Adolf und Amin
BENJAMIN NETANJAHU ist ein perfekter Diplomat, ein kluger Politiker, ein talentierter Armee-FĂŒhrer.
Vor Kurzem fĂŒgte er der Liste seiner vielen Talente noch ein Element hin: Er ist auch ein begabter GeschichtenerzĂ€hler.
Seine Antwort auf die folgende Frage wird die Historiker lange Zeit verblĂŒffen: Wann und wie beschloss Adolf Hitler, die Juden zu vernichten?
Bisher konnte man sich auf keine Antwort einigen. Die einen dachten, das sei schon in seiner Jugend in Wien geschehen, andere vermuteten, es habe sich nach dem Ersten Weltkrieg in MĂŒnchen ereignet, oder als er im GefĂ€ngnis sein Buch Mein Kampf diktierte.
Jetzt hat Bibi die genauen UmstÀnde, Ort und Zeit aufgedeckt.
Es geschah in Berlin, als Adolf Hitler am 28. November 1941 dem GroĂmufti von Jerusalem Hadschi Amin al-Husseini begegnete.
Netanjahu geruht nicht, uns zu erzĂ€hlen, wie er zu dieser revolutionĂ€ren Entdeckung gekommen ist. Im offiziellen Protokoll vom Treffen Hitlers und Husseinis, das von Deutschen in ihrer berĂŒhmten GrĂŒndlichkeit erstellt wurde, gibt es keinen Hinweis. Auch der Mufti erwĂ€hnt es nicht in der Eintragung in sein privates Tagebuch. Dieses wurde von einem westlichen Geheimdienst sichergestellt. Beide Dokumente sind fast identisch.
WAS HAT Netanjahu also entdeckt?
Seiner Geschichte zufolge hat Hitler vor dem Treffen gar nicht an die Vernichtung der Juden gedacht, sondern nur daran, sie aus Europa zu vertreiben, am liebsten in die französische Kolonie Madagaskar. Aber dann kam der Mufti und sagte zu ihm so etwas wie: „Wenn Sie sie vertreiben, kommen sie nach PalĂ€stina. Besser ist es, alle in Europa zu töten.“
„Was fĂŒr eine wunderbare Idee!“, hat Hitler vermutlich geantwortet. „Warum bin ich eigentlich nicht selbst darauf gekommen?“
Eine aufregende Geschichte. Das Problem ist nur, dass kein Wort davon wahr ist. Im Jargon der Trump-Tage ist es eine „alternative Wahrheit“. Oder einfach ausgedrĂŒckt: ganz und gar erlogen.
Und was noch schlimmer ist: Es hÀtte so gar nicht geschehen können.
Jeder, der auch nur die geringste Ahnung von dieser Zeit, vom „Zeitgeist“ und den Beteiligten hat, muss erkennen, dass die Geschichte erfunden ist.
WIR WOLLEN mit dem Haupthelden anfangen: mit Adolf Hitler.
Hitler hatte eine feste „Weltanschauung“. Er hatte sie in seiner Jugend erworben – es ist nicht bekannt, wann und wo. Sie wurde „Antisemitismus“ genannt.
Merke: „Anti-Semitismus“, nicht „Anti-Judaismus“.
Der Unterschied ist von Bedeutung. Antisemitismus ist ein Begriff der Rassentheorie, die sich als Wissenschaft ausgab und damals ĂŒberall auf der Welt auf dem Höhepunkt ihrer VolkstĂŒmlichkeit war.
Sie war nicht nur eine ideologische Marotte, eine Erfindung der Demagogen. Sie war ein Wissenschaftszweig, von dem man annahm, er wĂ€re objektiv, etwa wie Mathematik oder Geographie. Die Grundannahme war, dass jede Menschenrasse – wie jede Pferde- oder Hunderasse – gute und schlechte Charaktereigenschaften hĂ€tte.
Diese „Wissenschaft“ wurde an UniversitĂ€ten gelehrt, geachtete Professoren fĂŒhrten Experimente durch, vermaĂen SchĂ€del und analysierten den Körperbau. All das wurde sehr ernsthaft betrieben. Ziemlich viele Juden waren AnhĂ€nger dieser Wissenschaft. Unter ihnen auch Arthur Ruppin, der spĂ€ter zu einer Leitfigur der zionistischen Siedlungsbewegung in PalĂ€stina wurde.
Der deutschen Rassentheorie zufolge gibt es eine Herrenrasse, die Arier, die ihren Ursprung in Indien haben und von denen die Deutschen abstammen, und es gibt Rassen von geringerem Wert, wie „Semiten“ und Slawen. Den Rassen-Theoretikern zufolge ist das keine Ermessensfrage. Es ist eine feststehende wissenschaftliche Tatsache, eine Tatsache, die nicht zu Ă€ndern ist.
Hitler glaubte auf dieselbe Weise an diesen Unsinn, wie ein frommer Jude an die Schriften glaubt. Der Mufti war ein Semit. Aber keiner von diesen aufrechten Prinzen der WĂŒste, von denen die Geschichten des meistgelesenen deutschen Jugendbuchautors Karl May erzĂ€hlen (allerdings schrieb er vor allem ĂŒber IndianerhĂ€uptlinge), sondern ein durchtriebener Politiker und ein nicht sehr attraktiver Mann.
Hitler mochte ihn gar nicht. Er wollte ihn eigentlich nicht empfangen, aber die Leute in seinem Propagandaapparat bestanden darauf. SchlieĂlich empfing er ihn, sprach eineinhalb Stunden mit ihm, ein Foto wurde gemacht und sie verabredeten kein kĂŒnftiges Treffen. Der Mufti lebte noch einige Jahre in Berlin, aber er und Hitler sahen sich nicht wieder.
