Wie abgebrĂŒht sind wir eigentlich schon?
immer wieder habe ich versucht etwas zu schreiben in diesen Tagen, immer wieder starrte ich auf das leere Papier, unfĂ€hig meine Trauer, meine Wut, meine Zerrissenheit in Worte zu fassen. In solchen Momenten kann ich mich eigentlich nur noch am Klavier ausdrĂŒcken. Worte versagen.
Und trotzdem will ich versuchen, euch meine Gedanken und GefĂŒhlsstĂŒrme mitzuteilen.
Wie abgebrĂŒht sind wir eigentlich schon – und ich spĂŒre das durchaus an mir selbst -, dass sich manchmal Entsetzen und Sensationslust die Waage halten? Sind wir noch dazu in der Lage, mit den Menschen auf der anderen Seite der Welt aufrichtiges MitgefĂŒhl zu empfinden? Oder ist uns dies bereits abhanden gekommen, verdrĂ€ngt von Egoismus und Besitzgier, Kaufrausch und Wettbewerb, immer auf der Suche, auch in der schlimmsten Situation noch ein privates SchnĂ€ppchen, welcher Art auch immer, zu ergattern?
Können wir angesichts dessen, was sich hier vor unser aller Augen ereignet, ĂŒberhaupt noch zur privaten Tagesordnung ĂŒbergehen, gemĂŒtlich beim Italiener ein Glas Wein trinken und uns am aufkeimenden FrĂŒhling erfreuen? Oder sollten wir genau dies tun angesichts eines Geschehens, das uns deutlicher als je zuvor die VergĂ€nglichkeit unseres menschlichen Daseins vor Augen fĂŒhrt?
Manchmal, wenn es mir gelingt, mich tief in mich zu versenken, dann spĂŒre ich diese Verbundenheit, spĂŒre sie nicht nur in Gedanken, sondern im Herzen, genau da, wo die Empathie mit allem Lebendigen nun mal zu Hause ist. Dann aber frage ich mich wieder, ob das nicht auch nur Gedankenkonstrukte sind, eine Art rationale Verbundenheit mit dem Leid der anderen, ohne wirklich daran beteiligt zu sein. Wir mĂŒssen höllisch aufpassen, dass dieses MitfĂŒhlen nicht einfach nur zu einem Lippenbekenntnis wird, wie ich es bei vielen Politikern und WirtschaftsfĂŒhrern vermute. Vielleicht berĂŒhrt uns das Leid der anderen nur deshalb, weil es uns selbst Unannehmlichkeiten bereitet: unser Wohlstand scheint gefĂ€hrdet, wir werden uns einschrĂ€nken mĂŒssen, PfrĂŒnde und Wahlen könnten verloren gehen.
Diese RĂŒcksichtslosigkeit, in die uns unser Wirtschaftssystem und unsere kriegerische Gesellschaft getrieben haben, hat uns schon lange durchdrungen. Wenn wir ehrlich sind, spĂŒren wir nun, wie kaltherzig wir selbst bereits geworden sind. Auch wenn wir uns zu den MitfĂŒhlenden, Engagierten und Wachen zĂ€hlen â die letzten Jahrzehnte der hemmungslosen Egozentrik sind auch an uns nicht spurlos vorĂŒbergegangen. Immer wieder habe ich deshalb in meinen Liedern und Texten dazu aufgerufen, dass wir uns nicht nur politisch, sondern tief in uns selbst verĂ€ndern mĂŒssen. Wie viel es in mir selbst noch aufzubrechen und zu verĂ€ndern gibt, fĂŒhrt mir diese entsetzliche Katastrophe vor Augen.
Diese Katastrophe muss uns wachrĂŒtteln. Nicht nur politisch, sondern in unserer ganzen persönlichen Lebensweise. Sie muss uns daran erinnern, dass wir nicht nur wirtschaftlich mit LĂ€ndern am anderen Ende der Welt verbunden sind, sondern zugleich mit all den Menschen dort und ĂŒberall zutiefst verbunden sind. Es gibt kein Leid in dieser Welt, das nicht auch unser Leid wĂ€re, kein Leid, das nicht auch von uns mit verursacht wurde und fĂŒr das wir nicht verantwortlich wĂ€ren.
Bertolt Brecht bringt dieses menschliches Dilemma in den Zeilen seines Gedichtes âAn die Nachgeborenenâ von 1939 zum Ausdruck:
Man sagt mir: Iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiĂe, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.
Ich hoffe, die Menschen in unserem Lande sind politisch klug genug, die hektischen Versuche unserer Regierung, das Wahlvolk doch noch fĂŒr sich zu gewinnen, zu durchschauen. Ich traue keinem mehr, der noch vor einigen Monaten den Atomstrom fĂŒr sicher verkaufte und sich von der Atomlobby bestechen lieĂ. Jeder kann und darf sich Ă€ndern und klĂŒger werden. Trotzdem muss man diesen Menschen das Mandat erst einmal entziehen, um ihnen die Zeit zu geben, in sich zu gehen, sich zu besinnen und zu bereuen.
Wie wĂ€rs mit einem Moratorium â fĂŒr die ganze Regierung…..
Ich umarme Euch
Euer
Konstantin
P.S:
Das folgende Lied habe ich vor 30 Jahren geschrieben….
DaĂ dieser Mai nie ende!
Ach Sonne, wĂ€rm uns grĂŒndlich!
Wir haben kaum noch Zeit,
die Welt verbittert stĂŒndlich.
DaĂ dieser Mai nie ende
und nie mehr dieses BlĂŒhn –
wir sollten uns mal wieder
um uns bemĂŒhn.
Uns hat die liebe Erde
doch so viel mitgegeben.
DaĂ diese Welt nie ende,
daĂ diese Welt nie ende
nur dafĂŒr laĂt uns leben!
Noch sind uns Vieh und WĂ€lder
erstaunlich gut gesinnt,
obwohl in unsern FlĂŒssen
schon ihr Verderben rinnt.
Auch hört man vor den Toren
die Krieger schrein.
FĂ€llt uns denn auĂer Töten
schon nichts mehr ein?
Uns hat die liebe Erde
doch so viel mitgegeben.
DaĂ diese Welt nie ende,
daĂ diese Welt nie ende –
nur dafĂŒr laĂt uns leben!
Wie schön, der Lust zu frönen!
Es treibt der Wein.
Der Atem einer Schönen
lullt mich ein.
DaĂ dieser Mai nie ende
und Frau und Mann,
ein jedes, wie es will,
gedeihen kann!
Uns hat die liebe Erde
doch so viel mitgegeben.
DaĂ diese Welt nie ende,
daĂ diese Welt nie ende –
nur dafĂŒr laĂt uns leben!
http://www.youtube.com/watch?v=taRvTYpVTOQ