punk is dead!

Radio Utopie veröffentlicht in einer Artikelserie mit dessen freundlicher Genehmigung Texte des Ostberliner KĂŒnstlers Henryk Gericke. Der folgende Text ist Auszug aus dem im Verlag „Neues Leben“ erschienenen Buch „Leck mich am Leben – Punk im Osten“ (Herausgeber: Frank Willmann). Der Autor war seinerzeit in der Punkbewegung der D.D.R. aktiv und betreibt heute die Staatsgalerie Prenzlauer Berg.

2010 nahm die Anarchopunk-Legende CRASS mit einem Comeback Abschied. Die Band eröffnete ihr letztes Konzert mit einem Klassiker, der als VermĂ€chtnis in den Festsaal Kreuzberg krachte. Die Botschaft kam an, aber nicht rĂŒber, denn die versammelte Punkgemeinde skandierte pogend den Refrain – „punk! is! dead!“. Dem Genre Punk ist die Auflösung seines radikalen Anspruchs von der Stunde Null an eingeschrieben. Seine bald vierzigjĂ€hrige Wirkungsgeschichte besteht dann auch eher in der Schaffung einer Punk-Idylle, die sich selbst ein „punks not dead“ ins zerfledderte Stammbuch schrieb. Das klingt wenig einleuchtend, wenn man sich die Gespenster vor den SupermĂ€rkten vergegenwĂ€rtigt, Penner, die mit Punk nur das P gemein haben.

Von dem Begriff der Punkbewegung ausgehend, bleibt nur noch zu diagnostizieren, daß bei der Generation X in der x-ten Generation nichts mehr lĂ€uft, die Bewegung ist raus. Heute ist das Bild vom Punk im kollektiven GedĂ€chtnis so fest verankert, wie die Punks unverrĂŒckbar angeleint vor den von ihnen verachteten Konsumtempeln rumhĂ€ngen, im Schneidersitz (!) eben jene anbettelnd, die sie dafĂŒr gering schĂ€tzen, in dieselben zu gehen. Wer hĂ€tte 1977 gedacht, daß die HundehalsbĂ€nder der Punks einmal als Signum dafĂŒr stehen wĂŒrden, auf das Kleingeld anderer abgerichtet zu sein? Eine der schönsten Punk-Travestien spielt sich regelmĂ€ĂŸig in einer Bankfiliale im Prenzlauer Berg ab. Ausgerechnet ein Punk hĂ€lt dort als TempelwĂ€chter des Kapitals den Kunden die TĂŒr zum Bankinstitut auf und nimmt fĂŒr diese Zuvorkommenheit ein paar Cent entgegen, unter einer leichten Verbeugung und einem verbindlichem Dankeschön.

Doch darĂŒber soll hier nicht etwa Klage gefĂŒhrt werden, der Untergrund wird in letzter Konsequenz immer zur Geisterbahn oder eben zur Kanzlerbahn. Denn ĂŒber das wahrheitsgemĂ€ĂŸe Klischee des Penner-Punks hinaus findet noch die mediale und retrospektiv ausgerichtete Beschwörung dessen statt, was Punkrock in seiner Hauptsaison 76/77 einmal authentisch und radikal sein ließ. Das Verschwinden des Protestcharakters von Punk, hinter seiner PrĂ€senz als permanenter Renaissance im öffentlichen Unbewußtsein, spricht mal in feinstofflicheren, mal in grobstofflicheren Dosierungen vom Wegbrechen einer Protestkultur, die nicht nur Herzensangelegenheit einer Szene war.

In den 60er, 70er und 80er Jahren war die Kultur des Widerspruchs eine Sache von Bewegungen und prĂ€gte ganze Generationen. Atac und Occupy geben dafĂŒr keine aktuelle Entsprechung ab. Sie stehen nicht fĂŒr eine Generation und sind als eine Protestbewegung letztlich eine Protestelite geblieben, deren Aktionen sich nach den Protokollen, Terminen und den Krisen der Industrieeliten richten. Das fette Ausrufungszeichen des Protestes hinter Punk krĂŒmmte sich mit den Jahren zu einem dicken Fragezeichen hinter seiner IdentitĂ€t bzw. hinter deren Kopie.

