ARD-Interview mit Putin im Wortlaut

Die öffentlich-rechtliche ARD zensiert essentielle Aussagen des MinisterprÀsidenten von Russland zum 5-Tage-Krieg im Kaukasus und kommt in den Ruch eines Staatsfernsehens

Berlin: Man muss es sich einmal vorstellen.. Da gibt der russische MinisterprĂ€sident Wladimir Putin der ARD in der sĂŒdrussischen Stadt Sotschi am Freitag dem 29. im Licht der Abendsonne ein Interview.

SpĂ€ter wird der ARD-Journalist Thomas Roth, der die Fragen an den russischen MinisterprĂ€sidenten stellte, auf dem Blog der Tagesschau selbst aussagen, dass das Interview „rund eine Stunde dauerte“. Senden wird die ARD in Deutschland spĂ€ter nach den Tagesthemen um 23.30 Uhr volle 8 Minuten und 45 Sekunden (dokumentiert auf der Webseite der Tagesschau).

Hierzu muss ich persönlich anmerken, dass die Verabschiedung von Wladimir Putin („vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch“) durch die ARD-Sendeleitung bereits abgeschnitten wurde und direkt nach dem letzten Satz des ehemaligen PrĂ€sidenten und jetzigen MinisterprĂ€sidenten Russlands einfach die Einblendung der nĂ€chsten Sendung begann.

Eine Beleidigung.

Die Überspielung des Interviews nach Deutschland, das wĂŒrde jeder vom Fach wissen, wĂ€re ein wirklich schwere Angelegenheit gewesen, so Thomas Roth auf dem Tagesschau Blog. Zitat:

Selbst fĂŒr solch einen Routinier keine ganz leichte Übung. Am Ende glauben wir, dass der journalistische Inhalt und die AktualitĂ€t in der Sache das hochspannende Manöver gerechtfertigt hat.

Wie gesagt: Manchmal ist ein journalistischer Tag richtig spannend und aufregend.

Nun, dann wollen wir mal dazu beitragen, dass es auch so bleibt. Auf dem Blog http://putin-ard.blogspot.com/ stellten jedenfalls findige Netzagenten das vollstĂ€ndige ARD-Interview mit Wladimir Putin ein. AusfĂŒhrlich ĂŒber die Manipulation der gekĂŒrzten Fassung durch die ARD berichtete dazu die Zeitung 0815-info.de.

Hier nun das ARD-Interview von Thomas Roth mit Wladimir Putin im Wortlaut. Die von der ARD zensierten Stellen sind kursiv dargestellt.

Thomas Roth: Herr MinisterprĂ€sident, nach der Eskalation in Georgien sieht das Bild in der internationalen Öffentlichkeit so aus – damit meine ich Politik, aber auch Presse: Russland gegen den Rest der Welt. Warum haben Sie Ihr Land mit Gewalt in diese Situation getrieben?
Wladimir Putin: Was meinen Sie, wer hat den Krieg begonnen?
Thomas Roth: Der letzte Auslöser war der georgische Angriff auf Zchinwali
Wladimir Putin: [Ich] Danke Ihnen fĂŒr diese Antwort. So ist es auch, das ist die Wahrheit. Wir werden dieses Thema spĂ€ter ausfĂŒhrlicher erörtern. Ich möchte nur anmerken, dass wir diese Situation nicht herbeigefĂŒhrt haben.

Wladimir Putin: Ich bin ĂŒberzeugt, dass das Ansehen eines jeden Landes, das im Stande ist, das Leben und die WĂŒrde der BĂŒrger zu verteidigen, eines Landes, das eine unabhĂ€ngige Außenpolitik betreiben kann, dass das Ansehen eines solchen Landes mittel– oder langfristig steigen wird. Umgekehrt: Das Ansehen der LĂ€nder, die in der Regel die Interessen anderer Staaten bedienen, die die eigenen nationalen Interessen vernachlĂ€ssigen – unabhĂ€ngig davon, wie sie das auch erklĂ€ren mögen –, wird sinken.
Roth: Sie haben die Frage trotzdem noch nicht beantwortet, warum Sie die Isolation ihres ganzen Landes riskiert haben

