Kunst, Wahrheit, Politik: Harold Pinter

Es gibt nur ganz wenige, die wie er widerstanden und gesprochen haben als das Schweigen am ohrenbetĂ€ubendsten, als die Nacht am tiefsten, der Sturm am gnadenlosesten, die Unterwerfung am erbĂ€rmlichsten und die Hypnose am stĂ€rksten war. Was Harold Pinter fertig brachte – und wie er viele KĂŒnstler weltweit, Michael Moore, Eminem, Madonna, Uri Avnery, ich natĂŒrlich, Tim Robbins, Susan Sarandon und Dustin Hoffman – war ein mentaler Aufstand, ein geistiger Sieg, ein standhaftes Augenaufhalten gegen die bleierne MĂŒdigkeit der Zeit angesichts von Folter und Massenmord, Lagern und Feldlagern, Krieg und schleichendem Staatsstreich gegen die Demokratien, Dekadenz und Beliebigkeit, stĂ€ndig begleitet durch die alles ersaufenden Heuchel- und Schwatzorgien der Staats- und Konzernpresse und in derem Kielwasser natĂŒrlich die alles niedersitzende Korruption.

Auch die allerletzte Verteidigungslinie – der Humor – hielt bei Harold immer stand. Das Verschmitzte, das wahrhaft Britische in seiner klaren Essenz, die FĂ€higeit ĂŒber seine schwachköpfigen Mitmenschen herzuziehen ohne ihnen den Mut zu rauben, das Zwinker-Zwinker, es blitzte bis zuletzt und auch in seiner berĂŒhmt gewordenen Abrechnung mit der Politik des sogenannten Westens insgesamt und im Speziellen mit dem Imperium USA durch.

Wie feige, wie nichtswĂŒrdig, wie unendlich hasenfĂŒssig die gesamte deutsche Presse damals an jenem 9.Dezember 2005 war…

Nein, vergessen Sie das.

Wie feige, wie nichtswĂŒrdig, wie unendlich hasenfĂŒssig die gesamte deutsche Presse ist, erkennt man bis heute an der Reaktion auf diese anlĂ€sslich des verliehenen Nobelpreises fĂŒr Literatur von Harold Pinter im Rollstuhl gehaltene Rede. Sie geisterte jetzt in minimalen Abrissen zum ersten Mal durch die Megafone des Establishments.

Aber nachdem sie von Mr.Pinter der Welt um die Ohren gehauen ward, in einer damals fĂŒr unwagbar, unmachbar und undurchfĂŒhrbaren IntensitĂ€t und Kraft, da wurde sie durch die kommmerzielle Presse einfach verschwiegen. Am nĂ€chsten Tag gab es zwar kein einziges Wort ĂŒber die dramatische Rede des sterbenden LiteraturnobelpreistĂ€gers, dafĂŒr eine ausfĂŒhrliche Berichterstattung ĂŒber den FriedensnobelpreistrĂ€ger El Baradei, den Chef der internationalen Atomenergiebehörde, der – oh Murmeltier, komm und hol uns – mit einer dieser Schwachsinns-Arien ĂŒber den „Wettlauf“ der zivilen westlichen atomaren Welt mit dem „nuklearen Terrorismus“ aufwartete. Die ARD liess es sich nicht nehmen dem IAEA-PreistrĂ€ger schon damals (nach gelungenem Irakfrieden) bei seinen nĂ€chsten Verhandlungen mit „vermuteten“ AtommĂ€chten viel Erfolg zu wĂŒnschen.

Ein Albtraum der Falschheit, den sich am besten jeder selbst im (nicht aus guten, aber verstĂ€ndlichen GrĂŒnden) zusammengetrichenen ARD-Archiv mal ansehen sollte.

Doch jetzt zur Rede. Ab jetzt spricht Harold Pinter fĂŒr sich selbst.

1958 schrieb ich folgendes:

„Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.“

Ich halte diese Behauptungen immer noch fĂŒr plausibel und weiterhin gĂŒltig fĂŒr die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor halte ich mich daran, aber als BĂŒrger kann ich das nicht. Als BĂŒrger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?

Die Wahrheit in einem TheaterstĂŒck bleibt immer schwer greifbar. Man findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist eindeutig der Antrieb unseres BemĂŒhens. Die Suche ist unsere Aufgabe. Meistens stolpert man im Dunkeln ĂŒber die Wahrheit, kollidiert damit oder erhascht nur einen flĂŒchtigen Blick oder einen Umriss, der der Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies ĂŒberhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden lĂ€sst. Es existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen, reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander zurĂŒck, sind fĂŒreinander blind. Manchmal spĂŒrt man, dass man die Wahrheit eines Moments in der Hand hĂ€lt, dann gleitet sie einem durch die Finger und ist verschwunden.

Man hat mich oft gefragt, wie meine StĂŒcke entstehen. Ich kann es nicht sagen. Es ist mir auch völlig unmöglich, meine StĂŒcke zusammenzufassen, ich kann nur sagen, dies ist geschehen. Das haben sie gesagt. Dies haben sie getan.

Die meisten meiner StĂŒcke entstehen aus einer Textzeile, einem Wort oder einem Bild. Dem gegebenen Wort folgt oft kurz darauf das Bild. Ich gebe zwei Beispiele fĂŒr zwei Zeilen, die mir urplötzlich einfielen, danach kam das Bild und dann ich.

Es sind die StĂŒcke Die Heimkehr und Alte Zeiten. Der erste Satz von Die Heimkehr heißt: „Was hast du mit der Schere gemacht?“ Das erste Wort von Alte Zeiten lautet: „Dunkel“.

Das war alles, was ich jeweils an Informationen besaß.

Im ersten Fall suchte jemand offenbar eine Schere und wollte von jemand anders, den er verdÀchtigte, sie gestohlen zu haben, ihren Verbleib erfahren. Aber irgendwie wusste ich, dass der angesprochenen Person die Schere ebenso egal war wie die Person, die danach gefragt hatte.

„Dunkel“ verstand ich als Beschreibung der Haare einer Person, der Haare einer Frau, sowie als Antwort auf eine Frage. In beiden FĂ€llen musste ich der Sache nachgehen. Dies geschah visuell, ein sehr langsames Überblenden vom Schatten ins Licht.

Wenn ich ein StĂŒck beginne, nenne ich die Personen immer A, B und C.

In dem StĂŒck, aus dem Die Heimkehr wurde, sah ich einen Mann in ein kahles Zimmer kommen und seine Frage an einen jĂŒngeren Mann richten, der auf einem hĂ€sslichen Sofa saß und eine Rennzeitung las. Ich ahnte irgendwie, dass A der Vater und B sein Sohn war, aber ich besaß keinen Beweis dafĂŒr. Meine Vermutung wurde allerdings kurz darauf bestĂ€tigt als B (der spĂ€tere Lenny) zu A (dem spĂ€teren Max) sagt: „Ich wĂŒrde jetzt gerne das Thema wechseln, ja, Dad? Ich möchte dich was fragen. Unser Essen vorhin, was sollte das darstellen? Wie heißt so was? Warum kaufst du dir keinen Hund? Der wĂŒrde so was fressen. Ehrlich. Aber du kochst hier nicht fĂŒr ein Rudel Hunde.“ Da B also A „Dad“ nennt, schien mir die Anna hme vernĂŒnftig, dass es sich bei ihnen um Vater und Sohn handelte. A war auch eindeutig der Koch, dessen KochkĂŒnste offenbar keine hohe WertschĂ€tzung genossen. Bedeutete das, dass es keine Mutter gab? Ich wusste es nicht. Aber, so sagte ich mir, anfangs wissen wir nie, worauf alles hinauslĂ€uft.

