Gladio Berlin: Nachrichtendienst der Kinder

„…In der SBZ (DDR) werden Kinder von der Stasi eingesetzt, um ihre Eltern oder Verwandte zu bespitzeln…“, wollte mein Klassenlehrer in der Volksschule wissen. Empörend! Oder etwa nicht? Einige Jahre später wusste ich es besser. Diese so böse Stasi kürzte sich ab und an auch einmal mit den Buchstaben CIA, DIA, SIS oder SDECE ab. Was hier in Form eines Romanartikels behauptet wird, wird keine der genannten Organisationen vermutlich je bestätigen. Den massiven Einsatz von Kindern in Berlin in den Jahren 1945 bis 1961, weshalb der EINE diesen Artikel als Fakt, der Andere ihn als Roman ansehen möge, ganz nach Belieben.

Historischer Ausflug:

Im Großen Spiel um Afghanistan, zwischen England und Russland wurden auf britischer Seite erstmals Kinder als Geheimagenten eingesetzt. Im Vietnamkrieg erkannte der Vietcong den Wert der kleinen „Geheimagenten“ und griff massiv auf Kinder in der operativen, militärischen Aufklärung zurück.

Und – Was können Kinder?

Die runden Kreise, die in genauen Abständen auf dem Boden eingezeichnet waren, durften nie übertreten werden und so marschierten kleine Geheimagenten, oftmals gerade sieben Jahre alt, unter der Aufsicht erfahrener Ausbilder des militärischen Geheimdienstes Nordvietnams immer wieder die Strecke mit diesen Kreisen, hoch und runter. Stunden, Tage, Monate – bis jeder ihrer Schritte, auch beim Laufen, exakt den Abständen der Kreise entsprach..

Kinder sind nützlich, wenn man hinter einem MG liegt und auf „Charly“, wie der Vietcong bei dem Amerikanern genannt wurde, wartete und seinen Posten nicht verlassen durfte. Die Kleinen waren die idealen Boten, für den Nachschub an Zigaretten, Cola oder für einen Hamburger. Die Dienste dieser nützlichen Gören kosteten den Soldaten fast nichts, weshalb die lieben Kleinen gerne im Stützpunkt gesehen wurden.

Der Angriff des Vietcong kam völlig überraschend, bei voller Dunkelheit schlugen seine Granaten Millimetergenau in die amerikanischen MG- Nestern am Rande des Stützpunktes ein, in die Munitionsbunker oder die Mannschaftsquartiere.

Sir, it‘s all Greek to me

Was bitte habe ich damit zu tun, wenn die Jungs vom Sternenbanner in Vietnam den Hintern versohlt bekommen? Sir, ich verstehe nur Bahnhof – behauptete der Unterleutnant Robert Hauser, gerade zurück von einem sechswöchigen Lehrgang in Schottland, bei der wohl besten Aufklärungseinheit der NATO.

Bahnhof verstanden auch seine Vorgesetzten, die wollten wissen, wie es Charly gelingt Punktgenau zu treffen, ein Schuss davor, ein Schuss darüber – wumm – die dritte Granate ein Volltreffer.

Ich, Sir? – Nein, Sir! – Sie, Sir!

Wollen Sie mich vera…. oder unbedingt Latrinendienst – Herr – Unterleutnant“. Es blieb dem älteren Herrn nichts anderes übrig, Robert Hauser bestand darauf, dass sein General in seinem Dienstzimmer auf kleinen blauen Kreisen (mit gelben Sternchen) marschieren musste, als er aus Südvietnam zurück war. „Nun Sir, wie lang ist diese Wegstrecke? Angabe bitte mit Zentimeter.“

Nicht überliefert ist das dumme Gesicht des DIA- Offiziers, der von seinem britischen Kollegen über diese Feststellung informiert wurde. Drei Wochen später wussten es auch die US- Soldaten in Vietnam, ihre kleinen Zigarettenboten hatten ihren Stützpunkt auf den Zentimeter genau ausgemessen.

Berlin ein Nest für kleine James Bond

Der Unterirdische Tunnel der Britten traf in Ostberlin einen bestimmten Punkt des DDR Telefonnetzes auf den Zentimeter. Lang währte die Freude nicht, die CIA riss sich den Tunnel unter den Nagel.

Vor dem Bau der Mauer arbeiteten Tausende in der (so genannten) DDR für westliche Geheimdienste. Wer hielt zu ihnen den Kontakt? Wer leerte die toten Briefkästen oder sicherte den Agenten beim Leeren ab oder trug für die Agenten die in diesen Briefkästen gefundenen Informationen in die Westsektoren?

West Berliner Jungs und Mädchen, meist für wenige Jobs angeheuert. Bezahlt mit einigen Tafeln Schokolade oder einer Stange Camel.

Harry (Name geändert) ein (West-) Berliner Original, ein toller Schauspieler und Entertainer erzählte locker vor der Fernsehkamera: „…Ich war der King des Schwarzmarktes … trug zweifarbige Lackschuhe und hatte manchmal drei bis vier Stangen Lucky oder Camel zum Tauschen….

Ich habe amüsiert dieses Interview verfolgt und mich gefragt, wann diese dämliche Journalistin endlich fragt, woher diese tolle Schuhe kamen oder woher der Kleine damals diese Menge Zigaretten hatte?