Putin: Ich dachte, geantwortet zu haben, aber wenn sie zusĂ€tzliche ErklĂ€rungen brauchen, das mache ich. Unser Land, das die WĂŒrde und den Stolz unserer BĂŒrger verteidigen kann, und die außenpolitischen Verpflichtungen im Rahmen der Friedensstiftung erfĂŒllen kann, wird nicht in Isolation geraten
, ungeachtet dessen was unsere Partner in Europa und USA im Rahmen ihres Blockdenkens sagen. Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Und im Gegenteil, ich möchte es nochmal betonen: Wenn Staaten ihre eigene nationale Interessen vernachlĂ€ssigen, um außenpolitische Interessen anderer Staaten zu bedienen, dann wird die AutoritĂ€t dieser LĂ€nder – unabhĂ€ngig davon, wie sie das auch erklĂ€ren mögen –, nach und nach sinken. D.h. wenn die europĂ€ischen Staaten die außenpolitischen Interessen der USA bedienen wollen, dann werden sie, aus meiner Sicht, nichts dabei gewinnen.
Jetzt reden wir mal ĂŒber unsere internationalen rechtlichen Verpflichtungen. Nach internationalen VertrĂ€gen haben die russischen Friedenstifter die Pflicht, die zivile Bevölkerung von SĂŒdossetien zu verteidigen. Und jetzt denken wir mal an 1995 (Bosnien). Und wie ich uns Sie gut wissen, haben sich die europĂ€ischen Friedensstifter, in dem Fall reprĂ€sentiert durch niederlĂ€ndische StreitkrĂ€fte, nicht in den Konflikt eingemischt und haben einer Seite damit erlaubt, einen ganzen Ort zu vernichten. Hunderte wurden getötet und verletzt. Das Problem und die Tragödie von Srebrenica ist in Europa sehr bekannt. Wollten Sie, dass wir auch so verfahren? Dass wir uns zurĂŒckgezogen hĂ€tten und den georgischen StreitkrĂ€ften erlaubt hĂ€tten, die in Zchinwali lebende Bevölkerung zu vernichten?

Roth: Herr MinisterprĂ€sident, Kritiker sagen, Ihr eigentliches Kriegsziel war gar nicht, nur die sĂŒdossetische Bevölkerung – aus Ihrer Sicht – zu schĂŒtzen, sondern zu versuchen, den georgischen PrĂ€sidenten aus dem Amt zu treiben, um den Beitritt Georgiens ĂŒber kurz oder lang zur NATO zu verhindern. Ist das so?
Putin: Das stimmt nicht, das ist eine Verdrehung der Tatsachen, das ist eine LĂŒge. Wenn das unser Ziel gewesen wĂ€re, hĂ€tten wir vielleicht den Konflikt begonnen. Aber, wie sie selbst sagten, das hat Georgien gemacht. Jetzt gestatte ich mir, an die Tatsachen zu erinnern. Nach der nicht legitimen Anerkennung des Kosovo haben alle erwartet, dass wir SĂŒdossetien und Abchasien anerkennen. Alle haben darauf gewartet und wir hatten ein moralisches Recht darauf. Wir haben uns mehr als zurĂŒckgehalten. Ich will das auch nicht kommentieren. Ja, mehr noch, wir haben das geschluckt. Und was haben wir bekommen? Eine Eskalation des Konfliktes. Überfall auf unsere Friedensstifter. Überfall und Vernichtung der friedlichen Bevölkerung in SĂŒdossetien. Das sind Tatsachen, die angesprochen wurden.
Der französische Aussenminister war in Nordossetien und hat sich mit FlĂŒchtlingen getroffen. Die Augenzeugen berichten, dass die georgischen StreitkrĂ€fte mit Panzern Frauen und Kinder ĂŒberfahren haben, die Leute in die HĂ€user getrieben und lebendig verbrannt haben. Georgische Soldaten haben, als sie nach Zchinwali kamen, – so im vorbeigehen – Granaten in die Keller und Bunker geworfen, wo Frauen und Kinder sich versteckt hatten. Wie kann man so etwas anders nennen, als Genozid?
Und jetzt zur Regierung in Georgien.
Das sind die Menschen, die ihr Land in die Katastrophe getrieben haben, die georgische FĂŒhrung hat das mit eigenen Aktionen gemacht. Die Staatlichkeit des eigenen Landes torpediert. Solche Menschen sollten keinen Staat fĂŒhren, ob groß oder klein. WĂ€ren sie anstĂ€ndige Personen, sollten sie unbedingt zurĂŒcktreten.
Roth: Das ist jedoch nicht Ihre Entscheidung, sondern die der georgischen Regierung.
Putin: NatĂŒrlich, jedoch kennen wir auch PrĂ€zedenzfĂ€lle, die einen anderen Charakter haben. Ich erinnere nur die amerikanische Invasion des Iraks und was sie mit Saddam Hussein gemacht haben, weil dieser ein paar schiitische Dörfer vernichtet hatte. Und hier wurden in den ersten Stunden der Kampfhandlungen auf sĂŒdossetischem Territorium 10 ossetische Dörfer vollstĂ€ndig vernichtet (ausradiert).
Roth: Herr MinisterprĂ€sident, sehen Sie sich denn im Recht, in das Territorium eines souverĂ€nen Staates, nĂ€mlich Georgien, vorzudringen und dort Bombardierungen durchzufĂŒhren? Ich selbst sitze hier nur aus purem Zufall mit Ihnen, da buchstĂ€blich einige Meter von mir eine Bombe explodiert ist, die aus Ihrem Flugzeug abgeworfen wurde. Gibt Ihnen das aus völkerrechtlicher Sicht das Recht

