DAS GESPENST IV: Utopie und Gesellschaft

Erste Folge der Reihe:
“Das Gespenst”

Zweite Folge der Reihe:
“Das Gespenst II: Revolution oder die Beherrschung der Gegenwart”
Dritte Folge der Reihe:
Das Gespenst III: Das “MĂ€rchen vom Gespenst des Kommunismus”

Nach der Reise in das Jahr 1848, dem Auftauchen des Begriffes „Kommunismus“ aus dem Nichts, mitten in den Revolutionen in Europa, wenden wir uns nun zuerst zwei Begriffen zu welche im 20.Jahrhundert zunehmend miteinander verschwammen, bis der eine nur noch ein mĂŒder, halbherziger Abklatsch des anderen zu sein schien.
Dabei war das „MĂ€rchen vom Gespenst des Kommunismus“ nach dem Erscheinen des „Kommunistischen Manifestes“ im Jahre 1848 erst einmal volle siebzig Jahre wieder verschwunden…

Kapitel XII: Sozialismus und Kommunismus

Zuerst bedarf es einmal einer groben ErlÀuterung dieser beiden Begriffe:
im Grunde basiert der Gedanke des „Sozialismus“ – auch dieser Begriff taucht in Schriften zu Zeiten der republikanischen Revolutionen 1848 nirgends auf – auf der simplen Idee, dass 10 Leute zusammen Produktionsmittel besitzen, etwas erarbeiten und danach den Gewinn teilen.
DemgegenĂŒber steht die bis heute andauernde Praxis des Kapitalismus bzw der ganz normalen Feudalherrschaft, dass 9 Leute etwas mit Produktionsmitteln erarbeiten die einem 10. gehören, dieser dann den Gewinn kassiert und den 9 anderen eventuell etwas zurĂŒckgibt.
Es gab schon immer Menschen, die das Àndern wollten.

Man kann diese Art der Gerechtigkeit viele Namen geben, und viele haben dies auch getan. Der „Kommunismus“ kann getrost als Durchsetzungs-Ideologie und Variante des Sozialismus betrachtet werden, da er davon ausgeht, dass der Sozialismus als Wirtschaftsform sich nicht von alleine gegen die KrĂ€fte des Kapitals durchsetzen wĂŒrde, sondern nur mit Hilfe einer autoritĂ€ren Staatsform, der „Diktatur des Proletariats“.

Nach all den theoretischen PurzelbĂ€umen, im Zuge der jahrhundelangen, immer wieder merkwĂŒrdig zwanghaft gefĂŒhrten und und stets immer wieder bei Null begonnenen und aufgeflammten Diskussionen innerhalb der im weitesten Sinne „sozialistischen“ oder progressiven emanzipatorischen Bewegungen, verwundert immer wieder das ResumeĂ©.

Letztlich wurden Diktaturen, skurrile Quasi-Monarchien ohne Erbfolge und blutige Polizeistaaten damit begrĂŒndet, sie seien „notwendig“ fĂŒr die durchgefĂŒhrte Vergesellschaftung der Produktionsmittel als Weg zum Kommunismus.

Letztlich lief das nur auf eine Kombination von zwei gewaltigen gesellschaftlichen MĂ€chte hinaus, der Kontrolle ĂŒber die Arbeitswelt und der Kontrolle ĂŒber das Staatswesen. Beides fiel in dieselben HĂ€nde. Eine feudale Gesellschaft war das Ergebnis, wohl ohne die Allmacht der Banken, KönigshĂ€user und Handelskammern, wohl aber mit Parteiadel, Polizeistaat und Staatskapitalismus.

Dabei gab es zu Zeiten von Marx und der Veröffentlichung des „Gespenstes“ 1848 bereits eine grosse Vielfalt von Varianten und EntwĂŒrfe einer gerechten Gesellschaftsordnung.
Am einflussreichsten und populÀrsten waren die, gerade von Marx, heftig und mit allen Mitteln bekÀmpften AnhÀnger einer freien, gerechten und gleichen Gesellschaft.
Heute nennt man die Vordenker der damaligen Zeit gerne die „Utopischen Sozialisten“ oder „FrĂŒhsozialisten“.

In Wirklichkeit ging es um die fundamentalsten Erkenntnisses des menschlichen Verstandes, von denen Marx behauptete sie wĂŒrden sich sowieso nie durchsetzen, also könne man sie auch gleich verbieten da sie somit zu nichts nĂŒtze seien.

