FOCUS: Diffamierung eines Journalisten oder Fakt?

Politik, Diplomatie

Es hätte die journalistische Sensation des Jahres sein können. In seiner Exklusivmeldung kündigte das Nachrichtenmagazin an: BND-Mitarbeiter hätten im FOCUS ihrem Ärger über den Zustand des Bundesnachrichtendienst freien Lauf gelassen. Was dann im Heft Nummer 38 auf den Seiten 47 bis 50 zu lesen war, ist erbärmlich.

Kritik ohne jegliche Substanz, Lobhudelei in eigener Sache und die Behauptung:
Ein in Berlin lebender – amerikanischer – Journalist habe nach seinen Recherchen über Curveball im BND den BND-Leuten seine Telefonnummer gegeben, die angeblich identisch mit der Berliner CIA- Residentur gewesen sei.

Der Name des Journalisten wird nicht genannt. Mir und so ging es wohl vielen Anderen auch, schoss sofort ein Name durch den Kopf, dessen Curveball- Recherche fast schon Legende ist.

Nennen wir diesen amerikanischen Journalisten – an den ich sofort dachte – X.

Ich habe X einmal persönlich getroffen. Ich mag ihn nicht und er mag mich nicht. Dies ändert aber nichts daran, dass X zu den renommiertesten, investigativen Journalisten in Deutschland gehört.

Er hat sich nicht nur in der Aufdeckung der Cuverball- Affäre Verdienste erworben. Er hat einen Pentagon-Beamten zum Reden gebracht, der die Rolle des BND im Irakkrieg konträr zur deutschen Regierungsversion dargestellt hat und er hat die Entführer des Khaled el Masri enttarnt.

Und nun soll dieser Journalist X möglicherweise über die Berliner CIA-Residentur telefonisch erreichbar gewesen sein? Wenn ja, dann arbeitet er entweder für die CIA oder aber er hat sehr, sehr enge Kontakte zur CIA.

Es bleibt das Geheimnis des FOCUS ob X tatsächlich dieser Journalist ist.

Und eigentlich ist es auch unerheblich – der Schlamm der Meldung hat X getroffen. Eine Vielzahl der FOCUS-Leser, insbesondere all die, die etwas mit Berichterstattung zu tun haben, werden wie auch ich an X gedacht haben.

Ich habe schon viele Intrigen erlebt – aber diese Intrige ist wirklich preisverdächtig. Es wird kein Name genannt und trotzdem landet der Schlamm der Meldung gezielt auf einen renommierten Journalisten, der, wie könnte es auch anders sein, ab und an auch für den SPIEGEL arbeitet.

Der Eindruck – der BND räumt via FOCUS mit einem ihm quer liegenden Journalisten auf, drängte sich mir regelrecht auf.

Ich hatte mich lange gefragt, ob ich den Fund auf Wikileaks veröffentlichen soll. Nach der Lektüre dieses Artikels im FOCUS bin ich froh, den Lesern diesen Fund nicht vorenthalten zu haben.

Ich mag X nicht – auch nicht nach dieser Intrige. Aber ich mag auch diese Art von Schlammschlacht nicht. Ich kann ihn nur bedauern und hoffen, dass er sehr gute Anwälte hat.

Zur Klarstellung – nein, ich halte X nicht für einen CIA-Agenten und glaube der Telefonnummergeschichte nur dann, wenn sie mir aus zuverlässigen Quellen bestätigt wird. Ich glaube aber daran, dass die Irak-Affäre im BND-Untersuchungsausschuss behandelt wird und investigative Journalisten stören.