Putin: Wir haben uns absolut im Rahmen des Völkerrechts bewegt. Wir haben den Angriff auf unsere Friedensstifter, auf unsere BĂŒrger als ein Angriff auf Rußland aufgefasst. In den ersten Stunden der Kampfhandlungen töteten die georgischen StreitkrĂ€fte mehre Dutzend unserer Blauhelme. Haben unseren sĂŒdlichen Posten, da war sĂŒdlicher und nördlicher, mit Panzern eingekreist und direkt beschossen. Als unsere Blauhelmsoldaten die Technik aus einem Hangar holen wollten, wurde ein Schlag mit dem Artilleriesystem „Grad“ ausgefĂŒhrt. 10 Leute, die in diesen Hangar reingingen, wurden auf der Stelle getötet (lebendig verbrannt). Danach hat die georgische Luftwaffe LuftschlĂ€ge in verschiedenen Punkten in SĂŒdossetien durchgefĂŒhrt. Nicht in Zchinwali, sondern inmitten von SĂŒdossetien. Und wir sahen uns gezwungen, die Verwaltungspunkte der georgischen StreitkrĂ€fte, die sich außerhalb der Konfliktzone befanden, unschĂ€dlich zu machen. Das waren solche Punkte, von wo die ArtillerieschlĂ€ge und die Luftangriffe auf russische Blauhelme koordiniert und ausgefĂŒhrt wurden.

Roth: Ich hatte ja gesagt, dass auch die Bombardierung der Zivilbevölkerung stattgefunden hat. Sie haben womöglich nicht alle Informationen.
Putin: Ich verfĂŒge möglicherweise nicht ĂŒber alle Informationen. Im Zuge der Kampfhandlungen sind Fehler möglich. Jetzt gerade hat die amerikanische Luftwaffe in Afghanistan einen Schlag gegen die Taliban durchgefĂŒhrt und hat fast 100 Leute aus der Zivilbevölkerung getötet. Das ist die erste Möglichkeit. Die zweite, die wahrscheinlicher ist: die Verwaltungspunkte der georgischen Artillerie, der Luftwaffe und Radarstationen wurden mutwillig mitten in den Wohngebieten platziert, damit die Wahrscheinlichkeit der LuftschlĂ€ge gegen diese minimiert wird. Sie haben die Zivilbevölkerung und Sie als Geiseln benutzt.
Roth: das ist eine Mutmaßung.

Roth: Der französische Außenminister Kouchner hat viele Sorgen geĂ€ußert in den letzten Tagen, als Minister der RatsprĂ€sidentschaft. Er hat auch die Sorge geĂ€ußert, dass der nĂ€chste Konfliktherd um die Ukraine beginnt, nĂ€mlich um die Krim, um die Stadt Sewastopol. Ist die Krim das nĂ€chste Ziel, der Sitz der Schwarzmeerflotte?
Putin: Sie sagten das nĂ€chste Ziel. Wir haben auch hier kein Ziel gehabt. Deshalb ist es nicht korrekt, so zu reden. Und, wenn Sie gestatten, dann bekommen Sie eine zufriedenstellende Antwort: Die Krim ist kein kritisches Territorium, da hat es keinen ethnischen Konflikt gegeben, im Unterschied zum Konflikt zwischen SĂŒdossetien und Georgien. Und Russland hat lĂ€ngst die Grenzen der heutigen Ukraine anerkannt. Im Grunde genommen haben wir die Grenzverhandlungen abgeschlossen. Da bleiben nur Demarkationsangelegenheiten, das ist eine technische Angelegenheit. Und eine solche Frage riecht nach Provokation. Da gibt es innerhalb der Krim komplizierte Prozesse, Krim-Tataren, ukrainische Bevölkerung, russische Bevölkerung, also slavische Bevölkerung. Das ist aber ein internes Problem der Ukraine. Es gibt einen Vertrag ĂŒber die Flotte bis 2017.
Roth: Wo stehen wir? Ist es nur eine Eiszeit, ist es schon ein kalter Krieg, hat das WettrĂŒsten schon begonnen oder schließen sie alles aus?
Putin: Russland strebt keinerlei Verschiebungen an, keinerlei Spannungen. Obwohl auch das sein kann. Wir wollen gutnachbarschaftliche, partnerschaftliche Beziehungen unterhalten.
Wenn Sie erlauben, dann sage ich, was ich darĂŒber denke. Es gab die Sowjetunion und den Warschauerpakt. Und es gab die sowjetischen StreitkrĂ€fte in der DDR, und man muss es ehrlich zugestehen, das waren OkkupationskrĂ€fte, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Ostdeutschland geblieben sind unter dem Deckmantel der KoalitionsstreitkrĂ€fte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, des Warschauerpaktes sind diese OkkupationskrĂ€fte weg. Die Gefahr von Seiten der Sowjetunion ist weg. Die NATO aber, die amerikanischen StreitkrĂ€fte, in Europa sind immernoch da. WofĂŒr?
Um Ordnung und Disziplin in den eignen Reihen zu halten, um alle Koalitionspartner innerhalb eines Blocks zu halten, braucht man eine außenstehende Gefahr. Und Iran ist da nicht ganz passend fĂŒr diese Rolle. Man will daher einen Gegner wiederauferstehen lassen und dieser soll Rußland sein. In Europa jedoch fĂŒrchtet uns niemand mehr.