Es war wirklich alles andere als der Beginn einer schönen Freundschaft.
BEI DIESEM Treffen waren zwei Ăbersetzer anwesend. Der Mufti sprach Französisch. Diese Sprache hatte er als Kind gelernt, als er eine Zeit lang die französisch-jĂŒdische „Allianz“-Schule besuchte. Der Mufti war auch Student der al-Ashar-UniversitĂ€t in Kairo gewesen, der berĂŒhmten religiösen UniversitĂ€t, aber er hatte sein Studium dort niemals abgeschlossen.
Der Husseini-Clan ist der vornehmste in Jerusalem. Heute gehören ihm etwa 5.000 Personen an. Eine davon war einer meiner besten Freunde, Faisal al-Husseini. Wir veranstalteten gemeinsam einige Demonstrationen gegen die Besetzung und fĂŒr den Frieden.
Viele Generationen lang hatten Angehörige der Familie die Stellung des Mufti inne. Der Mufti ist die höchste religiöse AutoritÀt in der Stadt, die die drittheiligste Stadt im Islam ist. Vor ihm waren sowohl sein Vater als auch sein Halbbruder Muftis gewesen. Amin pilgerte schon als Kind nach Mekka. Deshalb trug er den Titel Hadsch.
Hadsch Amin war ein geborener FĂŒhrer. Schon in jungen Jahren wurde er als arabischer Nationalist und politischer Aktivist berĂŒhmt. Im Ersten Weltkrieg war er Offizier in der tĂŒrkischen Armee, aber er nahm an keinem Kampf teil und desertierte. Dann war er in der arabischen Rebellion des Scharifen von Mekka (mit „Lorenz von Arabien“) aktiv und agitierte fĂŒr einen vereinigten Staat aus Syrien, PalĂ€stina und Irak.
Sehr frĂŒh schon erkannte er die Gefahr der zionistischen Siedlungen in PalĂ€stina und rief zum Widerstand dagegen auf. Nachdem PalĂ€stina britisch geworden war, organisierte der Mufti die bewaffneten ZusammenstöĂe von 1921. Diese kann man durchaus als die Mutter des Krieges ansehen, der jetzt noch anhĂ€lt.
Auf jĂŒdischer Seite war bei diesem Ereignis der geistige Vater des heutigen Likud Vladimir (Zeev) Jabotinsky die herausragende Persönlichkeit. Er sagte vorher, der Widerstand der Araber gegen das zionistische Projekt werde niemals ein Ende nehmen: kein indigenes Volk hat jemals friedlich eine kolonialistische Unternehmung akzeptiert. (Sein Vorschlag war die Schaffung eines zionistischen „eisernen Walls“.)
Der erste britische Hohe Kommissar von PalĂ€stina, der Jude Herbert Samuel, gab dem Druck im Land nach und ernannte den rebellischen jungen FĂŒhrer zum Mufti von Jerusalem, denn er hoffte, ihn damit zu beruhigen. Darin irrte er sich. Der Mufti organisierte zunĂ€chst einige Runden „Störungen“ und rief dann zum „groĂen Aufstand“ von 1936 gegen Briten und Zionisten auf. Der entwickelte sich zu einem groĂen Kampf mit vielen Opfern.
Der Mufti musste fliehen, er floh zuerst in den Libanon und dann in den Irak. Als die Briten ihren Einzug in Bagdad vorbereiteten, floh er nach Italien, traf sich mit Benito Mussolini und wandte sich ĂŒber den Rundfunk an die arabische Welt. Er wurde aufgefordert, nach Deutschland zu kommen und bei der Propaganda-Kampagne mitzumachen, durch die die arabische Welt gewonnen werden sollte. Zu dieser Zeit begegnete er Hitler.
DER MUFTI hatte eine ErklĂ€rung vorbereitet, von der er hoffte, Hitler werde sie unterzeichnen. Es war ein ehrgeiziger Plan: PalĂ€stina, Syrien und Irak sollten zu einer Republik unter deutschem Schutz vereinigt und der Mufti zum FĂŒhrer der arabischen Welt ernannt werden.
Hitler warf einen Blick auf den Plan und legte ihn beiseite. Er dachte nicht daran, ihn in Betracht zu ziehen. Zuerst einmal war das Frankreich der Vichy-Regierung ein VerbĂŒndeter Deutschlands und Hitler wollte keine Andeutung machen, er wolle Frankreich seine Kolonien wegnehmen. Und er mochte auch den Mufti nicht.
Alles, was er versprach, war, dass er eine derartige AnkĂŒndigung machen werde, wenn die deutsche Armee den SĂŒdkaukasus erreicht hĂ€tte. Damals war die Wehrmacht am Nordtor des Kaukasus, weit von seinem SĂŒden entfernt. Sie kam niemals bis dorthin.
In dem GesprĂ€ch wurden die Juden ĂŒberhaupt nicht erwĂ€hnt, auĂer dass der Mufti „die Briten, Juden und Bolschewisten“ als Feinde bezeichnete und der vagen Bemerkung Hitlers, die „jĂŒdische Frage“ mĂŒsse „Schritt fĂŒr Schritt“ gelöst werden.
Die am Treffen Beteiligten wurden fotografiert, ebenso wie die eines spÀteren Treffens des Mufti mit muslimischen Freiwilligen der Waffen-SS. Insgesamt spielte der Mufti eine unwichtige Rolle in der deutschen Propaganda, die auf die arabische Welt zielte.
Alles Ăbrige ist die Frucht der lebhaften Fantasie Benjamin Netanjahus, der erst acht Jahre nach dem Ereignis geboren wurde.
28. Juli 2018
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