Kapitel XIII: Utopie und Gesellschaft

Die Vorstellung eines anderen, besseren, gerechten Allgemeinwesens sind jedenfalls so alt wie unsere Geschichte, in der griechischen Philosophie tauchen sie seit etwa 400 v. Chr. auf: in Platons „Staat“, bei „Phaleas von Chalkedon“ oder im utopischen „Sonnenstaat“ des Iambulos.

Der Begriff der Utopie – heute als kleinbĂŒrgerliche Spinnerei oder auch wahlweise gefĂ€hrliche „-istische“ Umtriebe bekannt – entstammt einem alten Buch von Thomas Morus aus dem Jahre 1516 – „Utopia“.

Auch hier ist die Darstellung schon viel lĂ€nger als das Label „Kommunismus“ vorhandener Gedanken in „Wikipedia“ mehr als mĂŒrrisch:

„Es besteht Arbeitspflicht, und turnusgemĂ€ĂŸ werden die Utopier aufs Land verschickt, wo sie gemeinschaftlich Ackerbau betreiben. FĂŒr Kinder besteht Schulpflicht. Besonders Begabte erhalten eine wissenschaftliche oder kĂŒnstlerische Ausbildung.. MĂ€nner und Frauen ĂŒben regelmĂ€ĂŸig fĂŒr den Kriegsdienst. Kriegsverbrecher und StraftĂ€ter, teils als Todeskandidaten aus dem Ausland gekauft, mĂŒssen Zwangsarbeit leisten.“

Hmm. Nun ja.
Es scheint doch, dass sich – auch in der Betrachtungsweise – die AnhĂ€nger des real existierenden Sozialismus im 20.Jahrhundert fĂŒr ihre Praxis die Perlen dieses utopischen Buches im 16.Jahrhundert herausgepickt haben..

Wem das alles zu bekannt vorkommt, dem seien andere utopische EntwĂŒrfe von Schriftstellern empfohlen, etwa in den BĂŒchern von Jules Verne („Reise durch das Sonnensystem“, „20.000 Meilen unter dem Meer“) oder H.G. Wells („Die Zeitmaschine“, „Jenseits des Sirius“, im Original: „A Modern Utopia“).
Eine Liste von utopischen Romanen ist hier zu finden.
Da eine wissenschaftliche Betrachtung von Dingen die noch nicht da sind auch nicht ĂŒber eine klassische BeweisfĂŒhrung fundiert und theoretisch abgesichert werden können, waren gerade BĂŒcher und Geschichten Mitte und Ende des 19.Jahrhunderts Ausdruck von Visionen und Thesen wie die sich mitten in der industriellen Revolution befindliche Welt Europas und Amerikas weiterentwickeln oder wie man ihr entfliehen könnte.

1840 war in Frankreich „Voyage en Icarie“ („Reise nach Ikarien“) von Étienne Cabet erschienen, das utopische Buch hatte ungeheueren Erfolg und war gerade unter Arbeitern sehr beliebt.
Cabet wurde Mittelpunkt einer politischen Bewegung, die sich an den Romanideen orientierte. Im Jahr 1847 hatte siewa 400.000 AnhÀnger in Frankreich. Ihr Ziel war es die Utopie in die RealitÀt umzusetzen.

Das stĂ€ndige Benutzen des Wortes „Kommunismus“ im diesbezĂŒglichen Wikipedia-Eintrag ist auch hier wieder einmal hanebĂŒchend.
8 Jahre vor Erscheinen des „Kommunistischen Manifestes“, wo der Begriff „Kommunismus“ ĂŒberhaupt das erste Mal verifizierbar auftaucht, beschreibt „Reise nach Ikarien“ eine Insel, auf der vor dem Eintreffen der Hauptfigur eine Revolution stattgefunden hat, Gleichheit unter den Menschen herrschte und der Besitz vergesellschaftet ist.
Ein Auszug aus dem Buch, auf der Webseite der TU Cottbus:

„Die Ikarier sind der unerschĂŒtterlichen Überzeugung kein wahres, kein wirkliches GlĂŒck könne bestehen ohne Gleichheit und ohne Vergesellschaftung, und so ist es denn dahin gekommen, daß sie eine Gesellschaft auf der Grundlage der völligen GIeichheit ausgebildet haben.