Roth: Die EuropĂ€ische Union in BrĂŒssel wird ĂŒber Russland reden. Es wird wohl auch ĂŒber Sanktionen gegen Russland zumindest geredet werden, möglicherweise werden sie beschlossen. Macht Ihnen das irgend eine Art von Sorge oder ist Ihnen das egal, weil Sie sagen, die EuropĂ€er finden sowieso nicht zu einer Stimme?
Putin: WĂŒrde ich sagen, wir pfeifen drauf, es ist uns egal, wĂŒrde ich lĂŒgen. NatĂŒrlich verfolgen wir alles sehr aufmerksam. Wir hoffen, dass der gesunde Menschenverstand triumphieren wird, und wir glauben, dass eine nicht politisierte, sondern objektive EinschĂ€tzung der Ereignisse gegeben wird. Wir hoffen auch, dass die Aktionen der russischen Friedensstifter unterstĂŒtzt werden und die Aktionen der georgischen Seite, diese verbrecherische Aktion durchgefĂŒhrt hatte, sanktioniert werden.
Roth: Herr MinisterprĂ€sident, mĂŒssen Sie sich in Wirklichkeit nicht entscheiden? Sie wollen auf der einen Seite auf eine intensive Zusammenarbeit mit Europa nicht verzichten, Sie können es meines Erachtens wirtschaftlich auch gar nicht, andererseits wollen Sie trotzdem nach eigenen russischen Spielregeln spielen. Also auf der einen Seite ein Europa der gemeinsamen Werte, die Sie auch teilen mĂŒssen, andererseits spielen Sie nach russischen Spielregeln. Beides zusammen geht aber nicht