Punk als „Branding“ dĂŒrfte ein in seiner Relevanz besonders drastisches Beispiel von IdentitĂ€tsverschiebung und IdentitĂ€tsverlust darstellen. Bisher wurde die Geschichte einer Rebellion reinszeniert und wenn man sich als aufgeklĂ€rt bzw. abgeklĂ€rt geben wollte, dann ließ sich so allgemein wie möglich vom „Ausverkauf“ einer Jugendrevolte parlieren. Dieser Ausverkauf betraf naturgemĂ€ĂŸ auch andere Jugendbewegungen, Hip Hop und Techno etwa blieben ebenso wenig verschont wie kĂŒnstlerische Subkulturen. So erfuhr z.B. Streetart eine freundliche Übernahme durch die WeichzeichnermentalitĂ€t der Werbeindustrie. Lange zuvor ist das „no future“ der Punks zu einem Corporate Identity mutiert, das sich letztlich als eine Markt-relevante Investition in die Zukunft erwies. Dies ist die eigentliche „Story of Johnny Rotten“. Ihre dauernde Fortschreibung durch die Mainstreamkultur handelt von der WesensverĂ€nderung eines identitĂ€tsstiftenden Kulturguts zu einem imageorientierten Konsumgut. Es ist die Geschichte des radikalen Wandels einer radikalen Jugendkultur, deren subkulturelles Kapital in ökonomisches Kapital transferiert wurde. Punk ist tot, weil er als Zitat nicht tot zu kriegen ist.

Die Entwicklung von Rebellion und Exzeß zu Tradition und Jugendfolklore, vom affektiven Nihilismus der frĂŒhen Punks zum effektiven Leergut der Werbepunks, gipfelte in der Egalisierung von Subkultur und Mainstream, die heute HĂ€ndchen halten. Denn das Interesse, die krasse Diktion von Punk in eine genreĂŒbergreifende Ästhetik zu ĂŒberfĂŒhren, war der letzte Akt einer Kommerzialisierungskette, der zur Folge hatte, daß die Punk-Codes als ein pseudosubversives Label und damit als Karikatur ihrer selbst funktionieren. Die ÜberfĂŒhrung des Habitus und der Ästhetik von Punk, besteht in der beinahe ganzheitlichen Vereinnahmung seines Protestcharakters, der einmal identitĂ€tsstiftend war. Um es einmal vorsichtig auszudrĂŒcken; die Frage nach der eigenen IdentitĂ€t gilt als unter Jugendlichen sehr verbreitet. Doch in einer Zeit, in der sie kaum Widerstand zu leisten vermögen, da die Gesellschaft kaum noch Widerstand gegen ihre ProtestschĂŒbe leistet, wird auch noch in einem Akt von Produktpiraterie jugendlicher Protest bzw. politische IdentitĂ€t absorbiert und eingespeist in den Warenkorb einer kolonialisierten Jugend- und Protestkultur. Und dies beinahe im Moment ihres Entstehens, denn die Inkubationszeit zwischen Anfang und Ende eines PhĂ€nomens wurde mit den Jahren immer kĂŒrzer.

