Sozialdemokratie: Gefangen im Denken
Degler denkt. In regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden hinterlĂ€sst er seine Elaborate zu Politik und Gesellschaft – ausgerechnet auf den Webseiten der SĂŒddeutschen Zeitung (SZ). Degler gehört zur Kaste der neoliberalen Botschafter dieses Landes. Die Agenda 2010 wirke, sie sei lediglich mangelhaft realisiert, wiederholt er das Mantra der guten Reformen. Nun hĂ€lt er der SPD vor, sie sei Gefangene der Macht. Dabei ist Degler selbst der Gefangene – in seinem Denken. Denn auf die Idee, der Bedeutungsverlust der Sozialdemokratie hĂ€tte mit der Elitenpolitik von derzeit (mit)regierenden SPD-Mitgliedern zu tun, kommt er nicht.Hans-Dieter Degler: zunĂ€chst unter dem wunderbaren GĂŒnter Gaus beim Spiegel, mit Geschichten zur RAF und der aufkommenden Umweltbewegung, spĂ€ter GrĂŒnder von Tempo, Politikchef beim stern, hier Schöpfer der Theorie vom Selbstmord des Uwe Barschel, dann GrĂŒndungsberater fĂŒr den Focus, Chef der OnlineprĂ€senz des manager magazin, heute Medienunternehmer. Eine Bilderbuchkarriere in der Bewusstseinsindustrie.
Noch radikaler soll der Raubbau an öffentlichen GĂŒtern und demokratischen Rechten betrieben werden. Linke Traditionalisten sind fĂŒr Degler lediglich eine Gefahr fĂŒr den Erhalt der Macht – und somit fĂŒr die garantierte Umsetzung des zerstörerischen Einheitskonzeptes der Kapitalvasallen. In seiner SZ-Kolumne schreibt Degler:
Es ist noch ein Bodensatz ĂŒbrig von den Idealen der Lasalle-, Bebel-, Schumacher- und Brandt-Partei, und der macht das Regieren so schwer. Typischer Ausdruck dieser Zerrissenheit sind Zwitter-VorschlĂ€ge wie die zur „freiwilligen Wehrpflicht”.
Wenn Degler derartige Ungenauigkeiten an den Tag legt, hat das System. Immerhin verbreitet er ideologieproduzierende Botschaften. Dass die Ideale eines demokratischen Sozialismus in Teilen der Basis verankert ist, bleibt anzunehmen. Die jetzige SPD-FĂŒhrung arbeitet jedoch unermĂŒdlich an der Zerstörung jener Rechte, fĂŒr die Lasalle, Bebel, Schumacher und Brandt geworben und unzĂ€hlige Namenlose an der Basis sowie in der Arbeiterbewegung gekĂ€mpft haben. Degler bewirft diese Menschen posthum mit Schmutz, wenn er – der Diktion des kapitalistischen Neusprech folgend – linke Strömungen zu bloĂen Blockierern degradiert. Doch damit nicht genug. Degler denkt weiter.
Programmtheorie und Regierungswirklichkeit sind die von Degler genannten Schlagworte, um billige, nie erfĂŒllte Wahlversprechungen zu rechtfertigen:
Sozialdemokratische Ideale, so sehr sie sich auch seit dem Godesberger Parteitag 1959 mit der Abkehr vom Marxismus gewandelt haben, und Regieren als Kunst des Möglichen stehen einander im Wege, wenn nicht charismatische Figuren wie Willy Brandt Programmtheorie und Regierungswirklichkeit miteinander versöhnen.
Ginge es um Politik und brauchbare Lösungen, sollte bei der theoretischen und praktischen Arbeit nicht von Beginn an von einer Unversöhnlichkeit zwischen Denken und Handeln ausgegangen werden. Dies setzt einen Markstein im Bewusstsein des Publikums: Was interessiert mich mein GeschwÀtz von gestern?