Putin: Wir wollen nicht nach irgendwelchen besonderen Spielregeln spielen. Wir wollen, dass alle nach einheitlichen völkerrechtlichen Regeln vorgehen. Wir wollen nicht, dass diese Begriffe manipuliert werden, in einer Region die Regeln, in einer anderen die Regeln. Wir wollen einheitliche Regeln. Einheitliche Regeln, die die Interessen aller Teilnehmer berĂŒcksichtigen.
Roth: Wollen Sie damit sagen, dass die EU je nach Region nach unterschiedlichen Regeln handelt, die nicht dem Völkerrecht entsprechen?
Putin: Absolut. Wie hat man Kosovo anerkannt? Man vergaß die territoriale SouverenitĂ€t der Staaten, die UN-Resolution 1244, die sie selbst beschlossen haben. Dort durfte man das und in Abchasien und SĂŒdossetioen nicht. Warum?
Roth: D.h. Rußland ist einzig und allein fĂ€hig die Regeln des internationalen Völkerrechts zu bestimmen. Alle anderen manipulieren, machen es wie sie wollen? Hab ich Sie richtig verstanden?
Putin: Sie haben mich falsch verstanden. Haben Sie die UnabhÀngigkeit Kosovos anerkannt? Ja oder Nein?
Roth: Ich selbst nicht, ich bin Journalist.
Putin: Die westlichen LĂ€nder. Im Grunde haben es alle anerkannt. Nur, wenn man es dort anerkennt, dann muss man auch die UnabhĂ€ngigkeit von Abchasien und SĂŒdossetien anerkennen. Es gibt ĂŒberhaupt keinen Unterschied. Der Unterschied ist ausgedacht. Dort gab es ethnische Spannungen und hier gibt es ethnische Spannungen. Dort gab es Verbrechen – praktisch von beiden Seiten-, und hier kann man die wahrscheinlich finden. Wenn man etwas „grĂ€bt“, dann kann man die bestimmt finden. Dort gab es die Entscheidung, dass beide Völker nicht mehr zusammen in einem Staat leben können, und hier wollen sie es auch nicht. Es gibt keinen Unterschied und alle verstehen es in Wirklichkeit. Das alles ist nur Gerede, um rechtwidrige Schritte zu decken. Das nennt man, das Recht des StĂ€rkeren. Und damit kann sich Rußland nicht abfinden.
Herr Roth, Sie leben schon lange in Rußland, sie sprechen hervorragend, fast ohne Akzent, russisch. Dass Sie mich verstanden haben, wundert mich nicht. Das ist mir sehr angenehm, jedoch möchte ich auch sehr, dass mich meine europĂ€ischen Kollegen verstehen, die sich am 1. September treffen und ĂŒber diesen Konflikt beraten werden.
Wurde die Resolution 1244 angenommen? Ja! Dort wurde unterstrichen geschrieben: territoriale SouverenitĂ€t Serbiens! Die Resolution haben die in den MĂŒll weggeworfen. Alles vergessen. Sie wollten die Resolution zuerst umdeuten, anders interpretieren, aber es ging nicht. Alles vergessen. Warum? Das Weißen Haus ordnete an, und alle fĂŒhren aus! Wenn die europĂ€ischen LĂ€nder auch weiterhin eine solche Politik fĂŒhren, dann werden wir ĂŒber europĂ€ische Angelegenheiten in Zukunft mit Washington reden mĂŒssen.
Roth: Wo sehen Sie die Aufgabe von Deutschland in dieser Krise?
Putin: Wir haben zu Deutschland sehr gute Beziehungen, vertrauensvolle Beziehungen, sowohl politische als auch ökonomische. Als wir mit Herrn Sarkozy gesprochen haben, bei seinem Besuch hier, haben wir gesagt, dass wir keinerlei Territorien in Georgien wollen. Wir werden uns in die Sicherheitszone zurĂŒckziehen, die in den frĂŒheren internationalen Abkommen vereinbart wurde. Aber da werden wir auch nicht ewig bleiben. Wir betrachten das als georgisches Territorium. Unsere Absicht besteht nur darin, die Sicherheit zu gewĂ€hrleisten und es nicht so zu machen, dass da Truppen und KriegsgerĂ€t heimlich geballt werden. Und zu verhindern, dass da die Möglichkeit eines neuen Konfliktes entsteht. Dann begrĂŒĂŸen wir die Teilnahme von Beobachtern der EU, der OSZE und natĂŒrlich auch Deutschlands. Wenn die Prinzipien der Zusammenarbeit geklĂ€rt sind.
Roth: D.h. Sie werden ihre Truppen auf jeden Fall zurĂŒckziehen.
Putin: NatĂŒrlich. Es ist fĂŒr uns als erstes wichtig, die Sicherheit in der Region sicherzustellen. Als nĂ€chstes SĂŒdossetien zu helfen, die eigenen Grenzen zu sichern. Danach haben wir keine GrĂŒnde mehr uns dort aufhalten zu mĂŒssen. Und wĂ€hren dieser Arbeit wĂŒrden wir die Kooperation mit der EU, OSZE nur begrĂŒĂŸen.