Unmittelbar nach den Protesten, anlĂ€ĂŸlich des G8-Gipfels in Genua, erschien in einem Zeitgeistmagazin unter dem Slogan „Fashion For The People“ der Abdruck eines 10-Euro-Gutscheins. Illustriert wurde er von der Banksy-haften Schablone eines Globalisierungsgegners, welcher in Basecap, Kapuzenpulli und in Freiheitspose mit zur Faust geballter Hand, ein Megaphone in der anderen, bis zu „70% reduzierte Brands“, also Markenklamotten bewarb. Werbung verkleidet die Jugend als Moderebellen und entkleidet sie zugleich ihrer IdentitĂ€t als natĂŒrliche Opposition der Gesellschaft. Damit einher erfahren gegenkulturelle Symbole eine Umwidmung zu Ikonen eines modischen Konsenses und somit zum Fetisch ihres unverbindlichen Konsums. Ihrer ElektrizitĂ€t beraubt werden sie im eigentlichen Sinne des Wortes zu Markte getragen.

In den Kulissen dieses Marktes jedoch sind junge Leute nicht mehr nur jugendbewegt, vielmehr sind sie die Zielgruppe einer jugendbewegten Industrie. Deren Kundschaft wird IdentitĂ€t als Image verkauft, als die Illusion von gelebter Subkultur, politischem Widerstand oder kĂŒnstlerischer BohĂšme. Im ungefĂ€hren Gleichklang mit der Konsumgesellschaft wird die eigene Jugend sozusagen live verpaßt. Aus eben jener Konsumgesellschaft brachen die Punks einst aus, denn sie waren vor allem an Illusionen arm. Hip Hop hatte in seinen AnfĂ€ngen das Potential, nicht nur ein neues Genre zu stiften. Doch er geriet zu schnell zur gerapten Ode an die Statussymbole der weißen Oberschicht und damit zu einem Markensegment. Und Techno war zumindest in Berlin nur insofern Underground, weil die Clubs tiefer gelegte Partykeller waren, in denen zu sinnfreien Beats Marschmusik als letzte Offenbarung abgefeiert wurde. Nicht abgesehen von der Scheindemonstration namens Love Parade, deren WĂŒrdelosigkeit nur noch durch die Art ihres todbringenden Endes und die charakterlose Weise ihrer Zeremonienmeister zu steigern war.

Durch die heftigere Fallhöhe steht die Mimikry von Punk zu einer Marke stellvertretend fĂŒr Prozesse, welche subkulturelle Lebensart und gegenkulturelle Arbeitsweise zur Vorhut ihrer eigenen EntkrĂ€ftung machen. Dem reflexhaftem Interesse an seiner imagebedingten und letztlich merkantilen Vereinnahmung sind Alternativkulturen als natĂŒrliche Ressource des Marktes ausgeliefert. Einmal im Umlauf schließt sich schnell der Kreis und aus einem PhĂ€nomen mit Ecken und Kanten wird eine runde Sache damit der Rubel rollt. Die Domestizierung von Punk zu einem verfĂŒgbaren Stil hat lĂ€ngst Eingang in die Alltagskultur gefunden. Doch jene Alltagskultur bezieht sich ihrer Natur gemĂ€ĂŸ weniger auf eine politische Haltung, als auf die Kopie von Typografie, Layout, Design und Mode mit politischer AttitĂŒde. Auf den AuthentizitĂ€tskult um Punk folgte seine Funktionalisierung als Produktpalette der Verwertungsindustrie. PunkĂ€sthetik entspricht lĂ€ngst einer WarenĂ€sthetik.