Alle sind so zu sagen assoziiert, sind BĂŒrger, sind gleich an Rechten und Pflichten.“

Gleichzeitig schrieb er auch folgendes:

„Das Volk hat seit Anfang der Weltgeschichte immer hie und da AufstĂ€nde gemacht, und mit schlechtem Erfolge. VerrĂ€terei und Dummheit verdarb fast alles,

Seit Menschen leben, hat nie das Volk soviel Macht in HĂ€nden gehabt als im Jahre 1793… Und es hat sich doch wieder durch Zwist der FĂŒhrer, vielleicht durch zu große Hast, allmĂ€hlich in die uralten Bande schlagen lassen; es ist jetzt von neuem geknebelt, oder beinahe geknebelt.

Wenn aber eine Volkserhebung fĂŒr die ewigen Rechte der Menschen, zu Boden gedrĂŒckt worden, dann bricht endloser Jammer herein! Nach RobespierreÂŽs Sturz geschah das zweimal.

Man hat es gesehen, als Camille Babeuf scheiterte. Man hat es gesehen, als nach der Julirevolution alle möglichen Angriffe und Versuche, grĂ¶ĂŸere und kleinere, mißlangen.

Die machtvolle Klasse der Gebieter freut sich stets ĂŒber solche Unternehmungen der Volkspartei, die nur zum Schaden der Unterjochten ausfallen können. Jedes nutzlose Wort, jede nutzlose GebĂ€rde, jeder nutzlose Blutstropfen, wodurch die VolksmĂ€nner Wunder zu wirken hoffen, schnĂŒrt die Ketten fester, macht sie lastender, heißer.

Es ist grĂ€ĂŸlich ~ und das vergeßt nicht ~ es ist grĂ€ĂŸlich, daß durch die verkehrten Streiche einiger braven, edeln WagehĂ€lse und der sich mit ihnen verbindenden heuchlerischen Schufte, eine ganze Nation in ihrem mĂŒhsamen Wege zur Befreiung aufgehalten werden soll.

Ich wiederhole: ich weise in wohlverstandenem Interesse des Volkes die Gewaltsamkeit von der Hand.“

Und dann steht da auf der Webseite der TU Cottbus:

„ETIENNE CABET, 1788~1856, war der Sprecher der ersten kommunistischen Massenbewegung. WĂ€hrend seines Aufenthaltes, als politischer FlĂŒchtling, in England brachten ihn literarische Forschungen zu kommunistischen Ideologien.“

Das ist eine Farce ohnegleichen. Hier wird ein KĂŒnstler, ein Romantiker, ein Utopist im Nachhinein zum „kommunistischen Ideologen“ umdefiniert, obwohl das Wort „Kommunismus“ im ganzen zitierten Text nicht ein einziges Mal auftaucht (ĂŒbrigens auch der Begriff „Sozialismus“ nicht). Das Gleiche beim Wikipedia-Eintrag.

Der Adlige Karl Marx steckte zum Zeitpunkt des Riesenerfolges von Cabet und „Reise nach Ikarien“ im Jahre 1840 gerade an der UniversitĂ€t Jena in seiner Doktor-Arbeit zur „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“.

Trotzdem steht in der Beschreibung des Buch-Inhaltes zu lesen, in Ikarien

„war es kurz zurvor durch eine Revolution zum Übergang zu einem demokratischen Kommunismus gekommen.“

Diese GeschichtsfÀlschung hat eine 90 Jahre alte Tradition.

Die ganze Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, die gesamte Literatur, ob im Einflussbereich des Britischen Empires, der USA und Frankreich, ob in den östlichen Imperien der Sowjetunion und China oder in den faschistischen Diktaturen, immer lief es auf einen Hinbiegen der gesamten sozialistischen Varianten, UrsprĂŒnge und Wurzeln auf eine Vorform des „Kommunismus“ hinaus, oder gar des Witzbegriffs vom „Nationalsozialismus“.