Roth: Was können Sie unter der BerĂŒcksichtigung der UmstĂ€nde, in dem sich diese Krise befindet, der Beziehungen zur USA und Europa, zur Eskalation dieser Krise beitragen?
Putin: Als erstes, das habe ich bereits gestern Ihren CNN-Kollegen gesagt, dass diese Krise unter anderem von unseren amerikanischen Freunden, im Zuge des Vorwahlkampfes provoziert wurde. Das schließt auch die Nutzung der administrativen Ressourcen in einer sehr bedauernswerten AusfĂŒhrung ein, um einem der Kandidaten eine Mehrheit sicherzustellen. In dem Fall, dem der Regierungspartei.
Roth: Das glauben Sie wirklich? [auf russisch]: Das ist kein Fakt
Putin: [auf deutsch]: Das ist kein Fakt. [weiter auf russisch] Wir wissen, dass es dort viele amerikanische Berater gegeben hat. Das ist sehr schlecht, wenn man eine Seite des ethnischen Konflikts zuerst aufrĂŒstet und sie dann dazu drĂ€ngt, die Lösung des ethnischen Problems auf militĂ€rischem Wege zu suchen. Das scheint auf den ersten Blick einfacher zu sein, als mehrjĂ€hrige Verhandlungen zu fĂŒhren, Kompromisse zu suchen. Das ist jedoch ein sehr gefĂ€hrlicher Weg. Und die Entwicklung der Ereignisse hat es gezeigt.
Instruktoren, Lehrer im weiten Sinne, Personal, welches die Nutzung der gelieferten Technik zeigt, sie alle mĂŒssen sich wo befinden? Auf Übungsanlagen und in den Übungszentren. Und wo waren diese Leute? In der Kampfzone! Und das drĂ€ngt den Gedanken auf, dass die amerikanische FĂŒhrung ĂŒber die vorbereitete Aktion gewusst und mehr noch an dieser teilgenommen hat. Ohne einen Befehl der obersten FĂŒhrung dĂŒrfen sich amerikanische BĂŒrger nicht in der Konfliktzone aufhalten. In der Sicherheitszone durften sich lediglich die zivile Bevölkerung, Beobachter der OSZE und die Blauhelme. Wir jedoch haben da Spuren von amerikanischen Staatsangehörigen gefunden, die keiner dieser Gruppen angehören. Das ist die Frage: wieso hat die FĂŒhrung der USA es erlaubt, sich ihren BĂŒrgern dort aufzuhalten, die dort kein Recht dazu hatten?Und wenn sie es erlaubt haben, dann hab ich die Vermutung, dass es mutwillig passiert ist, um einen kleinen, siegreichen Krieg zu organisieren. Und falls das schieflĂ€uft, Rußland in die Rolle des Gegners zu drĂ€ngen, um daraufhin das Wahlvolk hinter einem der PrĂ€sidentschaftskandidaten zu vereinigen. NatĂŒrlich dem der Regierungspartei, da nur diese ĂŒber eine solchen Ressource verfĂŒgen kann. Das sind meine AusfĂŒhrungen und Vermutungen. Es ist Ihre Sache, ob Sie mir zustimmen oder nicht. Aber sie haben das Recht zu existieren, da wir Spuren von amerikanischen Staatsangehörigen in der Kampfzone gefunden haben.
Roth: Und eine letzte Frage, die mich sehr interessiert. Denken Sie nicht, dass Sie sich in der Falle Ihres eigenen autoritĂ€ren Systems befinden? Sie kriegen Informationen von Ihren Geheimdiensten und anderen Quellen, jedoch haben die Medien Angst etwas zu berichten, was nicht mit der Linie der Regierung ĂŒbereinstimmt. Ist es nicht so, dass das von Ihnen geschaffene System, Ihnen die Möglichkeit eines breiten Sichtfeldes auf diesen Konflikt nimmt, auf die Geschehnisse in Europa und anderen LĂ€ndern?
Putin: Sehr geehrter Herr Roth, Sie haben unser politisches System als autoritĂ€r bezeichnet. Sie haben in unserer heutigen Diskussion auch mehrfach ĂŒber unsere gemeinsamen Werte gesprochen. Woraus bestehen diese? Es gibt einige grundliegende Werte, wie das Recht zu leben. In USA z.B. gibtes immernoch die Todesstrafe, in Rußland und Europa gibt es die nicht. Heißt das denn, dass Sie aus dem NATO-Block austreten wollen, weil es keine vollstĂ€ndige Übereinstimmung der Werte zwischen den EuropĂ€ern und Amerikanern gibt?
