Avnery zu Iran,Bericht:"Wie sie uns die Bombe gestohlen haben"
Jerusalem: Der alte Mann hat wieder zugeschlagen. Da die Ăbersetzung auf „Lebenshaus Alb“ nicht in Google News auftaucht, hier auch fĂŒr die Leser und Leserinnen aus der Schweiz und Ăsterreich den Kommentar, vielmehr die Abrechnung des 1923 geborenen Deutschen (1) zum Bericht der US-Geheimdienste ĂŒber das nicht-existente Atomwaffenprogramm des Iran. Uri Avnery, der ab 1933 PalĂ€stinenser war, 1938-1942 zionistischer Terrorist, dann 1948 als Soldat fĂŒr Israel schwer verwundet wurde, war ausserdem insgesamt 10 Jahre Abgeordneter des israelischen Parlamentes und, ach ja, ist KĂŒnstler.Nach all den Jahren ist es schwer dem Mann irgendwas vorzuwerfen oder ihn zu ermorden. Deshalb ist er immer noch die lebendige Stimme von Israel – mehr als JEDE ANDERE.
WIE SIE UNS DIE BOMBE GESTOHLEN HABEN
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/004741.html
Von Uri Avnery, 08.12.2007
ES WAR, als ob eine Atombombe auf Israel gefallen wĂ€re. Die Erde bebte. Unsere politischen und militĂ€rischen FĂŒhrungskrĂ€fte standen unter Schock. Die Schlagzeilen schrien vor Wut auf.
Was ist geschehen?
Etwas Katastrophales: der amerikanische Geheimdienst, der aus 16 verschiedenen Agenturen besteht, hat ein einstimmiges Urteil gefĂ€llt: schon 2003 beendeten die Iraner ihre BemĂŒhungen, eine Atombombe zu bauen, und sie haben diese BemĂŒhungen seitdem nicht wieder aufgenommen. Selbst wenn sie in Zukunft ihre Meinung Ă€ndern wĂŒrden, dann brĂ€uchten sie noch fĂŒnf Jahre, um ihr Ziel zu erreichen.
SOLLTEN wir darĂŒber nicht ĂŒberglĂŒcklich sein? Sollte Israels Bevölkerung nicht auf den StraĂen tanzen wie am 29. November 1947 – vor 60 Jahren? SchlieĂlich sind wir nun so gut wie gerettet!
Bis zu dieser Woche haben wir regelmĂ€Ăig gehört, dass die Iraner eine Bombe produzieren wollen, die jeden Augenblick unsre bloĂe Existenz bedroht. Nichts weniger als das. Mahmoud Ahmadinejad, der neue Hitler des Nahen Ostens, der jeden zweiten Tag verkĂŒndet, Israel mĂŒsse von der Landkarte verschwinden, war im Begriff, seine eigene Prophetie zu erfĂŒllen.
Eine kleine Atombombe, selbst so eine winzige, wie die, die 1945 ĂŒber Japan fallen gelassen wurde, wĂŒrde genĂŒgen, das ganze zionistische Unternehmen auszulöschen. Wenn sie auf Tel Avivs Rabin-Platz fallen wĂŒrde, wĂŒrde das wirtschaftliche, kulturelle und militĂ€rische Zentrum Israels in einer schwarzen Pilzwolke verdampfen – zusammen mit Tausenden von Juden. Ein zweiter Holocaust.
Und siehe da – keine Bombe und kein „Jede-Minute“! Der böse Ahmadinejad kann uns, so viel er will, bedrohen – er hat gar nicht die Mittel dazu, um uns zu schaden. Ist das nicht ein Grund zum Jubeln und Feiern?
Warum sieht es denn wie ein nationales UnglĂŒck aus?
EIN 2-CENT- Psychologe (wie ich) könnte sagen: Juden haben sich an die Angst gewöhnt. Nach Hunderten von Jahren voller Verfolgung, Vertreibungen, Inquisition, Pogromen und dem Holocaust haben wir in unsern Köpfen kleine rote WarnlĂ€mpchen, die schon bei geringsten Anzeichen von sich nĂ€hernder Gefahr aufleuchten. An solch eine Situation sind wir gewöhnt. Wir wissen, was wir tun mĂŒssen.
