Zeitarbeitsmessen – Erfolg durch Rekrutierung

KĂŒrzlich hab ich selbst eine erlebt. Zeitarbeitsmesse in der Bundesagentur fĂŒr Arbeit Sonnenallee, Berlin Neukölln. Anders als im Jobcenter, wo sich ĂŒberwiegend ALG2 EmpfĂ€nger die Beine in den Bauch stehen, wird im Jobcenter jeder Kunde persönlich empfangen.

Die BeschÀftigten der Bundes Agentur tragen dunkle Kleidung mit Namensschildchen.
Es erinnert einen fast an Hostessen im Flughafen. Sind sie auch eingeladen worden?

Fragt mich die „Hostess“ und rĂŒckt mir das Infoblatt in die Hand. Eine Antwort hatte sie wohl nicht erwartet. Jeder bekommt ein Infoblatt in die Hand gedrĂŒckt, damit er weiß wo er welche Unternehmen findet. In der Agentur ist ziemlich viel los, aber nicht soviel wie im Jobcenter (der war proppevoll).

Aus einem Angebot von 33 Leiharbeitsfirmen suche ich mir die aus, die meine berufliche Qualifikation anbieten. Weil ich einen technischen Beruf habe sind das nicht so viele.

Jedes Unternehmen hat Ă€hnlich wie auf einer „richtigen“ Messe einen Stand. Dieser beseht aus Tischen an denen Mitarbeiter des Unternehmens sitzen, die in der Regel Personaldisponenten sind und manchmal sitzt sogar die Chefs selbst dabei.

Weil ich bei einigen StĂ€nde „nur so“ dabei stehe, um zu hören was gesprochen wird, fĂ€llt mir sehr schnell auf, dass die Interessenten ein paar Infos ĂŒber das Unternehmen bekommen und dann gezielt nach ihrer beruflichen Qualifikation angesprochen werden. Meist wird Ihnen ein direktes Jobangebot unterbreitet, dass dann in einem persönlichen GesprĂ€ch besprochen werden soll.

Interessant ist auch, wie unklar sich die Unternehmen zu Verdienstmöglichkeiten oder tariflichen Regelungen aussprechen. Sicher, die meisten hier ausstellenden Unternehmen sind tarifgebunden, aber sie wuchern nicht damit. Geradezu abweisend verhalten sich einige Firmen, wenn man versucht herauszufinden, nach welchen Kriterien bei Ihnen die Bezahlung geregelt ist.
Überhaupt auffĂ€llig, wie wenig Details man zu tariflichen oder betrieblichen Regelungen erfĂ€hrt.
Es wird auch nicht darauf hingewiesen, dass bei einem persönlichen GesprĂ€ch mehr zu erfahren sei. Der deutliche Eindruck entsteht, dass die Disponenten nicht darĂŒber Reden sollen.

Aber was soll diese Messe, wenn sich die Unternehmen gar nicht prÀsentieren wollen?

Personalrekrutierung als Zwangsveranstaltung!

Oberstes primĂ€res Ziel solcher Zeitarbeitsmessen scheint die Rekrutierung von Personal fĂŒr bestehende AuftrĂ€ge zu sein. Denn wie ich bemerke werden ganz gezielte Jobangebote gemacht.

Fast jedes Unternehmen scheint mit vollen AuftragsbĂŒchern zu dieser Messe gekommen zu sein.
Und fast alle scheinen vermitteln zu wollen „wir sind die guten“ weil wir euch Jobs anbieten.
Ihr seid selbst schuld, wenn ihr nicht bei uns arbeiten wollt – ihr wollt doch arbeiten oder?
Unterschwellig ist eine leichte Arroganz und Überheblichkeit bei den meisten zu spĂŒren.
Die glauben wirklich, sie schaffen ArbeitsplÀtze.

Es ist leider an der Tagesordnung, das Leiharbeitsunternehmen unsauber arbeiten, indem sie ihre BeschĂ€ftigten bewusst benachteiligen. BeschĂ€ftigte werden um tarifliche Leistungen betrogen oder sie sollen das unternehmerische Risiko tragen, wenn sie bei Nichteinsatz, die Arbeitsstunden aus einem Zeitkonto entnehmen mĂŒssen. Sie bezahlen also die Nichteinsatzstunden selbst.
Ein glatter Verstoß gegen das ArbeitnehmerĂŒberlassungsgesetz. Selten sind Leiharbeiter so mutig und versuchen diese Praxis zu unterbinden. Im Regelfall droht ihnen der Arbeitsplatzverlust.

Staatliches Vermittlungsmonopol ohne Kontroll- oder Schutzfunktion

Seit etwa einem Jahr gibt es ein so genanntes Kooperationsabkommen zwischen den 25 grĂ¶ĂŸten Leiharbeitsfirmen und der Bundesagentur fĂŒr Arbeit in NĂŒrnberg.

Inhalt der Vereinbarung ist der Abschluss eines bundesweit geltenden Service-Level-Agreements (SLA). Darin erklĂ€rt die Bundesagentur fĂŒr Arbeit ihre Bereitschaft, im Rahmen ihres Dienstleistungsangebots die speziellen BedĂŒrfnisse der Zeitarbeitsbranche soweit als möglich zu berĂŒcksichtigen. Die Vermittlung von Bewerbern auf Stellenangebote erfolgt passgenau entsprechend der Anforderungen des Arbeitgebers und im Rahmen gesetzlicher Vorgaben. Die (Zeitarbeitsfirma) erklĂ€rt ihrerseits die Bereitschaft, bestimmte GrundsĂ€tze der Zusammenarbeit einzuhalten. Weitere Regelungspunkte sind Art und Umfang der TĂ€tigkeiten die im Rahmen dieses Vertrages geleistet werden sowie der Austausch von Informationen (z.B. Bewerberdatenbank).

