Zwei Seelen

Autor: Uri Avnery

„SOLANGE noch im Herzen/ Eine jĂŒdische Seele wohnt 
 “, beginnt die offizielle Übersetzung der israelischen Nationalhymne.

Im hebrĂ€ischen Original heißt es „die Seele eines Juden“, aber wahrscheinlich hat der Übersetzer es richtig verstanden: Es geht um die jĂŒdische Seele.

Aber gibt es eine jĂŒdische Seele? Ist sie anders als die Seelen anderer Menschen? Und wenn ja, worin besteht der Unterschied?

EHRLICH GESAGT: Ich weiß nicht, was eine Seele ist.

Aber nehmen wir einmal an, es gĂ€be so etwas wie eine kollektive Psyche, den allgemeinen Geist aller MĂ€nner und Frauen, die unser Kollektiv ausmachen – jeder und jede von ihnen hat seine oder ihre eigene Seele. Was unterscheidet diese nun von der anderer Völker?

Wenn ein Fremder sich heute israelische Leute ansieht, mag er wohl staunen. Zuerst einmal: mehr als ein FĂŒnftel der Israelis sind ĂŒberhaupt keine Juden, sondern sie gehören zum palĂ€stinensischen Volk, dessen Angehörige vermutlich eine andere „Seele“ haben. Wenn jemand von Israelis spricht, meint er im Allgemeinen in Wirklichkeit „jĂŒdische Israelis“.

Das hĂ€tte ĂŒbrigens die Israelis schon vor langer Zeit davon ĂŒberzeugen sollen, dass sie die Nationalhymne und andere Symbole des Staates Ă€ndern sollten, damit die Minderheit sich zugehörig fĂŒhlen kann. Die Kanadier haben es gemacht. Als ihnen klarwurde, dass die BĂŒrger französischer Abstammung sich hĂ€tten abspalten und eine eigene Nation grĂŒnden können, Ă€nderten sie Nationalhymne und Fahne, um der französisch sprechenden Minderheit ein ZugehörigkeitsgefĂŒhl zu ermöglichen. Soweit ich es aus der Ferne beurteilen kann, war das Vorgehen erfolgreich. Aber es gibt kaum Chancen, dass sich dasselbe hier ereignet.

SELBST WENN wir allein ĂŒber israelische Juden sprechen, ist unsere Nationalpsyche (unsere „Seele“) recht erstaunlich. Sie enthĂ€lt Elemente, die einander ausschließen, tief verwurzelte WidersprĂŒche.

Einerseits sind die meisten (jĂŒdischen) Israelis enorm stolz auf die Macht des Staates, den sie „aus nichts aufgebaut haben“. Vor 150 Jahren gab es kaum Juden im Land PalĂ€stina und die, die es gab, waren vollkommen machtlos. Heute ist Israel der mĂ€chtigste Staat in der Region, eine Atommacht, die sich noch dazu auf vielen Gebieten der menschlichen Bestrebungen auszeichnet: militĂ€risch, technologisch, wirtschaftlich, kulturell usw.

Wenn man sich jedoch die ErgĂŒsse vieler Juden anhört, könnte man zu dem Schluss kommen, wir könnten jeden Augenblick von der Landkarte getilgt werden. Die Welt ist voller Leute, deren einziges Ziel im Leben ist, uns zu vernichten. Deshalb mĂŒssen wir in jedem Augenblick bereit sein, unsere bloße Existenz zu verteidigen.

Wie passen diese beiden einander entgegegengesetzten Haltungen zueinander? Kein Problem. Sie passen sehr gut.

ERST EINMAL ist da der alte Glaube, dass Gott uns unter allen Völkern erwÀhlt habe.

Warum hat Gott das getan?

Gott allein weiß es. Er muss nichts erklĂ€ren.

Die Sache ist ein wenig kompliziert. Zuerst haben die Juden Gott erfunden. Es gibt auch Ă€gyptische und mesopotamische AnsprĂŒche darauf, aber Juden wissen es besser.

(Man sagt, viele Juden glaubten zwar nicht an die Existenz Gottes, aber sie glaubten, dass Gott die Juden erwÀhlt habe.)