Die flĂ€chendeckende Werbung im öffentlichen Raum lĂ€uft auf die Montage von Original und Kopie als einer öffentlichen Demontage hinaus. Der öffentliche Raum ist eine Arena, in welcher Markt und Subkultur aufeinander prallen. Diese Arena ist eine Messe, ein Raum fĂŒr Werbung, fĂŒr die Bewerbung modernen Konsumverhaltens, auch mit den Mitteln eines Punk-tradierten Konsumverzichts. Die tatsĂ€chliche oder vermeintliche Konsumfeindlichkeit von Punk wurde in einer Wechselwirkung von Konsumverzicht und Konsumverhalten.einem Konsumanreiz nutzbar gemacht. Eben in dieser Gleichung besteht der außerordentliche Reiz, ausgerechnet Punkrock als IdentitĂ€tssiegel, als Utopien- bzw. Etikettenschwindel von Widerstandsgeist und Alternativkultur in den Mittelpunkt von Marketingstrategien zu stellen. Punk war die Inszenierung seiner selbst, wurde aber in letzter Konsequenz vom Markt in Szene gesetzt. Der Markt hat sich seinen VerĂ€chtern angeglichen und ist die neue Besetzerszene, die den öffentlichen Raum mittels Plakat- und VideowĂ€nden okkupiert. Sie bewirbt eine Moderne, welche unsere ewige Antike bleibt. Durch den RĂŒckgriff auf Insiderkulturen, die ĂŒber ein subkulturelles Herrschaftswissen verfĂŒgten, gehen merkantile Botschaft und politische Haltung ein VerhĂ€ltnis ein, das ein perfekt funktionierendes MißverhĂ€ltnis ist.

Da Werbung, wo sie berufsjugendlich auftritt, sich beinahe immer auf aktuelle Tendenzen stĂŒtzt, auch wenn diese bereits durchdekliniert sind, ist der Mainstream die retro-gestĂŒtzte Avantgarde seiner selbst. Damit wurde Punk in den Hochglanz- und Societymagazinen wie Vogue, Elle, Cosmopolitan und Vanity Fair salonfĂ€hig. Modeketten wie H&M, Zara, Mango oder Modelabel wie Rock & Republic und Punk Royal bedienten sich am Pistols-Artwork von Jamie Reid oder verliehen ihrem Sortiment wahlweise durch Clash- und Ramones-T-Shirts einen subversiven Touch. Bier, Autos, Jeans und Lifestyle-Produkte wurden und werden zu Songs von Punkbands wie Clash, Stranglers, Cockney Rejects, Iggy Pop, aber auch von jĂŒngeren Bands wie Elastica, Caesars oder Hives beworben.

Ein ĂŒberdeutliches Beispiel fĂŒr die Magie, welche Punk auf die Werbestrategen ausĂŒbt, dĂŒrfte eine der letzten „EinfĂŒhrungskampagnen“ von Honda sein. Honda bewarb ein neues Model mit dem Slogan „Vernunft ist der neue Punk“. Nicht abgesehen davon, daß hier auf der Vernunftebene entschĂ€rft wird, was schon lĂ€ngst nicht mehr zĂŒndet, hantiert dieser Slogan nicht mehr nur mit einer von mehreren Signifikanten, sondern mit dem Begriff als Ganzem. „Vernunft ist machbar, Herr Nachbar!“ und Punk ist runderneuert und zur gelegentlichen Nutzung dort gelandet, wo er einst auch herkam – in der Garage.

Die vielzitierte Absorption von Subversion ist zum einen kommerzieller Natur, aber in der gewollten EntschĂ€rfung direkten Denkens und identitĂ€tsstiftenden Handelns auch politisch zu verstehen. Jugendprotest ist ein Produkt, man kann es auf den Markt werfen, man kann es dem Markt entziehen. So verkleidet ein Abstauber-Kapitalismus seine Jugend als modische BohĂšme auf dem Laufsteg ins Nirgendwo. WĂ€hrend einer Show der Haute Couture in Paris liefen die Models in luxuriösen Kreationen vor dem Mode-Jet-Set zu einem Song der englischen Ur-Punkband X-Ray Spex ĂŒber den Laufsteg. Der Song hieß „Identity“.

Ohne einen handelsĂŒblichen und somit abwegigen Systemabgleich zwischen vorgestern und heute vornehmen zu wollen, sei an dieser Stelle ein 17-jĂ€hriger aus dem Jahr 2007 zitiert. Als Kommentar auf den Ostpunk-Film „too much future“ bemerkte er:

„Klar, die Punks wurden damals hinter der Mauer verfolgt, aber ihr habt euch wenigstens gespĂŒrt. Wir spĂŒren uns heute nicht mehr.“