Sie wurde noch nicht einmal stutzig, als Harry erzählte, dass er mehr als zehn Mal beim Handeln auf dem Schwarzmarkt erwischt wurde. Mit seinen Akten stimmt dies nicht überein. Danach wurde er ein oder drei Mal aufgegriffen (ich weiß es nicht mehr genau) und auch in diesen Fällen wurden keine Zigaretten und keine Waren (nach den Akten) bei ihm beschlagnahmt. Andere „Schwarzhändler“ verloren Ihre Tauschobjekte und gingen in den Knast oder in ein Erziehungsheim.

Nicht so Harry. Nicht so Otto Schwanz und auch viele andere Berliner Jungs und Mädchen.

Sie kannten sich alle, ob Harry, Otto, Günther, Eduard und sie spielten ja nur etwas „Emil und seine Detektive“.

Über sie wachten die drei großen Brüder, die eigentlichen Herren dieser Stadt, welche notfalls auch schon einmal Polizeiakten bereinigten.

Dies waren kleine Dienste, von den Betroffenen häufig schnell vergessen und wenn nicht, dann erinnern sie sich alle gerne an den lieben Amerikaner, Engländer oder Franzosen, der immer etwas für sie hatte. Ein Stück Seife, Schokolade oder Zigaretten. Aber auch Konserven, Milchpulver usw. Manche Eltern staunten nicht schlecht, als bei Ihnen ein Care Paket ankam, mit Lebertran oder dringend benötigten, Medikamente. Reiner Zufall, wenn Papi eine Brille in dem Paket fand, die exakt dem Rezept des Augenarztes entsprach.

Ging dieser Art von Kinder- ND auch weiter?

Nein, nein, werden die Offiziellen sagen und bei gewissen Redewendungen schmunzeln. Eine dieser Redewendungen – auch von Otto Schwanz ab und an gebraucht – ist: „..ein Leben in der Sauna..“ oder „..Sauna ohne Handtuch…“

Berichtspflichten

Nur James Bond kennt keine Berichtspflichten, die echten Agenten schrieben und schreiben sich die Finger blutig. Nachrichtendienst ist Berichtspflicht. Es gibt keine Handlung im Nachrichtendienst ohne Berichtspflicht. Mit Hilfe der Auswertung dieser Berichte hatten die Auftraggeber eine Lückenlose Kontrolle über die Handlungen, die Gedanken und die Gefühle ihrer Rasselbande, welche diese (häufig mündlichen) Berichtspflichten als „Sauna“ bezeichneten.

Nicht weil sie schwitzend ihre Berichte abfassten oder erzählten, sondern weil ihr Leben schlicht ein Leben in der Sauna war, ohne den geringsten Schutz vor den neugierigen Augen der Ausbilder, welche die Berichte ihrer „Kleinen“ weitergaben an die Psychologen des Dienstes, die diese analysierte und auswerteten. So kannte man die Handlungen, Gedanken und Gefühle des Rasselbanden- ND.

Auswahl

Sprachbegabung war das erste Auswahlkriterium. Das Zweite war die familiäre Situation. Es mussten Jugendliche sein, nach denen möglichst kein Hahn krähte, wenn etwas schief ging. Ein Elternteil im Ausland oder Heimkinder mit Auslandsbezug waren ideal.

Mit Karten- und Taschenspielertricks fing die Ausbildung an. Parallel dazu lief der Sprachunterricht und je nach geplantem Einsatz, das Trainingsprogramm, zu dem das Öffnen von Sicherheitsschlössern ebenso gehören konnte, wie Konspiration, Beobachtung oder auch das Spaziergehen in exakten Schritten, was viele Wochen geübt wurde, bis jeder Schritt die genau gleiche Distanz überbrückte.

Goldene Zügel

Die Motivation war der goldene Zügel. 100 US Dollar waren damals 400 DM. Ein Arbeiter verdiente im Nachkriegs- Westdeutschland 600 DM im Monat, wenn er einen sehr guten Job hatte.

Spätestens in den Fünfzigern wurde richtig bezahlt, ein Teil cash, ein weiterer Teil auf ein Sparbuch und ein Teil in Naturalien.

Eiserne Regeln

Wer immer sich in dieses Programm begab, unterlag eisernen Regeln. Die Handlung zählte, nicht die Absicht. Wer so dämlich war Papi das Auto zu öffnen, der den Schlüssel stecken ließ und die Tür verschloss, der hatte Pech.

Antrainierte Fertigkeiten waren ohne Weisung oder Gründe die im Auftrag lagen, nie anzuwenden. Dafür wurden beide Augen zugedrückt, wenn einer sich anlässlich einer „dienstlichen Handlung“ bei einer Straftat erwischen ließ und häufig verschwanden seine Akten.

Wurden antrainierte Fertigkeiten bei einer Straftat aus Eigennutz zur Anwendung gebracht, endete das Programm für den Betreffenden. Und genau an diesem Punkt kristallisierte sich mein Verdacht.

Otto Schwanz, der zu seinen Straftaten stand, fand seine Verurteilung als 17 Jähriger etwas hart und meinte im Gespräch lakonisch: „..det hätt`n die och abnicken können…“

Anmerkung:

Dies war journalistisches Neuland. Exklusiv auf dieser Seite. So meine „Angina“ bei August bleibt, holen wir die durch diesen unfreundlichen Besuch von Frau „Angina“ verlorene Zeit in wenigen Tagen auf.

Die Akten zum Rasselbanden- ND wurden in den USA nicht offen gelegt und mit dem Prädikat der Ewigkeit versiegelt, was sonst nur echten Staatsgeheimnissen vorbehalten ist, weshalb ich mich diesmal vor Antworten in den Kommentaren drücke.

Zurück zum Teil 7 der Serie.