Juden lernen in sehr zartem Alter, dass sie das von Gott erwĂ€hlte Volk seien. Unterbewusst bleibt dieses Wissen ihr Leben lang in ihrer „Seele“ verankert, auch wenn viele zu vollkommenen Atheisten werden. Es stimmt, viele Menschen auf der Erde glauben, dass ihr Volk besser sei als andere Völker. Aber sie haben keine Bibel, um das zu beweisen.

Ich bin sicher, dass viele Juden sich nicht einmal bewusst sind, dass sie das glauben oder warum sie das glauben. Die jĂŒdische Seele weiß es einfach: Wir sind besonders.

Die Sprache spiegelt es wider. Es gibt Juden und es gibt andere. Das hebrĂ€ische Wort fĂŒr alle anderen ist gojim. AlthebrĂ€isch bedeutet das Wort gojim einfach nur Völker im Allgemeinen und schließt also das israelitische Volk ein. Im Laufe der Jahrhunderte entstand dann eine neue Definition: es gibt Juden und es gibt alle anderen, die gentiles (Heiden), die gojim.

Der Sage nach waren die Juden ein normales Volk, das in seinem Land, dem Land Israel, lebte. Aber dann eroberten die bösen Römer das Land und zerstreuten das Volk in alle Welt. In Wahrheit war die jĂŒdische Religion eine missionierende Religion, die sich schnell im ganzen römischen Reich ausbreitete. Die Juden in PalĂ€stina waren schon eine Minderheit unter den AnhĂ€ngern Jehovas, als die Römer viele von ihnen (aber bei Weitem nicht alle) aus dem Land vertrieben.

Schon bald konkurrierte das Judentum mit dem Christentum, einem Ableger des Judentums, das ebenfalls unternahm, wie wild AnhĂ€nger zu gewinnen. Das Christentum wurde um eine großartige menschliche Geschichte herum gebaut, die Geschichte Jesu, und darum war es geeigneter, Sklaven- und Proletarier-Massen im ganzen Imperium an sich zu ziehen.

Im Neuen Testament steht auch die Geschichte von der Kreuzigung: ein unvergessliches Bild von „den Juden“, wie sie die Hinrichtung des lieben Herrn Jesus verlangen.

Ich zweifele daran, dass jemand, der diese Geschichte in seiner frĂŒhen Kindheit gehört hat, die Szene jemals aus seinem Unterbewusstsein wird tilgen können. Daraus ergibt sich eine Art bewussten oder unbewussten Antisemitismus.

Das war allerdings nicht der einzige Grund fĂŒr den Judenhass. Die bloße Tatsache, dass sie in alle Welt zerstreut waren, war ein riesiger Vorteil, aber auch ein riesiger Fluch.

Der jĂŒdische Kaufmann in Hamburg konnte Beziehungen zu einem jĂŒdischen Kaufmann in Thessaloniki anknĂŒpfen, der seinerseits mit einem jĂŒdischen Kaufmann in Kairo korrespondierte. Wenige Christen hatten im Mittelalter derartige Möglichkeiten. Die Konkurrenz fĂŒhrte dann dazu, dass Juden unzĂ€hlige Pogrome erlitten. In einem europĂ€ischen Land nach dem anderen wurden Juden angegriffen, getötet, vergewaltigt und schließlich vertrieben.

In der jĂŒdischen Seele schuf all das zwei miteinander im Streit liegende Trends: die Überzeugung, dass Juden besonders und ĂŒberlegen seien, und die Überzeugung, dass Juden in ewiger Gefahr seien, verfolgt und vernichtet zu werden.

UNTERDESSEN entstand ein weiterer Ableger des Judentums, der Islam, und eroberte einen großen Teil der Welt. Ihm fehlte eine Jesus-Geschichte und daher war er nicht antijĂŒdisch. Muhammad hatte seine Streitigkeiten mit jĂŒdischen StĂ€mmen in der Arabischen WĂŒste, aber lange Zeitspannen ĂŒber arbeiteten Muslime und Juden eng zusammen. Einer der grĂ¶ĂŸten jĂŒdischen Denker, Moses Maimonides, war der Leibarzt eines der grĂ¶ĂŸten muslimischen Helden, Salah ad-Dins (Saladins). So war die Beziehung, bis der Zionismus entstand.

