„Träumen ist zu sein“: Die Rede von Daphne Leef in Tel Aviv

Dokumentationen Gesellschaft, Verhältnisse

Am 14. Juli des Jahres 2011 schlug sie auf dem Rothschild-Boulevard von Tel Aviv alleine ihr Zelt auf. Am 3. September demonstrierten in Israel Hunderttausende von Menschen. Hier ist ihre Rede, geschrieben mit Dror Feuer, die Daphne Leef an diesem Tage auf dem Kikar Hamedina in Tel Aviv hielt. Es ist das Dokument eines Sieges der Menschlichkeit über Lüge, Verrat, Gemeinheit, Feigheit, Ausbeutung, Resignation und Unterwerfung. Es ist das Dokument des Sieges eines Traums über die vor ihm existierende Realität. Es ist das Dokument des Sieges der Kunst über die Macht.

Englische Übersetzung der in hebräisch gehaltenen Rede: Haaretz. Deutsche Übersetzung: Tom Stelling, www.echte-demokratie-jetzt.de. Quelle: Echte Demokratie Jetzt.

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Etwas Mächtiges, etwas Großes passierte in diesem Sommer. Der Sommer 2011 ist der große Sommer der neuen israelischen Hoffnung. Diese Hoffnung wurde, wie viele Hoffnungen, geboren aus einem Gefühl der Verzweiflung, Entfremdung und der Ungleichheiten, die für uns alle unmöglich wurden, Ungleichheiten, die fast unmöglich zu überwinden geworden sind.

Die israelische Gesellschaft, die hier steht – und es ist auch wichtig zu beachten, auch die israelische Gesellschaft, die gewählt hat an diesem Abend zu Hause zu bleiben – hat seine Grenze erreicht. Und dann stand sie auf und sagte: Genug! Nicht weiter! Du kannst einige der Menschen für einige Zeit betrügen, aber du kannst nicht alle die ganze Zeit betrügen. In diesem Sommer sind wir aufgewacht und weigerten uns mit geschlossenen Augen weiter dem Abgrund entgegen zu gehen.

Wir wählen zu leben. Wir sind nicht unsichtbar. Wenn sie nur Zahlen verstehen, lasst Sie uns daran erinnern, dass hier mehr als 7 Millionen Menschen sind, und jeder dieser Menschen hat ein Herz. Es war ein Schild auf dem Rothschild, auf dem stand: “Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle.” Es ist wahr. Jeder von uns ist die Protesthauptniederlassung einer Person.

Dieser Sommer war ein wunderbarer Hindernislauf. Welche Hürden haben sie uns nicht alles vorgesetzt? Was haben sie nicht alles über uns gesagt? Wie haben sie nicht alles versucht, uns aufzulösen. Das erste, was sie über uns gesagt haben: verzogene Gören. (..) Daraus lernten wir, dass die automatische Reaktion der öffentlich Gewählten darin besteht, unserem Handeln keinen Respekt entgegen zu bringen. Ihre erste Priorität war es, zu sagen – es ist alles nichts, null, nur eine Gruppe von Kindern. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur das Zeltlager am Rothschild Boulevard. Sie nannten uns vage und irregeführt. Das Ergebnis: Zeltcamps begannen im ganzen Land aufgestellt zu werden. Sie hatten keine andere Wahl, als zu verstehen, dass dies etwas größeres, etwas ganz Eigenes war. [...]

