Die World Music Charts Europe Oktober 2011
Die World Music Charts Europe können bisweilen gravierende Bestandteile in ihrer zwanzig Positionen umfassenden Chartsliste austauschen. Dies mag an der Dynamik liegen, die entsteht, wenn 47 DJs aus 23 LĂ€ndern ihr Votum abgeben. So kann es also passieren, daĂ wie in unserer Reflektion dieser Charts im Monat August, plötzlich alles herausfliegt, dessen wir uns widmeten. Das ist nicht schlimm, denn das Netz vergisst bekanntlich nicht und unser Archiv schon mal gar nicht. AuĂerdem schafft es dieses Non-Profit-Gremium immer wieder, uns mit ausgewĂ€hlten Tracks der Musikbotschafter der Welt in erfreutes Staunen zu versetzen.
Wir nehmen uns die Freiheit, uns an den unserer Ansicht nach herausragendsten Vorstellungen zu delektieren, dazuzulernen und unsere Leser an SpaĂ und Wissen teilhaben zu lassen.
Der Fokus der Charts liegt in diesem Monat klar auf Produktionen aus und zu Afrika. Dies erscheint uns auch nicht verwunderlich. Befinden sich doch zahlreiche afrikanische LĂ€nder, wenn nicht gar der ganze Kontinent, in akuter Gefahr, in massierter neokolonialistischer Manier einmal mehr zurĂŒckgeworfen zu werden und um die BestĂ€nde und FrĂŒchte seiner Kulturen und anderer ReichtĂŒmer sowie Autarkiebestrebungen gebracht zu werden.
Gewonnen hat in diesem Monat Fatoumata Diawara aus der ElfenbeinkĂŒste und hier gibt es ein Video von ihrer myspacesite zu sehen. Das Aufmachervideo dieses Artikels stammt von der Formation JuJu, war im letzten Monat auf Platz Zwei der charts und ist eine treibende Symbiose aus „westlichem“ und afrikanischem Rhythm and Blues, ergo „Afro-Rock“, virtuos vorgetragen von Juldeh Camara aus Gambia, dem Land der Zauberer, mit seiner Ritti, einer einsaitigen Fiedel, und dem disziplinierten „Rhytmusgitarristen“ Justin Adams & Band. Diese Jungs haben im September 2010 auf dem Womad-Festival im zutiefst unsymphatischen Austragungsort Abu Dhabi eine Session mit Robert Plant hingelegt. Hier ein Video. Wer Interesse an einer Party der Tuareg mitten in der Sahara im Niger hat, dem stellen die SpĂ€her des WMCE den mit Position 16 in den Charts eingetragenen Bombino aka Omar Moctar als Vid zur VerfĂŒgung.
Ganz groĂartig ist der Gewinner der Charts im Monat September, Lucas Santtana aus Brasilien. Er landet diesen Monat auf Platz Zwei und der Hammertrack „Super ViolĂŁo Mashup“ enthĂ€lt sogar Samples vom melancholischen, unvergessenen „Indignado“ des Bossa Nova, Baden Powell. Besonders interessant ist auch, daĂ sich ganz offenbar seit der Konferenz der creative commons in Lateinamerika Ende 2009 einiges getan hat und so gibt es von Lucas Santtana eine fette site mit zahlreichen, ganz legalen Downloads.Da wĂ€chst zusammen, was zusammen gehört.
Wir finden, daĂ die WMCE immer besser und auch umfangreicher werden und Ihr solltet Euch bei Interesse einmal durchclicken. Da gibt es mittlerweile Veröffentlichungen auf soundcloud zum download wie z.B. hier oder hier ganze Kaleidoskope von ungekĂŒrzten Veröffentlichungen.
Ganz wichtig ist diesmal auch die auf Position Sechs gelandete Compilation „Golden Beirut“ aus dem Herzen der Schweiz des Orients. Es gibt wenig StĂ€dte auf der Welt, die so sind wie Beirut. Und sollte es wirklich so sein, daĂ all die Tracks aus minimalen Klangschmieden sind und nicht ein Coup einer Otpor, dann wird schnell klar, daĂ der Libanon aus viel mehr besteht, als aus Syrien, der Amal oder der Hisbollah, Walid Dschumblads Drusen usw.
Nun möchten wir uns aber der spannendsten Entdeckung widmen. Auf dem letzten Platz ist „Minne“ von Milla Viljamaa gelandet. Nun ist es nicht nur die eindrucksvoll akustisch umgesetzte, finnische AffinitĂ€t zum Tango, die wir faszinierend finden. Wir haben uns den Track 14 der von den WMCE zur VerfĂŒgung gestellten Trackliste der Formation „HereĂ€“, (herzhaftes Lachen) herausgepickt, Obwohl dieser Track gar nicht zur Produktion „Minne“ gehört, hat doch Milla Viljamma den kompositorischen Beitrag geleistet. Im Text geht es um die Töchter des Nordens. Sie leben in einem kalten Dorf, sind eigensinnig und stolz und lehnen alle BrĂ€utigam-Kandidaten ab. Sie stellen den Kandidaten unmögliche Aufgaben – so sollen diese z.B. den GroĂen BĂ€ren vom Himmel holen. Sie halten goldene und silberne FĂ€den in den HĂ€nden und beeinflussen so die Geschicke auf Erden, wie Geburt und Tod usw. Sie sind die Moiras des Nordens. Kurzum: Der Text basiert auf dem finnischen Nationalepos Kalevala , hergeleitet aus der finnischen Mythologie.
Im finnischen Nationalepos Kalevala aus dem 19. Jahrhundert wĂ€hlt die Tochter des Nordens den Schmied Seppo Ilmarinen aus, weil er eine Art Geldmaschine fĂŒr die Herrin des Nordens anfertigt. Es geht darin um Reichtum, Gier und gutaussehende, junge Leute. Es gibt zwei andere Bewerber fĂŒr die schöne Tochter, VĂ€inĂ€imöinen, den Weisen und einen jungen Abenteurer und SĂ€nger – und beide scheitern trotz ihrer BemĂŒhungen…
Die Finnen verstehen heiĂt, den Finnen zuzuhören. Im weiteren Sinne: Wir hören uns im nĂ€chsten Monat wieder! Und wir halten mindestens die Ohren offen.