Die Juden Ă€nderten sich nicht. WĂ€hrend andere europĂ€ische Nationen ihre Sozialstrukturen Ă€nderten – StĂ€mme, Viel-StĂ€mme-Königreiche, Imperien, moderne Nationen usw. – blieben die Juden in ihrer ethnisch-religiösen Diaspora. Das bewirkte, dass sie anders waren und fĂŒhrte zu Pogromen und schließlich zum Holocaust.

Der Zionismus war ein Versuch, Juden in eine moderne europĂ€ische Nation zu verwandeln. Die frĂŒhen Zionisten wurden von orthodoxen Rabbinern in den wildesten AusdrĂŒcken verflucht, aber sie weigerten sich, sich in einen Kulturkampf ziehen zu lassen. Sie schufen die Fiktion, dass im Judentum, Religion und Nation dasselbe wĂ€ren.

Der GrĂŒnder des modernen Zionismus Theodor Herzl war durch und durch ein europĂ€ischer Kolonialist. Er versuchte eine europĂ€ische Kolonialmacht fĂŒr sein Unternehmen zu gewinnen: zuerst den deutschen Kaiser und dann die britischen Imperialisten. Der Kaiser sagte zu seinen Beratern: „Es ist eine großartige Idee, aber man kann sie nicht mit Juden verwirklichen“. Den Briten war klar, welches Potenzial es dort gab, und sie erließen die Balfour-Deklaration.

Der arabischen Bevölkerung PalĂ€stinas und dem „Nahen Osten“ wurde zu spĂ€t klar, dass ihre bloße Existenz in Gefahr war. Als sie begannen, Widerstand zu leisten, baute der Zionismus moderne StreitkrĂ€fte auf. Schon bald wurden diese zur effizientesten MilitĂ€rmaschine in der Region und zur einzigen Atommacht dort.

AN DIESEM Punkt sind wir jetzt. Wir sind eine dominierende Regionalmacht und ein globales Schreibaby; wir regieren eine kolonialisierte Bevölkerung, die aller Rechte beraubt ist, und gleichzeitig sind wir davon ĂŒberzeugt, dass es finstere MĂ€chte gibt, die jeden Augenblick darauf aus sind, uns zu vernichten. Wir sehen uns als ein sehr besonderes Volk und als ewiges Opfer. Alles das in vollkommener Aufrichtigkeit. Und alles das gleichzeitig.

Wenn jemand behauptet, der Antisemitismus im Westen sterbe aus und an seine Stelle sei der Antiislamismus getreten, reagieren Juden Ă€rgerlich. Wir brauchen den Antisemitismus fĂŒr unser seelisches Gleichgewicht. Niemand darf ihn uns nehmen!

Vor fast 80 Jahren hatten junge Juden in PalÀstina den Einfall, die Gemeinschaften zu trennen: Wir Juden in PalÀstina seien eine neue Nation und alle anderen Juden seien einfach nur Juden. Etwa so wie Amerikaner und Australier, die zwar in der Mehrzahl britischer Herkunft, aber keine Briten sind.

Wir wurden alle zu „Eingeborenen“. Wenn wir 18 geworden waren, tauschten wir unsere jĂŒdischen Namen gegen hebrĂ€ische Namen. (So trat Uri Avnery ins Leben.)

Als aber das ganze Ausmaß des Holocaust bekannt wurde, wurden alle diese Ideen begraben. Die jĂŒdische Vergangenheit wurde glorifiziert. Jetzt nennt Israel sich der „jĂŒdische Staat“. Dazu gehören alle Eigenschaften des JĂŒdischseins, einschließlich der zweifachen Seele.

Deshalb werden wir bei internationalen Fußballspielen weiterhin „Solange noch im Herzen/ Eine jĂŒdische Seele wohnt 
 “ singen.

23. Juni 2018

(Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler)