John Perry Barlow ist tot. Sein Wirken und Geist sind ungebrochen.

John Perry Barlow, Songschreiber der Band Grateful Dead und MitbegrĂŒnder der BĂŒrgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation ist am Mittwoch, den 7.Februar 2018 im Alter von siebzig Jahren friedlich verstorben.

Vor genau zweiundzwanzig Jahren, am 8.Februar 1996 veröffentlichte Barlow aus Anlass des Weltwirtschaftsforums in Davos die UnabhÀngigkeitserklÀrung des Cyberspace.

Seither ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen, die digitalen technischen Entwicklungen sind rasend schnell mit all ihren neuen Anwendungsmöglichkeiten vorangeschritten. Wir alle wissen, mit welcher Wut und Raserei seither die Regierungen versuchen, die Menschheit im Internet unter ihre Kontrolle zu bringen und sich dabei nicht scheuen, auch zu illegalen Mitteln zu greifen, um den Austausch der Gedanken und die freie Rede zu unterbinden. Kein Gesetz hat in all den vergangenen Jahrtausenden es jemals vermocht, den freien Geist und den Willen zur Selbstbestimmung unseres Handelns aus der Gesellschaft zu verbannen. Es wird heute und in Zukunft nicht funktionieren, solange das in uns innewohnt, was uns zu Menschen macht: Liebe, KreativitĂ€t, Neugier, Hoffnung und MitfĂŒhlen mit allen Geschöpfen diese Erde.

Die UnabhÀngigkeitserklÀrung des Cyberspace von John Perry Barlow als VermÀchtnis hier noch einmal ihm zu Ehren auf Radio Utopie:

Regierungen der industriellen Welt, Ihr mĂŒden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

Wir besitzen keine gewĂ€hlte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen – und so wende ich mich mit keiner grĂ¶ĂŸeren AutoritĂ€t an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erklĂ€re den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gĂ€nzlich unabhĂ€ngig von der Tyrannei, die Ihr ĂŒber uns auszuĂŒben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befĂŒrchten hĂ€tten.

Regierungen leiten ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wĂ€re er ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein natĂŒrliches Gebilde und wĂ€chst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum unserer MarktplĂ€tze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen vermöchte.

Ihr sprecht von Problemen, die wir haben, aber die nur Ihr lösen könnt. Das dient Eurer Invasion in unser Reich als Legitimation. Viele dieser Probleme existieren gar nicht. Ob es sich aber um echte oder um nur scheinbare Konflikte handelt – wir werden sie lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen. Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere Regierungsweise wird sich in Übereinstimmung mit den Bedingungen unserer Welt entwickeln, nicht Eurer. Unsere Welt ist anders.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist ĂŒberall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezĂŒglich Rasse, Wohlstand, militĂ€rischer Macht und Herkunft.

Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrĂŒcken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der KonformitĂ€t aufgehen zu mĂŒssen.

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, FreizĂŒgigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der GegenstĂ€ndlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Unsere persönlichen IdentitĂ€ten haben keine Körper, so daß wir im Gegensatz zu Euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden können. Wir glauben daran, daß unsere Regierungsweise sich aus der Ethik, dem aufgeklĂ€rten Selbstinteresse und dem Gemeinschaftswohl eigenstĂ€ndig entwickeln wird. Unsere IdentitĂ€ten werden möglicherweise ĂŒber die ZustĂ€ndigkeitsbereiche vieler Eurer Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsĂ€tzlch anerkennen werden, ist die Goldene Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein, fĂŒr jeden einzelnen Fall eine angemessene Lösung zu finden. Auf keinen Fall werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrĂ€ngen versucht.

In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem „Telecommunications Reform Act“ gerade ein Gesetz geschaffen, das Eure eigene Verfassung herabwĂŒrdigt und die TrĂ€ume von Jefferson, Washington, Mill, Madison, Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese TrĂ€ume mĂŒssen nun in uns wiedergeboren werden.

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fĂŒrchtet, ĂŒbertragt Ihr auf Eure BĂŒrokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszuĂŒben. In unserer Welt sind alle GefĂŒhle und Ausdrucksformen der HumanitĂ€t Teile einer umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere FlĂŒgel emporhebt.

In China, Deutschland, Frankreich, Rußland, Singapur, Italien und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die Seuche fĂŒr eine Weile eindĂ€mmen können, aber sie werden ohnmĂ€chtig sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein wird.

Eure in steigendem Maße obsolet werdenden Informationsindustrien möchten sich selbst am Leben erhalten, indem sie – in Amerika und anderswo – Gesetze vorschlagen, die noch die Rede selbst weltweit als Besitz definieren. Diese Gesetze wĂŒrden Ideen als nur ein weiteres industrielles Produkt erklĂ€ren, nicht ehrenhafter als Rohmetall. In unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist erschafft, kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden. Die globale Übermittlung von Gedanken ist nicht lĂ€nger auf Eure Fabriken angewiesen.

Die zunehmenden feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns in die Lage frĂŒherer Verteidiger von Freiheit und Selbstbestimmung, die die AutoritĂ€ten ferner und unwissender MĂ€chte zurĂŒckweisen mußten. Wir mĂŒssen unser virtuelles Selbst Eurer SouverĂ€nitĂ€t gegenĂŒber als immun erklĂ€ren, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen. Wir werden uns ĂŒber den gesamten Planeten ausbreiten, auf daß keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.

Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

Davos, Schweiz
8. Februar 1996

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