Die World Music Charts Europe August 2011
Wer offenen Auges und mit offenen Ohren möglichst bereits zu Zeiten seiner Jugend die Welt bereist, wird unweigerlich die Erfahrung machen, daĂź das vorher so befremdlich Anmutende sich ihm, der er zudem auch offenen Herzens ist – langsam und mit zunehmender Länge einer Reise bzw. der damit verbundenen, zunehmenden Intensität der neuen Erfahrungen – als ein mannigfaltiges Kaleidoskop der Sicht auf die Welt, bzw. der Befindlichkeiten der Menschen darin und deren verschiedenartigsten Arrangements mit der einzigen, ihnen gegebenen Ist-Zeit, offenbaren wird und er dadurch seinen mentalen Horizont derartig erweitern kann, daĂź ihm ein RĂĽckfall in tunnelblickartige Sichtweisen zeitlebens erspart bleiben dĂĽrfte.
Sich in dieses Abenteuer zu stĂĽrzen und auf einem solchen Wege dem ungewissen „GlĂĽck“ hinterherzurennen, kann selbst im schlechtesten, nichttödlichen Falle, zu mehr oder weniger universeller Erkenntnis fĂĽhren und infolge dieser sogar zu einer gewissen Fähigkeit der Voraussicht, ja, der Vision fĂĽhren. Eine solche Vision bedarf keiner Ideologie, keiner Doktrin. Sie bedeutet nichts weniger als eine Form der transzendenten Freiheit, die mittels akustischer-, aber auch eigentlich immaterieller, emotionaler Schwingung ĂĽbertragen wird. Wie minderwertig und langweilig kommen uns doch dagegen Machwerke vor, die vordergrĂĽndig darauf abzielen, erwĂĽnschte, vorabbestimmte Stimmungen zu erzeugen, wenn wir uns doch genau noch an die Momente erinnern können, wie es war, als wir z.B. von „Feldstrahlungen“ humanoider Herkunft getroffen wurden und es uns einfach nur unerwartet und massiv „rockte“…
So manch einer warf auf diesen Reisen den Anker, irgendwo, in einem fernen Land, weil er vielleicht die Liebe seines Lebens traf und sich dort seiner Auffassung von Verantwortung stellte. Und es war Freiheit, diese Reise und diese Entscheidung treffen zu können. Es kamen auch so manche zurĂĽck und fĂĽhlten sich einfach daheim wohler, weil ihr Bezug zur Tradition ihnen förderlicher erschien – wie sehr vielen Menschen auf diesem Globus; dem Raunen der GroĂźeltern, den staunend aufgenommenen Wissensreichungen belesener Uronkels in naturwissenschaftlichen und sozialphilosophischen-, noch weiter zurĂĽckblendenden, als auch vorausschauenden Betrachtungen und sehr wohl distinguiert vorgetragenen Rationalismen, die wir damals vielleicht nicht so recht verstanden haben mögen, die sich aber mit der Erweiterung unserer selbst vorangetriebenen Weltbetrachtung heute durchaus ergänzen können; wir also sogar Bestätigung erfahren können, die aber bei weitem nicht lokal begrenzt sein muĂź. Was also soll mein Land sein, wenn ich doch weiĂź, dass ich selber, so wurde es mir ĂĽbermittelt, nur ein x-ter Nachfahre der HunnenĂĽberfälle auf „Europa“ bin? Es muĂź meine eigene, freie Entscheidung sein können. Und was ich fĂĽr mich selber wĂĽnsche, das wĂĽnsche ich auch allen anderen Menschen auf dieser Welt. Ist jemand, der als Napoleons Söldner in Berlin eine Familie grĂĽndete, ein „Origin-Berliner“? (Fiesematenten= visitez ma tente!) Know your enemy, oder watt? Worauf ich hinaus will, ist eigentlich nur Eines: Auch eine solche, bewusst getroffene, aus einem gewissen moralischen Zeitfensterbezug heraus eher sezessive Entscheidung ist Freiheit!
Wir widmen jetzt erst recht unsere Aufmerksamkeit den vom Visionär Johannes Theurer vor fast zwei Dekaden initiierten World-Music-Charts und wir sind stolz, ja stolz, dass Radio Utopie einer seiner Media-Partner ist und sich als Multiplikator erweisen kann.
Zur Erinnerung: In den World Music Charts Europe befindet eine Jury, bestehend aus 46 Mitgliedern aus 25 Ländern darüber, wer überhaupt in die Charts aufgenommen wird. Mit aktualisierten Meldungen, welche Jurymitglieder ausscheiden bzw. neu aufgenommen werden.
Die Charts:
Der Gewinner der World Music Charts Europe des Monats August ist ausgerechnet, wen wundert es, Vieux Farka TourĂ© aus Mali, dessen Vater, Ali Farka TourĂ© – daran kann ich mich noch gut erinnern – dereinst mit John Lee Hooker noch den WĂĽstenblues dem angloafrikanischen Blues hinzugesellen konnte. Mit seiner fast aus dem tiefsten, hungernden Afrika heraus agierenden, selbstbewussten Mehrheitstimme wird einer weiĂźen, königsmachenden Vision eine Abfuhr erteilt, indem er das allzu Menschliche, sich an irrationaler Liebe „ĂĽberraschend“ orientierende, Fortpflanzende in einem rĂĽhrigen Video thematisiert wird und auf dem Menschen innewohnende Gleich-, bzw. Weisheiten hinweist.
Es ist sehr beeindruckend, was diese Jury in ihren Top-20 heuer listet. Es ist nicht nötig, Parolen zu formulieren. Sie lässt die Musik sprechen. Es ist dankenswert, daß diese Jury beweist, daß sie auch Profanes, Offensichtliches im Nachgang erarbeiten kann. Chapeau!
Das hier gezeigte Video stammt von der polnischen Formation R.U.T.A.- „GORE – Songs of Rebellion and Misery 16th – 20th century“ – mit Nika von Post Regiment! Punk ist wie Folklore! Was fĂĽr ein faires Statut.
Beim „Network Medien“ hat sich jemand dankenswerterweise um den soundtrack der Tunesischen/Ă„gyptischen Revolution gekĂĽmmert und „Our dreams are our weapons – From the Kasbah/Tunis to Tahrir Square/Cairo and back“ ist in den charts rasant auf Platz 5 geklettert. Mit „Disposable Society“ von Bai Kamara Jr. aus Sierra Leone bzw. Belgien hat eine Combo in die charts Einzug gehalten, die zwar in Gänze altbekannten Weltmusikschemata enspricht, aber aktuelle Thematiken ungeschminkt fokussiert. Deshalb zur Veranschaulichung dieses Video: „Refugee„. Besonders gefallen hat uns auch die musikalische Reminiszenz „Kosher Nostra (Jewish Gangsters Greatest Hits)“ von essayrecordings. Die Gebrauchsanweisung lautet: „Play while machine-gunning your neighbours in the underground garage.“ Klasse! Man hört förmlich das EiswĂĽrfelgeklingel in den Bourbongläsern (wĂĽrg!) und es riecht geradezu nach Poppies! Zuletzt sei noch der Track von Imam Baildi aus Griechenland erwähnt, der sich eigentlich so anhört, als käme er gar nicht aus Griechenland. Aber das ist sicher wieder eine andere Geschichte, oder?
Die Charts sind randvoll mit klickbaren Informationen und Hörbeispielen. Hört ‚rein. Es gibt was fĂĽr die Ohren. So haben wir das gerne…
