ist, wenn es denen dient, die Israel loben und preisen, aber ist nicht mehr wert als eine Knoblauchzehe (wie man im HebrĂ€ischen sagt), wenn sie von jemandem genĂŒtzt wird, der gegen die Politik der israelischen Regierung ist.

Das ist eine direkte UnterstĂŒtzung fĂŒr die Boykotteure. Um so mehr als keine einzige israelische UniversitĂ€t oder Gruppe von Akademikern ihre Stimme protestierend dagegen erhoben hat.

DIE BEHAUPTUNG, Chomsky sei ein Feind Israels, ist lÀcherlich.

Er trÀgt einen ausgesprochen hebrÀischen Vornamen, genau wie seine Tochter Aviva, die ihn begleitete.

Ich traf ihn zum ersten Mal in den 60ern, als ich ihn in seinem voll gepfropften Zimmerchen im Massachusetts Institut of Technologie (MIT) besuchte, einer der anerkanntesten akademischen Institutionen in den USA und der Welt.

Er sprach mit Nostalgie ĂŒber den Kibbutz (Hazorea der linken Hashomer Hazair Bewegung), wo er in seiner Jugend ein Jahr lang lebte. Wir tauschten unsere Meinungen aus und kamen zur Schlussfolgerung, dass die Idee der zwei Staaten die einzige praktische Lösung sei.

Sein Vorname wurde ihm von seinen Eltern gegeben, die beide in Russland geboren wurden und in ihrer Jugend in die USA auswanderten. Die Muttersprache von beiden war Jiddish, aber sie pflegten zu Hause die hebrĂ€ische Kultur, und Noam sprach von frĂŒher Kindheit an hebrĂ€isch. In der geistigen Welt seiner Jugend waren Sozialismus und Anarchismus mit Zionismus vermischt. Seine Doktorarbeit behandelte die hebrĂ€ische Sprache.

Seit damals verfolgte ich seine Äußerungen. Niemals fand ich eine Opposition zur Existenz Israels. Was ich dort fand, war scharfe Kritik an der Politik der israelischen Regierung – dieselbe Kritik, die von den israelischen FriedenskrĂ€ften erhoben wird. Aber er ist weit kritischer gegenĂŒber den auf einander folgenden US-Regierungen, deren Politik er als die Mutter aller Übel ansieht.

Als die beiden Professoren John Mearsheimer und Stephen Walt ihr revolutionĂ€res ExposĂ© veröffentlichten, das behauptete, Israel kontrolliere durch die Israel-Lobby die US-Politik, hat Chomsky ihnen widersprochen und behauptet, das Gegenteil sei wahr: es sei die USA, die Israel wegen seiner imperialistischen Absichten ausnĂŒtze, die den wahren Interessen Israels entgegen stĂŒnden.

Was mich betrifft, so glaube ich, dass beide Thesen richtig sind. Chomskys Behauptung mag durch das gegenwÀrtige amerikanische Veto gegen die Fatah-Hamas-Versöhnung veranschaulicht werden als auch die amerikanische Intervention, die den Gefangenenaustausch gegen Gilad Shalit verhindert.

Warum also war – um Gottes willen – diesem Mann die Einreise versagt worden?

ICH HABE eine Theorie, die alles erklÀren mag.

Viele Jahrhunderte lang wurden Juden im christlichen Europa verfolgt. Antisemitismus machte ihr Leben zur Hölle. Sie wurden Opfer von Pogromen, Massenvertreibungen, sie waren in Ghettos eingesperrt, durch Edikte und Gesetze unterdrĂŒckt und diskriminiert. Im Laufe der Zeit entwickelten sie geistige und praktische Verteidigungsmechanismen, Methoden zum Überleben und Wege der Flucht.

Seit dem Holocaust hat die Situation sich radikal verĂ€ndert. In den USA leben Juden jetzt wie in einem Paradies – ohne Parallele seit dem Goldenen Zeitalter im muslimischen Spanien. Als der Staat Israel entstand, zog er weltweite Bewunderung und Sympathie auf sich.

Das war wunderbar, aber unter der OberflĂ€che des nationalen Bewusstseins – wenn man verallgemeinern darf – stellte sich ein GefĂŒhl der Beklommenheit, der Desorientierung ein. Der altbewĂ€hrte Verteidigungsmechanismus, der den Juden ein GefĂŒhl der Orientierung und Bereitschaft fĂŒr lauernde Gefahren gab, brach zusammen. Sie fĂŒhlten, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei, dass die wohl bekannten Wegzeichen keine GĂŒltigkeit mehr hatten. Wenn die Nicht-Juden die Juden lobten oder gar sich mit ihnen verbĂŒndeten, dann ist das verdĂ€chtig. Klar, dahinter verbirgt sich etwas Unheimliches. Die Dinge sind nicht mehr so, wie wir gewöhnt sind. Das ist beĂ€ngstigend.

Seitdem arbeiten wir fieberhaft, um die Situation zurĂŒckzuholen. Ohne dass es uns bewusst wird, tun wir alles, um wieder verhasst zu werden, um uns auf dem uns bekannten Grund und Boden zu Hause zu fĂŒhlen.

Wenn es eine Verschwörung gibt, dann ist es eine Verschwörung von uns selbst gegen uns selbst. Wir werden nicht ruhen, bis die Welt wieder antisemitisch ist. Dann wissen wir, wie wir uns verhalten mĂŒssen.

So wie das fröhliche Lied geht: „Die ganze Welt ist gegen uns, aber zum Teufel 
“

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.