Aktien und Börse: Bear Stearns oder die CDO / Immobilienblase

Banken und Finanzleute schlagen Alarm: mit dem Fortschreiten der tödlichen Krise des Weltwährungs- und Finanzsystems erheben Mitspieler aus der Finanzwelt selbst ihre warnende Stimme. Einige neue Beispiele:

* In der Financial Times erschien am 20 Juni ein Interview mit UBS-Vorstandschef Peter Wuffli über die Gefahren für den Bankensektor durch unsichere Kredite. Die Folgen könnten ähnlich sein wie die der Aktienblase Ende der 90er Jahre, als Investmentbanken in alle möglichen Skandale und Regulierungsermittlungen verwickelt wurden, die mehr Schaden angerichtet hätten als die Verluste an sich.Die Zeitung zitiert einen anderen europäischen Bankier, wertlose Kredite weiter zu reichen, sei „kein Rezept für gute Geschäfte“. In der UBS gibt es interne Auseinandersetzungen darüber, das kreditfinanzierte Geschäft auszuweiten, und sie steht unter Druck seitens der Hedgefonds. Wuffli sagte, ein Teil der Finanzmärkte sei in „Blasen-Territorium“ abgewichen.

* Marc Faber (Spitzname „Dr. Doom“) warnt in einer seiner neuesten Kolumnen vor dem starken Anstieg der Preise von Vermögenswerten aller Art. Es sei im Vergleich mit früheren Blasen „höchst ungewöhnlich“, dass alle Preise gleichzeitig stiegen. Heute seien sämtliche Werte massiv überbewertet, schreibt er und nennt als Beispiele die Aktienblase und die Immobilienblase.

„Wir haben die Gefahrenzone erreicht…In dem Augenblick, in dem das Kreditwachstum nicht weiter zunimmt, verliert das Flugzeug der Wirtschaft an Höhe.“
Das sei nun der Fall, und schon eine sehr kleine Welle könne das Schiff zum Sinken bringen. Allerdings könne sich ein verachteter Wert, der Dollar, wieder erholen.

* In einem Interview mit Channel 4 der BBC warnte der britische Ökonom William Buiter am 18 Juni, der Verkauf von Unternehmensschulden in Höhe von vielen Milliarden Pfund an private Anleger und Hedgefonds bereite den Boden für eine „hässliche“ Korrektur.

* Der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, warnte am 20.Juni vor den Risiken für das Finanzsystem durch absurde Schuldenpapiere wie CDOs (Collateralized Debt Obligations). Der Daily Telegraph nannte Kings Rede im Mansion House, dem Sitz des Londoner Bürgermeisters, „bemerkenswert“. Die Bankiers könnten sich nicht erinnern, dass Kredit jemals leichter verfügbar gewesen wäre, so King.
„Exotische Instrumente“ wie CDOs seien hochempfindlich, mit Risiken, „die wir nicht besonders präzise verstehen“. „Das Risiko, dass die gesamte Rendite ausgelöscht wird, kann viel grösser sein als bei einfacheren Instrumenten. Höhere Renditen kommen auf Kosten höheren Risikos… `Sei vorsichtig, wieviel du leihen kannst` ist keine schlechte Maxima für uns alle hier… Übermässiger Kredithebel ist das gemeinsame Thema vieler Finanzkrisen der Vergangenheit.“

* Am 22 Juni machte der europäische Leiter der Ratingagentur Fitch, Paul Taylor, einen verblüffenden Vorschlag, über den die Financial Times berichtete. Er meinte, ein Finanzkrach wäre zu begrüssen, um wieder für Disziplin und strengere Rating-Massstäbe zu sorgen.

* Peter Schiff, Präsident von Euro Pacific Capital, warnte laut einer Meldung von Dow Jones am 23 Juni vor einer möglichen Katastrophe im CDO-Markt wegen des Einbruchs der Hedgefonds von Bear Stearns. In einer Anmerkung zu einer Analyse schreibt Schiff, solange diese CDO-Anleihen ausserhalb des regulären Marktes blieben, wie dies bisher gewöhnlich der Fall sei, hätten die Wertpapiermanager den Luxus, deren Wert gegenüber dem Markt weitgehend selbst zu bestimmen. „Es überrascht nicht, wenn bei dieser Methode die grosse Mehrheit dieser Anleihen zum Nennwert oder darüber bewertet wird.“

Würden aber die Anleihen aus dem Besitz von Bear Stearns auf dem offenen Markt gehandelt, so käme ihr wahrer, viel geringerer Wert ans Licht.
„Das würde andere Hedgefonds zwingen, den Wert ihres Besitzes ähnlich herabzustufen. Ist es ein Wunder, wenn die Wall Street die Notbremse zieht, um eine solche Katastrophe zu verhindern?“, schreibt Schiff.

