Der Angriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus

Mitteilung der Organisation Ärzte ohne Grenzen vom 5. November 2015

Am Samstag, den 3. Oktober 2015, wurde das chirurgische Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus von einer Serie von Luftangriffen getroffen. Die Angriffe fanden im 15-Minuten-Takt zwischen etwa 02:00 bis 02:08 Uhr und 03:00 bis 03:15 Uhr frühmorgens statt. Das Hauptgebäude, in dem sich u. a. die Intensivstation, die Notaufnahme und die Physiotherapie-Abteilung befanden, wurde bei jedem Angriff präzise getroffen, während umliegende Gebäude fast gänzlich unversehrt blieben.

- Insgesamt wurden mindestens 30 Menschen bei dem Angriff getötet, darunter 13 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und zehn Patienten. In den Überresten des Krankenhauses wurden zudem sieben zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen gefunden, die bislang nicht identifiziert werden konnten. Bei drei der Leichen könnte es sich um einen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sowie zwei Patienten handeln, die vermisst werden. Doch die forensischen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Zahl der Todesopfer des Anschlags weiter steigt.

- Verletzt wurden 27 Mitglieder des Ärzte ohne Grenzen-Teams sowie zahlreiche Patienten und Begleitpersonen. Nach dem Chaos des Angriffs war es extrem schwierig, zu allen Patienten Kontakt aufzunehmen. Daher wird es vermutlich nicht möglich sein, die tatsächliche Zahl der Verwundeten zu ermitteln.

- Bei der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus handelte es sich um ein voll funktionsfähiges Krankenhaus, das voller Patienten und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen war.

- Vom Ausbruch der Kämpfe in der Stadt am 28. September bis zu dem Angriff auf das Krankenhaus in Kundus haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Notaufnahme 376 Patientinnen und Patienten behandelt.

- Zum Zeitpunkt des Luftangriffs befanden sich 105 Patienten im Krankenhaus sowie 80 internationale und einheimische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen.

- Es waren weder bewaffnete Kombattanten auf dem Krankenhausgelände, noch gab es auf dem Gelände oder von diesem aus Kampfhandlungen.

- Die Angriffe fanden statt, obwohl Ärzte ohne Grenzen militärischen und zivilen Funktionsträgern – sowohl der internationalen Koalition als auch Afghanistans – die GPS-Koordinaten des Krankenhauses mitgeteilt hatte, zuletzt am 29. September. Obwohl wir als erstes die Nato-Mission Resolute Support und amerikanische Militärs in Kabul und Washington darüber informierten, dass unser Krankenhaus getroffen wurde, dauerte der Angriff mehr als 30 Minuten an.

- Nach dem Angriff versuchte das Team von Ärzte ohne Grenzen verzweifelt, die Verletzten in Sicherheit zu bringen. Die Mitarbeiter richteten in einem unversehrten Raum einen provisorischen Operationssaal ein und versuchten, das Leben von verletzten Kollegen und Patienten zu retten.

- Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen war die einzige medizinische Einrichtung dieser Art im Nordosten Afghanistans. Sie bot kostenlos hochwertige lebensrettende Chirurgie an. Seit Eröffnung des Krankenhauses im Jahr 2011 wurden dort mehr als 15.000 chirurgische Eingriffe durchgeführt und mehr als 68.000 Notfallpatienten behandelt.

- Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus wurde zerstört und ist nun nicht mehr in Betrieb. Dadurch haben Tausende Menschen keinen Zugang zu Notfallmedizin mehr – zu einem Zeitpunkt, zu dem sie diese besonders dringend benötigen.

- Ärzte ohne Grenzen fordert eine unabhängige Untersuchung durch die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission (International Humanitarian Fact-Finding Commission, IHFFC), die den tatsächlichen Hergang der Ereignisse ermitteln soll. Die IHFFC ist keine UNO-Instanz, sie wurde 1991 durch das Zusatzprotokoll 1, Artikel 90 der Genfer Konvention ins Leben gerufen, die Regeln für den Kriegsfall enthält. Die IHFFC wurde genau zu diesem Zweck eingerichtet: Um unabhängig Verletzungen des Humanitären Völkerrechts zu untersuchen – wie zum Beispiel Angriffe auf Krankenhäuser, die in Konfliktgebieten unter besonderem Schutz stehen.

- Ärzte ohne Grenzen hat 1980 den Hilfseinsatz in Afghanistan begonnen. In Kundus und im Rest Afghanistans arbeiten afghanische und internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, um Patienten die bestmögliche Behandlung bieten zu können. Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Gesundheitsministerium im Ahmad Shah Baba-Krankenhaus im Osten Kabuls, die Frauenklinik Dasht-e-Barchi im Westen Kabuls und das Boost-Krankenhaus in Lashkar Gah in der Provinz Helmand. In Khost im Osten des Landes betreibt Ärzte ohne Grenzen eine Mutter-Kind-Klinik.

- In allen Hilfsprogrammen behandeln die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen die Menschen nach ihrem medizinischen Bedarf, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder politischen Überzeugung.

- Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Afghanistan ausschließlich mit privaten Spenden und nimmt keinerlei Regierungsgelder an.