„Dunkel“. Ein breites Fenster. Abendhimmel. Ein Mann, A (der spĂ€tere Deeley), und eine Frau, B (die spĂ€tere Kate), sitzen und trinken. „Dick oder dĂŒnn?“ fragt der Mann. Von wem red en sie? Aber dann sehe ich am Fenster eine Frau, C (die spĂ€tere Anna ), sie steht in einer anderen Beleuchtung, mit dem RĂŒcken zu den anderen, ihre Haare sind dunkel.

Es ist ein merkwĂŒrdiger Moment, der Moment, in dem man Personen erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt, vollzieht sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es manchmal einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich in einer eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht mit offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig, mit ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben lassen sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit ihnen ein endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber schließlich merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, mit Menschen die einen eigenen Willen und eine individuelle SensibilitĂ€t besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht verĂ€ndern, manipulieren oder verzerren kann.

Die Sprache in der Kunst bleibt also eine Ă€ußerst vieldeutige Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.

Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man kann sie nicht vertagen, sie lÀsst sich nicht aufschieben. Man muss sich ihr stellen und zwar hier und jetzt.

Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige Probleme. Moralpredigten gilt es unter allen UmstĂ€nden zu vermeiden. ObjektivitĂ€t ist unabdingbar. Die Personen mĂŒssen frei atmen können. Der Autor darf sie nicht einschrĂ€nken und einengen, damit sie seinen eigenen Vorlieben, Neigungen und Vorurteilen genĂŒgen. Er muss bereit sein, sich ihnen aus den verschiedensten Richtungen zu nĂ€hern, unter allen möglichen Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu ĂŒberrumpeln, ihnen aber trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen Weg zu gehen. Das funktioniert nicht immer. Und die politische Satire befolgt natĂŒrlich keine dieser Regeln, sie tut tatsĂ€chlich das genaue Gegenteil und erfĂŒllt damit ihre eigentliche Funktion.

In meinem StĂŒck Die Geburtstagsfeier lasse ich, glaube ich, in einem dichten Wald der Möglichkeiten einer ganzen Reihe von Alternativen Spielraum, bevor schließlich ein Akt der Unterwerfung in den Brennpunkt rĂŒckt.

Berg-Sprache behauptet einen solchen Spielraum nicht. Das StĂŒck bleibt brutal, kurz und hĂ€sslich. Aber die Soldaten im StĂŒck haben ihren Spaß. Man vergisst manchmal, dass sich Folterer rasch langweilen. Sie mĂŒssen etwas zu lachen haben, damit ihnen die Lust nicht vergeht. Die Ereignisse in Abu Ghraib in Bagdad haben das natĂŒrlich bestĂ€tigt. Berg-Sprache dauert nur 20 Minuten, aber es könnte Stunde um Stunde immer so weitergehen, nach demselben Muster, immer so weiter, Stunde um Stunde.

Asche zu Asche andererseits scheint mir unter Wasser zu spielen. Eine ertrinkende Frau reckt durch die Wellen die Hand nach oben, sie versinkt, sucht nach anderen, aber sie findet dort niemand, weder ĂŒber noch unter Wasser, sie findet nur treibende Schatten, Spiegelungen; die Frau, eine verlorene Gestalt in einer ertrinkenden Landschaft, eine Frau, die dem Verderben, das nur anderen bestimmt gewesen zu sein schien, nicht entrinnen kann.

Doch so wie sie starben, muss auch sie sterben.

Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns vorliegenden
Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat sondern nur an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes LĂŒgengespinst, von dem wir uns nĂ€hren.

Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung fĂŒr die Invasion des Irak, Saddam Hussein verfĂŒge ĂŒber ein hoch gefĂ€hrliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzĂ€hlte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung fĂŒr die GrĂ€uel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzĂ€hlte uns, der Irak bedrohe die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es sei wahr. Es war nicht die Wahrheit.

Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun, wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie sie sie verkörpern wollen.

Doch bevor ich auf die Gegenwart zurĂŒckkomme, möchte ich einen Blick auf die jĂŒngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Ich glaube, wir sind dazu verpflichtet, diesen Zeitraum zumindest einer gewissen, wenn auch begrenzten PrĂŒfung zu unterziehen, mehr erlaubt hier die Zeit nicht.

Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa wĂ€hrend der Nachkriegszeit passierte: die systematische BrutalitĂ€t, die weit verbreiteten GrĂ€ueltaten, die rĂŒcksichtslose UnterdrĂŒckung eigenstĂ€ndigen Denkens. All dies ist ausfĂŒhrlich dokumentiert und belegt worden.

Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflĂ€chlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn ĂŒberhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und dass die Wahrheit betrĂ€chtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt steht. Trotz gewisser BeschrĂ€nkungen durch die Existenz der Sowjetunion, machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten Staaten ihre Überzeugung deutlich, fĂŒr ihr Handeln völlig freie Hand zu besitzen.

Die direkte Invasion eines souverĂ€nen Staates war eigentlich nie die bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie den von ihnen sogenannten „Low Intensity Conflict“ favorisiert. „Low Intensity Conflict“ bedeutet, dass tausende von Menschen sterben aber langsamer als wĂŒrde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut wie der Faulbrand erblĂŒht. Ist die Bevölkerung unterjocht worden oder totgeprĂŒgelt es lĂ€uft auf dasselbe hinaus und sitzen die eigenen Freunde, das MilitĂ€r und die großen Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe, gang und gĂ€be in der Außenpolitik der USA.

Die Tragödie Nicaraguas war ein hochsignifikanter Fall. Ich prĂ€sentiere ihn hier als schlagendes Beispiel fĂŒr Amerikas Sicht seiner eigenen Rolle in der Welt, damals wie heute.

Ende der 80er Jahre nahm ich an einem Treffen in der amerikanischen Botschaft in London teil.

Der Kongress der Vereinigten Staaten sollte entscheiden, ob man die Contras in ihrem Feldzug gegen den nicaraguanischen Staat mit mehr Geld unterstĂŒtzt. Ich gehörte der Delegation an, die fĂŒr Nicaragua sprach, doch das wichtigste Delegationsmitglied war Father John Metcalf. Der Leiter der amerikanischen Gruppe war Raymond Seitz (damals nach dem Botschafter die Nummer Zwei, spĂ€ter selber Botschafter). Father Metcalf sagte: „Sir, ich leite eine Gemeinde im Norden Nicaraguas. Meine Gemeindeglieder haben eine Schule gebaut, ein medizinisches Versorgungszentrum, ein Kulturzentrum. Wir haben in Frieden gelebt. Vor einigen Monaten griffen Contratruppen die Gemeinde an. Sie zerstörten alles: die Schule, das medizinische Versorgungszentrum, das Kulturzentrum. Sie vergewaltigten Krankenschwestern und Lehrerinnen, schlachteten die Ärzte aufs brutalste ab. Sie benahmen sich wie Berserker. Bitte fordern Sie, dass die US-Regierung diesen empörenden terroristischen Umtrieben die UnterstĂŒtzung entzieht.“

Raymond Seitz besaß einen ausgezeichneten Ruf als rationaler, verantwortungsbewusster und hoch kultivierter Mann. Er genoss in diplomatischen Kreisen großes Ansehen. Er hörte genau zu, zögerte und sprach dann mit großem Ernst. „Father“, sagte er, „ich möchte Ihnen etwas sagen. Im Krieg leiden immer Unschuldige.“ Es herrschte eisiges Schweigen. Wir starrten ihn an. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.

In der Tat, Unschuldige leiden immer.

Schließlich sagte jemand: „Aber in diesem Fall waren die ,Unschuldigen‘ Opfer einer durch Ihre Regierung subventionierten, entsetzlichen GrĂ€ueltat, einer von vielen. Sollte der Kongress den Contras mehr Geld bewilligen, wird es zu weiteren GrĂ€ueln kommen. Ist dem nicht so? Macht sich Ihre Regierung damit nicht der UnterstĂŒtzung von Mordtaten und Vernichtungswerken schuldig, begangen an BĂŒrgern eines souverĂ€nen Staates?“

Seitz ließ sich durch nichts erschĂŒttern. „Ich bin nicht der Auffassung, dass die vorliegenden Fakten Ihre Behauptungen stĂŒtzen“, sagte er.

