The Empire falls back
Die Bush-Administration fĂ€llt auseinander – ein neues Watergate ungeahnten AusmaĂes zieht herauf
Die neuesten Kriegsdrohungen von US-AuĂenministerin Condoleeza Rice sind leere Rhetorik und öffentliche RĂŒckzugsgefechte. Denn von den hiesigen Medienmonopolen und der US-Presse mit unglĂ€ubigem Entsetzen begleitet, zerfĂ€llt die scheinbar unantastbar mĂ€chtige US-Exekutive in einem quĂ€lenden, unaufhaltsamen ProzeĂ.Zuletzt geriet gestern der „RĂŒcktritt“ von Regierungssprecher Scott McClellan zu einem nie gekannten PR-Debakel.
Zuerst hielt sich McClellan, vor der auf dem sonnigen Rasen des WeiĂen Hauses versammelten Presse, noch an das vereinbarte, rĂŒhrselige Drehbuch, Marke „alter Freund“ aus Texas verabschiedet sich vom guten Kumpel, dem PrĂ€sidenten. Dann aber sagte McClellan, mit offensichtlich vor Wut zitternder Stimme folgendes:
„Unsere Freundschaft begann in Texas, und ich freue mich darauf sie in Texas fortzusetzen, besonders wenn wir beide wieder da sind.“ Und dann direkt in Richtung Bush:“Ich hoffe, ich werde vor Ihnen in Texas sein.“
Diese offensichtliche Anspielung auf das „I“-Wort „Impeachment“, also Amtsenthebung, kommt zu einem Zeitpunkt an dem fast sĂ€mtliche Strippenzieher, Strategen und HintermĂ€nner der US-Administration in KorruptionsfĂ€lle verstrickt oder bereits verurteilt sind, unter BeschuĂ stehen oder zum RĂŒcktritt gezwungen wurden.
Zuerst erwischte es Randy „Duke“ Cunningham. Der einfluĂreiche republikanische Lobbyist im US-KongreĂ trat trĂ€nenreich am 28.November 2005 wegen 2.4 Millionen Dollar kassierter Bestechungsgelder und FĂ€lschung seiner SteuererklĂ€rung zurĂŒck. Er wurde im MĂ€rz dieses Jahres wegen Verschwörung zum Post- und Dokumentenbetrug, sowie zur Bestechung und Steuerhinterziehung zu ĂŒber 8 Jahren Haft und 1.8 Millionen Strafe verurteilt.
Dann fiel Jack Abramoff, zentrale Figur der verdeckten Geldmaschinerie Washingtons. Er wurde am 29.MĂ€rz wegen schwerer Korruption und Bestechung öffentlicher Stellen zu ĂŒber 5 Jahren Haft und 21 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Er ist nur deshalb noch auf freiem FuĂ um seine Aussage bezĂŒglich eines Mordes an einem seiner „GeschĂ€ftspartner“ zu gewĂ€hrleisten.
Abramoff war GrĂŒndungsmitglied des antikommunistischen Think-Tanks „International Freedom Foundation“, welches von 1986 bis 1992 operierte, er beschaffte Hunderten von KongreĂabgeordneten beider Parteien Geld, er war der Drahtzieher der Wahlkampffinanzierung fĂŒr George W.Bush, er war mit der Anwaltsfirma „Greenberg Traurig“ in dunkle GeschĂ€fte um die WiederauszĂ€hlung der Stimmen Floridas bei Bush`s Wahl in 2000 verwickelt, und er unterhielt engste Verbindungen zum MehrheitsfĂŒhrer der Republikaner im US-ReprĂ€sentantenhaus, Tom Delay.
Tom Delay, ein gefĂŒrchteter Einpeitscher auf die Regierungslinie der Bush-Administration, trat mittlerweile auf Druck republikanischer Abgeordneter von seinem Amt zurĂŒck und verzichtete auf seine Wiederwahl in den KongreĂ. Zwei seiner engsten Mitarbeiter, Tony Rudy und Michael Scanlon, bekannten sich vor kurzem diverser Korruptionsverbrechen im Zusammenhang mit dem Abramoff-Skandal schuldig.
Die fĂŒr Bush und seinen Schatten, Dick Cheney, gefĂ€hrlichste Entwicklung aber stellt der Fall der enttarnten CIA-Agentin Valerie Plame dar.
Plame`s Mann Joe Wilson hatte als US-Botschafter in Niger die Behauptung Bush`s widerlegt, der Irak habe in Niger versucht Uran fĂŒr Massenvernichtungswaffen zu kaufen. Daraufhin war aus der Adminstration des WeiĂen Hauses an befreundete Journalisten die Nachricht von der CIA-TĂ€tigkeit seiner Frau durchgesickert – ein offensichtlicher Fall von Revanche und nach US-Recht eine schwere Straftat.