Als Ursache fĂŒr den RĂŒckgang der Mitgliederzahlen sowie sinkende Umfragewerte macht Denker Degler denn auch ein weiteres Element neoliberaler WahlkampffĂŒhrung aus: die Personalisierung von Politik, in diesem Fall die fehlenden charismatischen Persönlichkeiten in der Sozialdemokratie. Personalisierung ist Teil der darstellenden Politik: Gesichter als Symbole von Macht und Ich-Bezogenheit.
Die unablĂ€ssige PrĂ€sentation austauschbarer Botschaften durch diese medial inszenierten Symbole von Macht und Ich-Bezogenheit fĂŒhren zu einer Entleerung des politischen Begriffs. Nichts zĂ€hlt mehr, auĂer der perfekten Inszenierung der Tagespolitik. GefĂ€hrlich fĂŒr die Demokratie – und somit fĂŒr die Gesellschaft – werden diese inhaltslosen Wiederholungen durch die wahrscheinlichsten Folgen: Die Entleerung fĂŒhrt zunĂ€chst zu einer Entfremdung des Einzelnen von seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Danach kommt es zur Frustration, welche entweder zum RĂŒckzug des Denkens oder aber zur Radikalisierung des Politischen fĂŒhrt, wobei der RĂŒckzug des Denkens durchaus eine weitere Radikalisierung zur Folge haben kann. Diese Radikalisierung fĂŒhrt zur faktischen Auflösung der Illusion, es gĂ€be eine politische Mitte. Extreme Positionen gewinnen mehr AnhĂ€nger, besonders dann, wenn diese Positionen von charismatischen oder polarisierenden Identifikationsfiguren vorgetragen werden. Der Mangel an vertrauenswĂŒrdigen Alternativen tut sein ĂŒbriges. Ist Kurt Beck eine polarisierende Figur – oder doch nur ein fantasieloser ProblembĂ€r? (Thomas Gsella hĂ€lt ihn bekanntermaĂen fĂŒr einen Hamster)
Kurt Beck zeigt kein intellektuelles Format, er bietet keine Visionen. Einzig Hinweise auf die grundlegende (vermeintliche) Alternativlosigkeit des schwarz-roten Opportunismus gehen von ihm aus. Der SPD-Vorsitzende ist Gefangener im Hamsterrad kapitalistischer Verwertungslogik. Er schielt auf die Umfragen – um im nĂ€chsten Moment doch unpopulĂ€re Dinge wie Ăberwachung und AuslandseinsĂ€tze der Armee als alternativlos zu bewerten und zu unterstĂŒtzen. Er ist Gefangener seines Denkens. Hans-Dieter Degler assistiert ihm dabei.
Die eigentliche linke Bewegung erstarrt derweil in GrabenkĂ€mpfen. Oskar Lafontaine will DIE LINKE zur zweiten SPD machen. Bereits 2003 hatte er eine Fusion mit der damaligen PDS gefordert. Bisky und Gysi sehen zu. Ihre Zeit ist ohnehin vorbei, mögen sie ahnen. EnttĂ€uschte WASG-AnhĂ€nger und andere linke Gruppen, die sich von der Wahlalternative tatsĂ€chlich einen neuen Horizont versprachen, prĂŒgeln auf Lafontaine und seine UnterstĂŒtzer aus ehemaligen DDR-Eliten ein. Ihre Wut ist verstĂ€ndlich. Ihre Gegner sind selbst Gefangene im Denken. Also ist es an ihnen, zu handeln.
Gott schuf den Kapitalisten, wie die Kirche den Teufel. Ăber die UnfĂ€higkeit der linken Bewegung aber, endlich einen Systemwechsel herbeizufĂŒhren, werden sie allesamt lachen. Die EnttĂ€uschten und Mutlosen werden untergehen, die Expropriateure werden bleiben. Wenn wir es nicht Ă€ndern.
Quelle:
http://www.danielreitzig.de/?p=114