Beim Verlassen der Botschaft sagte mir ein US-Berater, er schĂ€tze meine StĂŒcke. Ich reagierte nicht.

Ich darf Sie daran erinnern, dass PrĂ€sident Reagan damals folgendes Statement abgab: „Die Contras stehen moralisch auf einer Stufe mit unseren GrĂŒndervĂ€tern.“

Die Vereinigten Staaten unterstĂŒtzten die brutale Somoza-Diktatur in Nicaragua ĂŒber 40 Jahre. AngefĂŒhrt von den Sandinisten, stĂŒrzte das nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender Volksaufstand.

Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfĂŒgten ĂŒber eine gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine Reihe widersprĂŒchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent, einsichtig und zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile, anstĂ€ndige, pluralistische Gesellschaft zu grĂŒnden. Die Todesstrafe wurde abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins Leben zurĂŒckgeholt. Über 100.000 Familien erhielten Grundbesitz. Zweitausend Schulen entstanden. Eine Ă€ußerst bemerkenswerte Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der Analphabeten im Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und kostenlose GesundheitsfĂŒrsorge wurden eingefĂŒhrt. Die Kindersterblichkeit ging um ein Drittel zurĂŒck. Polio wurde ausgerottet.

Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der US-Regierung war dies ein gefĂ€hrliches Beispiel. Erlaubte man Nicaragua, elementare Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu etablieren, erlaubte man dem Land, den Standard der GesundheitsfĂŒrsorge und des Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale Selbstachtung zu erreichen, wĂŒrden benachbarte LĂ€nder dieselben Fragen stellen und dieselben Dinge tun. Damals regte sich natĂŒrlich heftiger Widerstand gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.

Ich erwĂ€hnte vorhin das „LĂŒgenges
pinst“, das uns umgibt. PrĂ€sident Reagan beschrieb Nicaragua meist als „totalitĂ€ren Kerker“. Die Medien generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten dies als zutreffenden und begrĂŒndeten Kommentar. Aber tatsĂ€chlich gab es keine Berichte ĂŒber Todesschwadronen unter der sandinistischen Regierung. Es gab keine Berichte ĂŒber Folterungen. Es gab keine Berichte ĂŒber systematische oder offiziell autorisierte militĂ€rische BrutalitĂ€t. In Nicaragua wurde nie ein Priester ermordet. Es waren vielmehr drei Priester an der Regierung beteiligt, zwei Jesuiten und ein Missionar des Maryknoll-Ordens. Die totalitĂ€ren Kerker befanden sich eigentlich nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten Staaten hatten 1954 die demokratisch gewĂ€hlte Regierung von Guatemala gestĂŒrzt, und SchĂ€tzungen zufolge sollen den anschließenden MilitĂ€rdiktaturen mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.

Sechs der weltweit namhaftesten Jesuiten wurden 1989 in der Central American University in San Salvador von einem Batallion des in Fort Benning, Georgia, USA, ausgebildeten Alcatl-Regiments getötet. Der außergewöhnlich mutige Erzbischof Romero wurde ermordet, als er die Messe las. SchĂ€tzungsweise kamen 75.000 Menschen ums Leben. Weshalb wurden sie getötet? Sie wurden getötet, weil sie ein besseres Leben nicht nur fĂŒr möglich hielten sondern auch verwirklichen wollten. Dieser Glaube stempelte sie sofort zu Kommunisten. Sie starben, weil sie es wagten, den Status quo infrage zu stellen, das endlose Plateau von Armut, Krankheit, Erniedrigung und UnterdrĂŒckung, das ihr Geburtsrecht gewesen war.