Aber wenn diese Lichter ausbleiben und keine Gefahr am Horizont auftaucht, dann haben wir das GefĂŒhl, dass irgendetwas VerdĂ€chtiges passiert. Da stimmt irgendetwas nicht. Vielleicht sind die LĂ€mpchen nicht in Ordnung. Vielleicht ist es in Wirklichkeit eine Falle!
Es gibt in dieser Situation eine kleine Befriedigung. WĂ€hrend die unmittelbare Gefahr der Auslöschung noch einmal vorĂŒberging, haben wir das GefĂŒhl, allein zu sein, wieder einmal allein.
Das ist ein anderes Anzeichen jĂŒdischer Einzigartigkeit: wir sind vor aller Welt allein. Genau wie in den Tagen des Holocaust haben uns die Goyim im Stich gelassen. Angesichts des iranischen Monsters, das uns zu verschlingen droht, stehen wir hier allein.
All unsere Medien wiederholen dies unisono wie ein Orchester, das keinen Dirigenten braucht, weil es die Musik auswendig kennt.
Es stimmt, auch andere Völker können Genugtuung aus dem Alleinsein ziehen. Meinem GedĂ€chtnis hat sich ein britisches Poster eingeprĂ€gt, das an den Mauern PalĂ€stinas hing, als in der dunklen Zeit nach Frankreichs Besetzung durch die Nazis die Briten ganz allein im Krieg waren. Unter dem ernsten Gesicht Winston Churchills stand der Slogan: „Nun denn: alleine!“
Doch bei uns ist das fast zu einem nationalen Ritus geworden. Wie wir in den guten alten Zeiten von Golda Meir sangen: „Die ganze Welt ist gegen uns/ das ist eine alte Melodie,/ und jeder der gegen uns ist/ lass ihn zur Hölle gehen…“
Zu jener Zeit hat eine Theatergruppe dies sogar zu einem Volkstanz gemacht.
In den letzten paar Jahren hatte sich eine riesige Koalition gegen den Iran formiert. Die iranische Bombe wurde zum KernstĂŒck eines internationalen Konsenses, der von Amerika, der Königin der Welt, angefĂŒhrt wurde. Im Einvernehmen all seiner fĂŒnf permanenten Mitglieder hat der UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Teheran verhĂ€ngt.
Vor unsern Augen fĂ€llt diese Koalition nun auseinander. PrĂ€sident Bush kommt ins Stottern. Der Vorwand fĂŒr einen amerikanischen militĂ€rischen Angriff besteht nicht mehr – der Wunschtraum der israelischen Regierung und der Neocons. Sogar der Vorwand fĂŒr noch strengere Sanktionen besteht nicht mehr. Wer weiĂ – vielleicht werden in nĂ€chster Zukunft sogar die bestehenden schwĂ€cheren Sanktionen aufgelöst werden.
DIE ERSTE Reaktion der israelischen FĂŒhrung war energisch und bestimmt: totale Leugnung.
Der amerikanische Bericht ist einfach falsch, verkĂŒndeten alle Medien. Er grĂŒnde sich auf falsche Informationen. Unsere eigenen Nachrichtendienste haben viel genauere Daten, die beweisen, dass an der Bombe weiter gebaut werde.
Wirklich? Alle Informationen des Mossad gehen automatisch zur CIA. Sie sind ein Teil der Masse von Dateien, auf die sich der amerikanische Bericht stĂŒtzt. Man muss auch daran denken, dass der veröffentlichte Teil des Berichtes nur 3% des ganzen Dokumentes darstellt.
Also dann lĂŒgen die amerikanischen Nachrichtendienste bewusst. Da kann man sich der Schlussfolgerung nicht erwehren, dass trĂŒbe politische Motive hinter ihren eindeutigen Befunden liegen. Vielleicht wollen sie ihre falschen Berichte ausgleichen, auf die PrĂ€sident Bush seine Invasion in den Irak zu rechtfertigen versuchte. Damals haben sie ĂŒbertrieben – jetzt untertreiben sie. Vielleicht wollen sie sich an Bush rĂ€chen und glauben, die Zeit sei reif, zumal er zu einer lahmen Ente geworden ist. Oder sie schlieĂen sich der allgemeinen amerikanischen Meinung an, der es nicht nach noch einem Krieg zumute ist. Und natĂŒrlich sind ihre Verantwortlichen Antisemiten.