Noch schlimmer als die Folgen der Hedgefonds-Verluste wären die eines Verkaufs von Subprime-CDOs auf dem offenen Markt. „Ihre wahre Schwäche wird endlich enthüllen, in welchen Abgrund der Wohnimmobilien-markt gerade stürzt.“

Der Hedgefonds-Sektor steht, wie wir immer wieder gewarnt haben, ganz oben auf der Liste der gefährdeten Arten in der Finanzwelt. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Investmentbank Bear Stearns: Zwei ihrer Fonds stehen vor dem Untergang, und das könnte eine Kettenreaktion auslösen. Nun versucht Bear Stearns, die beiden Fonds durch einen Notkredit von 3,2 Mrd.$ zu retten.

Die Kredite sollen zwei Dinge verhindern:
1. dass die Gläubiger der beiden Fonds deren Besitz pfänden und veräussern, und
2. dass das Scheitern der Fonds einen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems auslöst.

Dies ist die grösste Rettungsaktion, seit der damalige Chef der FED, Greenspan, 1998 die 3,6-Mrd.$-Rettungsaktion des „Absturzverhinderungs-Komitees“ (PPC) für den Fonds LTCM organisierte. Offenbar spielte das PPC, das offiziell als „Arbeitsgruppe des Präsidenten über die Finanzmärkte“ firmiert, auch bei dem Bear Stearns-Paket eine Rolle.

Die beiden Bear Stearns-Fonds, der „Hochwertige strukturierte Kreditfonds“ (HGSCF) und der „Hoch-wertige strukturierte Kreditfonds mit verstärkter Hebelwirkung“ (HGSCELF), investierten in exotische und riskante Pfandschuldobligationen (CDOs). Diese CDOs waren vor allem in hypothekengedeckte Anleihen investiert, insbesondere von den „minderwertigen“ sog. Subprime-Hypotheken. Die beiden Fonds borgten 9 Mrd.$ von den führenden Geschäfts- und Investment-banken der Welt, darunter Merrill Lynch, JP Morgan Chase, Citigroup, Deutsche Bank und Lehman Brothers. Beide Fonds, vor allem HGSCELF, gingen mit diesem Geld „gehebelte“ Finanzwetten über CDOs im Wohnimmobiliensektor im Volumen von 29,7 Mrd.$ ein.

Aber die Kernschmelze des Marktes der minder-wertigen Hypotheken und der Anstieg der Zinsen sorgten dafür, dass die Bear Stearns-Fonds ihre Wetten und damit Milliarden verloren.
Nun gehen sie unter.
Als Gegenleistung für ihre Kredite gaben die Fonds ihre CDOs den Banken als Pfand. Als die Schwierigkeiten wuchsen, kassierte Lehman Brothers, einer der kleineren Gläubiger, die CDOs und verkaufte sie, erhielt dabei aber nur 50 Cent pro Dollar des Nominalwerts.
Einer der grossen Gläubiger, Merrill Lynch, drohte seine 825 Mio.$ an Bear Stearns-CDOs auf dem Markt zu versteigern. Dem Vernehmen nach hat Merrill Lynch bereits 100 Mio.$ an höherwertigen CDOs verkauft.

Hätte Merrill Lynch die übrigen CDOs auf den Markt geworfen, hätte man wohl festgestellt, dass die CDOs nur noch 50 Cent oder gar nur 30 Cent pro Dollar wert sind. Das schuf ein gewaltiges Problem. Bewertete man diese CDOs nur noch mit 50 Cent pro Dollar ihres Nominalwertes, würde deutlich, dass auch die meisten CDOs auf dem Markt, insbesondere die über minderwertige Hypotheken, nicht mehr viel wert sind.

Die CDOs-Besitzer müssten dann ihre Bestände um 50% abwerten – nicht nur Bear Stearns, sondern sämtliche Finanzunternehmen, die CDOs halten. Damit müssten Hunderte von Milliarden an fiktiven CDO-Werten abgeschrieben werden, womit sich der Billionen-Dollar-Markt der CDOs, ein wesentlicher Teil der weltweiten Finanzblase, über Nacht in Luft auflöste.
Dies würde eine Kettenreaktion der Abwertung weiterer Finanzinstrumente auslösen, etwa der Kreditderivate, die auf CDOs beruhen, was wiederum eine schwere Störung des weltweiten 750-Billionen-Dollar-Marktes (1012) der Derivate auslösen und das ganze Finanzsystem zu Boden reissen würde.

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