Die Vereinigten Staaten stĂŒrzten schließlich die sandinistische Regierung. Es kostete einige Jahre und betrĂ€chtliche Widerstandskraft, doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war erschöpft und erneut verarmt. Die Casinos kehrten ins Land zurĂŒck. Mit dem kostenlosen Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es vorbei. Das Big Business kam mit aller Macht zurĂŒck. Die ‚Demokratie‘ hatte sich behauptet.

Doch diese „Politik“ blieb keineswegs auf Mittelamerika beschrĂ€nkt. Sie wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hĂ€tte es sie nie gegeben.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstĂŒtzten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete MilitĂ€rdiktatur auf der Welt, und in vielen FĂ€llen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die TĂŒrkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natĂŒrlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufĂŒgte, können nie gesĂŒhnt und nie verziehen werden.

In diesen LĂ€ndern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natĂŒrlich nichts.

Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darĂŒber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kĂŒhl operierende Machtmanipulation betrieben, und sich dabei als Streiter fĂŒr das universelle Gute gebĂ€rdet. Ein glĂ€nzender, sogar geistreicher, Ă€ußerst erfolgreicher Hypnoseakt.

Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die grĂ¶ĂŸte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgĂŒltig, verĂ€chtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen PrĂ€sidenten im Fernsehen die Worte sagen hören: „das amerikanische Volk“, wie zum Beispiel in dem Satz: „Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten ihres PrĂ€sidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen wird.“

Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hĂ€lt man das Denken in Schach. Mit den Worten „das amerikanische Volk“ wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist ĂŒberflĂŒssig. Man muss sich nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise erstickt das Kissen die eigene Intelligenz und das eigene Urteilsvermögen, aber es ist sehr bequem. Das gilt natĂŒrlich weder fĂŒr die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch fĂŒr die 2 Millionen MĂ€nner und Frauen, die in dem riesigen Gulag von GefĂ€ngnissen eingesperrt sind, der sich ĂŒber die Vereinigten Staaten erstreckt.

Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich ZurĂŒckhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes LĂ€mmchen, das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbĂ€rmliche und abgeschlaffte Großbritannien.

Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines? Was bedeuten diese Worte? Stehen sie fĂŒr einen heutzutage Ă€ußerst selten gebrauchten Begriff – Gewissen? Ein Gewissen nicht nur hinsichtlich unseres eigenen Tuns sondern auch hinsichtlich unserer gemeinsamen Verantwortung fĂŒr das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit ĂŒber drei Jahren ohne Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess, im Prinzip fĂŒr immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte „internationale Gemeinschaft“ toleriert sie nicht nur, sondern verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum „AnfĂŒhrer der freien Welt“ erklĂ€rt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay? Was berichten die Medien ĂŒber sie? Sie tauchen gelegentlich auf – eine kleine Notiz auf Seite sechs. Sie wurden in ein Niemandsland geschickt, aus dem sie womöglich nie mehr zurĂŒckkehren. GegenwĂ€rtig sind viele im Hungerstreik, werden zwangsernĂ€hrt, darunter auch britische BĂŒrger. ZwangsernĂ€hrung ist kein schöner Vorgang. Weder Beruhigungsmittel noch BetĂ€ubung. Man bekommt durch die Nase einen Schlauch in den Hals gesteckt. Man spuckt Blut. Das ist Folter. Was hat der britische Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was hat der britische Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil die Vereinigten Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in Guantanamo Bay stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder fĂŒr uns oder gegen uns. Also hĂ€lt Blair den Mund.

Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkĂŒrlicher MilitĂ€reinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von LĂŒgen und die ĂŒble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militĂ€rischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im mittleren Osten
unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer MilitĂ€rmacht, die fĂŒr den Tod und die VerstĂŒmmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.

Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkĂŒrliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es „dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie bringen“.

Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, wĂŒrde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen. Aber Bush war clever. Er hat den Internationalen Strafgerichtshof gar nicht erst anerkannt. FĂŒr den Fall, dass sich ein amerikanischer Soldat oder auch ein Politiker auf der Anklagebank wiederfindet, hat Bush damit gedroht, die Marines in den Einsatz zu schicken. Aber Tony Blair hat den Gerichtshof anerkannt und steht fĂŒr ein Gerichtsverfahren zur VerfĂŒgung. Wir können dem Gerichtshof seine Adresse geben, falls er Interesse daran hat. Sie lautet Number 10, Downing Street, London.

Der Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. FĂŒr Bush und Blair ist der Tod eine Lappalie. Mindestens 100.000 Iraker kamen durch amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische Aufstand begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert nicht. Sie sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot gemeldet. „Leichen zĂ€hlen wir nicht“, sagte der amerikanische General Tommy Franks.

Ganz zu Beginn der Invasion veröffentlichten die britischen Zeitungen auf der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen kleinen irakischen Jungen auf die Wange kĂŒsst. „Ein dankbares Kind“, lautete die Überschrift. Einige Tage spĂ€ter gab es auf einer Innenseite einen Bericht und ein Foto von einem anderen vierjĂ€hrigen Jungen, ohne Arme. Eine Rakete hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war der einzige Überlebende. „Wann bekomme ich meine Arme wieder?“ fragte er. Der Bericht wurde nicht weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt auch nicht Tony Blair in den Armen, weder ihn noch sonst ein anderes verstĂŒmmeltes Kind oder irgendeine blutige Leiche. Blut ist schmutzig. Es verschmutzt einem Hemd und Krawatte, wenn man eine aufrichtige Ansprache im Fernsehen hĂ€lt.

Die 2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei Dunkelheit zu ihren GrĂ€bern transportiert. Die Beerdigungen finden dezent statt, an einem sicheren Ort. Die VerstĂŒmmelten verfaulen in ihren Betten, manche fĂŒr den Rest ihres Lebens. Die Toten und die VerstĂŒmmelten verfaulen beide, nur in unterschiedlichen GrĂ€bern.

Dies ist ein StĂŒck aus einem Gedicht von Pablo Neruda: „ErklĂ€rung einiger Dinge“:

Und eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.
Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Strassen das Blut der Kinder
floss einfach, wie das Blut von Kindern.

Schakale, widerwĂ€rtig fĂŒr einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Distel gespien hÀtte,
Vipern, die Vipern verachten wĂŒrden!

Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersÀufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!

GenerÀle
VerrÀter:
seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schiesst brennendes Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wÀchst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.

Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der Erde erzÀhlt, von den BlÀttern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?

Kommt, seht das Blut in den Strassen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Strassen!1

Ich möchte ganz unmissverstÀndlich sagen, dass ich, indem ich aus Nerudas Gedicht zitiere, keinesfalls das republikanische Spanien mit dem Irak Saddam Husseins vergleiche. Ich zitiere Neruda, weil ich nirgendwo sonst in der zeitgenössischen Lyrik eine so eindringliche, wahre Beschreibung der Bombardierung von Zivilisten gelesen habe.

Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten wĂŒrden ihre Karten jetzt völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell verlautbarte Politik definiert sich jetzt als „full spectrum dominance“. Der Begriff stammt nicht von mir sondern von ihnen. „Full spectrum dominance“ bedeutet die Kontrolle ĂŒber Land, Meer, Luft und Weltraum, sowie aller zugehörigen Ressourcen.

Die Vereinigten Staaten besitzen, ĂŒber die ganze Welt verteilt, 702 militĂ€rische Anlagen in 132 LĂ€ndern, mit der rĂŒhmlichen Ausnahme Schwedens natĂŒrlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da hingekommen sind, aber sie sind jedenfalls da.