Selbst wenn die amerikanischen Geheimdienste in ihrer NaivitÀt glauben, dass der Iran die Arbeit an der Bombe eingestellt hat, zeigt es nur, dass auch sie etwas zu naiv sind. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Iraner sie tÀuschen. Wer weià das besser als wir, wie leicht es ist, eine Atombombe zu verstecken und die ganze Welt zu tÀuschen. Und wir taten dies jahrelang.
Doch all dies Ă€ndert nichts an der Tatsache: dass dieser Bericht der amerikanischen Politik eine neue Richtung gibt und die ganze internationale Konstellation verĂ€ndert. Der Krieg gegen den Iran, der das entscheidende Ereignis fĂŒr 2008 werden sollte, wird vorlĂ€ufig zu einem Nicht-Ereignis.
WELCHES SIND die Folgen soweit es Israel betrifft? Warum stehen unsere verantwortlichen Politiker seit der Veröffentlichung des Berichtes unter Schock?
Die Möglichkeit eines unabhĂ€ngigen israelischen MilitĂ€rschlages gegen den Iran ist verschwunden. Israel kann keinen Krieg ohne den uneingeschrĂ€nkten RĂŒckhalt der USA fĂŒhren. Wir versuchten es einmal – den Sinaikrieg 1956 – dann gab uns PrĂ€sident Dwight Eisenhower eine Ohrfeige. Seitdem bemĂŒhen wir uns sehr, vor jedem Krieg den Segen der USA zu bekommen.
Was unser MilitĂ€r und die Nachrichtendienste betrifft, so ist der Bericht auch aus einem anderen Grund noch eine absolute Katastrophe. Die iranische Bombe spielt beim jĂ€hrlichen Kampf um ein massives StĂŒck des Budgetkuchens eine unentbehrliche Rolle.
FĂŒr rechte Demagogen ist die Auswirkung noch entmutigender. Binyamin Netanjahu hatte seine ganze Strategie auf die iranische Hysterie gebaut und hoffte, auf der Bombe direkt zum MinisterprĂ€sidentenamt zu reiten.
Abgesehen davon – wenn das iranische Problem keine Rolle mehr spielt, dann wird das palĂ€stinensische eine gröĂere Rolle spielen. Das trifft besonders fĂŒr Washington DC zu. PrĂ€sident Bush ist in Schwierigkeiten; sein Fiasko in Afghanistan und im Irak geht weiter. Jede amerikanische BemĂŒhung, im Irak mit seiner schiitischen Mehrheit eine stabile Regierung zu installieren, hĂ€ngt vom RĂŒckhalt des schiitischen Iran ab. Bushs Traum von einem Blitzkrieg gegen den Iran – und so der Geschichte seinen Stempel aufzudrĂŒcken – hat sich in Wohlgefallen aufgelöst.
Was kann er noch tun, um irgendein positives VermĂ€chtnis zu hinterlassen? Die einzige Alternative ist der israelisch-palĂ€stinensische Frieden. Vielleicht gibt er jetzt der armen Condoleezza mehr RĂŒckhalt. Vielleicht wird er sich selbst mehr einbringen. Tatsache ist: Er wird Israel nĂ€chstens zum ersten Mal wĂ€hrend seiner PrĂ€sidentschaft besuchen.
Diese BemĂŒhung wird zwar keine groĂen Erfolgsaussichten haben, aber die Leute in Jerusalem sind trotzdem besorgt. Das hat uns gerade noch gefehlt – Bush wird es, wie Jimmy Carter, dieser Antisemit, machen, der Begin so lange den Arm verdrehte, bis er Frieden mit Ăgypten machte.
Was also tun? Man kann die israelischen Diplomaten im Ausland dahingehend instruieren, ihre BemĂŒhungen zu verdoppeln, um die Regierungen davon zu ĂŒberzeugen, dass sich die Situation nicht verĂ€ndert hat, dass man gegen die Bombe kĂ€mpfen muss – ob sie existiert oder nicht. Aber sagen sie das den Russen und Chinesen! Die Regierungen der Welt sind glĂŒcklich, dass sie endlich den Druck von Seiten Bushs los sind – alle, bis auf das „glĂŒckliche Paar“, Nicolas Sarkozy und Angela Merkel, die Tony Blairs Rolle – Pudel des WeiĂen Hauses zu sein – ĂŒbernommen haben.