In mĂŒhseliger, hartnĂ€ckiger Recherche arbeitete sich der irischstĂ€mmige Sonderstaatsanwalt Patrick Fitzgerald langsam in der Hierarchie der scheinbar unangreifbaren Bush-Regierung vor.
Zuerst zwang er die berĂŒchtigte Bush-nahe NY-Times Reporterin Judith Miller in Beugehaft bis sie Lewis „Scooter“ Libby als ihre Quelle angab. Libby ist nicht irgendwer, immerhin geht es um den Stabs-Chef des VizeprĂ€sidenten Dick Cheney.
Dann gestand der Time Magazine-Reporter Mathew Cooper von Karl Rove, Chefberater des PrĂ€sidenten, Informationen ĂŒber die CIA-Agentin Valerie Plame bekommen hatte.
Dies fĂŒhrte zum RĂŒcktritt von Scooter Libby, welcher nun wegen Falschaussage vor dem Sondertribunal Fitzgeralds und Behinderung der Justiz mit bis zu 30 Jahren Haft rechnen muĂ. Auch Karl Rove steht laut Presseberichten vor dem RĂŒcktritt.
Karl Rove gilt als das „Gehirn“ von Bush, war schon in den Watergate-Skandal verwickelt, wurde von Bush-Senior `72 dem Sohn vorgestellt und ist praktrisch seit diesem Zeitpunkt sein Schatten.
Desweiteren sagte Libby mittlerweile vor dem Sondergericht Fitzgerald`s aus, sein Chef, VizeprĂ€sident Dick Cheney, habe die Weitergabe der CIA-IdentitĂ€t Valerie Plames genehmigt. Und damit nicht genug – Dick Cheney, so Presseberichte, gab den schwarzen Peter nun ganz nach oben weiter:
an PrÀsident George W. Bush.
Wenn aber der PrĂ€sident persönlich die Enttarnung einer aktiven CIA-Agentin angeordnet hĂ€tte, wĂ€re das nicht nur ein sofortiger RĂŒcktrittsgrund sondern ein Skandal, der das letzte Imperium der Erde in seinen Grundfesten erschĂŒttern wĂŒrde. Das Ende der weltweiten US-Hegemonie wĂ€re unausweichlich.
Denn es geht noch weiter: der zĂ€he Sonderstaatsanwalt Patrick Fitzgerald hat scheinbar VerbĂŒndete im Geheimdienstapparat. Nur durch gezielt zugespielte Informationen ist es zu erklĂ€ren, warum im Zuge der Ermittlungen bezĂŒglich der CIA/Plame-AffĂ€re gegen das WeiĂe Haus auch bisher um absolute Diskretion bemĂŒhte Plutokraten der USA ins Visier der Justiz gelangen konnten.
Am 8. November erhob Fitzgerald eine weitere Anklage die wie eine Bombe einschlug, nĂ€mlich gegen den frĂŒheren Vorstandsvorsitzenden der Hollinger Corporation, Conrad Lord Black, in der er diesen in 11 FĂ€llen des Betrugs beschuldigte und einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erliess. Als Chef von Hollinger erwarb Black die «Jerusalem Post» und besass ein Medienimperium, zu dem der ultrakonservative (tatsĂ€chlich aber neokonservative) «Daily Telegraph» und Zeitungen in ganz Nordamerika gehörten, darunter Robert Novaks Hauszeitung, die «Chicago Sun-Times», auf deren Basis Fitzgerald Black verfolgen konnte.
Robert Novak war der erste neokonservative Journalist, wecher die Valerie -Plame-CIA-Geschichte durchsickern liess. Auch Richard Perle war Mitglied im Verwaltungsrat von Blacks Hollinger Corporation und der «Jerusalem Post».
Richard Perle, Blacks GeschĂ€ftspartner und sogenannter «Prince of Darkness» (Prinz der Dunkelheit), der in Washington als der wichtigste Mann bei der neokonservativen Ăbernahme der Bush-Regierung gilt, ist damit selbst Ziel der Anklage wegen krimineller Machenschaften geworden.