Jetzt zum Konflikt, ĂŒber den wir heute sprechen. Wissen Sie denn nicht, was sich in Georgien die letzten Jahre abgespielt hat? RĂ€tselhafter Tot des MinisterprĂ€sidenten Shwania, Niederschlagung der Opposition, physische Zerschlagung von ProtestmĂ€rschen der Oppositionellen, DurchfĂŒhrung der Wahlen wĂ€hrend eines Ausnahmezustands und jetzt diese verbrecherische Aktion in Ossetien mit vielen Toten. Und da ist natĂŒrlich ein demokratisches Land, mit der ein Dialog ĂŒber die Aufnahme in die NATO oder gar EU gefĂŒhrt werden muss. Und wenn ein anderes Land seine Interessen verteidigt, das Recht seiner BĂŒrger auf Leben verteidigt, 80 unserer Leute wurden sofort getötet, 2000 aus der zivilen Bevölkerung wurden getötet und wir dĂŒrfen unsere BĂŒrger dort nicht schĂŒtzen? Und wenn wir das machen, dann nimmt man uns die Wurst weg? Wir haben die Wahl Wurst oder Leben. Wir wĂ€hlen das Leben, Herr Roth.
Jetzt ĂŒber den anderen Wert: Pressefreiheit. Sehen Sie nur wie diese Ereignisse in der amerikanischen Presse beleuchtet werden, die als leuchtendes Beispiel der Demokratie gilt. Und in der europĂ€ischen ist es Ă€hnlich. Ich war in Peking, als die Ereignisse anfingen. Massierter Beschuß von Zchinwali, Anfang des Vorstoßes der georgischen Truppen, es gab sogar bereits vielfache Opfer, es hat keiner ein Wort gesagt. Auch Ihre Anstalt hat geschwiegen, alle amerikanischen Anstalten. So als ob gar nichts passiert. Erst als der Agressor „in die Fresse“ bekam, „ZĂ€hne rausgeschlagen“ bekommen hat, als er seine ganze amerikanische AusrĂŒstung aufgegeben und ohne RĂŒcksicht gerannt ist, haben sich alle erinnert. An das internationale Völkerrecht, an das böse Rußland. Da waren alle wieder auf der Stelle. Wieso eine solche WillkĂŒr [in der Berichterstattung]?
Nun zur „Wurst“: Wirtschaft. Wir wollen normale, wirtschaftliche Beziehungen zu allen unseren Partnern. Wir sind ein sehr zuverlĂ€ssiger Partner, wir haben noch nie einen Partner betrogen. Als wir Anfang der 60er die Pipeline in die BRD gebaut haben, hat unser transatlantischer Partner den Deutschen geraten, diesem Projekt nicht zuzustimmen. Sie mĂŒssen das ja wissen. Damals hat die FĂŒhrung Deutschlands die richtige Entscheidung getroffen und die Pipeline wurde zusammen mit der Sowjetunion gebaut. Heute ist eine der zuverlĂ€ssigsten Gas-Quellen fĂŒr die deutsche Wirtschaft. 40 Mrd. mÂł bekommt Deutschland jedes Jahr. Und wird es auch weiterhin, das garantiere ich. Sehen wir uns das globaler an. Wie ist die Struktur unseres Exports in die europĂ€ischen LĂ€nder und auch in die USA? 80 % davon sind Rohstoffe (Öl, Gas, Ölchemie, Holz, Metalle). Das alles ist von der europĂ€ischen und Weltwirtschaft in höchsem Maße gefragt. Das sind sehr gefragte Produkte auf dem Weltmarkt. Wir haben auch die Möglichkeiten in hochtechnologischen Gebieten, die sind jedoch sehr begrenzt. Mehr noch, trotz rechtsgĂŒltiger Abkommen mit der EU beispielsweise ĂŒber atomaren Brennstoff, werden wir rechtswidrig vom europĂ€ischen Markt ferngehalten. Wegen der Position unserer französischen Freunde. Aber sie wissen davon, wir haben mit denen lange diskutiert. Und wenn jemand diese Beziehungen aufgeben will, dann können wir nichts dagegen machen. Wir wollen das jedoch nicht. Wir hoffen sehr, dass unsere Partner ihre Pflichten genauso erfĂŒllen, wie wir unsere.
Das war ĂŒber unseren Export. Was Euren Export, also unseren Import, angeht, so ist Rußland ein sehr zuverlĂ€ssiger und großer Markt. Ich erinnere mich jetzt nicht an genaue Zahlen, Import der Maschinenbautechnologie aus Deutschland wĂ€chst von Jahr zu Jahr. Dieser ist sehr groß heutzutage. Und wenn jemand uns nicht mehr beliefern will, dann werden wir das wo anders kaufen. Nur wer braucht das, verstehe ich nicht?
Wir drĂ€ngen auf eine objektive Analyse der Geschehnisse und wir hoffen, dass gesunder Menschenverstand und die Gerechtigkeit siegen werden. Wir sind das Opfer der Aggression und wir hoffen auf die UnterstĂŒzung unserer europĂ€ischen Partner.