Kapitel XIIII: Das unentdeckte Niemandsland

Bis zum heutigen Tag wird stĂ€ndig das historisch unentdeckte Niemandsland zwischen Monarchie (oder entsprechenden Diktaturen mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung und feudalen Strukturen) einerseits und „dem Kommunismus“ andererseits ĂŒberhĂŒpft, der dritte Weg am Strassenschild ĂŒbermalt und dann ganz unschuldig „bĂŒrgerlich“, „frĂŒhsozialistisch“ oder eben „kommunistisch“ vor sich hingefaselt.
Über den Begriff „Kommunismus“ stolpert man bei Wikipedia schon zu Anfang ĂŒber die Aussage:

„Urkommunismus: eine vermutete, in manchen Überlieferungen belegte GĂŒtergemeinschaft vorantiker Gesellschaften. Sie wurde im Judentum Bestandteil der Heilserwartung und dort wie spĂ€ter auch im Urchristentum als „Liebeskommunismus“ ansatzweise praktiziert.“

Man hat so ein bisschen das GefĂŒhl, hier winkt der Zaun mit seinem Pfahl.
Jenseits aller herbeikonstruierten und -gebrĂŒllten Assoziationen ist der „Kommunismus“ einfach nur ein ökonomisch-theoretische Variante der sozialististischen Ideen und „Bewegungen“, in der es letztlich um ein Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und um ein Ende der Macht des Menschen ĂŒber den Menschen geht.
Jegliches Gerede ĂŒber Ethnie, Religion, völkisches oder gar genoistisches Geschwurbel dient nur dazu, auch noch den Begriff „Sozialismus“ selbst auszubeuten und zu okkupieren.

Der Begriff „Nationalsozialismus“ wurde genau dazu erfunden – und zwar in Deutschland, im Jahre 1919. Die „Deutsche Arbeiterpartei“ (DAP) wurde geschaffen, die ein Jahr spĂ€ter in NSDAP umbenannt wurde.
Sicher nicht zufĂ€llig zur selben Zeit erblickten das Licht der Öffentlichkeit auch die politischen Begriffe „links“ und „rechts“.
Und nicht nur das: im gleichen Jahr, am 1. Januar 1919, grĂŒndete sich die „Kommunistische Partei Deutschlands“, die eigentlich einmal ganz anders heissen sollte…

Kapitel XV: 1918/19 – Auferstehung aus der Gruft

In den Wirren des ausgehenden ersten Weltkrieges passierte etwas sehr Seltsames.

Nach 70 Jahren tauchte der 1848 geschaffene Begriff des Kommunismus auf einmal wieder auf.

Nach dem Matrosenaufstand im deutschen Kaiserreich am Abend des 29.Oktobers 1918 und der dadurch losbrechenden 2.deutschen Revolution („Novemberrevolution“) grĂŒndete sich am 1.Januar 1919 in Berlin die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD) .

Vorangegangen waren lange Diskussionen ĂŒber den Namen, den letztlich der Bremer FlĂŒgel um Otto RĂŒhle gewann, der eine enge Anlehnung „an die sowjetischen Bolschewiki unter FĂŒhrung Lenins betrieb“.

Zum Zeitpunkt des Putsches der Partei Lenins und Trotzkis gegen die russische RĂ€te(„Sowjet-„)republik im Oktober 1917, ein halbes Jahr nach dem Sturz des Zaren durch die russische Februar-Revolution, hatten die Bolschewiki noch nicht „Bolschewiki“ geheissen.
Da hiessen sie noch „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki)“. Erst im MĂ€rz 1918, nach der Machtergreifung, benannte sich die Partei Lenins, Stalins und Trotzkis in „Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki)“ um.

Das heisst, der Spruch „1917 machten die Kommunisten die Oktoberrevolution in Russland“ ist doppelt falsch. Erstens machten sie keine Revolution sondern inszenierten einen Putsch gegen die russische RĂ€terepublik nach der Revolution und zweitens waren sie nach eigener Definition gar keine Kommunisten.

In Deutschland derweil, vor dem GrĂŒndungskongress der KPD am 1.Januar 1919, hatten andere GrĂŒndungsmitglieder, darunter Rosa Luxemburg, fĂŒr den Namen „Sozialistische Partei Deutschlands“ und fĂŒr die Teilnahme an den kommenden Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung plĂ€diert.

Rosa war 1898 in die SPD eingetreten, 1917 ging sie mit dem „Spartakusbund“ in die USPD.

Am 15.Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg ermordet, von ehemaligen kaiserlichen Soldaten welche jetzt auf Befehl der SPD als mörderische Freikorps eine Hetzjagd auf RÀtesozialisten machten.

Das heisst: die spÀtere Gallionsfigur der deutschen kommunistischen Parteien war genau 15 Tage ihres Lebens Kommunistin.

(…)

Im fĂŒnften Teil von DAS GESPENST:

Revolution in Russland
Revolution in Deutschland