Die Tatsache, dass diese Generation – die einsamste und am meisten zurückgezogene Generation – aufstand und etwas tat, grenzt an ein Wunder. Das Wunder des Sommers 2011. Da hast Du es – alles, was wir dachten, alles, was sie uns gelehrt hatten – war falsch! Was hier geschah, war genau das, was notwendigerweise geschehen musste.
Wir waren jeder von uns in seinem eigenen Rad gefangen, einem Rad von Unzufriedenheit, dem Gefühl der Absurdität. Und plötzlich fingen wir an zu reden, und noch wichtiger war: Wir fingen an zuzuhören.
So nannten sie uns extreme Linke. Sie versuchten, uns zu definieren. Wie um alles in der Welt wissen sie, wer ich bin? Woher wissen sie, wer du bist? Wie können sie sich erdreisten? Die beste Antwort auf ihre Behauptungen kam nicht von mir oder meinen Freunden, sie kam aus den Zeltcamps, die in der Hatikva Nachbarschaft entsprangen, in Jesse Cohen, in Kiryat Gat, Kiryat Shmona, Modiin, Rahat, Kalansawa, Jerusalem, Haifa, Bet Shean, Yerucham und in zig anderen Orten. Alle von uns, das ganze Land, realisierte, dass es kein rechts oder links gibt – wir sind alle Diener/wir alle dienen. [...]

Auf der Demonstration in Afula sah ich ein Schild: „Für 31 Tage war ich stolz darauf Israeli zu sein”. Ich stehe vor Euch, und ich bin jetzt seit 7 Wochen stolz darauf eine Israelin zu sein. Ich glaube, dass wir hier zusammen unser Selbstwertgefühl als Gesellschaft erschaffen. Zu sagen „Ich verdiene” bedeutet, dass jemand anderes auch verdient, dass wir es verdienen. Dieser Sommer brachte viele gute Momente und Erinnerungen mit sich – der Hoffnung, des Wandels, der Brüderlichkeit und des Zuhörens.
Ein Diskurs des Lebens wurde geschaffen. Es ist das wichtigste Erwachen, das es hier je gegeben hat. Wir sind nicht hier, um zu überleben, wir sind hier, um zu leben. Wir sind nicht hier, nur weil wir sonst keinen Ort haben. Wir sind hier, weil wir hier sein wollen. Wir wählen hier zu sein, wir wählen an einem guten Ort zu sein, in einer gerechten Gesellschaft; wir wollen in einer Gesellschaft als Gesellschaft leben – nicht als eine Ansammlung von einsamen Menschen, die allein vor einer Box, dem Fernseher, sitzen und einmal alle vier Jahre einen Zettel in eine andere Box – die Wahlurne – werfen. [...]

Wir haben hier einen neuen Diskurs geschaffen. Dies ist der neue Diskurs: Wir haben das Wort Mitleid durch das Wort Mitgefühl ersetzt. Wir haben das Wort Wohltätigkeit durch das Wort Gerechtigkeit ersetzt. Wir haben das Wort Spende durch das Wort Fürsorge ersetzt. Wir haben das Wort Verbraucher durch das Wort Bürger ersetzt. Wir haben das Verb warten durch das Verb ändern ersetzt. Wir haben das Wort allein durch das Wort zusammen ersetzt. Das ist das Größte, was wir in diesem Sommer gemacht haben. Ich weiß nicht wie es Euch geht, Freunde, aber es ist bereits unumkehrbar. Wir werden nicht mehr zustimmen, rückwärts zu gehen! Wir sind nach vorne schreitend, in eine bessere Zukunft, für eine gerechteres Land. Soziale Gerechtigkeit!

Wir sind alle irgendwie in unserem sozialen Status eingesperrt, in unserer Nachbarschaft, in unserer Religion, unserem Geschlecht. Und dann erkannte ich, dass wir nicht eingesperrt sind – wir sperren uns selbst ein! Wir haben alle einen Überziehungskredit, aber der Überziehungskredit ist im Interesse der Banken, ist im Interesse des gesamten Finanzsystems des Staates. Sie wollen uns ständig auf einem bestimmten Niveau der Bedrängnis halten. Da, wo es Not gibt, gibt es keine Hoffnung, und wo es keine Hoffnung gibt, gibt es keine Chance auf Veränderung, und wo es keine Chance auf Veränderung gibt, gibt es nichts wofür es sich zu leben lohnt. Doch in diesem Sommer, Tag für Tag, Woche für Woche, gingen wir hinaus auf die Straßen und erklärten nicht nur der Regierung, sondern auch uns selbst, dass es etwas gibt, wofür wir leben! Als wir dies erkannten, haben wir begonnen, über eine gemeinsame Zukunft nachzudenken, wir sind aufgebrochen in die Freiheit! [...]