Der neue stellvertretende Generalstaatsanwalt und Staatsanwalt fĂŒr Eastern Virginia, Paul McNulty, hat Deals untersucht, in die das Pentagon, Boeing, Perles Trireme Partners (eine gemeinsame Investmentfirma von Perle und Kissinger) und Hollinger verwickelt sind. Als Vorsitzender des Defense Policy Board (Verteidigungsrat) hat Perle der Air Force empfohlen, die Tankflugzeuge von Boeing dem Airbus vorzuziehen. Seine Trireme Partner hatten einen enormen Zuwachs an Boeing-Kapital erhalten. Der Prokurist der Air Force, Darleen Druyun, und Vertreter von Boeing wurden von McNulty strafrechtlich verfolgt und des Vertragsbetrugs schuldig gesprochen.
McNulty ist auch verantwortlich fĂŒr die strafrechtliche Verfolgung der VorgĂ€nge um das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC, Amerikanisch-Israelisches Komitee fĂŒr öffentliche Angelegenheiten) und die undichte Stelle um den frĂŒheren Nachrichtendienstoffizier bei der DIA (Defense Intelligence Agency), Larry Franklin, ĂŒber die geheimes Material ĂŒber den Iran nach aussen drang. Franklin und zwei weitere Vertreter von AIPAC wurden in diesem Falle angeklagt, der Prozess dauert noch an. Franklin bekannte sich schuldig als Gegenleistung fĂŒr seine Kooperation gegen die AIPAC-Vertreter Steven Rosen und Keith Weissman sowie bis jetzt nicht benannte israelische Geheimagenten und andere amerikanische Personen, darunter ein ranghoher Kollege und Iran-Experte in einer Washingtoner «Denkfabrik».
Black verzichtete auf seine kanadische StaatsbĂŒrgerschaft, als er als «Lord Black von Crossharbour» zum Mitglied des britischen Oberhauses gemacht wurde. Der Haftbefehl fĂŒr Black fĂŒhrte zur Veröffentlichung eines internationalen Haftbefehls von Interpol, den FlĂŒchtenden zu verhaften, da angenommen wurde, er halte sich mit einem britischen Pass in Kanada auf. Der ehemalige US -FlĂŒchtling Marc Rich – der seinen Sitz als «schlafender Partner» von Perle und den Washingtoner Neokonservativen in Zug (Schweiz) hatte und ehemaliger Kunde von Scooter Libby ist – war ebenfalls Gegenstand eines internationalen Haftbefehls von Interpol, bevor er von PrĂ€sident Clinton begnadigt wurde.
Im Jahre 2003 gab es Finanzabsprachen zwischen der Carlyle Group und Hollinger. Die Carlyle Group ist eine der mĂ€chtigsten privaten Firmen, die den Republikanern nahesteht. In ihrem Beirat sitzen Vater Bush, James Baker und Frank Carlucci, der ehemalige Zimmergenosse von Rumsfeld in Princeton und Ex-Verteidigungsminister. Aus Kreisen von Carlyle verlautete gegenĂŒber dem «London Observer»: «Im Idealfall erwerben wir einen 25- bis 40%igen Anteil [an Hollinger]. Das gibt uns die Möglichkeit, Leute fĂŒr den Aufsichtsrat zu bestimmen.»
Das und noch mehr ist der Hintergrund dafĂŒr, daĂ in den deutschen Medien, welche allesamt von MilliardĂ€ren und US-Plutokraten gesteuert und finanziert werden, nichts, nichts und wieder nichts ĂŒber das ganze AusmaĂ dieses Zusammenbruchs der Bush-Regierung zu finden ist.
Die deutsche Presselandschaft ist immer noch nicht ĂŒber den Kolonialstatus hinausgewachsen – wie auch? Die Verblödungskultur der letzten Jahrzehnte hat eine skrupellose Bande von LĂŒgnern und Versagern nach oben gespĂŒlt, welche sich ausnahmlos durch das gewisse Nichts auszeichnet.
Es bleibt abzuwarten, wann sich das ganze Ausmaà dieser historischen VorgÀnge langsam und schockwellenartig im Kapitalismus nach unten durch arbeitet.
Auf die ganzen heuchlerisch-empörten „wir-hatten-ja-auch-keine-Ahnung“ Artikeln von solchen BlĂ€ttern wie Spiegel, Stern oder die Zeit darf man schon jetzt gespannt sein.
Quellen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Karl_Rove
http://en.wikipedia.org/wiki/Scooter_Libby
http://en.wikipedia.org/wiki/Tom_DeLay
http://en.wikipedia.org/wiki/Valerie_Plame
http://en.wikipedia.org/wiki/Jack_Abramoff
http://en.wikipedia.org/wiki/Randy_%22Duke%22_Cunningham
http://www.engdahl.oilgeopolitics.net/Auf_Deutsch/Dollar-Risiko/dollar-risiko.html