Hier zum Vergleich die von der ARD zusammengekĂŒrzte schriftliche Fassung des Interviews.

Eine ĂŒble Manipulation.

Wer sich auch die ARD-Fernsehfassung des ARD-Interviews einmal anschaut, wird merken wie oft das skeptische Gesicht des gĂ€nzlich uninteressanten Thomas Roth zu sehen ist. Wo doch die Übertragung so schnell und hektisch vor sich gehen musste (bei 2 Stunden Zeitunterschied, einem Interview am frĂŒhen Abend in Russland und einer Übertragung in Deutschland um 23.30 Uhr) vergass man dennoch nicht den MinisterprĂ€sidenten nur wenig lĂ€nger im Bild zu lassen als seinen Interviewer und dessen Mimik.

RÜCKBLICK: G8, GIPFEL UND PRESSEKONFERENZ IM MAI 2007

Das ist nicht das erste Mal, dass Thomas Roth mit der ĂŒblichen Berichterstattung in NATO-und EU-LĂ€ndern ĂŒber Russland geglĂ€nzt hatte.

Bereits im Vorfeld des G8-Gipfels im Sommer 2007 in Deutschland hatte es massive Razzien der Behörde der GeneralbundesanwĂ€ltin Monika Harms gegen Oppositionelle in Deutschland gegeben. Sie ergaben keinerlei Hinweise auf TatbestĂ€nde oder gar Festnahmen und waren am 4.Januar 2008 durch den Bundesgerichtshof nachtrĂ€glich fĂŒr illegal erklĂ€rt worden.

Am 18.Mai hielten dann die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-KommissionsprÀsident José Manuel Barroso und der damalige PrÀsident von Russland, Wladimir Putin, eine gemeinsame Pressekonferenz im russischen Samara ab.

Kurz zuvor hatte eine Demonstration von 200 Nationalbolschewisten der Gruppe „Anderes Russland“ – Mitglied: u.a. der ehemalige Schachweltmeister Gari Kasparow – in Samarra stattgefunden. Kasparow war jedoch in Moskau der Pass entzogen worden, er konnte nicht an der Demonstration teilnehmen.

Es folgte nach den Stellungnahmen von Merkel, Barroso und Wladimir Putin die Fragestunde der Journalisten. Auch Thomas Roth meldete sich zu Wort.

THOMAS ROTH (ARD):
AÀhm, ein Frage an die, Àh, RatsprÀsidentin, Frau Merkel, haben Sie denn den Eindruck, dass Russland sich wirklich der EU weiter annÀhern WILL? Es gibt ja Žne Menge Probleme, sie haben einige davon sicher besprochen, offenbar keines davon lösen können, erkennen Sie also diesen Willen, wirklich, einer weiteren AnnÀherung Russlands an Europa, und an den Herrn PrÀsidenten, doch die Nachfrage, auch wenn sie die Demonstrationsfreiheit vergleichen mit anderen LÀndern, im Augenblick, Àh, sitzt Herr Kasparow in Moskau am Flughafen fest weil ihm der Pass entzogen worden ist, einigen anderen, Àh, geht das ebenso, der Geheimdienst und die Polizei hat Computer beschlagnahmt bei der Opposition, warum haben sie eine solche Sorge, um nicht zu sagen Angst, eine so, eher kleine Anzahl Opposition nicht frei und ungehindert vorbereiten und demonstrieren zu lassen, vielen Dank.

Merkel antworte auf die allgemeine Frage eher ausweichend, sprach aber von Meinungsverschiedenheiten und Schwierigkeiten.
Dann antworte PrÀsident Putin. Zuerst ging er auf Probleme mit den Beziehungen zu Polen und landwirtschaftliche Fragen ein. Dann wies der PrÀsident von Russland auf den Aufbau der staatlichen Strukturen in den 90er Jahren hin und verwies auf die anfÀngliche Gefahr des Zerfalls der territorialen IntegritÀt der russischen Förderation hin. Dann kam er, immer Àrgerlicher, auf die Dissidenten und die Festsetzung von Kasparow zu sprechen.

WLADIMIR PUTIN:
(..)angesichts der vierfachen Steigerung der Realeinnahmen der russischen BĂŒrger und der Verdoppelung der Reallöhne in Euro haben wir keine Angst vor solchen Gruppen, die zumal sehr klein sind. Aber in allen Staaten setzen die Behörden prĂ€ventive Massnahmen ein, ob das gut ist oder nicht, dass ist auch nicht immer gerechtfertigt, aber heute gab es eben solche Beispiele, dass prĂ€ventive Festnahmen und Verhaftungen durchgefĂŒhrt wurden.
In Hamburg wurden 146 Personen festgenommen, bei uns wollten lediglich 200 demonstrieren. Ob das gut ist oder nicht, wir haben das heute mit Frau Merkel besprochen. Ich glaube, dass Handlungen deutscher Rechtsschutzorgane nicht immer gerechtfertigt sind, aber, wir sind alles nur Menschen, wir, die StaatsoberhĂ€upter tragen dafĂŒr die Verantwortung. (..)

TENDENZEN

Es ist fatal, wenn öffentlich-rechtliche Fernsehsender und Zeitungen in den Ruch geraten Staatsmedien zu sein. Wenn sich der Eindruck verstĂ€rkt, dass eine andere Bundesregierung auch eine andere Berichterstattung bedeutet, könnte das erstens sehr schnell eine andere Pressewelt und Informationslandschaft zur Folge haben und zweitens (mit entsprechendem, aber keineswegs unĂŒbersehbarem Zeitabstand) eine neue Bundesregierung.

(…)

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