Seit Abschluss dieses Vertrages werden unaufgefordert Bewerberdaten von Arbeitssuchenden, die in der elektronischen Datenbank der Bundesagentur gespeichert sind, an Leiharbeitsfirmen ĂŒbermittelt und mit diesen quasi bereits disponiert. D.h. Arbeitssuchende werden ausgewĂ€hlt und gezielt zu Bewerbungen bei den Unternehmen aufgefordert.
Große Leiharbeitsfirmen haben in Arbeitsagenturen teilweise eigene ArbeitsplĂ€tze in der Behörde eingerichtet, um „Vorort“ Rekrutierungsarbeiten zu leisten.

Es dĂŒrfte interessant sein, wie die europĂ€ische Wettbewerbsbehörde diese Wettbewerbsverzerrung einschĂ€tzt, die sich bisher dazu nicht öffentlich geĂ€ußert hat.

FĂŒr die Leiharbeit hat diese Kooperation den Vorteil, dass sie ihr Personal im direkten Zugriff, anderen vor der Nase wegschnappt. Die Arbeitsagenturen haben die Gewissheit, dass ihre Arbeitsvermittlungsqoute steigt.

Negative HintergrĂŒnde, die mit „prekĂ€ren ArbeitsverhĂ€ltnissen“ der Leiharbeit zusammenhĂ€ngen interessieren die staatlichen Behörden wenig. Sie lenken jede Verantwortung an die Politik.
Die staatlichen Vermittler in den Jobcentern, GrundsicherungsĂ€mter oder auch der Bundesagentur fĂŒr Arbeit interessieren sich meist nicht fĂŒr Praxisprobleme von Leiharbeitern.

Wer seinen Job verliert, weil er die Einhaltung eines gĂŒltigen Tarifvertrages gefordert oder die Nichteinhaltung vertraglich zugesicherter Inhalte bemĂ€ngelt hat, muß dennoch mit einer Sanktionierung rechnen. Die WillkĂŒr, dass bei Arbeitsplatzverlust dem Arbeitnehmer die Schuld zugewiesen wird und er dafĂŒr zu bestrafen ist, statt eine Kontroll- und Schutzfunktion zu ĂŒbernehmen, ist gĂ€ngige Praxis. Ihr oberster Dienstherr hat ihnen diese Funktion zugewiesen.

Frei nach dem Motto, wo gehobelt wird fĂ€llt auch SpĂ€ne, werden Menschen, die sich als Arbeitslose in der Obhut der staatlichen Arbeitsvermittler befinden, den Leiharbeitsfirmen in den sprichwörtlichen Rachen geschmissen. Die Folgen fĂŒr die Betroffenen sind ihnen schlicht egal.
Das können ja Gewerkschaften oder RechtsanwÀlte regeln oder die Politik.

Die Schattenseiten der Leiharbeit, mit Niedriglohn, schlechten Arbeitsbedingungen und betrugsartigen VerhÀltnissen, wurden und werden oft beschrieben, aber bei den Vermittlern werden sie ignoriert. Das versagen des Staates als Aufsichts- und Schutzorgan hat Methode.

Arbeiten auf Probe und ohne Arbeitsvertrag ist der neueste Trend und wird gern und immer hĂ€ufiger genutzt. Diese „ProbearbeitsverhĂ€ltnisse“ dauern manchmal vier Wochen oder lĂ€nger.
Probearbeiten werden oft nach Wochen plötzlich beendet, die Probanden gelten plötzlich als nicht geeignet. Komisch nur, wenn bereits am nĂ€chsten Tag andere Probanden die Arbeiten fortfĂŒhren.
Zulasten der Gesellschaft haben einige Unternehmen diese „Gewinnmitnahme“ fĂŒr sich entdeckt und lassen sich ArbeitskrĂ€fte von der Allgemeinheit finanzieren. Ohne Unternehmer Risiko.

Zeitarbeitsmessen als Kontaktbörse

Zeitarbeitsmessen sind Kontaktbörsen und sind insgesamt als Informationsportal zur Erstinformation geeignet. Als Arbeitsvermittlung sind sie es nur bedingt, wenn man bedenkt, unter welchen UmstĂ€nden die Besucher diesen Messen zugefĂŒhrt werden.

Solange sich Arbeitssuchende „ohne Zwang oder Verpflichtung“ informieren können, sind solche Zeitarbeitsmessen okay. Wenn sie zur Zwangsrekrutierung benutzt werden, sind sie abzulehnen!

Das staatliche Drangsalierungsmonopol lĂ€sst vermuten, dass es den Machern schlicht egal ist, ob sich jemand zwangsweise oder freiwillig zur Leiharbeit entscheidet. Wer nicht hingeht, bekommt Ärger. Frei dem Motto – Manchmal mĂŒssen Menschen eben zum GlĂŒck gezwungen werden?

Kritisches Fragen bedeutet Ärger zu bekommen, denn an einigen StĂ€nden wurden der Name und das Geburtsdatum notiert. Irgendwie kommt mir das wie ein großer Sklavenmarkt vor, nur mit dem Unterschied, dass ja hier aus humanitĂ€ren GrĂŒnden gehandelt wird.

Wir wollen doch nicht, dass sie weiterhin auf der Straße liegen oder?