Die Vereinigten Staaten verfĂŒgen ĂŒber 8000 aktive und operative Atomsprengköpfe. Zweitausend davon sind sofort gefechtsbereit und können binnen 15 Minuten abgefeuert werden. Es werden jetzt neue Nuklearwaffensysteme entwickelt, bekannt als Bunker-Busters. Die stets kooperativen Briten planen, ihre eigene Atomrakete Trident zu ersetzen. Wen, frage ich mich, haben sie im Visier? Osama Bin Laden? Sie? Mich? Joe Dokes? China? Paris? Wer weiß das schon? Eines wissen wir allerdings, nĂ€mlich dass dieser infantile Irrsinn – der Besitz und angedrohte Einsatz von Nuklearwaffen – den Kern der gegenwĂ€rtigen politischen Philosophie Amerikas bildet. Wir mĂŒssen uns in Erinnerung rufen, dass sich die Vereinigten Staaten dauerhaft im Kriegszustand befinden und mit nichts zu erkennen geben, dass sie diese Haltung aufgeben.

Abertausende wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind nachweislich angewidert, beschĂ€mt und erzĂŒrnt ĂŒber das Vorgehen ihrer Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche politische Macht dar – noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und Angst, die wir tĂ€glich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.

Ich weiß, dass PrĂ€sident Bush zahlreiche ausgesprochen fĂ€hige Redenschreiber hat, aber ich möchte mich freiwillig fĂŒr den Job melden. Ich schlage folgende kurze Ansprache vor, die er im Fernsehen an die Nation halten kann. Ich sehe ihn vor mir: feierlich, penibel gekĂ€mmt, ernst, gewinnend, aufrichtig, oft verfĂŒhrerisch,
manchmal mit einem bitteren LĂ€cheln, merkwĂŒrdig anziehend, ein echter Mann.

„Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut. Bin Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse, wenn er einen gehabt hĂ€tte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren. Wir hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So wie Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewĂ€hlte AnfĂŒhrer einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine barmherzige Gesellschaft. Wir gewĂ€hren einen barmherzigen Tod auf dem elektrischen Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine große Nation. Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer. Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische AutoritĂ€t. Seht ihr diese Faust? Das ist meine moralische AutoritĂ€t. Und vergesst das bloß nicht.“

Das Leben eines Schriftstellers ist ein Ă€ußerst verletzliches, fast schutzloses Dasein. DarĂŒber muss man keine TrĂ€nen vergießen. Der Schriftsteller trifft seine Wahl und hĂ€lt daran fest. Es stimmt jedoch, dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig. Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine Zuflucht, keine Deckung – es sei denn, man lĂŒgt – in diesem Fall hat man sich natĂŒrlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe sich argumentieren, Politiker geworden.

Ich habe heute Abend etliche Male vom Tod gesprochen. Ich werde jetzt ein eigenes Gedicht zitieren. Es heißt „Tod“.

Wo fand man den Toten?
Wer fand den Toten?
War der Tote tot, als man ihn fand?
Wie fand man den Toten?

Wer war der Tote?

Wer war der Vater oder die Tochter oder der Bruder
Oder der Onkel oder die Schwester oder die Mutter oder der Sohn
Des toten und verlassenen Toten?

War er tot, als er verlassen wurde?
War er verlassen?
Wer hatte ihn verlassen?

War der Tote nackt oder gekleidet fĂŒr eine Reise?

Warum haben Sie den Toten fĂŒr tot erklĂ€rt?
Haben Sie den Toten fĂŒr tot erklĂ€rt?
Wie gut haben Sie den Toten gekannt?
Woher wussten sie, dass der Tote tot war?

Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten gekĂŒsst

Blicken wir in einen Spiegel, dann halten wir das Bild, das uns daraus entgegensieht, fĂŒr akkurat. Aber bewegt man sich nur einen Millimeter, verĂ€ndert sich das Bild. Wir sehen im Grunde eine endlose Reihe von Spiegelungen. Aber manchmal muss ein Schriftsteller den Spiegel zerschlagen – denn von der anderen Seite dieses Spiegels blickt uns die Wahrheit ins Auge.

Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als BĂŒrger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufĂ€llt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig.

Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben – die WĂŒrde des Menschen.

(…)

Aufzeichnung der Rede aktualisiert am 27.02.2016.