DIE NEUE Situation bedeutet auch fĂŒr Ehud Olmert ein schweres Dilemma. Auf dem RĂŒckflug von Annapolis gab er erstaunliche ĂuĂerungen von sich. Wenn die „Zwei-Staaten“-Lösung nicht realisiert wird, dann „wird der Staat Israel zusammenbrechen“, erklĂ€rte er. Keiner im Friedenslager hat je gewagt, so weit zu gehen.
Glaubt er, was er sagt, oder ist es nur eine neue Schönrederei. Das ist die Frage, die augenblicklich den Diskurs in Israel bestimmt. In andern Worten: geht es ihm nur darum, Zeit zu gewinnen, oder ist er wirklich dabei, an einem Friedensabkommen zu arbeiten?
Alle Anzeichen scheinen darauf hinzudeuten, dass er nicht in der Lage ist, irgend einen Schritt zu machen. Wenn er versucht, die erste Phase der Road Map durchzufĂŒhren und einige Siedlungsposten auflöst, wird sich ihm nicht nur die entschlossene Opposition der Siedler und ihrer UnterstĂŒtzer und die stille (aber sehr wirksame) Opposition des MilitĂ€rs entgegenstellen, sondern auch eine Blockierung durch seine Regierungskollegen. Bevor der erste AuĂenposten aufgelöst ist, wird die Koalition auseinanderbrechen.
Olmert hat keine andere Koalition zur Hand. Ehud Barak versucht immer wieder seine rechte Flanke zu umgehen. In einer Krise kann man sich nicht auf ihn verlassen. Die Laborpartei ist chaotisch, ohne RĂŒckgrat und skrupellos. Die zusammengeschrumpfte Meretz-Partei besteht nur aus fĂŒnf Knessetmitgliedern; vier von ihnen konkurrieren um die ParteifĂŒhrung. Die zehn Mitglieder der arabischen Fraktion – so nennt man sie gewöhnlich, obwohl eines der Knesset-Mitglieder von Hadash ein Jude ist – sind die AusgestoĂenen. Keine „zionistische“ Regierung wĂŒrde sich offen auf ihre UnterstĂŒtzung verlassen wollen. Und in Olmerts eigener Fraktion sind einige rechtsextreme Mitglieder, die jede FriedensbemĂŒhung sabotieren wĂŒrden.
In solch einer Situation ist das normale Verhalten eines „wirklichen“ Politikers wie Olmert: nichts zu tun, ErklĂ€rungen nach links und nach rechts (im doppelten Sinne) zu geben und zu versuchen, Zeit zu gewinnen.
In der vergangenen Woche verkĂŒndete die Regierung PlĂ€ne, 300 neue Wohnungen im hĂ€sslichen Har Homa, nahe Jerusalem, zu bauen. FĂŒr jemanden wie mich, der Tage und NĂ€chte gegen den Bau dieser besonderen Siedlung demonstriert hat, ist das besonders bitter. Es weist nicht auf eine bessere Wendung hin.
Andrerseits kam mir eine interessante These von jemandem aus dem inneren Zirkel Olmerts zu Ohren. Danach mag sich Olmert, der weiĂ, dass er die Macht verliert, sagen: Wenn ich fallen muss, warum dann nicht als jemand in die Geschichte eingehen, der sich selbst auf dem Altar eines erhabenen Prinzips geopfert hat, statt nur als politischer Nichtsnutz zu verschwinden.
Wenn er keinen anderen Ausweg hat, mag er diese Lösung wĂ€hlen – um so mehr, als seine eigene Familie ihn in diese Richtung drĂ€ngt.
Ich wĂŒrde diese Möglichkeit als „unwahrscheinlich” einschĂ€tzen – aber es sind schon seltsamere Dinge geschehen.
Vielleicht sollten die FriedenskrĂ€fte ihre verstĂ€ndlichen Vorbehalte ĂŒberwinden und versuchen, die öffentliche Meinung in einer Weise zu beeinflussen, die Olmert hilft, sich in diese Richtung zu wenden.
So oder so, eines ist sicher: dieser Schuft, Ahmadinejad, hat uns noch einmal ĂŒbers Ohr gehauen. Er hat unsern kostbarsten Besitz geraubt, die iranische Atombedrohung.
Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert
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http://www.radio-utopie.de/archiv.php?themenID=856&JAHR_AKTUELL=2007&MON_AKTUELL=8
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http://www.radio-utopie.de/archiv.php?themenID=464&JAHR_AKTUELL=2007&MON_AKTUELL=4