Von nun an sind wir zusammen. Wir fordern einen Wandel, und wir wollen teilnehmen an diesem Wandel. Wir haben einen neuen Diskurs begonnen, einen Diskurs der Hoffnung, des Teilens, der Solidarität und der Verantwortung. Ich möchte den Ministerpräsidenten fragen, möchte alle Politiker fragen: Schauen Sie, was hier passiert ist, was hier passiert – ist das etwas, was Sie besiegen wollen? Ist das etwas, das Sie in der Lage sind zu besiegen? Sie sind die Vertreter des Volkes. Hören Sie auf das Volk. Dieser Protest, der so vielen Menschen viel Hoffnung gab – wollen Sie diese Hoffnung brechen? Ist das, was Sie wollen? Die Hoffnung niederschmelzen? Sie werden nie erfolgreich sein!

[...] Es begann mit einer Person, die etwas getan hat. Ich schlug mein Zelt auf dem Rothschild auf, aus einem persönlichen Gefühl heraus zu sein oder nicht zu sein. Ein Mensch, der mir sehr am Herzen lag, Alex, hat seinem Leben ein Ende gesetzt. Er war ein Dichter. Er schrieb, dass, selbst wenn du ein Herz aus Gold hast, du es nicht schaffen wirst, die Welt zu verändern. Zwei Monate bevor das alles begann, konnte er nicht länger hier sein, und wählte es nicht zu sein.
Wie kann ein Mensch wie er, ein Träumer und Idealist, das Gefühl bekommen, keinen Platz mehr auf dieser Welt zu haben? Wenn er keinen Platz in dieser Welt hat, dann ich glaube ich, das ich auch keinen Platz habe. Und mein Herz schmerzte. Mein Herz war gebrochen. Was ist das für eine Welt, die keinen Platz hat für Träumer, Idealisten und Dichter? Was für eine Welt schaltet sie aus? Eine Welt der Armut. Denn wir alle sind Träumer, und wir haben alle das Recht zu träumen. Arm zu sein bedeutet nicht nur, das es einem nicht gelingt, finanziell über den Monat zu kommen oder obdachlos zu sein. Arm zu sein bedeutet, beunruhigt zu sein von diesen Dingen, ganz wesentlich, in einem solchen Ausmaß, dass du nicht in der Lage bist zu träumen, zu denken, zu lernen, deine Kinder zu umarmen.

Also habe ich angefangen damit. Aber gerade weil ich es begann, bedeutet nicht, das es nur um mich geht. Es ist nicht nur meine Geschichte, es ist die Geschichte von vielen Menschen, die aufgestanden sind und losgingen, die aufgestanden sind und anfingen, etwas zu tun. Wir alle entschieden uns zu sein. Wir haben uns entschieden, hier zu sein. Hier sind wir.

In diesem Sommer haben wir gelernt, dass wir alle einen Platz haben. Das Morgen sein wird, was wir daraus machen. Wir brauchen sie nicht, um uns zu definieren, wir wissen ganz genau, wer wir sind. Und nach diesem Sommer wissen wir, dass es okay ist, zu träumen. Mehr als das. Wir haben verstanden, dass wir träumen müssen! Träumen ist zu sein.

Vor 7 Wochen war ich eine 25-Jährige, die allein mit ihren privaten Träumen kämpfte – um Filme zu machen. In der vergangenen Woche bin ich von allen Seiten angegriffen worden, und sie haben es fast geschafft, das ich mich wieder allein fühle. Ich weiß nicht, wie es für dich ist, aber ich habe gerade erst angefangen mit meinem Protest …
Ich werde hier sein so lange wie nötig. Ich will Alex zeigen, ja, man kann die Welt verändern, jeder kann es. Du brauchst nur daran glauben, aufstehen und etwas tun. Die Verantwortung liegt bei jedem einzelnen von uns. Aufzustehen, sich zu bewegen, zu sprechen und zu tun und nicht aufzugeben.

Durchs auf die Straßen gehen, fanden wir nach Hause!